Assassin's Creed - Hat die Reihe ihren Zenit überschritten?

(Kolumne)

von Stefan Wirth (01. August 2019)

Als ich zuletzt aus der Langeweile des Sommerlochs heraus Assassin’s Creed 3 Remastered startete, hatte ich ein Gefühl, welches ich schon ewig nicht mehr beim Spielen der Reihe hatte. Es hat sich nach Spaß angefühlt statt nach Arbeit. Mir drängte sich unweigerlich die Frage auf: Sind die besten Tage von Assassin’s Creed vorbei?

Was sind das nur für verrückte Zeiten, in denen wir leben? Politik, Technik, Gesellschaft, Klima - aus all diesen Resorts hagelt es täglich eine solche Unmenge von Schlagzeilen, dass man bei dieser Informationsflut doch fast versucht ist, in einen Animus zu steigen und dem idyllischen Tagwerk eines mittelalterlichen Leibeigenen nachzugehen, der mit 27 Jahren an der Pest stirbt. Doch dieser Luxus ist leider nur den Protagonisten der "Assassin’s Creed"-Reihe vergönnt. Diese sind aber mit ihrem seit Jahrtausenden andauernden Konflikt mit den Templern so beschäftigt, dass keine Zeit bleibt, fünf grade sein zu lassen.

Da nutzen sie den Animus dann doch lieber dazu, um verstaubte Artefakte in noch verstaubteren Ruinen ausfindig zu machen. Was sie sich damit erhoffen, ist das Zünglein an der Waage des weltherrschaftlichen Gleichgewichtes eine Weile zu ihren Gunsten zu kippen. Ehrlich gesagt, ist das mittlerweile auch nicht mehr spannender als das Leben des Leibeigenen, dennoch verwundert es da fast ein wenig, dass gerade in diesem hochpolitischen Jahr 2019 das beliebte Franchise um den ebenso hochpolitischen Assassinen-Templer-Konflikt in die Pause geht und zum ersten Mal seit zwölfjährigem Bestehen den Fans kein neues Futter, sei es in Form eines Haupteintrages oder Spin-offs, geboten wird.

Doch kein Grund zu verzweifeln, erst letzten Monat erschien mit "Das Urteil von Atlantis" der letzte DLC für AC: Odyssey

Natürlich ist dieser Umstand verkraftbar, erschien mit Das Urteil von Atlantis doch erst Mitte Juli die finale Episode der Atlantis-Erweiterung von Assassin’s Creed: Odyssey. Aber um einmal ganz ehrlich zu sein, da hatte ich Odyssey seit schon mehr als einem halben Jahr nicht mehr angerührt. Was mir aber zuletzt Spaß gemacht hat, und das sogar noch nach den Einführungsleveln, war die im Mai erschienene Remastered-Version von Assassin’s Creed 3. Einen kurzen Moment habe ich daraufhin an meinem Geschmacksurteil gezweifelt, landet der dritte Teil im spieltipps-Ranking nur auf Platz neun und damit weit hinter Odyssey.

Was sich daran anschloss, war eine mehrstündige Recherche mit der allgemein wohl wichtigsten Erkenntnis, dass solche Listen letzten Endes immer etwas subjektiv sind. Die andere für diesen Artikel wichtige Erkenntnis war, dass hauptsächlich Journalisten Odyssey vor dem dritten Teil sehen, schaut man allerdings auf die User-Wertungen verschiedener Seiten, zeichnet sich ein ausgeglicheneres Bild.

Die goldene "Assassin’s Creed"-Ära

Nach zwölf Jahren, die es diese Reihe nun schon gibt, ist es leicht zu vergessen, wie revolutionär die Spiele einst waren. Für den ersten Teil habe ich das schon mal in einem Artikel zusammengetragen. Aussichtstürme, das auf Kontern und Attentaten aufgebaute Kampfsystem und natürlich das Klettern waren aber bei weitem nicht die einzigen Neuheiten, welche die frühesten Beiträge der Reihe zu bieten hatten.

Was für immer Assassin’s Creeds Alleinstellungsmerkmal sein wird, einfach, weil diese großartige Spielmechanik nie kopiert wurde, ist das dynamische Untertauchen in einer Masse von Menschen. Natürlich fühlt sich das rückblickend sehr steif an, gehen die Gruppen doch immer einen vorgeschriebenen Weg ab, aber was entspricht dem Vorgehen der Assassinen stärker, als aus der Masse ungesehen zuzuschlagen, um sich darin dann sprichwörtlich aufzulösen? Was gleicht dem Nervenkitzel, sich so offensichtlich, aber eben doch versteckt durch ein Sperrgebiet zu manövrieren?

Das Untertauchen in der Masse: offensichtlich versteckt hinter feindlichen Linien.Das Untertauchen in der Masse: offensichtlich versteckt hinter feindlichen Linien.

Dazu gesellen sich Kletterpartien, die damals eben doch noch ein bisschen anspruchsvoller waren und in Asassin’s Creed 2 und den darauf folgenden Teilen Brotherhood und Revelations sogar die Grundlage für ganze Level bilden konnten. Aber natürlich möchte ich die rosarote Rückblickbrille auch absetzen. Der erste Teil wird mittlerweile vom zarten Hauch der Alters-Unspielbarkeit umweht und auch die Ezio-Trilogie ließ der Zahn der Zeit zweifelsfrei nicht verschont.

Die Wunderwaffe uninspirierter Spieleentwickler

Genauso kritisch gilt es sich allerdings mit dem neuesten Eintrag der "Assassin’s Creed"-Reihe auseinanderzusetzen. Ich werde es jetzt hier sagen, weil ich im Folgenden nur wenige gute Worte darüber verlieren werde: Odyssey ist kein schlechtes Spiel, es ist handwerklich solide, die Spielmechaniken ergeben ein rundes Ganzes und es bietet für das verlangte Geld einen wirklich anständigen Umfang.

Was jedoch den Innovationsgrad angeht, liegt Odyssey bei null und ordnet sich damit auf der gleichen Ebene wie die tausenden Portierungen von The Elder Scrolls 5 - Skyrim oder egal welchem Musou-Spiel ein (solltet ihr nicht wissen, was das ist, findet ihr in diesem Artikel die Erklärung).

Ausnahmslos alles, was es in Odyssey spielmechanisch gibt, ist aus anderen Spielen adaptiert, wenn auch nicht zwingenderweise aus Assassin’s Creed. Beispiele gefällig? Der Schiffskampf stammt aus dem sechs Jahre alten Assassin’s Creed 4: Black Flag, das Schleichen, Zähmen von Tieren, das Kampfsystem und die Söldnermechanik stammen in abgewandelter Form aus Mittelerde: Mordors Schatten (welches wiederum von den frühen AC-Teilen und der "Batman Arkham"-Reihe inspiriert ist) und die Gebietsschlachten, sowie das Ausrüstungssystem aus dem Nachfolger Mittelerde: Schatten des Krieges.

Gewürzt wird diese Suppe des schon einmal Dagewesenen mit den geheimen Zutaten uninspirierter Spieleentwickler – Rollenspielelementen und Sammelaufgaben. Aufgebläht wird das Ganze zur größten Welt, die Assassin’s Creed je hatte. Ach ja, vergessen wir nicht die tausenden Versionen, die mit variierendem Nippes und Zusatzinhalten ausgestattet sind und Ta-da! Fertig ist der massentaugliche Verkaufsschlager namens Einheitsbrei. Natürlich macht die kreative Flaute die neueren Assassin’s Creeds nicht zu schlechten Spielen, vom revolutionären Ruf der ersten beiden Teile ist jedoch nur noch ein Flüstern zu vernehmen.

Die neue Welt mit neuen Problemen

Auch wenn mir Assassin’s Creed 3 immer noch Spaß macht, kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass dies die erste richtige Bruchstelle ist, die stellvertretend für viele Probleme der Reihe steht. Ich muss aber auch zustimmen, wenn Ubisoft im damaligen Kontext von AC3 als ihr ambitioniertestes Projekt spricht. Die neue Engine stellt da nur den Anfang dar. Eine Vielzahl neuer Waffen, Schiffskampf, freies Zielen im Fernkampf, Klettern auf Bäumen und Felsen, Belauschen von Personen und Jagen sind nur einige der Neuerungen, die der dritte Teil mit sich brachte.

Jedoch gibt es ein großes Problem, dass die Verlagerung der Serie auf den nordamerikanischen Kontinent mit sich brachte. Die Architektur der britischen Kolonien ist furchtbar langweilig und eintönig. Das mag sich zunächst halb so wild anhören, hatte aber frappierende Folgen. Die Eintönigkeit, die den Missionen vorgeworfen wurde, geht nicht etwa auf schlechtes Missions-Design, sondern auf ein Level-Design zurück, das aus der Vorlage einfach nicht mehr machen konnte. Wo sich Ezio in minuziöser Kleinstarbeit durch riesige italienische Kathedralen oder byzantinische Kirchen schwang, erkletterte Connor die fünfzigste Holzkapelle.

Im Vergleich mit den früheren Teilen blieb die Architektur in AC3 eher farblos.Im Vergleich mit den früheren Teilen blieb die Architektur in AC3 eher farblos.

Ubisoft war sich des Problems anscheinend bewusst, so wurde das Klettersystem einfacher, aber auch dynamischer, um darüber hinwegzutäuschen. Es wurde aber auch das Klettern in der Wildnis, auf Bäumen und Felsen zu einem zentralen Element. Sogar in der Geschichte wird Connors Kletterfähigkeit aufgegriffen. Diese resultiert daraus, dass er ein amerikanischer Ureinwohner vom Stamm der Mohawk ist.

Aber auch das hatte nicht den gewünschten Effekt. Die verwinkelte Renaissance-Architektur Europas mit den vielen versteckten Ecken, aus denen heraus sich wunderbar Attentate verüben lassen, konnte einfach in der amerikanischen Wildnis nicht adaptiert werden. Das sorgte in letzter Konsequenz für ein weniger freies Missions-Design, bei dem sich häufig ein bestimmter Weg und Missionsablauf als der überlegene herausstellte. Durch die Nebenziele zur einhundertprozentigen Synchronisierung wurde dieser Effekt nur noch verstärkt.

Von Piraten, Templern und Revolutionären

Mit dem Sprung in den Heuhaufen, der sich damals noch die neue Konsolengeneration nannte, geriet die Assassinen-Reihe in eine Art Midlife Crisis, geprägt von immer neuen, teils unfertigen Impulsen. Der qualitative Höhepunkt dieser Etappe kam direkt zu Beginn. Black Flag war das Piratenspiel, von dem zumindest ich nicht wusste, dass ich es immer haben wollte. Allerdings geriet dafür der Assassinen-Aspekt in den Hintergrund, denn actionreiche Schiffskämpfe bestimmten das Bild.

Im Jahr darauf erschienen mit Assassin’s Creed: Rogue und Assassin’s Creed: Unity gleich zwei Ableger für die unterschiedlichen Konsolengenerationen. Rogue wollte euch die andere Seite, die der Templer, präsentieren, allerdings ist davon wegen des erneuten Piratenszenarios nicht so viel im Gedächtnis geblieben. Unity andererseits sollte Assassin’s Creed so richtig in die nächste Generation heben, sich aber auch auf die Wurzeln der Reihe besinnen. So kehrtet ihr nach Europa zurück, dieses Mal während des Zeitalters der Aufklärung. Paris während der Französischen Revolution versprach ein großartiges Szenario zu werden, Kämpfe sollten schwieriger, Missionen abwechslungsreicher und die Lösungsansätze zahlreicher werden.

Paris während der Revolution kann auch heute noch visuell überzeugen.Paris während der Revolution kann auch heute noch visuell überzeugen.

So viel Potenzial steckte in Unity, Paris ist immer noch der schönste Schauplatz der Reihe, doch trotz all dieser hochgesteckten Ambitionen fiel es durch. Grund dafür waren vor allem die technischen Fehler. Nachfolger Assassin’s Creed: Syndicate konnte da leider auch nicht besser abschneiden. Kreativer Stillstand war die Krankheit, die diagnostiziert wurde. Zwar gab es immer neue Ansätze, wegen des engen Veröffentlichungsplans konnten diese aber nie auf spannende, erfrischende Art und Weise umgesetzt werden.

Kopieren geht über Probieren

Assassin’s Creed hatte den Tiefpunkt erreicht, weshalb es Zeit war für eine Pause, die etwas länger dauern sollte als üblich. Zwei Jahre nahmen sich die Entwickler der Hauptreihe Zeit, die dann schließlich mit Assassin’s Creed: Origins fortgesetzt wurde. Und was für eine Fortsetzung das war, wenn man den Kritikern Glauben schenken mag. Demnach hat es die AC-Reihe geschafft. Die technischen Probleme und das immer gleiche Spielprinzip gehören der Vergangenheit an. Assassin’s Creed steht in der zweiten Blüte und Nachfolger Odyssey hat das nur noch bestätigt.

Aber so einfach ist es nicht. Es reicht nicht Schatten des Krieges mit Rollenspielwürze in der griechischen Antike nachzubauen. Durch die riesige Welt schallt das ohrenbetäubende Gähnen der Einfallslosigkeit. Die einzige wirkliche Neuerung ist, dass Assassin’s Creed nicht mehr als attentatsbasiertes, sondern als hitboxbasiertes Actionspiel langweilt. Deswegen ist jeder Person zuzustimmen, die meint, die Trilogie um Ezio sei den neuen Spielen vorzuziehen. Nicht weil diese im Vergleich aus heutiger Perspektive besser wäre, aber weil diese sich getraut haben, selbst Innovationen zu schaffen, statt Erfolgsrezepte zu adaptieren.

Meine Hoffnung, die eigentlich eher an eine Illusion grenzt, ist, dass Ubisoft in der zweijährigen Pause wirklich in sich geht, um zu überlegen, ob nicht doch noch irgendwo in den alten Knochen der AC-Reihe Innovationspotenzial steckt. Was würde ich für ein Assassin’s Creed geben, bei dem ich Attentate ähnlich der Überfallmissionen eines GTA 5 selbst minutiös planen kann, anstatt dass meine Entscheidungsmöglichkeiten darauf beschränkt sind, ob ich den Weg durchs Fenster oder die Tür als meinen Schleichpfad zum Opfer bevorzuge. Ich würde mich auch über weniger Kämpfe freuen, wenn es bedeutet, dass das Untertauchen in der Masse zurückkommt. Ein wichtiges Opfer ungesehen zu eliminieren erfüllt mich mit größerer spielerischer Befriedigung als 100 gesichtslose Soldaten auf einmal zu besiegen.

Vielleicht überrascht mich Ubisoft 2020 mit einem Assassin’s Creed das ganz anders ist und sich mit weniger Action, dafür einer komplexeren Darstellung des vielseitigen Assassinen-Handwerkes präsentiert. Was aber wahrscheinlich kommen wird, ist eine größere Welt mit mehr Action, mehr Kämpfen, mehr Sammelaufgaben, mehr Ausrüstung und mehr Langeweile.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja – Assassin’s Creed hat seine besten Tage gesehen und Nein – Origins und Odyssey sind nicht die so lange erhoffte zweite Blüte, sondern haben dieselben Probleme in anderer Verpackung. Wenn es nun einmal der Anspruch ist, jedes Jahr ein neues Spiel herauszubringen, tritt die Konvention zwangsläufig vor die Innovation. Da die Verkaufszahlen allerdings stetig steigen, wird sich an diesem Produktionssystem wohl in naher Zukunft nichts ändern. Schade! Ich würde gerne wieder ein gutes, nicht nur ein handwerklich solides Assassin’s Creed spielen.

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Tags: Open World  

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