Suda51 | Über Casual-Gaming, kreative Freiheit und das Besondere an japanischen Spielern

(Special)

von René Wiesenthal (27. August 2019)

Es gibt in der Branche einige Namen, bei denen man aufhört. Suda51 gehört sicherlich dazu. Auf der gamescom hatten wir die Gelegenheit, uns mit ihm ausführlich über seine Arbeit und die Branche zu unterhalten.

Rechts: Suda51, Links: Irgend so'n "René Wiesenthal"-Cosplayer.Rechts: Suda51, Links: Irgend so'n "René Wiesenthal"-Cosplayer.

Der japanische Entwickler Goichi Suda, den meisten Spielern wahrscheinlich eher bekannt als Suda51 (go = fünf, ichi = eins) , ist ein Ausnahmeentwickler. Nachdem er in jüngeren Jahren unter anderem als Leichenbestatter seinen Lebensunterhalt verdiente, kam er über eine Stellenanzeige in die Videospielbranche und half bei der Entwicklung von Super Fighter Pro Wrestling 3 für das SNES – was ihm die Tür in die Games-Industrie eröffnete.

Im Jahr 1998 gründete er sein eigenes Studio namens Grasshopper, mit dem er auch das Kult gewordene Killer 7 entwickelte, welches ihm zu seinem weltweiten Durchbruch verhalf. In den Jahren danach arbeitete er mit Größen aus der Unterhaltungsbranche wie James Gunn und Shinji Mikami zusammen. Mittlerweile kann er auf eine Reihe vor allem sehr ungewöhnlicher, gewalthaltiger sowie humorvoller Spiele zurückblicken, die unter seiner Regie entstanden sind - das bekannteste wohl die "No More Heroes"-Reihe, deren dritter Teil kommendes Jahr erscheinen soll. Wir haben mit Suda über kreative Freiheit, europäische Spieler und den Grund gesprochen, warum er der Welt bestimmte Teile Japans gern vorenthalten würde.

Warum ausgerechnet Videospiele?

Suda hatte schon immer eine Leidenschaft für Videospiele, war aber ein klassischer Quereinsteiger. Seine Ideen leben oftmals von fantastischen und absurden Geschichten – warum also hat er Videospiele als Medium gewählt, um sie umzusetzen? Wo diese ja bekanntlich nicht die erste und beste Wahl sind, wenn es ums Erzählen geht.

Mit Killer 7 kam der Durchbruch für Suda51:

Aus dem Mund von Suda klingt die Erklärung so, als sei es umgekehrt gewesen und die Spielebranche habe ihn gewählt: „Ich habe viel Glück gehabt“, sagt er. In seinem Kopf hatte er früher ein Bild von Spieleentwicklern, die wie Professoren zu Werke gingen und einen hochkomplizierten, wissenschaftlichen Job ausführten. Doch die Industrie habe in ihm etwas gesehen, nach dem es Bedarf gab. Noch heute ist er extrem dankbar dafür.

Wie wäre es denn mal mit Casual-Games?

Auf die Frage hin, ob er sich bei all den recht speziellen Figuren und Spielewelten, die er erschafft, denn nicht manchmal wünsche, eher gewöhnliche Spiele für ein breites Publikum zu produzieren, hat Suda eine klare Antwort: Er würde es fantastisch finden, wenn er die Chance bekäme, an einer großen Marke wie The Legend of Zelda mitzuwirken. Gleichzeitig, so sagt er, „wäre der Druck aber auch irre groß“ bei einem solchen Projekt.

No More Heroes: Travis Strikes Again - Sudas bisher bekannteste Marke begann auf der Wii und ist jetzt auf der Switch

Mit Grasshopper kann er seine Ideen frei ausleben, tun, worauf er Lust hat. „Und das möchte ich auch nicht ändern“, so Suda51. Er möchte mit seinem Studio weiter Erfahrungen bieten, die seiner Ansicht nach nicht in anderen Spielen zu finden sind.

Zerstören große Publisher die Kreativität?

In früheren Interviews äußerte sich Suda augenzwinkernd und durch die Blume kritisch über die Arbeit mit Electronic Arts am Spiel Shadows of the Damned. Es sei ein sehr zäher Prozess gewesen, Vorstellungen miteinander abzustimmen. Wir wollten von ihm wissen, auf welche Art denn große Publisher seiner Erfahrung nach kreative Prozesse beeinflussen.

Das könne man nicht so einfach sagen: „Das hängt ganz vom Projekt und vom Publisher ab.“ Und selbst, wenn man mehrfach mit dem gleichen Publisher zusammenarbeite, gebe es unterschiedliche Ansätze zwischen einzelnen Producern. „Manche lassen einem alle Freiheiten“, wiederum andere sind eher kontrollierend.

Kooperationen mit Regisseuren und Entwicklern?

Zusammenarbeit in der Spieleentwicklung umfasst nicht nur die Produktion auf Publisher-Seite. Suda arbeitete in der Vergangenheit, wie eingangs erwähnt, schon mit Größen wie dem "Resident Evil"-Urvater Shinji Mikami und dem Erfolgsregisseur James Gunn (Guardians of the Galaxy) zusammen. Danach gefragt, ob er denn jemanden auf der Liste hätte, mit dem er unbedingt zusammenarbeiten möchte, verneint er. Das mache er ebenso davon abhängig, woran er arbeitet, außerdem sei das eine Frage von günstigen Zeitpunkten und auch Glück. So habe sich die Zusammenarbeit mit bisherigen Partnern immer organisch entwickelt, da günstige Faktoren zusammenkamen.

Was unterscheidet den japanischen Spieler von uns?

Sudas Spiele sind auch außerhalb von Japan beliebt und erfolgreich, jedoch gelten sie hierzulande immer noch eher als Nischenspiele. Wir wollten von ihm wissen, wie sich denn seiner Ansicht nach westliche Spieler von den japanischen unterscheiden.

Das abgedrehte Shadows of the Damned ging aus der Zusammenarbeit mit Shinji Mikami hervor:

Ihm zufolge sei es in Japan viel stärker so, dass jede Firma beim Publikum mit ganz bestimmten Gefühlen verbunden ist. Jeder Publisher habe eigene Stile und bestimmte IPs, an die Spieler spezielle Erwartungen stellen, bis sie zu einer Art Legende werden. Dennoch, so Sudas Gefühl, sei es für japanische Spieler einfacher, neue Trends zu akzeptieren und diese mitzugehen.

Wenn Suda an deutsche Spiele denkt, fällt ihm sofort der Name Crytek ein. Außerdem glaube er, dass der PC-Markt im weltweiten Vergleich enorm stark sei. Und auch das Klischee vom strengen Deutschen kommt durch: „Deutsche Entwickler sortieren viel genauer aus, welche Elemente es ins Spiel schaffen und welche Ideen über Bord geworfen werden.“

Als jemand, der eigene Visionen sehr frei und ungehemmt in Spiele gießt (die Entwicklung von No More Heroes verglich Suda einst mit – Zitat – „Scheißengehen“), sollte er uns einmal sagen, ob es denn aktuelle Trends in Spielen gibt, die ihn stören.

Darauf hat er eine schnelle Antwort: „Werbung in Mobile-Games.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass es irgendjemand mag, wenn man am Smartphone spielt und alle drei Sekunden eine Werbeanzeige auftaucht. Danach gefragt, ob er beispielsweise Battle Royale als einen Innovationsmotor empfindet oder eher als nervig, reagierte er verständnisvoll. Das sei eine sinnvolle Sache, solange es eine so große Zahl an Menschen gebe, die "Battle Royale"-Spiele zocken und genießen.

Und was würde er gern ändern?

Zu guter Letzt wollten wir von Suda wissen, was er denn an der Spieleindustrie ändern würde, wenn er einen Wunsch frei hätte. Eine schwierige Frage für den Entwickler, wie sich zeigte. Er strauchelte lang, brachte dann wild gestikulierend die anderen Personen im Raum zum Lachen. Als der Übersetzer uns verriet, was sein Wunsch ist, verstanden wir warum: Suda hätte gern, dass die Tokyo Games Show woanders stattfindet.

Es sei ja immerhin die Tokyo Games Show und es störe viele Leute, dass sie in Chiba stattfindet. „Absolut niemand will nach Chiba reisen“, sagt er. Es gebe so schöne Stadtteile von Tokyo, zum Beispiel Roppongi. In Chiba könne man nichts trinken gehen oder rumhängen. Die Leute würden gern die ganze Nacht trinken, aber das ginge nicht in Chiba. Noch besser, sagt Suda, wäre eine Hawaii Games Show. „Dann könnte ich jedes Jahr ein paar Tage in Hawaii verbringen.“ Nun, wenn er sonst keine Sorgen hat!

Tags: gamescom  

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