Open World: So könnte ganz Europa als Schauplatz für ein Spiel dienen

(Kolumne)

von Ove Frank (24. Mai 2019)

Europa: So schön, divers, so reich an Geschichte und oft so uneins! In der Videospiellandschaft ist es breit vertreten. Kriegssimulationen des Ersten und Zweiten Weltkriegs gibt es allein durch die "Call of Duty"- und Battlefield-Reihen zuhauf. Doch mir wurde nun die Aufgabe gestellt, ein Konzept für ein ganz anderes Spiel zu erstellen.

In Hinblick auf die anstehende Europawahl am Wochenende haben wir in der Redaktion ein kleines Gedankenexperiment gewagt. Wie würde sich wohl ein "Open World"-Spiel gestalten, das als Schauplatz ganz Europa umfasst?

Nun sitze ich hier, die metaphorische Feder hinterm Ohre, und setze vor meinem inneren Auge ein Konstrukt zusammen, in welchem ihr Europa in einer spannenden Open World erkunden könnt und dabei noch genug Action habt.

Die Weltkriege als Szenario waren mir dafür zu ausgelutscht, zudem könnten diese durchaus konträr zum europäischen Gedanken verstanden werden. Nein, es gilt eine historische Periode zu finden, in der ihr ausreichend Haudrauf-Spaß bekommt, in der aber auch die verschiedenen Teile Europas in ihrer kulturellen Blüte durchaus zugänglich sind.

Der Zweite Weltkrieg erscheint als Szenario eher ungeeignet.Der Zweite Weltkrieg erscheint als Szenario eher ungeeignet.

Zum Glück bin ich studierter Historiker. Naja, Alt-Historiker, aber nun wollen wir mal nicht kleinlich sein. Und in der Tat habe ich eine Periode der europäischen Geschichte gefunden, welche noch nicht zu verbraucht ist, ordentlich Action mit sich bringt und im weiteren Kontext durchaus einen gemeineuropäischen Charakter zeigt: Die Mitte des 14. Jahrhunderts!

Ich hatte mir jetzt größere Jubelstürme erhofft ... Nun gut, dann lasst es mich euch erklären: Im 14. Jahrhundert war im nördlichen Europa die Hanse auf dem Vormarsch. Immer mehr Städte verschiedener Länder schlossen sich dem Kaufmannsbund an.

Währenddessen gaben die freien Stadtstaaten Italiens, die ebenfalls durch den Nah- und Fernhandel unverschämt reich geworden sind, im Süden Europas den Ton an. Und das in einer Zeit, in welcher es auf dem europäischen Kontinent eine ganze Reihe an Konflikten gab. Perfekt also!

Das Szenario

Norditalien 1351: Ihr seid ein jüngerer Sohn eines genuesischen Kaufmannes. Durch den gutsituierten Stand eurer Familie habt ihr als Kind Lesen, Schreiben, Rechnen und Fremdsprachen gelernt und blickt nun in euren Teenager-Jahren einer rosigen Zukunft entgegen.

Eine spätmittelalterliche Open World, die verschiedene Teile Europas respektvoll darstellt gilt es zu erschaffen.Eine spätmittelalterliche Open World, die verschiedene Teile Europas respektvoll darstellt gilt es zu erschaffen.

Eines Tages besucht ein Engländer das Büro eures Vaters. Ihr kommt mit ihm ins Gespräch und ihr seid einander sympathisch. Der Mann sieht Potenzial in euch und nachdem ihr ihn bezüglich einiger Waren gut und fair beraten habt, bietet dieser euch an, sobald ihr eure Ausbildung abgeschlossen habt, für ihn zu arbeiten. Sein Name: John Hawkwood.

Zwei Jahre später werden euer Vater und eure älteren Brüder von einem geheimnisvollen und mächtigen Hanse-Kaufmann betrogen und ermordet. Durch Zufall entgeht ihr dem Anschlag, müsst aber feststellen, dass obendrein euer Haus niedergebrannt und eure Mutter und Schwester geschändet und getötet wurden. Ihr seid nun allein.

Ihr erinnert euch zurück an diesen Herrn Hawkwood und macht euch auf die Suche nach ihm. Ihr findet ihn schließlich in Südfrankreich, wo er sich als Condottiere (Söldneranführer) im Hundertjährigen Krieg eine goldene Nase verdient.

Zuletzt nutzte "A Plague Tale - Innocence den Hundertjährigen Krieg als stimmungsvolles Szenario.Zuletzt nutzte "A Plague Tale - Innocence den Hundertjährigen Krieg als stimmungsvolles Szenario.

Er nimmt euch in seine „Weiße Kompanie“ auf und fortan verdingt auch ihr euch als Söldner, während ihr, auf Rache sinnend, im Hintergrund Nachforschungen zu jenem Hanse-Kaufmann anstellt, der einst eure ganze Familie umbrachte und euer Leben zerstörte.

Im Verlaufe der Handlung, die sich über drei Teile erstreckt und euch durch Italien, Westeuropa und über die Ostsee führt, steigt ihr immer weiter auf, werdet später selbst zum Condottiere und führt eine eigene Söldnertruppe an.

Nicht nur das, ihr baut auch das Handelskontor eures Vaters wieder auf und macht neben den Schlachten auch durch geschickten Handel Geld, um eure Truppe und euer Haus/Anwesen auszubauen.

Das Spiel würde ein Action-Adventure mit leichten RPG-Elementen sein, wie mit einem verzweigten Dialogsystem und einem optisch bis zu einem gewissen Punkt anpassbaren Protagonisten. Ob das nicht etwas für Ubisoft wäre (zwinker)?

Die Spielwelt

Ich hatte zwar die Aufgabe gestellt bekommen ein "Open World"-Spiel in ganz Europa zu konzipieren, allerdings gibt es da ein Problem: Ich möchte, dass das Spiel, zumindest in der Theorie, umsetzbar ist, was bei ganz Europa als Spielwelt schwierig wird.

Das Erschaffen einer historischen Open World ist das Steckenpferd der "Assassin's Creed"-Entwickler.Das Erschaffen einer historischen Open World ist das Steckenpferd der "Assassin's Creed"-Entwickler.

Würdet ihr Europa angemessen umsetzen wollen, so wäre es als Spielwelt viel zu groß! Die Distanzen zwischen den Orten wären endlos und für ein einziges Spiel mag dies auch zu viel Inhalt bedeuten. Gestaltet ihr Europa allerdings deutlich kleiner, sodass es in eine umsetzbare Open World passt, dann wäre es wiederum zu klein.

Den verschiedenen Ländern und ihren jeweiligen Kulturen würdet ihr nicht gerecht werden. Stellt euch nur vor, die großen Handelsstädte Venedig, Florenz und Lübeck bestünden lediglich aus einer Handvoll Häuser. Von Paris, London und Rom ganz zu schweigen. Das wäre nicht angemessen!

In diesem Sinne hatte ich mir überlegt, aus dem Spiel ein Dreiteiler zu machen, der in jeweils anderen Teilen Europas stattfindet. Zwar war das nicht direkt die Aufgabe, die mir gestellt wurde, allerdings will ich, dass Europa angemessen dargestellt wird, und so geht es meiner Meinung nach am ehesten.

Der erste Teil würde dann in Italien und Südeuropa, also auf dem Balkan und in Teilen Griechenlands spielen. Innerhalb der Weißen Kompanie würdet ihr nach und nach aufsteigen und Konflikte zwischen den italienischen Stadtstaaten lösen.

Die Städte des spätmittelalterlichen Italiens zu sehen, wäre schon schön.Die Städte des spätmittelalterlichen Italiens zu sehen, wäre schon schön.

Im zweiten Teil hättet ihr euch dann von Hawkwood und seiner Söldnertruppe losgelöst und nehmt nun mit euren eigenen Männern, beziehungsweise - wenn ihr das wollt - auch alleine am Hundertjährigen Krieg in Frankreich Teil, welches neben Spanien die Spielwelt dieses Kapitels bilden würde.

Der dritte Teil führte euch dann nach Nordeuropa, wo ihr an den Waldemarkriegen zwischen der Hanse und Dänemark, sowie an den Litauerkriegen des Deutschen Ordens teilnehmen würdet. Die Spielwelt bestünde hier aus den Ländern um die Ostsee herum.

Jeder Teil könnte durch DLCs erweitert werden, die Teile des Kontinents, die ansonsten etwas zu kurz kommen würden, wie Teile Zentraleuropas, die Britischen Inseln und die Schwarzmeerregion, näher unter die Lupe nehmen würden.

Neben den Kriegen, in denen ihr euch als Söldner verdingt, leitet euch die Geschichte dem geheimnisvollen Mörder eurer Familie hinterher, welche dann in den Hansestädten mündet, in welchen dieser dereinst so reich und mächtig geworden ist.

Insgesamt würde die Geschichte somit einen Zeitrahmen von ungefähr 20 Jahren einnehmen, in denen ihr Europa mit seinen verschiedenen Kulturkreisen in einer bewegten Zeit Stück für Stück kennen lernt. Ihr würdet historischen Figuren, wie eben Waldemar dem Vierten, John Hawkwood, König Edward dem Dritten von England oder gar einem sehr jungen Klaus Störtebeker begegnen.

Was sagt ihr, hättet ihr auf so eine Spielereihe Lust? Denkt ihr, dass ein ansprechendes "Open World"-Spiel auf dem europäischen Kontinent überhaupt realisierbar wäre? Was haltet ihr von der Rahmenhandlung und dem zeitlichen Kontext? Eure Kommentare und Ideen würden uns sehr interessieren.

Tags: Open World  

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