Watch Dogs - Legion: Jetzt trau dich endlich, Ubisoft!

(Kolumne)

von Ove Frank (28. Juni 2019)

Politik in Videospielen, das ist immer so eine Sache. Viele meinen, das eine solle sich aus dem anderen heraushalten und umgekehrt. Einige große Entwickler versuchen auch dahingehende Kontroversen gar nicht erst aufkommen zu lassen und machen im Zweifelsfall lieber einen Rückzieher. Einem bestimmten Entwickler sage ich jetzt aber: „Es reicht, habt endlich den Mut und zeigt Flagge - Es ist endlich an der Zeit, Ubisoft!"

Mit Watch Dogs - Legion könnte sich für Ubisoft einiges ändern:

Mit seinen erfolgreichen Spielen hat sich Ubisoft schon häufig an brenzlige Orte und in gefährliche Zeiten vorgewagt. Nicht selten könnt ihr als Spieler dabei gewisse Interpretationen des Gezeigten auffassen. Häufig genug kann allerdings darüber gestritten werden, ob das Dargestellte auch eine eindeutige Aussage vertritt.

Erst spricht der Entwickler politisch-relevante Inhalte an, wie zuletzt mit dem von Narcos kontrollierten Bolivien in Ghost Recon – Wildlands, und dann tendiert der französische Publisher und Entwickler gerne mal dazu, zu sagen, dass es hier keine politischen Aussagen gäbe und dass nicht nach solchen gesucht werden solle.

Ab und an mag dies natürlich auch legitim sein, aber dann in einer solchen Regelmäßigkeit nicht den Mut zu haben, etwas offen auszusprechen, in der Angst, einigen Leuten auf die Füße zu treten, das ist in meinen Augen schwach. Von einem finanziellen Standpunkt aus gesehen zwar nachvollziehbar, aber dennoch schwach.

Das hat das Unternehmen meiner Meinung nach nicht nötig. Wer sich schon traut, die Geschichte facettenreich darzustellen und dabei auf die neuesten und zuweilen weniger populären Forschungserkenntnissen zu setzen, wie es in den "Assassin’s Creed"-Spielen regelmäßig der Fall ist, der kann auch auf politischer Ebene einmal eine Aussage treffen, die vielleicht nicht jedem schmecken mag.

Mit der Interpretation historischer Ereignisse und Personen tätigen Spiele bereits Aussagen. Der Übergang zur Politik ist hier fließend.Mit der Interpretation historischer Ereignisse und Personen tätigen Spiele bereits Aussagen. Der Übergang zur Politik ist hier fließend.

Der Anfang von etwas Neuem?

Das kommende Watch Dogs – Legion könnte hier tatsächlich ein „Game-Changer“ werden. Dieses Spiel soll euch in ein London der nahen Zukunft entführen, welches nach dem Brexit dystopische Züge angenommen hat. In England hat sich hier eine populistische und autokratische Partei an die Spitze gesetzt, die aus ihrem Land und vor allem aus London einen Überwachungsstaat machen.

London ist hier aus vielerlei Hinsicht spannend. Nicht nur sind der Brexit und der ganze Populismus drum herum ganz real und aktuell, auch die Vorstellung einer von Kameras und Drohnen kontrollierten englischen Hauptstadt ist gar nicht so weit von der Realität entfernt:

London ist Europas Überwachungshauptstadt Nummer eins. Allein hier gibt es deutlich mehr als eine Millionen Sicherheitskameras (in ganz Großbritannien sind es schätzungsweise über sechs Millionen). Tendenz steigend. Sie sind in jeder Straße, an jeder Ecke und öffentliche Plätze werden von ihnen geradezu zugepflastert. Es darf bloß keinen toten Winkel geben.

Die Voraussetzungen für einen Überwachungsstaat sind in Teilen bereits gegeben.Die Voraussetzungen für einen Überwachungsstaat sind in Teilen bereits gegeben.

Von den realen Gegebenheiten ausgehend, erscheint es als gar nicht so abwegig, dass sich England (vor allem London) zu einem Überwachungsstaat entwickeln könnte. Auch die generelle politische Debatte in Europa und der westlichen Welt hat in den letzten Jahren einen spürbaren Rechtsruck erfahren.

Themen wie Netzsicherheit, Privatsphäre, persönliche Freiheiten und die Beschneidung eben derer sind gerade hochaktuell - auch in Deutschland. Ein Szenario, in welchem sich innerhalb Europas eine Partei durchsetzen könnte, die nach und nach die Freiheiten der Einzelnen einschränkt und immer mehr Macht auf sich vereint, erscheint heute als deutlich vorstellbarer als noch vor einigen Jahren.

Es ist alles angerichtet

Neben den realbestehenden Voraussetzungen gibt es auch in der Popkultur gewisse Punkte, auf die sich Ubisoft mit Watch Dogs – Legion stützen mag. In Werken wie 1984 von George Orwell oder V wie Vendetta von Alan Moore und David Lloyd spielen autokratische und faschistoide Regimes ebenfalls eine wichtige Rolle. Auch hier ist der Schauplatz (zumindest teilweise) London.

Gerade die Graphic Novel und später der Film V wie Vendetta scheinen für das Grundszenario in Watch Dogs – Legion Pate zu stehen. Hier nehmen der Widerstand und die Anonymität gegenüber dem Regime eine zentrale Rolle ein.

Diese Maske kennt heutzutage fast jeder.Diese Maske kennt heutzutage fast jeder.

Gerade die in der Geschichte prominent präsentierte „Guy Fawkes“-Maske ist zu einem Symbol des anonymen Widerstands geworden. Diese ist eine Anlehnung an die Pulververschwörung vom 5. November 1605, in welcher der englische König gestürzt/getötet werden sollte.

In Anbetracht all dessen wird es wirklich an der Zeit, dass sich Ubisoft auch einmal positioniert, dass politische Botschaften offen gezeigt werden, über die anschließend gestritten werden kann. Ein offener Umgang mag tatsächlich besser sein als verwirrende Interpretationen.

Harte und manchmal auch unpopuläre Aussagen tragen zu einer Diskussionsbildung bei. Der kritische Austausch ist in einer freien Gesellschaft ein wertvolles Gut. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Populismus und voreilige Schuldzuweisungen fast schon gesellschaftsfähig geworden zu sein scheinen. Dagegen darf man sich auch gerne mal positionieren!

Liebes Ubisoft: Damit, dass ihr ein solches Spiel erschafft, mit eurem Hintergrund, mit eurer Verbindung zur Geschichte, ist es offenkundig, dass ihr dieses Szenario einzuschätzen wisst. Ihr kennt die Parallelen zwischen der Gegenwart und vergangenen Tragödien.

Eure Spiele sind nicht alle unpolitisch, also untergrabt sie auch nicht, durch eure ständigen Ausflüchte. Denn damit verratet ihr eure eigene Kunst. Wenn ihr eigentlich eine klare Meinung habt, dann leugnet und versteckt sie auch nicht! „Remember remember, the fifth of November!“

Tags: Politik  

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