Vorschau Man of Medan: Zwei Multiplayer-Modi, eine einzigartige Horror-Erfahrung

von René Wiesenthal (11. Juli 2019)

Piraten haben unser Boot überfallen. Spieler 1 versucht, sie an Deck zu beschwichtigen, während Spieler 2 in der Kabine überlegt, sich mit anderen gegen ihn zu verschwören. Spieler 1 weiß nichts davon, dass der Tod seiner Figur gerade von Spieler 2 entschieden werden könnte. Eine von vielen nervenaufreibenden Situationen im Online-Multiplayer von Man of Medan. Wir haben die neuen Mehrspielermodi gezockt und sagen euch, wie sie funktionieren.

The Dark Pictures: Man of Medan - Ankündigungs-Trailer

Die wichtigsten Eckdaten zum Spiel: Man of Medan ist ein Horror-Adventure im Stil eines interaktiven Films, angesiedelt auf einem Geisterschiff. Es ist der erste Teil der sogenannten "Dark Pictures"-Anthologie. Durch eure Entscheidungen beeinflusst ihr den Lauf der Geschichte und damit auch Leben und Tod der Charaktere. Die Entwickler Supermassive Games haben das Konzept bereits in Until Dawn etabliert – Man of Medan soll deutlich verzweigter und komplexer werden. Neben einem Singleplayer-Modus wird es zwei Mehrspielermodi geben. Man of Medan erscheint voraussichtlich am 30. August 2019 für PS4, PC und Xbox One.

Nicht nur kündigen Supermassive Games beim Anspieltermin von The Dark Pictures - Man of Medan im bewölkten Hamburg überraschend die Mehrspielerfunktion des Spiels an - nein, es sollen obendrein auch gleich zwei Multiplayer-Modi sein. Das filmische Horror-Adventure der "Until Dawn"-Macher bekommt dadurch eine Vielzahl von möglichen Erzählweisen. Wir durften beide neuen Modi anspielen und sagen euch, wie sich die Erfahrungen unterscheiden.

Der Unsichtbare Zweite

Um unseren Testlauf im Online-Multiplayer-Modus besonders spannend zu machen, teilen die Entwickler alle anwesenden Pressevertreter in zwei Teams auf. Team A wird in den einen Raum gebeten, Team B in einen anderen. Spieler, die zu Team A gehören, hosten an ihren Konsolen einen neu gestarteten Story-Durchlauf, während ihnen jeweils ein Spieler aus Team B als Gast zugewiesen wird. Wir starten gemütlich damit, die spielbaren Figuren kennenzulernen, die auf einem gemieteten Boot einen Tauchausflug machen wollen. Das Entwickeln zwischenmenschlicher Beziehungen steht zu Beginn im Vordergrund.

Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung. Die Brüder Alex und Brad beladen das Boot.Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung. Die Brüder Alex und Brad beladen das Boot.

Den Online-Multiplayer von Man of Medan spielt ihr mit einem eurer Freunde über das jeweilige Plattformnetzwerk. Wenn zwei Spieler gemeinsam einen Spielstand starten, dann wird der auch für genau diese beiden angelegt, verraten uns die Entwickler auf Nachfrage. Ihr spielt das Spiel also mit dem Freund durch, mit dem ihr es begonnen habt – oder legt einen neuen Spielstand mit einem anderen an.

Die Figuren, die ihr steuert, wechseln automatisch – so wie ihr es vielleicht schon aus Until Dawn kennt – mit den einzelnen Erzählsequenzen. So schlüpft ihr nach und nach in eine der Häute des zu Beginn fünfköpfigen Figurengespanns und stellt euch den Gesprächen, Herausforderungen und Entscheidungen der toll inszenierten Horror-Story.

Mitunter auch mal räumlich voneinander getrennt, so dass Spieler 2 beispielsweise gerade auf Tauchgang ist und versehentlich ein versunkenes Wrack zerstört, während der andere an Deck mit der Kapitänin flirtet und vor lauter Machogehabe einen Grill in die Luft sprengt.

Klickt auf das Video um einen Einblick in den Mehrspielermodus zu bekommen:

Die Entscheidungen jedes der beiden Spieler haben einen Einfluss auf den Verlauf der Handlung, ihr seht aber nie, welche der oder die andere trifft. Ihr könnt euch somit also – bewusst oder unbewusst – gegenseitig torpedieren oder unterstützen. Dabei gibt es kein übergeordnetes Ziel, außer dem Spaß an der Erzählung. Verlieren kann man Man of Medan nämlich nicht. Wenn alle Figuren am Ende der Geschichte hopsgehen, ist das eben das Ende des interaktiven Films, den ihr geschaut habt - sagen uns die Entwickler. Die der Anthologie ihren Namen gebenden Dark Pictures sollen übrigens helfen, Tode zu vermeiden. Ihr findet sie versteckt an verschiedenen Orten im Spiel und sie zeigen euch – wie die Totems in Until Dawn – den möglichen Verlauf von künftigen Situationen.

Schweigen ist Gold

Ihr könnt euch während des gemeinsamen Spielens natürlich auch über Headsets unterhalten – es steht euch frei, wie viele Informationen ihr mit eurem Mitspieler teilt. Die Entwickler selbst verraten uns im Interview, dass sie empfehlen, sich erst nach Abschluss eines Kapitels auszutauschen. Wir teilen diese Einschätzung nach der Anspiel-Session: Es gab sehr viel Gesprächsstoff und Aha-Momente, als wir dem Presse-Kollegen, mit dem wir unwissend gezockt haben, nach dem Anspielen begegnet sind und wir einander unsere Optionen und Perspektiven schilderten. Zudem wäre an vielen Stellen die Spannung verlorengegangen, wenn wir zu viel über die Entscheidungen des anderen gewusst hätten.

Wie in Until Dawn gibt es auch in Man of Medan einen Erzähler zwischen den Kapiteln.Wie in Until Dawn gibt es auch in Man of Medan einen Erzähler zwischen den Kapiteln.

Die eingangs beschriebene Situation zeigt das sehr deutlich: Eine Bande von Piraten hat unser Boot geentert. Während wir in der Rolle von Kapitänin Fliss mit dem Anführer auf dem verregneten Deck stehen, führt der unsichtbare Zweite unter Deck Gespräche mit den gefesselten Freunden. Was er nicht weiß: Wir haben als Fliss die Wahl, so wie es der Piratenboss verlangt, die Küstenwache zu kontaktieren und zu erfragen, wann sich das Wetter bessern wird, oder aber panisch ins Funkgerät zu schreien, dass wir Hilfe brauchen. Was wir nicht wissen: Spieler 2 kann die anderen unter Deck gegen uns aufhetzen, indem er Misstrauen sät. Die Sequenz gipfelt in einem spannenden Stand-Off, der bereits im Tod einer spielbaren Figur münden kann.

So unterscheiden sich die Erzählungen

Im Interview fragen wir die Entwickler, ob denn die Perspektive des Hosts im Online-Multiplayer deckungsgleich mit der des Singleplayer-Modus ist. Die Entwickler verneinen. Das bedeutet, dass die Erzählung – also die Abfolge der Sequenzen und Figuren, die ihr spielt - bereits ohne die alternativen Handlungszweige, die das Spiel besitzen soll, ganz unterschiedlich ausfällt. Es gibt somit folgende Versionen:

  • Den Singleplayer-Erzählaufbau
  • Den Online-Multiplayer-Erzählaufbau des Hosts
  • Den Online-Multiplayer-Erzählaufbau des Gastes

Interaktiver Kinoabend mit Freunden

Eine andere Mehrspielervariante, deren Erzählaufbau dem des normalen Singleplayer-Modus zu gleichen scheint, ist der lokale Multiplayer – der Kinoabend mit Freunden. Hier wählen bis zu fünf Freunde und Freundinnen zu Beginn einen der fünf Charaktere und reichen dann im Spiel der Auswahl entsprechend den Controller herum, wenn der handelnde Protagonist sich ändert. Das ist im Grunde die konsequente Weiterentwicklung dessen, was viele bereits mit Until Dawn angestellt haben: Zusammen mit Kumpels auf der Couch zocken, während alle ihren Senf dazu geben. Am Ende jedes Kapitels bekommt ihr dann Infos, die das Spielverhalten jedes Einzelnen auswerten.

Unsere Spiel-Session hört dort auf, wo der richtige Horror von Man of Medan beginnt – mit dem Fund des geisterhaften Schiffes, auf das unsere glücklosen Figuren steigen werden. Eine nervenaufreibende und unterhaltsame Erfahrung haben wir aber auch bis dorthin schon gemacht.

Meinung von René Wiesenthal

Ich war von der Ankündigung der Multiplayer-Modi überrascht und war als Fan von Until Dawn gespannt darauf, sie auszuprobieren – und gleichermaßen skeptisch, wie sie funktionieren sollen. Immerhin ist es schon schwierig genug, den Einfluss der Entscheidungen eines einzelnen Spielers angemessen abzubilden. Inwiefern alle Fäden am Ende im finalen Spiel sinnvoll ineinandergreifen werden, ist noch unklar – aber mein Testlauf war richtig unterhaltsam.

Schon ohne, dass es zu richtigen Horror-Passagen kam, habe ich in brenzligen Situationen mitgefiebert und gespannt darauf gewartet, wie mein Gast-Spieler reagiert und was er beim Erkunden des Bootes entdecken wird. Der Austausch im Nachhinein hat mir ganz neue Perspektiven auf erlebte Situationen gebracht – und Erkenntnisse zur Handlung.

Was bei all dem auf der Strecke blieb, ist die spielerische Weiterentwicklung. Der spielerische Anteil bestand wie gewohnt hauptsächlich aus Quick-Time-Events und der Auswahl aus verschiedenen Dialog-Optionen. Diesmal mit Hinweis-Symbolen, die verdeutlichen, ob ich emotional oder rational reagiere.

Das muss aber kein Wermutstropfen sein, bestand der Reiz von Until Dawn ja auch schon nicht in ausgeklügeltem Gameplay, sondern im Erlebnis. Vor allem dem gemeinsamen Erlebnis – und das rückt Man of Medan ganz stark in den Vordergrund und weiß damit zumindest beim Anspieltermin zu unterhalten.

Teils allerdings auch wieder unfreiwillig. Wo die Mimik von Figuren, wie man es auch aus Until Dawn kennt, nicht selten ins Uncanny Valley abdriftet, kommt im Mehrspielermodus noch eine zusätzliche Ebene der unfreiwilligen Komik hinzu: Wenn zum Beispiel eine eigentlich spontane Reaktion auf einen Scherz vom Spieler, der gerade nicht steuert, abgewartet werden muss und dann erst mit langer Verzögerung einsetzt. Dass die Figuren wieder einmal vor Klischees triefen und Verhaltensweisen nicht immer nachvollziehbar erscheinen, wird Kenner von Until Dawn auch nicht weiter wundern – und vielleicht auch nicht stören.

Was zum Anspieltermin allerdings verwunderlich und auch störend ist: Der technische Zustand des Spiels. Nach nahezu jedem Bildwechsel konnte man den Texturen beim gemächlichen Laden zusehen, was besonders bei rasanten Sequenzen dazu führte, dass man im Grunde nur Brei auf dem Bildschirm hatte - und das auf PS4 Pro. Viel Zeit ist bis zum Release nicht mehr – ich hoffe sehr, dass dieses Problem rechtzeitig behoben ist.

Ist es das, steht wohl einem unterhaltsamen, leicht trashigen Erlebnis nichts mehr im Weg, das ich diesmal auf ganz neue Weise mit Freunden erleben kann - das aber mit den angegebenen circa sechs Stunden auch recht kurz ausfallen könnte.

Tags: Horror  

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