Test Rage 2: Ein "Open World"-Spiel, das keine Open World bräuchte

von René Wiesenthal (22. Mai 2019)

Die überraschende Shooter-Fortsetzung Rage 2 hat alle Zutaten, die einen modernen Shooter zu großem Spielspaß verhelfen können. In unserem Test sagen wir euch, in welchen Momenten dieser auch tatsächlich aufkommt und warum die Entwickler besser daran getan hätten, auf die Open World zu verzichten.

Schaut euch das Gemetzel zur Einstimmung im Video an:

Wenn id Software, die Macher von Doom, sich mit den "Open World"-Veteranen von Avalanche zusammentun, horchen Action-Fans auf. Rasante Gefechte wie in Doom kombiniert mit der Freiheit und dem Irrsinn eines Just Cause: Klingt vielversprechend. Diese Rechnung geht in Rage 2 – der Fortsetzung des Endzeit-Shooters aus dem Jahre 2011, aber nur teilweise auf.

Doom trifft auf Destiny

Nämlich dann, wenn ihr auf engem Raum und in Arenen gegen Mutanten, Soldaten oder Banditen ins Gefecht stürzt. Im Kampf trägt Rage 2 unverkennbar die Handschrift der Doom-Macher und fühlt sich vor allem zu Beginn sehr wie der Shooter-Hit von 2016 an. Gunplay und Bewegungssteuerung funktionieren einwandfrei und lassen in Kombination mit effektvollem Treffer-Feedback und knackigem Sound Freude aufkommen.

Da Rage 2 für eure Spielfigur, den Ranger im Superanzug, im Gegensatz zu Doom aber ein recht umfangreiches Progressionssystem bietet, verändert ihr – ganz nach eigenem Geschmack – mit der Zeit Parameter eurer Waffen, verbessert Körpereigenschaften wie eure Bewegungsgeschwindigkeit und lernt sogar mächtige Spezialfähigkeiten. Diese erinnern zuweilen an den MMO-Shooter Destiny.

Jeder neue Erwerb einer solchen Fähigkeit verleiht den Gefechten fortan ein bisschen mehr Würze und Abwechslung. Zum Beispiel gibt es einen Dash, mit dem ihr ruckartig an Gegner heranschnellen könnt oder die Slam-Fähigkeit, die euch einen kraftvollen Flächenangriff aus eurer Faust zaubern lässt.

In diesem Video werden euch die Waffen und Fähigkeiten genauer vorgestellt:

Je mächtiger eurer Ranger wird, desto spaßiger werden die Auseinandersetzungen. Und umso mehr könnt ihr euch an Side-Quests und Gegner herantrauen, die zu Beginn noch etwas zu schwierig sind. Netterweise lassen euch die Entwickler nach dem ziemlich kompakten Intro nämlich die Freiheit, die offene, ebenfalls vergleichsweise kompakte Open World auf eigene Faust von Aufgaben-Markern zu befreien. Und von denen gibt es zahlreiche.

Dadurch, dass sich das Spielgefühl mit dem Entdecken bestimmter Waffen und Fähigkeiten in den auf der Karte verteilten so genannten Archen, recht stark verändert und ihr die interessanten Punkte in der Welt nach eigenem Gutdünken abgrast, ergibt sich erst einmal ein individuelles Spielerlebnis.

Unschöne neue Welt

Allerdings nur bis zu dem Punkt, an dem ihr vom Spiel zum Grinden gezwungen werdet, damit die Haupt-Quest weitergehen kann. Dann wird das Erledigen der sich recht schnell wiederholenden Nebenaufgaben zur Pflichterfüllung.

Ödes Ödland: Abseits von Einsatzorten bietet Rage 2 nicht viel Unterhaltung.Ödes Ödland: Abseits von Einsatzorten bietet Rage 2 nicht viel Unterhaltung.

Ihr steigt levelweise bei drei zentralen Figuren des Spiels im Ansehen, indem ihr jeweils andere Aufgaben für sie erledigt. So freut sich Loosum, wenn ihr Wachtürme der gegnerischen "Obrigkeit" zerstört, der Marshall beispielsweise dankt es euch mit Fortschrittspunkten, wenn ihr Ortschaften von den Banditen, dem so genannten Goon Squad, befreit.

Da die Spielwelt nicht besonders abwechslungsreich gestaltet ist, wenige Schauwerte bietet und das Fahrzeug-Gameplay eher zweckmäßig als spaßig ausfällt, fahrt ihr oftmals weite Strecken ab, einfach nur um von einem Ort zum nächsten zu kommen und die benötigten Punkte zu kassieren. Hier wird Rage 2 zäh und manchmal auch öde – ganz im Kontrast zu den aufregenden Ballereinlagen.

Geschichte schreiben? Leider nein

Ein zusätzlicher Dämpfer für die Motivation ist die Geschichte und die Bevölkerung, die ein Teil von ihr ist. Zwar ist es angenehm, dass auch Franchise-Neulinge ohne große Hürden mit Teil 2 einsteigen können, da Vorwissen kaum nötig ist und über auffindbare Datenpads Hintergründe erklärt werden. Spannend sind Handlung und Lore aber zu kaum einem Zeitpunkt.

Geschichte und Szenario dienen lediglich dem Zweck, euch Feinde bekämpfen zu lassen. Abseits einiger launiger Skript-Sequenzen führt ihr mit den blassen und steifen NPCs, die die Spielwelt bewohnen, Dialoge, die ebenfalls nur als Auslöser für neue Markierungen auf der Map gut sind.

Der Humor und Irrsinn, den das Spiel wiederum in Story-Missionen einstreut, punkten dank guter Synchronisation. Allerdings würde auch dieser Aspekt viel mehr Spaß machen, gäbe es kürzere Intervalle, zwischen den Komik- und Gewaltexzessen. Durch das Design der Welt und der Missionen kommen hier zu häufig Leerlaufphasen auf, die den Spaß bremsen.

Meinung von René Wiesenthal

Wenn Rage 2 Spaß macht, dann nicht zu wenig. Allerdings schleppe ich mich viel zu oft zwischen den Action-Einlagen durch die Gegend und fühle mich, als wolle man mich künstlich lange im Spiel halten, um die freie Spielwelt zu rechtfertigen. Dabei würde es mir viel besser gefallen, käme ich ohne Umschweife von einem interessanten Schauplatz zum nächsten, damit der Adrenalinpegel nicht zwischenzeitig heruntergeht.

Denn Rage 2 ist in Sachen Spielwelt ein Musterbeispiel für mich, wie man Open World falsch macht. Die (gar nicht mal so große) Spielwelt ist schlicht Selbstzweck. Sie dient dazu, die Spielzeit zu strecken indem zahlreiche Aufgaben und Schauplätze durch längere Wege getrennt und so im Spiel verteilt werden können. Diese Aufgaben wiederum sind derart formelhaft, dass man Rage 2 sehr schnell durchschaut hat und es öde werden kann.

Blende ich das aus und genieße ich einfach das Gemetzel in den Kämpfen, macht Rage 2 großen Spaß. Wenn es ans Eingemachte geht, lassen das coole Gunplay und die sinnvollen und gut zu handhabenden Fähigkeiten ihre Muskeln spielen – und das sogar mehr und mehr, je weiter ich mein Arsenal ausbaue.

Deswegen hätte ich dankend einen strafferen Spielaufbau angenommen und auf die eher lieblose offene Welt verzichtet. Eine lineare, gut designte Spielwelt hätte dem tollen Gameplay viel besser gestanden, da das ohnehin nur dann richtig Sinn ergibt, wenn es auf engem Raum stattfindet.

Rage 2 ist ein Spiel für Action-Fans, denen der erzählerische Rahmen egal ist und die keine lebendige und konsistente Spielwelt brauchen. Wenn ihr formelhaftes Abarbeiten von Missionen und Grinden mögt, dann seid ihr im Ödland von Rage 2 gut aufgehoben. Alle anderen warten auf Doom – Eternal.

75

meint: Unterhaltsames, toll spielbares Gemetzel in einer öden, formelhaften Open World. Nur in Gefechten auf engem Raum kommt richtig Freude auf.

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Tags: Open World   Singleplayer  

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