PlayStation 5 | Sterben klassische JRPGs aus? Sorgen und Wünsche eines Fans

(Kolumne)

von René Wiesenthal (17. August 2019)

Klassische Japano-RPGs stehen hierzulande bereits in dieser Konsolengeneration auf wackeligen Beinen, gerade auf PS4, auf der ich am meisten spiele. So wie sich der Markt entwickelt, mache ich mir etwas Sorgen um die weitere Zukunft des Genres. Die Beobachtungen und Wünsche eines künftigen "PlayStation 5"-Käufers.

Ich sehe schon eure ersten Reaktionen vor meinem geistigen Auge: Einspruch! Auf PlayStation 4 gibt es viele coole JRPGs, und viele davon haben sich auch bei uns gut verkauft. Es ist richtig, dass Rollenspiele aus Fernost nicht ausgestorben sind und sich auch hierzulande nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Final Fantasy 15 war ein Kassenschlager, genauso Kingdom Hearts 3 und auch Persona 5 war ein für viele unerwarteter Erfolg. Alle drei sind aber auch bezeichnend für einen Trend, den JRPGs eingeschlagen haben: Sie entfernen sich von den Ursprüngen des Sub-Genres oder aber den Ursprüngen der eigenen Reihen.

Die Ära PlayStation 2: Eine fantastische Zeit für JRPGs

Doch fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Die Menge und der Variantenreichtum an JRPGs ist über die letzten Konsolengenerationen hinweg stetig zurückgegangen. Von der Blütezeit zum Anfang und zur Mitte der 90er-Jahre bis hin zu den Zeiten der PlayStation 2 war der Markt noch voll von einer großen Bandbreite solcher Spiele.

Shadow Hearts: From The New World - lange ist's her

Sony hat sich mit der PS2 und deren für Konsolen damals revolutionären Gestaltungsmöglichkeiten einen besonders guten Stand unter JRPG-Fans erarbeitet. Die PS2-Ära ist vermutlich nicht nur mir als enorm reichhaltige Zeit für das Genre in Erinnerung geblieben: Bewährte Marken wie Suikoden, Wild Arms und Grandia standen hier neben experimentellen Neuschöpfungen wie Dark Cloud, Yakuza und Shadow Hearts. Bis heute bin ich nicht damit fertig geworden, alle für mich interessanten PS2-Rollenspiele nachzuholen.

In der siebten Konsolengeneration zog Microsoft nach. War die erste Xbox noch kaum mit Genrevertretern bestückt, erschienen viele JRPGs nicht nur auf PS3, sondern ebenso auf Xbox 360. Dank der exklusiven Verpflichtung der Mistwalker Studios bekamen Besitzer der Microsoft-Konsole mit Blue Dragon und dem großartigen Lost Odyssey sogar coole Exklusiv-JPRGs. Nun sind wir in Generation 8 angekommen und an der Schwelle zu einem weiteren Generationenwechsel, der nach aktuellen Trends einen großen Schnitt für JRPG-Fans bedeuten könnte.

JPRGs nur noch für die breite Masse?

Im Laufe der siebten Generation hat sich nämlich eine Kluft im JRPG-Genre aufgetan, die sich immer mehr weitet: Die wirklich beliebten und erfolgreichen Franchises bewegen sich fast nur noch im Triple-A-Bereich und richten sich dort zunehmend an ein "General Interest"-Publikum, beziehungsweise eher westlich geprägte Geschmäcker - wo Spiele mit japanischer Handschrift hierzulande einmal eher als Nischen-Hobby galten. Die eingangs erwähnten Spiele, Final Fantasy 15, Kingdom Hearts 3 und auch Persona 5 stehen exemplarisch dafür.

Moment, das soll ein angepasstes JRPG sein?

Bei letzterem sehe ich bereits den Einwand kommen, das Spiel sei erfolgreich obwohl es sehr japanisch ist. Dabei muss man allerdings im Hinterkopf behalten, dass der Erfolg nicht von ungefähr kommt. Denn Atlus hat sich hier für Serienverhältnisse deutlich gen Westen gebeugt. Nicht nur hat man die namentlichen Verbindungen mit der zu Grunde liegenden "Shin Megami"-Reihe gekappt, sondern auch die bewährte Persona-Formel inhaltlich und spielerisch für ein breiteres Publikum aufbereitet.

So ist die Waagschale stärker in Richtung Stil und Inszenierung und weg von erzählerischer und spielerischer Tiefe gekippt. Ob das gefällt, ist Geschmackssache, ein Signal ist es aber. Das Signal, dass gestandene japanische Entwickler immer mehr auf den europäischen und amerikanischen Markt schielen und uns nicht zutrauen, urige JRPGs im gleichen Maße abzunehmen wie angepasste. Was ja durchaus stimmen mag.

Wie klassisch ist klassisch eigentlich?

Da das Genre nicht völlig homogen ist, sollte ich vielleicht dazu sagen, was ich mit klassischen JRPGs meine - also ein paar der fernöstlichen Entwicklungsgepflogenheiten nennen, für die ich das Genre mögen gelernt habe.

So bin ich ein großer Fan von kräftigen oder aber eindrucksvollen Farben. Es muss nicht immer kunterbunt sein, JRPGs haben für mich schon immer durch eine kontrastreiche, einzigartige Farbästhetik begeistert. Die ist natürlich auch aus der japanischen Zeichentrickkunst erwachsen, die auch dem Design von Figuren und Welten oftmals zu Grunde liegt, welches wohlige Erinnerungen an die liebsten Animes der Kindheit weckt. Grafische Brillanz oder gar Realismus ist mir dabei so gar nicht wichtig – liebevolle, kleine Details und ein stimmiges Gesamtbild möchte ich.

Außerdem mag ich nach wie vor taktische Kämpfe. Ob die durch Zufallsbegegnungen ausgelöst werden und ganz streng in starren Runden ablaufen (ja, stehe ich auch drauf), ist nicht einmal entscheidend. Wichtig ist, dass ich die Möglichkeit bekommen möchte, durch überlegtes und vorausschauendes Handeln zum Sieg zu gelangen.

Einen Hauch von Märchen

Und am Wichtigsten: Ich hätte gern wieder einen Hauch von Märchen. Ich möchte einen guten Grund haben, mit meinen Figuren auf Reisen zu gehen und mich wirklich auf die Geschichte einlassen können, auch wenn sie nicht realitätsnah ist. Ich möchte fantasievolle und liebevoll gestaltete Welten sehen, deren Einwohner ich gern kennenlerne, umrahmt von einprägsamen Soundtracks.

Meine Leidenschaft für JRPGs wäre wohl niemals entstanden, hätte Grandia auf der PlayStation damals nicht so perfekt meinen kindlichen Entdecker- und Abenteurerdrang angesprochen und mich zum Reisen in seine fantasievolle Welt eingeladen. Grandia tritt in Form von HD-Neuauflagen der ersten beiden Teile wieder auf den Plan, viel lieber wäre mir, die Reihe würde mit moderner Technik fortgeführt.

Grandia | Trailer zum HD-Remaster

Klar, früher war nicht einfach alles besser und ich finde es völlig in Ordnung, dass es JRPGs wie Final Fantasy 15 gibt. Doch ich hätte gern wieder mehr Auswahl und Vielfalt, so dass der konservative JRPG-Fan in mir nicht irgendwann nur noch alte Schätze aus der Vergangenheit ausgraben muss.

Und da sieht es aktuell eben zunehmend arm aus: Die letzten Tales-Teile blieben hinter den Erwartungen zurück, Lost Sphear und I Am Setsuna hatten bis auf einen nostalgischen Charme nicht viel zu bieten, Stangenware wie die Atelier-Reihe ignoriere ich komplett. Wenn etwas im Genre auf PS4 herausragte, blieb das im Vergleich zur letzten und vorletzten Konsolengeneration eher die Ausnahme.

Ich hoffe, dass JRPGs in der kommenden Konsolengeneration eine Renaissance erleben und nicht nur noch im für meinen Geschmack etwas zu stark angepassten Triple-A-Markt, in Hommagen aus dem Indie-Bereich oder halbgaren Double-A-Produktionen stattfinden. Ich werde mir nach aktuellem Stand ziemlich sicher eine PS5 kaufen, und bin gespannt, was eventuell noch auf Switch kommen mag – beispielsweise vielleicht endlich einmal das neue Shin Megami Tensei. Ich wünsche mir aber auch, dass sich Publisher erneut trauen, mehr der ja durchaus vielfältiger existierenden Japan-Rollenspiele in den Westen zu bringen.

Tags: Anime  

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