Cyberpunk 2077 | Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll

(Kolumne)

von Matthias Kreienbrink (21. August 2019)

Dieses Szenario, grandios. Diese Stadt, gigantisch. Diese Möglichkeiten, scheinbar unendlich. Doch dann: das Gameplay, die Haltung der Entwickler. Ich weiß echt noch nicht, was ich von Cyberpunk 2077 halten soll.

Cyberpunk 2077 | Die spielerischen Grundlagen für das Abenteuer:

Auf der gamescom hatte ich die Möglichkeit, mich mit Richard Borzymowski, einem Produzenten von Cyberpunk 2077, zu unterhalten. Der hatte einige interessante Dinge zu sagen. Etwa sein Lieblings-Details aus dem Spiel:

„Alle Anzeigen, die man im Spiel sieht, sind wirklich in der Spielwelt, kein draufgesetztes HUD“. Lebens-Anzeigen oder Munitions-Stand werden durch Augmentierungen angezeigt, die die Spielfigur selbst eingebaut hat. Oder aber die vielen Sprachen in der Stadt Night City, die durch eine Augmentierung als Untertitel übersetzt werden. Dies bringt eine ganz neue Art der Immersion für die Spieler.“

Das fasziniert mich: Eine Spielwelt, die in sich geschlossen ist, nach ihren eigenen Regeln funktioniert. Doch dann die nächste Frage, die ich dem Produzenten stelle: Kann so ein gigantisches Spiel wie Cyberpunk 2077, das sich mit Themen wie Menschlichkeit, Mega-Kooperationen oder auch Identität beschäftigt eigentlich auch die Spieler und ihre Weltsichten formen? „Ja sicherlich“, sagt er. Aber: „Wir wollen in dem Spiel aber selbst keinen Standpunkt einnehmen“. Also mal wieder der Versuch von großen Studios, das Politische ihrer Spiele zu verneinen. Anzuerkennen, dass Videospiele auch gesellschaftlichen Impact haben – besonders dann, wenn sie selbst eine Aussage haben, wie in jedem anderen Medium auch.

Fantastische Ausichten in Cyberpunk 2077.Fantastische Ausichten in Cyberpunk 2077.

Nach dem Interview darf ich mir dann noch eine etwa 50-minütige Demo anschauen. Spielen kann ich nicht selbst, nur zuschauen, wie jemand anderes spielt. Daher kann ich mich natürlich nicht dazu äußern, wie sich Cyberpunk 2077 spielt. Doch auch hier fühle ich wieder diesen Zwiespalt. Natürlich sieht das, was ich da sehe, echt super aus. Die Grafik ist toll, die Spielwelt sieht unglaublich lebendig aus. Diese Stadt strotzt vor Charisma und einer eigenen Identität. Ich kann mir vorstellen, wie ich Stunden um Stunden einfach nur damit verbringe, zu erleben, wie diese Welt funktioniert – welche Regeln sie hat, wie ich mit den Bewohnern interagieren kann.

Ähnliches habe ich auch schon in Red Dead Redemption 2 gemacht, wo die Spielwelt für mich ein eigener Charakter ist, der seine ganz eigene Geschichte erzählt. Im Laufe der Demo zu Cyberpunk 2077 geht es jedoch zunehmend nur noch um eines: Schießen. Ein Gebäude wird infiltriert und obwohl die Entwickler versichern, dass man das Spiel auch komplett durchspielen könne, ohne jemanden zu töten, passiert vor allem das: Töten.

Töten als Haupthandlungsaktion? Das wäre zu wenig.Töten als Haupthandlungsaktion? Das wäre zu wenig.

Versteht mich nicht falsch, auch das kann großen Spaß machen und für Stunden unterhalten. Aber das kann ich schon in 214124 anderen Spielen machen – alleine dieses Jahr. Die Kämpfe erinnern an eine Mischung aus The Division 2 und Deus Ex. Die wirklich interessante Welt rückt in diesen in den Hintergrund und scheint nur noch eine Kulisse für tolle Gadgets zu sein, mit denen man in einer dystopischen Welt Menschen töten kann.

Bisher spüre ich bei Cyberpunk 2077 so eine Ambivalenz. Einerseits dieser gigantische Anspruch der Entwickler. Andererseits aber auch die Scheu davor, diese Welt wirklich zu nutzen. Die Komplexität ihrer Gesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken und damit auch einen Standpunkt einzunehmen. Ja, ich freue mich auf den Release des Spiels – ziemlich sogar. Meine Freude würde sich aber noch steigern, wenn ich mal Demos zu dem Spiel sehen würde, die sich nicht nur um Kämpfe drehen. Denn – bei aller Liebe – das ist so oft so austauschbar.

Tags: gamescom  

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