Test The Sinking City: Der Abstieg in den kalten Schlund des Wahnsinns

von Ove Frank (26. Juni 2019)

Entwickler Frogwares lässt die großen alten wieder auf die Welt los. Mit The Sinking City hat sich das ukrainische Studio die anspruchsvolle Aufgabe gestellt, die bahnbrechende Horrorliteratur von H. P. Lovecraft als interaktives Abenteuer auf die heimischen Bildschirme zu bringen. Und es gelingt ihnen, euch in einen nasskalten Albtraum hinabzuziehen.

Selbst der Tod mag sterben - The Sinking City entführt euch in den Wahnsinn:

Gespielt haben wir den subtilen Horrortrip auf der Playstation 4 und empfehlen euch für ein authentisches Spielerlebnis, die englische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln einzustellen.

Die Atmosphäre verwandelt euer Wohnzimmer in Angst

Die niedergeschriebenen Werke des Howard Phillips Lovecraft aus dem frühen 20. Jahrhundert zählen zu den weltweit wichtigsten und einflussreichsten der Horrorliteratur. Sie warten mit einer ganz eigenen unbehaglichen Atmosphäre auf, welche die Leser schnell in den Abgrund zerren.

Eben jene Atmosphäre einzufangen, ist sehr schwierig, da es weniger um die direkte Gefahr geht, sondern vielmehr um die unterschwellige und allumfassende Bedrohung, die ihr wahrnimmt. Genau dies ist den Entwicklern hier erstaunlich gut gelungen, was sich als die große Stärke von The Sinking City erweist.

Als Charles Reed, Veteran des ersten Weltkriegs und aktueller Privatermittler, reist ihr in die kleine Stadt Oakmont, die von einer Flut heimgesucht wurde. Die merkwürdigen Vorkommnissen vor Ort sind aber nicht Charles' einziges Problem, da er von grauenerregenden Visionen geplagt wird.

Gleich zu Anfang fährt euch ein "kalter Schauer" über den Rücken.Gleich zu Anfang fährt euch ein "kalter Schauer" über den Rücken.

Die gezeigte kalte Nässe des überfluteten Orts überträgt sich direkt auf den Spieler. Dabei bekommt ihr schnell das Gefühl, dass ihr nicht hier lange verweilen solltet. Durch die Ablehnung der Bewohner, ihr auffallendes Äußeres und ihre ungewöhnliche Art zu reden, wird das Ganze noch verstärkt.

Der eigene und subtile Horror, der Lovecrafts Werke ausmacht und nicht von billigen Jump-Scares lebt, wird beeindruckend gut eingefangen. Dass das Spiel hierbei eine Detektivgeschichte ist, die mit viel Knobelei und Denkpausen daherkommt, tut der Umsetzung gut.

Ein blindwütiger Shooter passt hier nicht. Dass ihr stattdessen selbstständig die offene Spielwelt und das Städtchen Oakmont mit seinen merkwürdigen Bewohnern nach und nach kennenlernt, während ihr gleichzeitig den beiderseitigen Abstieg in den Wahnsinn bemerkt, ist der richtige Ansatz, um das Geschehen in all seinen Facetten angemessen zu übertragen.

Die Menschen in Oakmont sind... anders...Die Menschen in Oakmont sind... anders...

In den Momenten, da ihr auf eigene Faust die Wahrheit hinter diesem Ort zu ergründen sucht, erinnert The Sinking City gelegentlich an Genrekollegen, wie Silent Hill oder Alan Wake und braucht sich vor ihnen nicht zu verstecken.

Habt den Mut, eure grauen Zellen anzustrengen!

Das Rätsellösen ist gut gelungen und hält euch geistig auf Trab. Wenn es um einen Mordfall oder um ungewöhnliche Vorkommnisse geht, müsst ihr die Gegend nach Hinweisen erkunden und euch an einer Rekonstruktion versuchen, was hier wann und wieso passiert sein mag.

Das Interpretieren von Hinweisen ist eines der spielerischen Kernelemente.Das Interpretieren von Hinweisen ist eines der spielerischen Kernelemente.

Dabei hilft euch eine Art sechster Sinn, der mit euren furchterregenden Visionen in Verbindung zu stehen scheint. Dieser hilft euch gewisse Abläufe nachzuempfinden und ihr könnt danach die verschiedenen Puzzleteile zusammensetzen.

Wenn ihr dann zu abschließenden Schlussfolgerungen gelangt seid, dann ist es euch überlassen, wie ihr damit umgeht. Dank eines gewissermaßen verzweigten Dialogsystems könnt ihr Lügen oder die Wahrheit sagen und so die Story und die Figuren um euch herum beeinflussen, sodass ihr zu verschiedenen Spielenden gelangen könnt.

Jene aber, die sich ein Actionspektakel erhofft haben, werden wohl enttäuscht werden. Das Spiel ist sehr gemächlich und selbst, wenn es zum Angriff unheimlicher Kreaturen kommt, entsteht auch hier kaum Tempo.

Die Monster, die ihr seht, sind weit weniger furcherregend als das, was ihr eben nicht seht.Die Monster, die ihr seht, sind weit weniger furcherregend als das, was ihr eben nicht seht.

Dass das Spiel mit gewissen RPG-Elementen wie einem Skillbaum und dem optischen Anpassen des Protagonisten daherkommt, fällt allerdings gefühlt kaum ins Gewicht. Es wirkt unausgeglichen und bietet dem Spiel keinen wirklichen Mehrwert.

Der Look und das Gameplay mag nicht jedem gefallen

Das Spiel ist kein "Triple A"-Titel, das werdet ihr ihm schnell ansehen. Die Grafik wirkt etwas veraltet und die Physik-Engine macht wortwörtlich nicht immer die beste Figur. Allerdings versuchen die Entwickler clever mit diesen Schwächen umzugehen.

Die weniger ansprechende Grafik nutzt das Spiel, um das Gefühl der Fremdartigkeit zu verstärken: Viele der gezeigten Charaktere haben ein unheimliches Äußeres und ähneln zuweilen Affen oder Fischen, was durch den generellen Look noch stärker hervorgehoben wird. Selbst jene Menschen, die „normal“ anmuten sollen, werden etwas überspitzt dargestellt, wodurch dem Spiel ein leicht „surreales“ Aussehen verliehen wird.

Jeder Mensch wirkt fremdartig, jeder Mensch wirkt verdächtig.Jeder Mensch wirkt fremdartig, jeder Mensch wirkt verdächtig.

Vom Gameplay her wirkt das Spiel leider recht kantig und sperrig. Das Kämpfen, was zwar nicht der Schwerpunkt des Spiels sein mag, dafür aber immer wieder zum Einsatz kommt, ist nicht gut gelungen.

Mit dem Controller ordentliche Schüsse zu setzen, ist nicht leicht. Die Behäbigkeit des Spiels wird hier leider deutlich spürbar. Auch wenn ihr in den Nahkampf wechselt, dann sieht es hier nicht besser aus: Außer einmal steif draufzuhauen könnt ihr leider nicht. Dynamik? Fehlanzeige!

Meinung von Ove Frank

Entwickler Frogwares haben es geschafft, die Essenz der Lovecraft-Werke einzufangen und in einem interessanten Spiel umzusetzen. The Sinking City in eine Detektivgeschichte mit Mystery- und Horrorelementen umzusetzen, war eine gute Entscheidung. Ein Actionspiel mit dieser Atmosphäre in Einklang zu bringen, dürfte wohl sehr schwer werden.

Die Geschichte selbst bleibt zwar spannend, allerdings hat das Spiel immer wieder seine Längen, besonders da der Spieler nur wenig an die Hand genommen wird und das Spiel ordentlich Aufmerksamkeit verlangt. Es ist kein Spiel für Zwischendurch.

Lasst ihr euch jedoch darauf ein, dass das Spiel von einer ganz eigenen und ungewöhnlichen Atmosphäre lebt, dass ihr häufiger mal keine Ahnung habt, was es jetzt als nächstes zu tun gibt, dass Action nicht den Kern des Spiels ausmacht, dann könntet ihr mit dem Spiel durchaus großen Spaß haben.

The Sinking City abschließend zu bewerten, fällt sehr schwer. Es ist gewiss kein Spiel für jeden Spieler und in der breiten Masse mag es einen eher kleinen Anteil ansprechen. Wenn ihr aber Kenner oder gar Fans von Lovecraft seid oder ihr euch generell für eine solch nasskalte Atmosphäre begeistern könnt, dann könnt ihr den Ausflug nach Oakmont bedenkenlos wagen.

"Es kann nicht verstehen, wer ewig klagt. Und mit fremden Spielen mag selbst der Zweifler noch zocken."

77

spieletipps meint: Subtiles Horrorspiel mit einer der besten Atmosphären zurzeit, aber am Feinschliff scheitert es.

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Tags: Indie   Horror  

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