Test Sea of Solitude: Die Emotionen laufen über

von Matthias Kreienbrink (05. Juli 2019)

Wellen machte Sea of Solitude erstmals auf der E3 2018. Die Frau hinter dem Spiel, Cornelia Geppert, zeigte auf der großen Bühne von EA ihr kleines, emotionales Spiel. Einsamkeit, Verdrängung, Depressionen - es sind keine leichten Themen, die das deutsche Studio Jo-Mei hier spielbar macht. Aber sie sind wichtig.

Schaut euch das wirklich schöne Sea of Solitude an:

Die wichtigsten Infos zuerst: Sea of Solitude erscheint für PlayStation 4, Xbox One und PC, es kostet knapp 20 Euro. Für unseren Test haben wir die Version für die PlayStation 4 gespielt. Es handelt sich um ein emotionales Spiel, in dem ihr den psychischen Problemen der Protagonistin Kay auf den Grund geht. Dabei müsst ihr einige spielerische Herausforderungen bestehen: Labyrinthe durchkreuzen, dunkle Wesen besiegen, Sprungpassagen bestehen oder mit einem Boot eine untergegangene Stadt erkunden. Nach etwa acht bis zehn Stunden habt ihr die Geschichte durchgespielt.

Mit dem Boot seid ihr in Sea of Solitude oft unterwegs.Mit dem Boot seid ihr in Sea of Solitude oft unterwegs.

Es ist nicht einfach, einen Test zu einem Spiel wie Sea of Solitude zu schreiben. Eine Wertung zu finden, die dem gerecht wird, was das Spiel erreichen will - das wirkt irgendwie ungenügend. Sicherlich, man kann bewerten, wie die Spielmechaniken funktionieren, wie die Grafik aussieht, wie die Geschichte erzählt wird. Aber es bleibt doch immer etwas übrig, das man nicht in eine Zahl pressen kann, die euch sagen soll, ob sich das Spiel lohnt, oder nicht. Darum fangen wir mit dem Wichtigsten an:

Für wen ist Sea of Solitude eigentlich?

Eine Einschränkung derer, die sich für dieses Spiel interessieren könnten, ließe sich sicherlich durch einen Vergleich herstellen: Ihr mögt Spiele wie What Remains of Edith Finch, Firewatch, Shadow of the Colossus oder Gris? Dann dürfte die Wahrscheinlichkeit hoch sein, dass euch auch Sea of Solitude gefällt.

Und dennoch reicht es wohl nicht aus, nur durch Vergleiche zu den Menschen zu finden, für die dieses Spiel gemacht sein könnte. Denn Sea of Solitude geht wenig ausgetretene Pfade. Es behandelt Themen, die in (größeren) Videospielen nur selten angesprochen werden und kann daher auch Menschen erreichen, die diese Erfahrung noch gar nicht kennen. Vielleicht sogar jene, die mit Videospielen bisher noch kaum Berührungspunkte hatten. Im Gespräch mit spieletipps erzählte uns Cornelia Geppert, dass nach der Präsentation auf der E3 2018 eine Reinigungskraft auf sie zukam. Aus den hunderten Gamern im Publikum sei es diese Frau gewesen, die direkt auf sie zukam und sagte, dass sie Sea of Solitude spielen wolle. Der Grund: Sie kenne diese psychischen Probleme sehr gut und wolle nun herausfinden, wie ein Videospiel damit umgeht.

In Sea of Solitude seid ihr an vielen Erinnerungsorten unterwegs. Hier etwa ein alter Bahnhof - ein Symbol für Abschied.In Sea of Solitude seid ihr an vielen Erinnerungsorten unterwegs. Hier etwa ein alter Bahnhof - ein Symbol für Abschied.

Und vielleicht ist das auch ein guter Indikator: Sea of Solitude ist in erster Linie wohl für jene unter euch, die Gefühle wie Einsamkeit, Isolation, Trauer oder Depression sehr gut kennen. Die ein Interesse daran haben, diese schweren Emotionen einmal durchzuspielen - in kunstvoller Art. Verfremdet, voller Metaphern, aber doch auch hautnah und intensiv. In einem weiteren Schritt wird es aber hoffentlich auch jene unter euch interessieren, die neue Ideen und Themen in Videospielen schätzen.

Schafft Sea of Solitude das, was es sich vorgenommen hat?

Diese Frage lässt sich ziemlich einfach beantworten: Ja! Sea of Solitude schafft es, diese komplexen Emotionen spielbar zu machen. Es wird Menschen erreichen, die diese Gefühle kennen - die sich täglich mit ihnen auseinandersetzen, denen aber wohl oftmals die Sprache fehlt, um sie zu benennen.

Die interessantere Frage ist daher wohl auch, wie Sea of Solitude das schafft. Zunächst zu den Spielmechaniken. Im Spiel gibt es verschiedene Abschnitte. Mal sitzt ihr in einem Boot, müsst ins Wasser springen und dabei nicht von einem schwimmenden Monster gefressen werden. Dann wieder schießt ihr eine leuchtende Kugel in die Luft, die euch den Weg zeigt - ihr klettert dann auf hohe Türme, findet euren Weg durch die Straßen einer untergegangenen Stadt oder lauft vor Geistern davon, die euch an die Haut wollen.

Die verschiedenen Monster spielen in Sea of Solitude eine große Rolle.Die verschiedenen Monster spielen in Sea of Solitude eine große Rolle.

Es gibt also durchaus ein paar spielerische Aufgaben in diesem Spiel - aber sicherlich nichts, was geübte Spieler herausfordern wird. Doch die eigentliche Aufgabe ist es wohl, die Bilder, die Lichtstimmungen, die Musik, die Metaphern, die Dialoge zu entschlüsseln - jeder auf seine Art.

Dabei geht Sea of Solitude ziemlich interessant vor. Es erzählt seine Geschichte sowohl in Metaphern, also in Bildern, die über sich hinaus deuten, als auch in sehr deutlichen und direkten Worten. Ihr kämpft gegen Monster, die alle mehr sind als nur böse Wesen. Ihr taucht unter in trübes Wasser, segelt dem Horizont entgegen, der langsam die Farbe ändert. Das alles baut Stimmungen auf, löst Gefühle in euch aus - die aber durchaus diffus sein können. Dann wieder wird es äußert deutlich. Etwa dann, wenn ihr etwas darüber erfahrt, wie der Bruder von Kay in der Schule behandelt wurde - sehr krass.

Was bleibt übrig?

Sea of Solitude ist vor allem eine Erfahrung. Es ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit Einsamkeit. Mit der Vergangenheit, die einen nicht loslässt und die Zukunft scheinbar verbaut. Es ist ein emotionaler Brocken, den jeder für sich ganz anders zerhauen und verarbeiten wird.

Sea of Solitude verhandelt einige sehr emotionale Themen - es ist kein leichtes Spiel.Sea of Solitude verhandelt einige sehr emotionale Themen - es ist kein leichtes Spiel.

Es ist schön, dass Electronic Arts dieses Spiel herausgegeben hat. Denn nicht nur auf einer bombastischen E3 ist es so ein Spiel, das im Kopf bleibt. In dem teilweise austauschbaren und sich immer mehr gleichenden Spieleangebot, das heute in den digitalen Regalen steht, ist es ein Sea of Solitude, das etwas anders macht, das hängen bleibt.

Sicherlich, das Spiel ist nicht für jeden. Wenn ihr in einem Spiel nur Spaß und Herausforderung haben wollt, wird Sea of Solitude euch enttäuschen. Wenn ihr aber nach einer emotionalen Erfahrung sucht - dann schaut bitte hin.

Meinung von Matthias Kreienbrink

Nun muss ich schlussendlich doch eine Wertung geben für Sea of Solitude. Meine Wertung ist: Macht diese Erfahrung! Erlebt Videospiele als Medium, das selbst solche komplexen Themen spielbar macht. Seht es als ein Abtauchen in die Psyche einer Figur, die kein einfaches Leben hatte. Und dann schaut, was dieses Spiel mit euch macht.

Ja, Sea of Solitude hat auch einige Schwachpunkte. Die Sprachausgabe etwa hätte definitiv besser sein können. Doch das ändert nichts an dem, was dieses Spiel mit einem machen kann - solang man es zulässt. Wenn ihr bereit seid, wird Sea of Solitude euch mitnehmen.

85 Spieletipps-Award

spieletipps meint: Sea of Solitude ist nicht für jeden. Aber wenn es euch erreicht - dann richtig.

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