Test Control | Nicht der versprochene Brainfuck

von Michael Sonntag (26. August 2019)

Shooter, Mystery, übernatürliche Fähigkeiten - Entwickler Remedy Entertainment lädt dazu ein, in Control die mysteriöseste Behörde der Welt aufzuräumen. Nachdem wir das Spiel nun ausgiebig spielen konnten, können wir euch sagen, inwiefern der Entwickler ein großes Spiel geplant und dann anscheinend die Kontrolle darüber verloren hat.

Paranormale Schießereien, Mystery-Story, Dimensionschaos - Das ist Control:

Vorab: Für ein optimales Spielerlebnis empfehlen wir euch, die Sprachausgabe von Control auf Englisch mit deutschen Untertiteln zu stellen.

Kleiner als die Summe seiner Teile

Eine Frau fliegt durch dunkle Ruinen, bekriegt sich superheldenmäßig mit Kreaturen, ist einer Verschwörung auf der Spur - Als die ersten Trailer von Control über die Bildschirme liefen, blieben viele Fragen unbeantwortet, aber die Prämissen wirkten schon sehr vielversprechend. In den Köpfen der Spieler wurden die Schnipsel dann genommen, ergänzt und zu einem Spiel zusammengesetzt, das sie Ende August hoffentlich auf ihren Plattformen starten könnten.

Nun wurde der Schleier gelüftet - und je länger ihr Control spielt, desto mehr werdet ihr realisieren, dass das Ergebnis ein anderes ist. Ob es ein schlechteres ist, lässt sich nur subjektiv beantworten. Die bessere Frage lautet eher: Habt ihr mit dem Spiel, das es letztendlich wirklich ist, immer noch oder sogar mehr Spaß?

Zur Geschichte: Als Jesse Faden sucht ihr das Federal Bureau of Control (FBC) in New York auf, ein Ministerium, das nicht nur paranormale Geschehnisse rund um den Globus untersucht, sondern auch das größte davon in seinem eigenen Gebäude beherbergt.

Ein toller erster Arbeitstag: Rettet eure Behörde vor dem kompletten Kollaps!Ein toller erster Arbeitstag: Rettet eure Behörde vor dem kompletten Kollaps!

Kurz nach eurer Ankunft werdet ihr prompt zur Direktorin befördert, nicht gerade der attraktivste Posten, da die Organisation zurzeit von einer seltsamen Macht heimgesucht wird, die die Architektur durcheinanderbringt und dutzende Mitarbeiter in paranormale Kreaturen verwandelt. Zusammen mit den Mitarbeitern, Abteilungsleitern und einem schrägen Hausmeister müsst ihr nun das Chaos eindämmen und seine Hintergründe aufklären.

Die größte Stärke der Geschichte ist sein Mysterium, das sich an Stoffen aus Serienwelten wie Akte X, Stranger Things und Twin Peaks bedient, die in der heutigen Videospielwelt bereit für ein Revival sind. Wer ist Jesse Faden eigentlich? Warum redet sie mit sich selbst? Warum ist sie hier? Was ist geschehen?

Es gibt mehrere spannende Fragen, die euch motivieren, die Antworten zu suchen. Wenn es allerdings um die Enthüllung geht, liegen keine kryptischen oder gehirnsprengenden Antworten vor. Sie sind recht simpel, nicht unbedingt schlecht, aber sie lassen das Ganze auf wenig relevante Informationen zusammenschrumpfen. Schade. Denn es wäre definitiv mehr möglich gewesen. So wirkt es, als ob ein Sequel unvermeidlich ist.

Ein mysteriöser Insasse scheint der Schlüssel zum großen Geheimnis zu sein.Ein mysteriöser Insasse scheint der Schlüssel zum großen Geheimnis zu sein.

Gott in einer Schießerei

Das Gute an Control: Das Gameplay funktioniert komplett unabhängig von der dünnen Geschichte. Das Schlechte an Control: Das Gameplay beginnt zu schwächeln, sobald es die Dauer des Trailers überschritten hat. Stellt euch folgende Situation vor: Ihr lauft gerade in einen Büroraum, dann lassen rote Lichter dutzende Feinde erscheinen und schon geht's rund.

Mit einem Sprung schwebt ihr durch die Luft, weicht Schüssen aus, zieht einen Schreibtisch per Telekinese heran und schleudert ihn in die Menge. Es splittert, es brennt, es explodiert. Der Raum sieht anschließend wie ein brachiales Schlachtfeld aus, auf das ihr ein wenig stolz seid. Wirklich ein Riesenspektakel beim ersten Mal, aber es werden viele ähnliche Situationen folgen, die irgendwann ein monotones Muster dahinter erkennen lassen.

Es handelt sich stets um einen ungleichen Kampf. Prinzipiell kann euch der Gegner nur unpräzise Schüsse und Raketen entgegensetzen, im Idealfall kann er vielleicht noch seine Überzahl effektiv einsetzen, aber letztendlich ist er euren Mobiliar-Würfen und eurer Multiwaffe gegenüber machtlos.

Die Kämpfe sehen fantastisch aus - solange die Framerate mitspielt.Die Kämpfe sehen fantastisch aus - solange die Framerate mitspielt.

So mächtig und paranormal wie ihr ist er eben nicht. Selten haben wir Kämpfe erlebt, in welchen wir dazu genötigt wurden, von unserer bewährten Taktik abzuweichen. Es gab zudem noch eine Reihe ungenutzter Fähigkeiten und sogar ein verstaubtes Deckungs-Feature, die wir aber nur einsetzten, um uns selbst ein wenig mehr Show zu liefern.

Kurzum: Es macht Spaß mit den Fähigkeiten wie Fliegen, Schleudern und Übernehmen zu experimentieren, es ist ein optisches Spektakel, aber es stellt keine Herausforderung oder eine Handlung dar, die über Stunden am Stück Spaß macht, zumal viele Missionen genau das von euch verlangen: Gegner töten.

Die zugehörigen RPG-Elemente wie Waffen, Effekte und Fähigkeiten verbessern sind ein netter Zusatz, aber nicht notwendig, wenn es keinen Gegner gibt, der uns dazu bringt, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Sie dienen höchstens dazu, die Kämpfe abzukürzen - und ja, das ist in manchen Passagen echt empfehlenswert.

Die "Passierschein A38"-Dimension

Sobald ihr einen ungefähren Eindruck bekommen habt, was euch im FBC erwartet, dämmert euch eines: Von allen Ausbrüchen erlebt ihr nicht gerade den spannendsten. Das Ministerium hat eine lange und interessante Geschichte hinter sich, die ihr über (im Jahr 2019 nicht mehr zeitgemäße) Dokumente oder auflockernde Info-Filmchen mit echten Schauspielern genießen könnt.

Die kuriose Architektur und Wegfindung des Gebäudes zu begreifen, in Nebenmissionen dem Hausmeister zu helfen oder gegen dämonische Kühlschränke zu kämpfen, durch ein Labyrinth mit Rockmusik-Untermalung zu fliegen - die unterhaltsamsten Dinge geschehen abseits des Spielzentrums. Und für diese ist es der ganze Rest wert.

Das Gebäude verfügt über ein eigenes Bergwerk - wie krass ist das denn bitte?Das Gebäude verfügt über ein eigenes Bergwerk - wie krass ist das denn bitte?

Der packende Soundtrack, die interessanten Schauplätze, die skurrilen Figuren - sie alle sind die richtigen Materialien für das Spiel, das Control hätte sein können.

Aber das Skelett, an dem sie angebracht worden sind, lässt das gesamte Potenzial ungenutzt. Ein sehr durchwachsenes Spiel, das in manchem Detail vielversprechend aussieht, aber in der Summe seiner Teile deutlich kleiner und schlechter ausfällt.

Meinung von Michael Sonntag

Ach ja, die Trailer hatten mich überzeugt, und das letztendliche Spiel hat mich dann in einen Strudel aus kleinen Überraschungen und größeren Ernüchterungen geworfen. Selbst Dead Space hatte eine spannendere Geschichte, Prototype 2 verfügte über interessantere Fähigkeiten. Am Ende des Tages macht Control Spaß, ist aber unter der Erwartungsblase zusammengebrochen.

Dünne Geschichte, brachiales Gameplay, das die Technik zerschießt, merkwürdig aufbereitete Welten - Es sind dieselben Probleme, unter denen Alan Wake und Quantum Break ebenfalls gelitten haben. Ich bin nicht enttäuscht, eher verwirrt. Für die kleinen interessanten Momente bin ich dankbar. Für das, was ich aufbringen musste, um es zu erleben, nicht.

79

spieletipps meint: Ein Mystery-Shooter, der spannende Geschichten nebenbei erzählt, aber darüber hinaus die Kontrolle verloren hat.

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