Test Man of Medan | Orientierungslos durch die hübsch dekorierte Geisterbahn

von René Wiesenthal (28. August 2019)

Man of Medan gibt den Startschuss für die cinematische Dark Pictures Anthology von Entwickler Supermassive Games. Ihr steuert im Wechsel vier Charaktere durch ein Geisterschiff mit dem Ziel, zu überleben und nebenbei – wenn ihr das möchtet – ein Geheimnis zu lüften. Wir haben die Horrorgeschichte er- und überlebt, um euch ein Fazit zu geben.

The Dark Pictures: Man of Medan - so sieht es in Bewegung aus

The Dark Pictures: Man of Medan
• Publisher: Bandai Namco Entertainment
• Entwickler: Supermassive Games
• Genre: Horror, Adventure
• Release: 30.08.2019 (PC, PS4, Xbox One)
• Altersfreigabe: ab 18 Jahren
• Getestet auf: PlayStation 4

Nachdem wir The Dark Pictures Anthology: Man of Medan erstmals anspielten, waren wir zuversichtlich: Hier ist Potenzial da für eine leicht trashige, unterhaltsame Horror-Erfahrung. Nun haben wir das Spiel getestet, also die Solo-Kampagne durchgespielt, einzelne Kapitel mehrmals besucht und den Multiplayer-Modus ausprobiert. Das Resümee: Nach einem vielversprechenden Anfang fällt Man of Medan trotz (oder vielleicht sogar wegen) großer Ambitionen stark ab. Wir sagen euch, was das Spiel gut macht, was es nicht gut macht und für wen von euch es interessant sein könnte.

Sehr gut: Optik, die beGEISTert

Man of Medan ist ein aufwendig in Szene gesetzter, interaktiver Film. Supermassive Games leisten hier vor allem großartige Kameraarbeit, fangen die kunstvoll ausgeleuchteten Kulissen effektvoll in schönen Bildern ein. Ab dem Punkt, von dem an ihr in das verlassene Schiff eindringt, kommt diese Stärke des Spiels immer mehr zum Vorschein. Die Räumlichkeiten, die ihr betretet, sind in aller Regel starr, wenn ihr also mit euren Figuren die Flure des Geisterschiffs durchstreift, blickt ihr immer wieder auf ansehnliche, düstere Stillleben.

Wenn euch Man of Medan Kulissen bestaunen lässt, kann es beeindrucken.Wenn euch Man of Medan Kulissen bestaunen lässt, kann es beeindrucken.

Schlecht: Schatten mit Schattenseiten

Auch wenn Man of Medan also in einzelnen Bildern optisch beeindrucken kann, ist die zugrunde liegende Technik des Spiels leider auch ein großer Kritikpunkt. Denn sobald etwas mehr Bewegung ins Geschehen kommt, wird es hakelig. Man of Medan krankt im Zustand der Testversion bei schnellen Bildfolgen unter ständigen, ziemlich üblen Framerate-Einbrüchen.

Gespielt haben wir es auf einer Standard-"PlayStation 4". Die Ruckler sorgten hier im schlimmsten Fall dafür, dass Tasteneingaben bei Geschicklichkeitseinlagen nicht registriert wurden und wir somit an Passagen scheiterten, die eigentlich nicht schwer zu meistern gewesen wären. So zum Beispiel Quick-Time-Events oder Abschnitte, in denen durch rhythmisches Drücken einer Taste der Herzschlag einer Figur kontrolliert werden muss. Das ist im wahrsten Sinne fatal in einem Spiel, das Schicksale von Figuren mitunter an Einzelentscheidungen knüpft und sorgt damit für Frust.

Gut und weniger gut: Ein gespieltes Spiel

Diese ständig an der Schwelle zum Tod stehenden Figuren werden von echten Schauspielern verkörpert – und wissen zu unterhalten. Zwar kann nicht jeder und jede von ihnen mit dem Niveau von Shawn Ashmore (spielt Conrad) und Ayisha Issa (spielt Fliss) mithalten, welche vor allem in Sachen Voice-Acting großartige Arbeit leisten, dennoch ist das Schauspiel und die dazugehörige Vertonung der Figuren zu jeder Zeit professionell und gut gelungen.

Eine Macke an der Darstellung der Figuren, die sich schon beim Anspieltermin zeigte, zieht sich allerdings durch das komplette Spiel: Manchmal passen eingefügte Gesichtsanimationen nicht zur Situation oder der Bewegung des Körpers, weshalb das Agieren der Figuren hin und wieder auch unbeholfen und befremdlich wirkt.

Gut: Eine Geschichte, viele Varianten

Was man anerkennen muss, ist die Komplexität der Erzählung. Das Spiel ist zwar nicht lang, in vier bis sechs Stunden habt ihr den ersten Durchlauf im Solo-Modus bewältigt. Die Spielzeit hängt davon ab, wie viele Geheimnisse ihr auf dem Weg einsammelt und welche Entscheidungen ihr trefft. Jedoch bietet das Spiel einen großen Variantenreichtum, was den Verlauf von Sequenzen und Kapiteln angeht.

Bei manchen Entscheidungen geht es um Leben und Tod.Bei manchen Entscheidungen geht es um Leben und Tod.

Das bedeutet nicht, dass ihr bei unterschiedlichen Entscheidungen immer eine maßgeblich andere Geschichte erlebt. Schon wie in Until Dawn ist die Richtung der Handlung grob vorgegeben und ein weiterer Spieldurchlauf ist mehr ein Remix des Vorherigen als eine völlig neue Geschichte. Die Elemente, die variabel sind, weisen aber eine beachtliche Vielfalt auf und beeinflussen auch, wie viel Hintergrundwissen ihr über das Mysterium bekommt, welches das Geisterschiff umgibt.

Schlecht: Die Handlung

Doch um dieses Mysterium überhaupt aufdecken zu wollen, braucht es eine spannende Erzählung. Und das ist ausgerechnet der Punkt, an dem das Spiel am meisten krankt. Was bei einer Erfahrung, die sich fast ausschließlich auf die Handlung verlässt und kaum auf spielerische Elemente, ein großes Problem darstellt.

In den besten Momenten ist Man of Medan ein mittelmäßiger Horrorstreifen, zu oft wird es aber belanglos oder völlig unsinnig. Schon beim Überfall der Fischer auf euer Boot im Prolog des Spiels benehmen sich alle Figuren unglaubwürdig. Im weiteren Verlauf des Spiels kommt es immer wieder zu Begebenheiten, die vollkommen konstruiert und unschlüssig wirken, und nur dazu zu dienen scheinen, auf einen Konflikt, eine Überraschung oder eine Schrecksequenz hinauszulaufen. Irgendwann fragt man sich als Spieler (oder Zuschauer), was diese kopflos umherlaufenden Leute da eigentlich auf dem Schiff treiben und was sie denn gedenken zu tun.

Waren wir hier schon? Die Figuren laufen völlig planlos durch das Schiff.Waren wir hier schon? Die Figuren laufen völlig planlos durch das Schiff.

Zu oft entsteht der Eindruck, die Ambitionen der Autoren, eine möglichst breite Palette an unterschiedlichen Verläufen einzelner Situationen bereitzustellen, kommt mit dem Preis, dass Logik und Stringenz der Erzählung auf der Strecke bleiben mussten. Ganz extrem zeigt sich das in Momenten, die emotional ergreifend sein sollten, weil eine Figur einen geliebten Menschen verloren hat. Solche münden aber mitunter in Sequenzen, in denen plötzlich die Trauer in Sekundenschnelle überwunden ist.

Dazu kommt, dass das die Geschehnisse rahmende Geheimnis des Geisterschiffs nach kurzer Spielzeit gelüftet ist, wenn man auf Hinweise achtet. Zwar ist es erfreulich, dass man als besonders aufmerksamer und entdeckerischer Spieler Handlungsverläufe freischaltet, die deutlich mehr darüber verraten und einen tiefer eintauchen lassen. Wirklich große Überraschungen, wie ihr sie aus Until Dawn kennt, bleiben aber aus. Auch der Kurator, der zwischen manchen Kapiteln wie der Psychologe in Until Dawn zu euch spricht, schafft es trotz seiner Bemühungen nicht, Spannung aus dem Skript von Man of Medan zu wringen.

Horror, Grusel, Angst?

Zwischen den Filmsequenzen, die die Handlung vorantreiben, schaut ihr im Grunde Menschen dabei zu, wie sie unbegreiflich ziel- und orientierungslos durch ein altes Schriffswrack laufen – einen Raum nach dem anderen. Es wird versucht, in dieser erzählerischen und spielerischen Leere Gruselstimmung aufkommen zu lassen, indem ihr alle paar Meter einem der vielen Jump Scares des Spiels begegnet, die nach dem immergleichen Schema ablaufen.

Öffnet einen Schrank – irgendetwas springt euch begleitet von einem schrillen Geräusch entgegen. Öffnet eine Tür - irgendetwas springt euch begleitet von einem schrillen Geräusch entgegen. Lauft einen Flur hinunter ... ihr ahnt es schon. Diese Abläufe werden schon früh im Spiel öde, sie ziehen sich bis zum Ende durch und lassen Man of Medan wie ein Besuch in einer hübsch dekorierten Geisterbahn anfühlen.

KREISCH! Der Horror soll durch eine Vielzahl an Jump Scares erzeugt werden.KREISCH! Der Horror soll durch eine Vielzahl an Jump Scares erzeugt werden.

Sehr gut: Multiplayer-Modi für bis zu fünf Spieler

Bei all der Ernüchterung über die Handlung und den technischen Zustand von Man of Medan: Die beiden Mehrspielermodi machen dennoch Spaß. Ob ihr nun gemeinsam mit vier Freunden einen launigen Trash-Filmabend verbringt oder online mit einem Freund versucht, euch gegenseitig über die Klinge springen zu lassen: Das "Until Dawn"-Konzept auf Mehrspielererfahrungen auszuweiten ist folgerichtig, und sorgt für kurzweilige Unterhaltung. Wer dafür über die Schwächen des Spiels hinwegsehen kann und genau so eine Erfahrung sucht, könnte mit Man of Medan seine Freude haben.

Meinung von René Wiesenthal

Ich bin ein großer Angsthase, wenn es um Horrorspiele und -filme geht. Es ist also ein guter Indikator dafür, wie ungeschickt Man of Medan versucht, Angst zu erzeugen, dass ich mich beim Durchspielen nicht gefürchtet, sondern oft eher gelangweilt habe. Sobald ich einmal daran gewöhnt war, dass über die Erzählung keine Stimmung aufkommt und nur Jump Scares abgefeuert werden, konnte mich Man of Medan nicht mehr packen.

Das ist sehr schade, da ich das Konzept, das ich bereits aus Until Dawn kannte, sehr cool finde. Aber offenbar haben sich die Autoren von Supermassive Games etwas bei dem Versuch verzettelt, die Varianten an möglichen Spielabläufen auszuweiten und noch komplexer werden zu lassen.

Sobald es in den Multiplayer geht, funktioniert das trotz der Schwächen des Spiels dann auch, und ich habe mich unterhalten gefühlt. Wenn auch nur für kurze Zeit und unter Duldung teils heftiger technischer Macken. Es bleibt zu hoffen, dass Käufer hier zeitnah einen Patch nachgereicht bekommen, der diese behebt.

Sollte das der Fall sein, kann ich Man of Medan all den Spielern empfehlen, denen Schauwerte wichtiger sind als eine logische Handlung und spielerische Abwechslung. Wer einen interaktiven Trashfilm-Abend mit ein paar Freunden und haufenweise Snacks verbringen will, kommt bestimmt auf seine Kosten.

Spieler, die hoffen, ebenso gefesselt vor dem Bildschirm zu sitzen wie bei Until Dawn, mitzufiebern und mitzurätseln, werden vermutlich enttäuscht sein. Ich hoffe, dass die Zukunft der Dark Pictures Anthology vor allem in Sachen Erzählung mehr zu bieten hat als Man of Medan.

70

spieletipps meint: Große Ambitionen, teils tolle Kulissen und spannende Ansätze prallen auf technische Macken und eine öde, unschlüssige Handlung.

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