Death Stranding: 3 Gründe, warum es ein Flop werden könnte

(Kolumne)

von Till Wäscher (09. Juni 2019)

Nachdem der bekannte Entwickler Hideo Kojima in den vergangenen drei Jahren durch immer seltsamere Trailer (und noch merkwürdigere Teaser für bevorstehende Trailer) getrollt hat, steht seit kurzem fest: Death Stranding erscheint am 8. November für die PS4.

Hideo Kojimas Sony-Debüt, in dem es mutmaßlich um Zeitreise, tote Krabben und männliche Schwangerschaft geht, könnte das Medium Games erzählerisch, atmosphärisch und gameplay-technisch auf ein ganz neues Level heben.

Oder aber Death Stranding wird zu einem Flop. Zu einem überambitionierten und sinnfreien Desaster, das niemand versteht und das niemand wirklich spielen möchte. Zu einem künstlerischen Offenbarungseid eines Game Directors, den wir so lange abgefeiert haben, dass er mittlerweile glaubt, er könne sich alles erlauben.

Als bekennender "Metal Gear"- und Kojima-Fan hoffe ich, dass ich mit meiner Prognose völlig daneben liege. Dennoch gibt es drei alarmierende Anzeichen, dass das Mega-Projekt unter seinem eigenen Gewicht erdrückt werden könnte wie ein gestrandeter Pottwal.

1. Der Hype-Train ist auf Kollisionskurs

Red Dead Redemption. Game of Thrones. Ja, sogar Star Wars. Sie alle können ein Lied davon singen, wie Vorfreude Erwartungen schürt, die der Release niemals erfüllen kann.

Seit dem erfolgreichen Start von Apex Legends wissen wir: Je weniger über ein Game und im Vorfeld bekannt ist, desto erfolgreicher wird es. Gegen alle Marketing- und PR-Konventionen veröffentlichte EA den "Battle Royal"-Shooter quasi kommentarlos in den Stores – bevor sich auch nur ein einziger Gamer über die Ausrichtung des Titanfall-Universums beschweren konnte.

Der Hype von Death Stranding dagegen speist sich aus den kryptischen (andere würden sagen komplett sinnfreien) Trailern, die Kojima auf die Öffentlichkeit losgelassen hat. Der Running Gag dabei: Trotz inzwischen 25 Minuten Material hat niemand eine Ahnung, worum zur Hölle es in dem Spiel geht.

Es gibt im Wesentlichen zwei verschiedene Szenarien, die euch beim Release erwarten. Beide werden vermutlich für Enttäuschung sorgen.

Sam auf der Flucht. Warum und vor wem ist noch ein Geheimnis.Sam auf der Flucht. Warum und vor wem ist noch ein Geheimnis.

Option 1: Nach Veröffentlichung habt ihr immer noch keinen blassen Schimmer, was ihr da eigentlich spielt (oder nicht spielt). Die Details und Theorien, die in den letzten vier Jahren minutiös auf Reddit diskutiert worden sind, hätten dann gar keine tiefere Bedeutung – oder bleiben für alle Personen, die nicht Kojima heißen, auf ewig unverständlich.

Noch schlimmer wäre jedoch Option 2: Was wäre, wenn das, was ihr in den letzten drei Jahren zu Gesicht bekommen habt, tatsächlich das endgültige Spiel ist: ein simpler Walking-Simulator/interaktiver Film, der von generischen Shooter- und Prügel-Sequenzen und minutenlangen Zwischensequenzen unterbrochen wird?

Geheimnistuerei ist das Lebensblut von Death Stranding. Der Moment, in dem ihr das Endprodukt in den Händen haltet, wird naturgemäß das Ende seiner quasi-mystischen Aura einläuten. Die einzige Möglichkeit den Über-Hype des Spiels aufrechtzuerhalten, wäre es niemals zu releasen.

Am Ende müssen PlayStation-Besitzer sich bei Launch ganz genau überlegen, ob sie 60 hart ersparte Euro für eine solche Wundertüte über die Ladentheke wandern lassen. Übrigens: Nur eine Woche später erscheint mit Star Wars Jedi - Fallen Order ein Spiel, von dem ihr exakt wisst, was ihr bekommt: endlich mal wieder ein echtes Singleplayer-„Star Wars”-Game.

Kryptisch und ohne greifbare Aussage: Der erste Gameplay-Trailer zu Death Stranding

2. Langweiliger Unsinn?

"William Blake"-Zitate, Regentropfen, die Menschen altern lassen und Troy Baker mit Goldmaske, der riesige Tentakel-Ungeheuer beschwört – ob es Kojima gelingt, aus diesen scheinbar willkürlichen Bausteinen eine kohärente Geschichte zu konstruieren?

Ich habe da meine eigene Fan-Theorie: Diese nervig-klappernden Sensoren, die Figuren in Death Stranding über ihren Schultern tragen, sind in Wirklichkeit Bullshit-Barometer, die angesichts des Gaga-Drehbuchs permanent kurz vorm Anschlag sind.

Dabei ist Absurdität eigentlich die Stärke von Kojima, der sich schon immer einen Spaß daraus gemacht hat, Genre-Konventionen zu brechen. Das Problem ist jedoch, dass das Spiel sich trotz des oben erwähnten Mumpitzes fürchterlich ernst nimmt: Anscheinend will Death Stranding ein Kommentar auf die Klimakatastrophe, gesellschaftliche Polarisierung und Trumpsche Einwanderungspolitik sein.

Der jüngste Trailer drischt diese Botschaft in Form von schlechten Dialogen mit dem Holzhammer auf den Spieler ein. „You can make America whole“ sagt die von einem Krankenbett im Oval Office regierende Präsidentin zu Protagonist Sam. „No, America's finished” knurrt dieser in bester „Darryl aus The Walking Dead”-Manier. Nun ja.

"Du kannst Amerika heilen." - Eine Anspielung auf zeitgenössisches politisches Geschehen."Du kannst Amerika heilen." - Eine Anspielung auf zeitgenössisches politisches Geschehen.

Natürlich dürfen und sollen Games politisch sein, aber wie soll ich die Botschaft in einem Spiel ernst nehmen, in dem Charaktere „Fragile“, „Deadman“, „Heartman“, und - kein Witz - „Die-hardman“ heißen und permanent schwarzen Schleim herauswürgen?

Zweifel sind also erlaubt, ob wir die Vision von Kojima begreifen werden. Ein begnadeter Storyteller war er nämlich bei aller Liebe noch nie. Eher das Gegenteil: Die "Metal Gear"-Saga startete als verheißungsvoller Spionage-Thriller, doch brach schnell in einem Netz aus verschiedenen Zeitebenen, absurden Verschwörungsplots und ähnlich klingenden Charakteren zusammen.

Ich habe es wirklich versucht, aber ich kenne bis heute nicht den Unterschied zwischen Big Boss, Solid Snake, Liquid Snake und Naked Snake, und die stinklangweiligen, minutenlangen Powerpoint-Präsentationen in „Guns of the Patriots“ brachten auch kein Licht ins Dunkel – eher im Gegenteil. Keine guten Vorzeichen für Death Stranding.

3. Außer Kontrolle geratener Personenkult

Hideo Kojima ist ein Genie. Das heißt jedoch nicht, dass wir alles als genial abtun müssen, was er tut oder von sich gibt. Doch inzwischen braucht er nur ein Foto von einem Teller Pasta oder moosbewachsenen Boden tweeten und die Gamer-Community rastet komplett aus.

Wenig subtil: Diese Szene ist deutlich an den Film Apocalypse Now angelehnt.Wenig subtil: Diese Szene ist deutlich an den Film Apocalypse Now angelehnt.

Spätestens nachdem er 2015 von Konami gefeuert wurde und sich als Märtyrer inszenierte, ist er zum mit Abstand bekanntesten Games-Entwickler der Welt aufgestiegen (wobei gerne ignoriert wird, dass AAA-Spiele von einem hunderte Menschen umfassenden Team produziert werden).

In dem Disput gelang es ihm, seinen langjährigen Arbeitgeber den schwarzen Peter zuzuschieben und sich als kreativen Visionär darzustellen, der sich in der Konzernstruktur des "Metal Gear"-Publishers zunehmend eingeengt fühlte.

Doch es gibt auch eine andere Seite der Geschichte. Angeblich soll Kojima bei der Produktion vom fünften "Metal Gear"-Teil deutlich das Budget und die Deadline überzogen haben, ohne jemals ansatzweise ein fertiges Produkt abzuliefern.

Die Folge: Seine Vorgesetzten mussten ihn feuern, um das gesamte Spiel und das Unternehmen nicht zu gefährden. 2015 schließlich veröffentlichte Konami dann mit Metal Gear Solid 5 - The Phantom Pain ein Spiel, das aufgrund seines überragenden Gameplays die Kritiker überzeugen konnte, dessen Story wie viele seiner Vorgänger jedoch prätentiöser Nonsens war.

Nach seinem Wechsel zu Sony genießt Kojima nun also komplette Narrenfreiheit. Ob das wirklich gut für ihn, für Death Stranding und für uns Spieler ist, bleibt abzuwarten. Manchmal kann es helfen, Vorgesetzte zu haben, die zumindest hinterfragen, warum Regisseure wie Guillermo Del Toro oder Nicolas Winding Refn im Spiel auftauchen müssen, die aber wiederum von anderen Schauspielern verkörpert werden.

Die bisher veröffentlichten Trailer deuten darauf hin, dass genau so ein Nein-Sager fehlt: Death Stranding will alles gleichzeitig sein: revolutionäres Videospiel, politische Parabel und cineastisches Meisterwerk, das es mit den größten Filmemachern aller Zeiten aufnehmen kann.

Mit alles andere als subtilen Referenzen zu Apocalypse Now, 2001: Odyssee im Weltall und Terminator hält Kojima nicht hinterm Berg, mit wem er sich inzwischen auf Augenhöhe sieht. Ob Death Stranding sein Magnus Opus wird und wir ihn bald in einem Atemzug mit Coppola, Kubrick und Cameron nennen? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Tags: Hideo Kojima  

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