Erinnerungen: Eine alte Konsole anzuschließen ist mehr als Retro

(Kolumne)

von Matthias Kreienbrink (24. Juli 2019)

In den letzten Wochen habe ich mir zwei Konsolen gebraucht gekauft, die meine Kindheit und Jugend geprägt haben: Super Nintendo und Gamecube (Nintendo 64 wird sicherlich folgen). Beim Spielen ist mir aufgefallen, dass das Zocken alter Spiele sehr viel mehr ist als nur "Retro". Mehr als ein Wiedererleben angestaubter Spielmechaniken.

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"Retro" ist so ein Begriff, den ich eigentlich nicht mag. Für mich ist der muffig, die Fetischisierung von "früher war alles besser". Und dennoch mag ich es sehr, immer mal wieder ein altes Videospiel ins Laufwerk zu legen. Doch um das Laufwerk zu haben, musste ich mir die entsprechenden Konsolen erstmal neu kaufen, da ich leider alle meine Spielegeräte im Laufe meines Lebens immer wieder verkauft habe. Ich war schwach.

Mehr noch als andere Medien verbinden sich Videospiele bei mir auch immer mit den Zeiten, in denen ich sie gespielt habe - mehr noch, mit den Menschen, mit denen ich sie gespielt habe. Sicherlich, wenn ich ein Buch lese oder ein Album höre, haben diese Erlebnisse danach auch immer eine Geschichte. Sie sind situiert in den Lebensumständen, in denen ich sie gelesen oder gehört habe. Aber es sind eben immer Geschichten, die nur mit mir zu tun haben. Videospiele aber habe ich vor allem früher fast immer mit Freunden und Familie zusammen gespielt. Und wenn ich sie doch alleine gespielt haben, sind in diesen Spielen doch Spuren zurückgeblieben von meinem früheren Ich.

Es war so große Hitze - aber Wave Race: Blue Storm hat mir kurz Abkühlung gegeben.Es war so große Hitze - aber Wave Race: Blue Storm hat mir kurz Abkühlung gegeben.

So habe ich mir mit meinem gebrauchten Gamecube vier gebrauchte Spiele dazugekauft: Wave Race: Blue Storm, Star Wars: Rogue Leader, Eternal Darkness und SSX Tricky. Und als ich diese Spiele nun erneut gezockt habe, kamen viele Erinnerungen wieder hoch.

Bei Wave Race musste ich etwa an den total heißen Sommer denken, als ich das Spiel zu meinem Geburtstag bekam. Die Temperaturen waren ähnlich hoch wie in diesem Sommer und damals brachte mir Wave Race wenigstens kurz eine Abkühlung. Auch Star Wars bekam ich zu meinem Geburtstag. Damals war ich noch großer Fan der Filme - ja, trotz Episode 1 - und hatte zum ersten Mal das Gefühl, wirklich in diesem Universum zu sein. Und selbst meine Tante, die nichts mit Videospielen am Hut hat, war beeindruckt von dieser Grafik. Damals, so absurd das auch sein mag, gab mir das Genugtuung.

Eternal Darkness wiederum war damals, 2002, das erste Spiel jemals, das ich mir importiert habe. Aus den USA ließ ich mir das Horrospiel senden und konnte es kaum glauben, als ich es in den Händen hielt und früher spielen konnte als die meisten Menschen in Deutschland. Auch darum war es für mich ein besonderes Erlebnis, denn es fühlte sich so an, als würde ich als einer der Ersten diese Spielerfahrung machen. Zumal Horrorspiele damals wirklich nicht zu meinen Lieblingsspielen gehörten. Ich hatte einfach viel zu viel Angst.

Zuletzt SSX Tricky. Das war eines der vielen Spiele, die ich mit meiner Schwester zusammen gespielt habe. Wir wohnten damals beide noch bei unseren Eltern. Waren beide in einer Phase, in der wir nicht so ganz wussten, in welche Richtung das Leben als nächstes abbiegen wird. Doch wenn wir zusammen in meinem Zimmer saßen und gezockt haben, war irgendwie alles OK. Egal ob SSX, Die Sims oder Mario Kart - für Stunden konnten diese Spiele uns fesseln. Doch saßen wir nicht schweigend da, eigentlich redeten wir die gesamte Zeit. Über uns, unsere Leben, unsere Pläne.

SSX Tricky war damals ein toller Anlass für mich und meine Schwester, um einfach mal zu quatschen.SSX Tricky war damals ein toller Anlass für mich und meine Schwester, um einfach mal zu quatschen.

Als diese Spiele dann wieder in meinem Laufwerk landeten, kamen mir also keine "Retro-Gefühle". Keine Schwelgen darin, wie gut diese Spiele früher waren. Kein Erinnern an Level, Charaktere oder Schwierigkeitsgrade. Sondern vielmehr ein Wieder-Erfahren von Gefühlen, die ich damals hatte. Von Situationen, in denen ich die Spiele zuerst erlebt habe. Von den Menschen, mit denen ich diese Erfahrungen gemacht habe. Und ich denke, dass dies das Schöne an alten Spielen ist - und an Spielen, die bald alt sein werden - sie lassen einen erneut durchspielen, was mal war. Wie man mal war.

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