Remakes: Selbst die guten Neuauflagen wirken fehl am Platz

(Kolumne)

von René Wiesenthal (02. Juli 2019)

Remakes und Remasters sind oftmals gut und schön. Im wahrsten Sinne. Aber viele von ihnen sind leider auch vollkommen deplatziert. Und damit verstreichen Chancen, spaßige Klassiker angemessen aufleben zu lassen.

Das kam überall gut an: Crash Team Racing - Nitro Fueled

Versteht mich nicht falsch: Ich bin der Letzte, der sich beschwert, wenn ein altes Spiel durch eine gelungene Neuauflage aktualisiert wird. Zwar war ich mit Beginn der großen Remake- und Remaster-Flut skeptisch, was diesen Trend angeht. Mittlerweile freue ich mich aber darüber, dass mir dadurch Spiele zugänglich werden, deren Originalplattform ich vielleicht nicht besitze, die gebraucht nur noch für horrende Summen zu erhalten sind, die ich vielleicht zum Zeitpunkt des Releases gar nicht auf dem Schirm hatte.

Was ich nicht ganz verstehe, und was ich zudem etwas schade finde, ist die Auswahl der Spiele, die neu aufgelegt werden. Oder nein, vielleicht wäre es besser, zu sagen: Wie scheinbar willkürlich und planlos die Auswahl getroffen wird.

Figuren und Spiele, die keiner kennt

Denn sind wir einmal ehrlich: Die Wenigsten werden wohl beispielsweise lautstark die Remakes zur Spyro-Trilogie oder von Crash Team Racing gefordert haben. Dass sie entstanden sind, freut viele Spieler sehr, das sind zweifelsohne tolle Spiele. Aber auch vertane Möglichkeiten.

Denn beide Remakes gehören nicht einfach zu einzelnen Spielen, die zur Zeit der ursprünglichen Veröffentlichung im luftleeren Raum entstanden sind. Beide haben gemeinsam, dass sie Franchises angehören, die zu "ihrer" Zeit zu den beliebtesten gezählt haben. Crash und Spyro waren ikonische Figuren, die Poster in Videospielmagazinen geziert haben – sie waren auf einem Level mit Lara Croft.

Ein kleiner Drache, der einst groß rauskam - Spyro:

Jungen Spielern heutzutage werden sie wohl kein solch starker Begriff mehr sein. Und für die Älteren, die sich noch erinnern, waren sie über Jahrzehnte von der Bildfläche verschwunden und somit auch eher uninteressant. Dann ploppen sie plötzlich wieder auf, wie aus dem Nichts, in Form von Remakes.

Nicht nur recyclen, weitererzählen!

Gut, zugegeben, im Fall von Spyro haben sich die Entwickler zumindest einer kompletten Trilogie angenommen und Crash hat ebenso bereits eine Neuauflage seiner berühmten "Jump and Run"-Abenteuer bekommen, bevor Crash Team Racing – Nitro Fueled entstanden ist. Aber mit diesen Franchises lässt sich so viel mehr anstellen, als sie urplötzlich in neuem Look aus der Mottenkiste zu holen. Wieso spinnen die Rechteinhaber ihre Geschichten nicht weiter? Ergänzen das Portfolio um ganz neue, originelle Spiele, wenn sie sie schon in die aktuelle Zeit zurückholen?

Ein weiteres Beispiel ist MediEvil. Sicher, Freunde des Originals nehmen ein gutes Remake bestimmt dankend an. Wer heutzutage – und das ist nicht sehr abwegig – noch nie etwas von MediEvil gehört hat, wird ganz vielleicht auf das Remake stoßen und – sollte es gut werden – Spaß damit haben. Aber was ist dann? Dann findet sich der alte Knochen Sir Daniel auf einmal in der Moderne wieder, zwischen Videospiel-Franchises und -HeldInnen, die mehr und mehr auf eine eher realistische, menschliche Darstellung ausgerichtet sind und verpufft zwischen ihnen schlimmstenfalls einfach wieder.

Den Schwung nutzen

Viel schöner wäre es doch, würden Publisher einen eventuellen Aufschwung einer alten Franchise dazu nutzen, eben diese auszubauen. Die Marke wieder richtig bekannt zu machen, auch bei einem jungen Publikum. Ihm zu zeigen, wie viel Liebe und Potenzial in den Figuren und ihren Geschichten steckt. Spyro ließe sich nach dem gelungenen Remake mit gegenwärtiger Technik weiterspinnen, Crash Bandicoot ebenso. Ohne ein weiteres Aufgreifen der Marken wirken die Remakes wie deplatzierte, irgendwie ohne größeren Plan wiederbelebte Kuriositäten zwischen neueren Franchises. Alte Autos mit frischem Lack, unter dem der Rost dennoch weiter wütet. Schade drum!

Capcom macht es richtig

Was Capcom gemacht hat, war meiner Ansicht nach genau der richtige Weg. Resident Evil hat mit Teil 7 eine eher klassisch angehauchte Fortsetzung erfahren – was bei den Spielern sehr gut ankam. Schrittweise hat das Unternehmen nun die Serienursprünge neu aufgelegt und gekonnt mit frischen Akzenten versehen – alte Spiele einer nach wie vor lebendigen Marke also entsprechend der Wünsche von Gamern aktualisiert. Während wir davon ausgehen können, dass sich ein Remake zu Resident Evil 3 – Nemesis bereits in Entwicklung befindet, wird es so sicher wie das Amen in der Kirche auch ein Resident Evil 8 geben, das dem Survival-Horror eher die Treue schwört, als der Action-Ausrichtung von Resident Evil 5 oder 6.

Dieses Geschick im Umgang mit beliebten Franchises wünsche ich mir auch von anderen Rechteinhabern. Remakes, die nicht nur gut sind, sondern auch bewusst gewählt werden – mit dem Ziel, eine neue Generation von Spielern für bewährte, coole Games zu begeistern, deren Universen anschließend noch weiter auserzählt werden.

Tags: Remake  

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