Dieser eine Moment: Age of Empires hat mein Leben geformt

(Kolumne)

von Ove Frank (28. Mai 2019)

Wenn man euch fragt, welcher Moment in eurem Leben dieses retrospektiv am meisten beeinflusst hat, dann werden die meisten von euch wahrscheinlich eine Weile darüber nachdenken müssen. Ich hingegen erinnere mich noch genau: Ich spielte als kleiner Stöpsel Age of Empires, und als ich begriff, was ich da genau tat, wusste ich, dass dies meinen Lebensweg bestimmen würde.

Age of Empires - Definitive Edition: Der Trailer zur neuen Version des Strategie-Klassikers

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Als studierter Althistoriker sitze ich nun hier als Redakteur bei spieletipps und will euch erklären, wie ich dort gelandet bin, wo ich jetzt bin. Wie kommt jemand mit einem solchen Studium in diesen Berufszweig? Wieso würde jemand diesen Quatsch überhaupt studieren? Alles gute Fragen, die ich hier nun zu beantworten versuche.

Es geht hier darum, wie mein Lebensweg eine entscheidende Prägung erhalten hat, und ich will euch ein wenig an meinen Gedankengängen teilhaben lassen. Denn dadurch habe ich einen auf den ersten Blick eher unkonventionellen Weg eingeschlagen.

Spiele nehmen in meinem Leben nämlich eine besondere Stellung ein. Das tun diese freilich bei vielen von euch, ansonsten würdet ihr dies wohl kaum lesen. Ich würde allerdings von mir nicht behaupten, dass ich ein besonders großer Zocker oder gar wirklich gut in dem bin, was ich hinter dem Controller oder der Tastatur tue, einfach deswegen, weil ich mich noch gar nicht so lange damit auseinandersetze.

Auch im Kosmos der Videospiele ist Platz für die Antike.Auch im Kosmos der Videospiele ist Platz für die Antike.

Zur Erklärung: Meine Faszination fürs Gaming hat einen etwas anderen Ursprung: Tatsächlich waren meine Berührungspunkte mit diesem Medium in den ersten zwölf Jahre meines Lebens, bis auf eine wichtige Ausnahme, eher beschränkt. Im eher konservativen Haushalt meiner Eltern war dafür nämlich nicht viel Platz.

Da ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin, fand das Leben zumeist draußen statt, egal ob die Sonne schien oder es richtig schönes Schietwetter gab. Und um ehrlich zu sein: Ich Nachhinein betrachtet würde ich an dieser Kindheit kaum etwas ändern wollen.

Wenn ich aber später doch einmal etwas gezockt habe, dann war dies bei den Nachbarskindern, wo ich meine ersten Berührungspunkte mit The Legend of Zelda, Super Mario, Pokémon oder Final Fantasy hatte. Vor allem Mama durfte damals allerdings davon nichts wissen. Meinem zweieinhalb Jahre älteren Bruder Lasse erging es indes genauso wie mir.

Damals hatte ich noch keine Vorstellung von den wunderbaren Welten von The Legend of Zelda und Co.Damals hatte ich noch keine Vorstellung von den wunderbaren Welten von The Legend of Zelda und Co.

So kam es, dass mein Bruder eines Tages ein Computerspiel von seinem besten Freund mit nach Hause brachte. Das ist inzwischen knapp 20 Jahre her. Dies war noch bevor ich überhaupt wusste, wer Mario ist. Als damals kaum Sechsjähriger machte ich große Augen, als Lasse das Spiel auf unserem alten PC installierte.

Die Stunde war günstig, da meine Eltern auf einem Geburtstag oder so etwas eingeladen waren und wir im weitesten Sinne sturmfrei hatten. Naja, unser lettisches Au Pair-Mädchen Laura war zwar noch da, aber die lenkten wir mit einem Film ab. Ich glaube es war Lovestory oder etwas ähnlich Kitschiges.

Ich las dann erstmals den Titel des Spiels - (stellt euch eine unsichere deutsche Aussprache vor) AGE OF EMPIRES ... Ich hatte keine Ahnung was das hieß, aber es machte was her. Auf der CD waren ein Pharao, ein persischer Gelehrter und ein griechischer Soldat mit Helm, Schild und Schwert zu sehen.

So sah damals das Cover des Spiels aus.So sah damals das Cover des Spiels aus.

Für Geschichte hatte ich zwar schon immer ein Faible, für die Antike im Speziellen damals hingegen noch nicht. Aber ich war sogleich doppelt gespannt, was uns erwarten würde. Lasse erklärte mir zwar, dass es ein Strategiespiel sei, allerdings konnte ich damals Spielegenres noch nicht wirklich unterscheiden.

Nach einer gefühlten (vielleicht auch tatsächlichen) Ewigkeit des Installierens ging es dann los. Und schon das Intro haute mich förmlich vom Hocker. Die Musik, die Inszenierung, die Grafik (Ende der Neunziger sah das noch gut aus). All das holte mich sofort ab. Und als es dann an das Spiel selbst ging, verschlug es mir endgültig den Atem.

So etwas hatte ich halt noch nie zuvor gesehen, obgleich ich eine Vorstellung davon hatte, was Videospiele sind. Diese Macht, die ich hier hatte, war mir völlig neu. Mit dem haptischen Spielen mit Playmobil oder Lego war das nicht zu vergleichen.

Als Lasse mir dann erklärte, dass es diese kleinen Männchen, die wir da bewegten, tatsächlich mal gegeben hatte und wir ihre Geschichte und die ihrer Völker von vor tausenden Jahren nachspielen würden, konnte ich es nicht glauben.

„Wie, wir spielen ein Spiel und lernen dabei noch etwas über Geschichte?“ Mehr noch: "Wir können die Geschichte nacherleben?" Das war mal ein starkes Stück. Unsere Mutter hatte damals immer behauptet, dass Spiele lediglich verdummen würden und damit nichts Sinnvolles anzufangen wäre. Ich sah hier jedoch den Beweis für das Gegenteil.

Je länger wir das Spiel spielten, desto größer wurde die Action. Aus den kleinen Konflikten um den Bau mickriger Siedlungen wurden nach einer Weile epische Schlachten und das gesamte Spielfeld war irgendwann von Heeren und Leichenbergen gesäumt.

Anblicke wie dieser verschlugen meinem sechsjährigen Ich die Sprache.Anblicke wie dieser verschlugen meinem sechsjährigen Ich die Sprache.

Egal ob wir nun Troja eroberten, mit Alexander dem Großen in Persien einfielen, oder als Tuthmosis die Schlacht von Megiddo ausfochten, all das lies mich nicht mehr los, und ich wollte immer neue Abenteuer erleben, immer mehr wissen. Wie cool war die Geschichte der Antike denn bitte? Moderne Autoren konnten dagegen ja einpacken.

Ich staunte nicht schlecht. „Das alles ist wirklich so passiert?“ Ich musste es genauer wissen. Am nächsten Tag, unsere Eltern waren inzwischen wieder daheim, kämpfte ich mich mit einem der Brockhaus-Bände meines Vaters ab, um in dieser Enzyklopädie Genaueres zu finden.

Das Unterfangen war natürlich völlig bescheuert. Weder wusste ich genau wonach ich eigentlich suchte, noch konnte ich wirklich lesen. Ich kam gerade erst in die Erste Klasse. Dementsprechend erfolgreich waren meine Bemühungen dann auch.

Recherche sah damals noch so aus. Einfach googlen kannten wir nicht.Recherche sah damals noch so aus. Einfach googlen kannten wir nicht.

Ich war frustriert, ich wusste, dass mein alter Herr immer, wenn er etwas Historisches erklären wollte, den Brockhaus hervorholte. Zum Glück kam er in diesem Augenblick herein und sah, wie ich den epischen Kampf gegen den schweren Wälzer zu verlieren drohte.

Nachdem er mich von der wortwörtlichen Last erlöst hatte, befreite er mich noch von der metaphorischen. Denn ich fragte dann kurzerhand ihn, was es denn mit "Alexander dem Großen" auf sich hätte. Ihm ist es nämlich zu verdanken, dass ich generell historisch interessiert war.

Er war zwar ein wenig verdutzt, wieso mich das auf einmal so sehr interessierte, erzählte mir dann aber die vielleicht faszinierendste Geschichte, die ich bis dato je gehört hatte, und ich war angefixt. Die Antike als Epoche mit ihren Mythologien und Kulturen hatte einen neuen Fan gewonnen.

Seit diesem Moment nehmen mich solche Anblicke förmlich gefangen.Seit diesem Moment nehmen mich solche Anblicke förmlich gefangen.

Ohne diesen Moment, in welchem ich das erste Mal Age of Empires gesehen/gespielt hatte und mir bewusst geworden war, dass Spiele so viel mehr sein konnten als ich bis dahin gedacht hatte, wäre es zu dieser Faszination gar nicht erst gekommen.

Gleich zwei Dinge änderten sich für mich grundsätzlich und meine beiden größten Leidenschaften entwickelten sich. Ich wollte nun noch mehr zocken und ganz neue Spiele mit all ihren Facetten kennen lernen, und genauso wollte ich immer mehr über die Antike wissen und stellte selbständig Nachforschungen an.

Und heute, knapp 20 Jahre später, begehe ich meinen Master in Altertumswissenschaften, mache ein viermonatiges Praktikum als Gaming-Redakteur und arbeite an meiner Master-Arbeit zum Thema „Der Spagat zwischen Authentizität und Unterhaltung in Assassin’s Creed Odyssey“.

Und hier nun, in der Ägäischen See, schließt sich der Kreis.Und hier nun, in der Ägäischen See, schließt sich der Kreis.

Denn genau dies hat mich seitdem besonders interessiert: Wie ist das ideale Verhältnis aus historischer Akkuratesse und dem Entertainment-Faktor, um in Unterhaltungsprodukten mit historischem Hintergrund besonders viele Menschen anzusprechen und in diesen gleichzeitig das Interesse an eben diesen Hintergrund zu wecken?

Nun möchte ich mich eben diesem Umstand auch wissenschaftlich widmen. Viele Leute über Unterhaltungsprodukte wie Filme, Serien und vor allem über Videospiele an Geschichte heranzuführen und in ihnen ein Interesse dafür zu wecken, das ist mein Ziel.

Wenn ihr so wollt, dann schließt sich jetzt damit ein logischer Kreis für mich, und ein Computerspiel hat mich im weiteren Sinne zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin, oder zumindest auf diesen Pfad geführt, um zu diesen Menschen zu werden.

Was haltet ihr von diesem einen Moment, der mein Leben formte? Könnt ihr diesen nachvollziehen? Habt ihr gar selbst schon etwas Vergleichbares erlebt? Oder ist das für euch nur Quatsch? Schreibt es uns bitte in die Kommentare. Eure Sicht hierzu zu sehen wäre sehr interessant.

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Tags: Dieser eine Moment  

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