Wrestling-Spiele: Als mein Bruder mich mit seiner Leidenschaft für kostümierte Hulks ansteckte

(Kolumne)

von Michael Sonntag (13. Juni 2019)

„Oh mein Gott, was geschieht da!? Der Undertaker hat sich aus der Batista Bomb von Batista befreit und setzt nun zum Tombstone Pile Driver an.“ Ein erschreckender Wortsalat, der Ahnungslose vermutlich schnell das Weite suchen lässt. Das daran wirklich Erschreckende: Ich verstehe es. Denn dank meines Bruders spreche ich wrestlisch.

Der bunte Prügelzirkus

Geschwister können sich bekanntlich sehr unterschiedlich entwickeln, mein Bruder und ich stellen da keine Ausnahme dar. Das gilt für unseren Kleidungsstil genauso wie für unsere Studieninteressen, aber auch für unsere Lieblingsspiele. Ich bevorzuge Schleich- und "Jump and Run"-Spiele, er eher Strategie- und Shooter-Spiele.

Und ja, es gab da diese Zeit, als ich mit 16 eine "Star Wars"-Phase durchlebte, hatte er mit elf seine Wrestling-Phase, was bedeutete, dass er sich bunte Handschuhe kaufte, im Garten ein Trampolin aufbaute und jeden Samstagabend im Fernsehen auf DSF schaltete, um sich SmackDown anzuschauen. Egal, ob meine Eltern gerade etwas anderes schauten.

Wrestling fand überall in seinem Leben statt, so auch auf unserer PlayStation 2, mit WWE Smackdown vs Raw 2009, auf das ihr euch jetzt mit dem oberen (wirklich cheezigen) Trailer einstimmen könnt.

Beim Wrestling trefft ihr auf alle Arten von modernen Gladiatoren: Giganten, Leichenbestatter, Surfer, Kickboxer und sogar einen Kobold.Beim Wrestling trefft ihr auf alle Arten von modernen Gladiatoren: Giganten, Leichenbestatter, Surfer, Kickboxer und sogar einen Kobold.

Anfangs habe ich nur sporadisch dabei zugesehen, wie mein Bruder dutzende Polygon-Nachbildungen von offenbar berühmten Sportlern mit Stühlen verdrosch oder diese in einer Ring-Ecke (meistens mit einem KI-Verbündeten zusammen) zu Brei schlug. Es sah aus wie brutaleres Boxen, nur mit Kostümen, brennenden Bühnen und überinszenierten Ansprachen.

Irgendwann war mein Bruder es leid, mir meine vielen Zwischenfragen zu beantworten - wie dieser Kämpfer heißt, warum der andere sein lebenslanger Todfeind ist, wie diese Matchart funktioniert und warum alle paar Minuten diese bekannte Beerdigungsmelodie zu hören ist - weshalb er mir einfach einen Controller in die Hand drückte. Von da an schleifte er mich wie ein Coach durch alles durch, was das Wrestling-Programm zu bieten hatte.

Mein Lieblingskampf, das "Royale Rumble"-Match, funktioniert ein bisschen wie Battle Royale: 30 Wrestler kämpfen darum, wer als letzter im Ring bleibt und gewinnt.Mein Lieblingskampf, das "Royale Rumble"-Match, funktioniert ein bisschen wie Battle Royale: 30 Wrestler kämpfen darum, wer als letzter im Ring bleibt und gewinnt.

"We suffer to entertain you"

Die erste Zeit habe ich (ich gebe es zu) nur mitgespielt, um meinem Bruder zu zeigen, dass ich mich für seine Hobbies interessiere. Bei einem Prügelspiel ist das auch einfach, weil willkürliches Tastenhämmern meistens ausreicht, um das Krasseste auf dem Bilschirm geschehen zu lassen.

Aber es dauerte nicht lange, bis ich einen kleinen Hauch davon abbekam, was Wrestling für meinen Bruder so großartig machte. Dieser Wettkampf ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Show. Es geht um spektakuläre Tricks, theatralische Auftritte, knappe Siege, vernichtende Niederlagen und das Aufeinandertreffen verschiedener Legenden.

Ein Spiel, das quasi nur aus Endkämpfen besteht, das ständige Durchkombinieren, die Beantwortung ein und derselben Frage: Wer würde wen besiegen? Während die reale Fernsehshow nur aus Stunts bestand und auf einem Drehbuch basierte, konnten wir hier unsere eigene Entertainment-Geschichte schreiben. Wobei mein Bruder nicht davon begeistert war, wenn ich sein Idol Matt Hardy besiegte. Das war eigentlich laut ihm noch nicht einmal in der Fiktion möglich.

Mein Highlight war der Creator-Mode, bei dem wir uns eigenen Wrestler erstellen konnten, wie zum Beispiel den Nikolaus, Dieter Bohlen, den Hulk oder eine zwei Meter hohe Barbie.Mein Highlight war der Creator-Mode, bei dem wir uns eigenen Wrestler erstellen konnten, wie zum Beispiel den Nikolaus, Dieter Bohlen, den Hulk oder eine zwei Meter hohe Barbie.

Vor der Entdeckung des Creator-Mode war ich von dem Spiel nur leicht angetan gewesen. Als ich dann aber meine eigene Legende erschuf, den Schreckenslord, der eine Totenkopfmaske und einen Umhang trug, konnte ich bei meinen Kämpfen gleichzeitig als mein eigener Fan mitfiebern.

Wenn er in die Arena mit seinem Motorrad einfuhr und dabei seine Titelmelodie ertönte, rief ich mir immer wieder seine größten Momente in Erinnerung. Als er blutend den Undertaker überlebt hatte. Als er mit Matt Hardy zusammen den "Tag Team Champion"-Titel geholt hatte. Als der Nikolaus ihn im Royale Rumble als vorletzten Kämpfer besiegt hatte.

Das wichtigste Match seiner Karriere bildete aber das "Money in the Bank"-Match auf der Geburtstagsfeier meines Bruders, als wir uns zu sechst (lokaler Multiplayer!) um einen an der Decke hängenden Koffer prügelten. Gegen Ende lagen alle Charaktere nahezu bewusstlos am Boden und jeder hämmerte wie verrückt auf seinen Controller ein, um seinen Charakter wieder aufzuraffen und den nur noch lose am Seil hängenden Koffer zu erbeuten.

Es war merkwürdig, oft albern, aber auch sehr cool gewesen. Es gehörte für mich zu den Spielen, von denen ich am wenigsten erwartet hätte, dass ich jemals daran Gefallen finden könnte. Zu aller Überraschung war ich gar nicht mal so schlecht darin gewesen. Ich bereue es zwar manchmal, die Faszination von Fußball nicht zu verstehen, aber an Wrestling kann ich tatsächlich meine Freude und meinen Spaß haben.

Alex, wenn du das hier liest: Danke für den Einblick in eine schwitzige, übertrieben machohafte, aber auch sehr unterhaltsame, spektakuläre Welt. Und nochmal Entschuldigung wegen Matt Hardy - Das war garantiert ein Bug gewesen.

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Meinungen - WWE SmackDown vs. Raw 2009

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80

Ziemlich gut

von SQSZ (10)

edge2412
82

Zeit für was Neues

von edge2412 (3)

Delta556Patrick1991
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von gelöschter User

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