gamescom 2019 | Mir wurde etwas schmerzlich bewusst

(Kolumne)

von Mandy Strebe (31. August 2019)

Für mich, als jahrelange Privatbesucherin, welche mit einer unvergleichlichen Inbrunst für vier Stunden in Schlangen angestanden hat, nur um für 20 Minuten das heiß ersehnte Spiel zu zocken, stellte sich mit diesem Jahr erstmalig Ernüchterung ein. Ich vermisse die gelebte Leidenschaft für Videospiele. Leider ist sie irgendwo, irgendwie abhandengekommen. Doch gab es für mich einen Lichtblick.

Unsere gamescom-Erlebnisse nochmal ausführlicher zusammengetragen:

Neue Perspektive – Beruflich in der Business Area

Ich hetze verschwitzt mit meinem Handy bewaffnet durch die Massen an Menschen, wedle wild mit meinem Presseausweis und pendle dabei zwischen Entertainment Area und Business Area hin und her, mehrmals am Tag.

Ich war erstmalig nicht nur als Privatbesucherin, sondern auch als Spieleredakteurin auf der gamescom unterwegs und bekam die Chance in der Business Area direkt mit Indie-Entwicklern ins Gespräch zu kommen und über ihre Spiele zu sprechen. Dabei merkte ich vor allem eins: Leidenschaft.

Das steckte mich an und ließ mein weiches Gamer-Herz höher schlagen. Sie erzählten über liebevolle Details, lustige Anekdoten oder interessantes Insider-Wissen. Ich war entzückt.

Wie ein herzlicher Zockerabend auf der Couch

Besonders hervor stach dort der Termin mit einem der Entwickler von Thunder Lotus Games, welcher mit mir zusammen in einem gemütlichen Kämmerchen auf einem Sofa sitzend das Spiel Spiritfarer spielte.

Ich steuere Stella, die auf einem Boot mit Geisterseelen lebend, lernen muss, diese ziehen zu lassen – eine Lektion über das Sterben. Dabei kann ich in “Harvest Moon“-Manier Saaten anbauen, Kochen und zur wunderschönen Abwechslung meine Begleiter herzlich knuddeln.

Spiritfarer: Seht euch das herzerwärmende Prachtstück in bewegten Bildern an

Den Entwickler in Form eines kleinen Kätzchens namens Daffodil an meiner Seite zu wissen, der mich persönlich durch das Spiel begleitet und mir nützliche Tipps und Hintergrundinformationen an die Hand geben kann, ist eine unglaublich bereichernde Erfahrung, die verständlicherweise an überfüllten Ständen der Entertainment Area nicht geboten werden kann.

Die Qualen der Entertainment Area sind es (für mich) nicht mehr wert

Der harte Kontrast dazu wird deutlich, als ich zurück in die Entertainment Area stapfe. Lieblos gestaltete Stände, mehr Spielepräsentationen als wirklich anzuspielende Spiele und namhafte Publisher, die lieber gleich ferngeblieben sind. Die Hallen fühlten sich allgemein leerer an. Nicht an Menschen, sondern an Einfallsreichtum.

via GIPHY

Früher freute ich mich trotz übervoller Hallen und dem damit verbundenen Strapazen über aufwendig gestaltete Präsentationen (teilweise inklusive Rollenspiel-Inszenierungen!), Spiele die ich nicht hatte kommen sehen und die mich umhauten oder einfallsreiche Goodie Bags, die die gamescom jedes Jahr für mich zu einem erinnerungswürdigen und gelungenem Ereignis machten.

Nostalgische Freude in der Retro-Ecke

Danach suchte ich bei den bekannten Publishern nun vergeblich. Es fehlte mir so sehr an Charakter und Atmosphäre, dass ich mich dabei erwischte, wie ich im Retro-Bereich mit dem 25 Jahre alten Klassiker Hugo mehr Vergnügen erlebte als ich es mit einem der neu erscheinenden Spiele hatte.

Ein unvergesslicher Klassiker: Der kleine Troll Hugo (Ja, ich bin alt!)Ein unvergesslicher Klassiker: Der kleine Troll Hugo (Ja, ich bin alt!)

Der Amiga mit dem uralten Joystick und seiner trägen Reaktionsgeschwindigkeit versetzte mich in eine frühe, unbeschwerte Zeit, in der meine Leidenschaft ihren Ursprung fand. In der mich Spiele ewig vor dem Monitor fesseln konnten, weil ich in eine Welt abtauchen konnte, in der der Spielspaß im Vordergrund stand.

Die immer gleichen Konzepte und Spielmechaniken lassen mich abstumpfen, ich fühle mich übersättigt von der schier unendlichen Spieleflut an schon Dagewesenem.

Eine Liebeserklärung an die Indie-Arena

Einzig und allein Halle 10.2 konnte mich dieses Jahr zum Innehalten und Verweilen bewegen. Diese beherbergte wie jedes Jahr die Indie-Arena, in der kleine Entwicklerstudios die Möglichkeit haben, ihre Schmuckstücke auszustellen.

Die immer beliebter werdende Indie Arena BoothDie immer beliebter werdende Indie Arena Booth

Es ist ein besonderer Charme, der einen dort erwartet: Keine ellenlangen Schlangen, Menschen versammeln sich in Grüppchen und diskutieren angeregt über spielrelevante Themen, einfallsreiche und frische Spielideen und vor allem tiefgreifende Storys, oftmals mit einer wichtigen Message. Da trat der Fakt, dass es keine großen Stände mit imposanter Aufmachung sind, für mich völlig in den Hintergrund.

Die persönliche Atmosphäre, in der ich ein nettes Pläuschchen mit dem Entwickler führen konnte, der mir wichtige und interessante Informationen rund um sein Spiel gibt, wecken Neugier und bleiben in Erinnerung.

Wie mich eine Postkarte an ein Spiel fesselte

So blieb ich an einem aus Deutschland stammenden Indie-Spiel kleben, welches sich Resort nennt. Meine Aufmerksamkeit erlangte es durch das wirklich ansprechende Farbdesign und den besonderen Grafikstil. Ich steckte mir sofort eine dort ausliegende Postkarte ein, die im Stil des Spiels gestaltet war.

Das Farbdesign und der mit liebevollen Details ausgestattete Stand haben mich gefesseltDas Farbdesign und der mit liebevollen Details ausgestattete Stand haben mich gefesselt

Kurzerhand war auch ein Ansprechpartner zugegen, der mir von einer Journalistin erzählte, die die Beweggründe von Menschen erfahren möchte, die sich weigern ihren Heimatort zu verlassen, der von einem herannahenden Kometen bedroht wird

Ich war gefesselt und möchte mehr erfahren. So viel mehr, dass ich mir eine Karte des Spiels schnappte und nun ungeduldig auf die Fertigstellung dieser wundervollen Geschichte warte. Eigens für das Spiel kreierte Marken, die nun als Werbeartikel am Stand ausgestellt waren, lassen das Gefühl aufkommen, dass jemand eine 360°-Erfahrung schaffen möchte.

Und das ist es was ich von der gamescom erwarte: Erinnerungen. Und zwar schöne, die ich mit einem leidenschaftlichen Gefühl verbinde.

Was heißt das für meine gamescom-Zukunft?

In der restlichen Entertainment Area fehlten mir diese Erinnerungen gänzlich. Es gab vielversprechende Spiele, spannende Präsentationen, sicherlich, aber Erinnerungen werden sich dadurch wohl nicht manifestieren.

Vielleicht lag es an der Spielearmut, vielleicht lag es an dem starken Kontrast zu meinen Erlebnissen in der Business- und Indie Area, vielleicht hat sich mein Geschmack verändert oder meine Toleranzgrenze für die Strapazen haben einfach ihren Zenit überschritten, aber ich stellte mir in diesem Jahr erstmalig die Frage: „Möchte ich mir das überhaupt noch antun?“ Und das ist verdammt schade, denn die gamescom war für mich immer DAS jährliche Highlight.

Meine Aufgaben in der Business Area als Spieleredakteurin konnten den diesjährigen Besuch um eine interessante Komponente erweitern und schlussendlich nicht zur vollkommenen Enttäuschung werden lassen. Dies, zusammen mit den Erfahrungen in der Indie Arena und „Retro Gaming“-Ecke formen für mich einen letzten Lichtblick, um auch die kommenden Jahre mit allerdings vager Freude auf die gamescom zu blicken.

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