Test eFootball PES 2020 | Volle Blüte auf dem Spielfeld, verwelkte Pflanze beim Drumherum

von Jens-Magnus Krause (13. September 2019)

Neuer Name, aufgemotzte Spielmodi, verbessertes Gameplay und mehr Lizenzen: Das klingt auf dem Papier schon sehr stark und ist auf dem Feld noch stärker. Spielerisch macht PES 2020 niemand etwas vor. Leider gibt es weiterhin alte Schwächen im gesamten Spiel.

eFootball - PES 2020: Schaut euch den Gameplay-Trailer an!

Seien wir mal ehrlich: Früher oder später fliegt der Controller nach einer saftigen Niederlage in einer Sportsimulation schon mal durch die Wohnung. Nicht jedoch bei eFootball - PES 2020. Denn das Spiel gibt euch immer das Gefühl, eure Mannschaft und jeden Spieler unter Kontrolle zu haben.

Gegentore, missglückte Schüsse und verlorene Kopfballduelle – all das könnt ihr jederzeit nachvollziehen und auf einen Fehler eurerseits zurückführen. Das ist die stärkste Waffe, die ein Sportspiel überhaupt haben kann.

Im Angriff müsst ihr euch dagegen eure Chancen gekonnt herausspielen oder im Zweifelsfall alles nach vorne werfen, um die Niederlage abzuwenden. Wenn ihr in der 89. Minute einen Konter im gegnerischen Tor versenkt, freut ihr euch über euer eigenes Können wie ein kleines Kind. So ruft PES 2020 unbezahlbare Glücksgefühle in euch hervor.

Großer Name, nix dahinter

Offensichtliche Neuerungen bietet das Spiel von Beginn an, wenn auch nur halbherzig umgesetzte. Da wäre als Erstes das im Spieletitel vorangestellte „eFootball“, welches Konamis E-Sport-Ambitionen verdeutlichen soll. Schade, dass es dann keinen eigenen E-Sport-Spielmodus gibt, der euch in Online-Turnieren den E-Sport wirklich auch erleben lässt. Stattdessen könnt ihr die Spielregeln an die offiziellen Einstellungen auf E-Sport-Turnieren angleichen. Aber nur offline und nicht online gegen andere Spieler.

Danach folgt das überarbeitete Menü. Ja, O.K., es ist frischer und vor allen Dingen pinker. Aber die Ladebildschirme sehen immer noch wie aus den 90ern aus: schwarze Schrift auf grauen Textkästen. Damit ist PES 2020 meilenweit von den zeitvertreibenden Ladebildschirm-Mini-Spielchen eines FIFA 20 entfernt.

Die dritte offensichtliche Neuerung ist die Kameraeinstellung „Stadion“ - diese erinnert tatsächlich an eine TV-Übertragung, jedoch leidet darunter die Übersicht im Strafraum, also gerade bei den spielentscheidenden Situationen. Das macht sie unbrauchbar.

Angenehmes Spieltempo und kontrollierbare Dribblings

Frisch auf dem Platz angekommen, fällt Serienkennern auf, dass die Entwickler das Spieltempo verlangsamt haben. Nicht unrealistisch oder träge, sondern einfach total angenehm. Da bietet es sich an, das neue Finesse-Dribbling einzusetzen. Mit dem richtigen Timing könnt ihr auf engem Raum einen gegnerischen Verteidiger im eins-gegen-eins stehen lassen. Fühlt sich großartig an, wenn euch das gelingt.

Wenn sich jedoch ein großer, kraftvoller Verteidiger wie Virgil van Dijk zwischen den Ball und Lionel Messi schiebt, fällt letzterer schon mal um, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Diese authentische Physis-Komponente ist im Vergleich zum Vorgänger in Zweikämpfen noch entscheidender.

Spielerisch ist PES 2020 wie gutes Essen: ihr könnt nicht genug davon bekommen.Spielerisch ist PES 2020 wie gutes Essen: ihr könnt nicht genug davon bekommen.

Ansonsten fühlt sich PES 2020 wie gewohnt an: Euer Angriffsspiel könnt ihr durch die Mitte oder über den Flügel aufziehen und danach den Abschluss suchen. Meistens kommt ihr gut bis zum gegnerischen Sechzehner durch. Hier kommt dann die Verteidigung ins Spiel.

Dank neuer Grätschen-Animationen, der Möglichkeit absichtliches Foulspiel zu betreiben und den vielen Einstellungsmöglichkeiten im Taktikmenü, gibt es für die Defensive nur Positives zu berichten. Die Balance zwischen Angriff und Verteidigung stimmt einfach und ist fair. Die Schiedsrichter sind übrigens weniger streng als in der Demo, werden aber auch nicht müde, das Spiel einen Tacken zu häufig zu unterbrechen.

Stark schwankende Immersion

Schon im Spielertunnel ist klar, dass sich die Optik des Spiels nicht verbessert hat. Aber das ändert nichts daran, dass die Spielergesichter, ihre Körper und auch ihre Bewegungen auf dem Platz realistisch und authentisch daherkommen. Sogar so sehr, dass ihr einen Cristiano Ronaldo alleine schon an seinem Sprintstil erkennen könnt.

Bei diversen Partner-Clubs, wie Bayern München oder Manchester United, hat Konami Spielergesichter und Tattoos gescannt und eins-zu-eins in das Spiel übertragen. Gleiches gilt für die Stadien in München oder Turin. Das alles steht den realen Vorbildern in nichts nach. Jedoch schmerzt es, dass das Ausnahmen sind und vereinzelte Lichtblicke bleiben.

Der Detailgrad der Allianz Arena und die der Spielermodelle fällt bei den meisten Mannschaften im Vergleich deutlich geringer aus.Der Detailgrad der Allianz Arena und die der Spielermodelle fällt bei den meisten Mannschaften im Vergleich deutlich geringer aus.

Denn die Stadionatmosphäre ist in fiktiven Stadien mit nicht lizenzierten Vereinen nicht der Rede wert. Die Immersion geht flöten. Außer bei den Partner-Clubs mit original lizenzierter Einlaufmusik und echten Fangesängen, verkommt das Geschehen abseits des Platzes zu einer Ödnis - es mangelt an mitreißender Stimmung.

Den Rest der wenig vorhandenen Atmosphäre machen die deutschen Kommentatoren kaputt. Vor allen Dingen aufgrund der Sätze, die hörbar aus einzelnen Sprachtakes zusammengeschnitten sind. „Super gehalten von ... MANUEL NEUER!!! ... was für ein Torwart.“ Stellt euch den Namen bitte geschrien vor und den Rest sachlich, analytisch.

Neue und verbesserte Spielmodi

Wer im Menü genau hinsieht, entdeckt einen komplett neuen Spielmodus namens Matchday. Dahinter verbirgt sich eine feste Spielpaarung, bei der ihr euch für den Zeitraum einer Woche für eine Seite festlegen müsst. In dieser Zeit sammelt ihr in jedem Spiel Punkte für diese Mannschaft, überall auf der Welt machen es euch Spieler gleich. Am Ende der Woche steigt dann das Finale zwischen den beiden, die die meisten Punkte für ihr gewähltes Team geholt haben.

Im Meisterliga-Modus gibt es jetzt hübsch aussehende Zwischensequenzen mit eurem gewählten Trainer im Mittelpunkt, beispielsweise Lothar Matthäus oder Maradonna. Leider ohne Sprachausgabe, dafür mit drögen Texteinblendungen. Damit verkommen die Szenen zu „Wegdrück“-Material. Dafür ist das Meisterliga-Menü extrem übersichtlich und schick. Und allgemein ertappt ihr euch schnell bei dem Gedanken: „Ach komm, ein Spiel geht noch.“

PES 2020 | Die Meisterliga im Übersichts-Trailer

Auch im myClub-Modus gibt es keine großen Überraschungen. Ihr stellt euch aus Einzelspielern das beste Team zusammen. Ziel ist es, über die Zeit neue Spieler (auf Fußballkarten) in eure Mannschaft zu holen. Die größte erwähnenswerte Neuerung: die Spielerfähigkeiten erscheinen jetzt übersichtlicher auf dem Bildschirm.

Lizenzgerangel wie auf dem Spielplatz

Inzwischen blickt man nicht mehr durch, welche Teams in welchem Detailgrad in Fußballspielen enthalten sind. Um es einfach zu halten: aus Deutschland sind der FC Bayern München, Bayer Leverkusen und Schalke 04 enthalten.

Die Ligen aus Frankreich, den Niederlanden und Italien sind komplett am Start – Juventus Turin sogar exklusiv. Damit fehlt der italienische Rekordmeister in FIFA 20. Die Konkurrenz hat aber alle Lizenzen der Bundesligen und der dritten Liga aus Deutschland. Ganz ehrlich gemeint, aber eine Wunschvorstellung: Warum öffnen sich die Ligen und Vereine nicht, um an dieser Front mal Chancengleichheit zu schaffen?

Der FC Bayern München ist mit allem Drum und Dran original lizenziert im Spiel enthalten.Der FC Bayern München ist mit allem Drum und Dran original lizenziert im Spiel enthalten.

Aus England sind nur Arsenal und Manchester United vollumfänglich dabei und aus Spanien der FC Barcelona. Die restlichen Vereine dieser beiden Ligen haben keine echten Logos oder Namen, dafür originale Spielerkader.

Dafür wiederum sind zahlreiche Nationalmannschaften komplett lizenziert enthalten und da Konami im Besitz der offiziellen UEFA EM 2020-Lizenz ist, gibt es vor dem Turnier im kommenden Jahr noch ein Update, so dass dann alle Originalmannschaften enthalten sind. Wem das alles zu wenig ist, der kann durch den Einsatz des allumfassenden Editors Abhilfe schaffen.

Meinung von Jens-Magnus Krause

Ich habe auf dem Platz selten so eine runde Fußballsimulation gespielt. Wenn ich zurückliege und dann mit unbedingtem Willen und umgestellter Taktik alles nach vorne werfe, fühlt sich die Schussmechanik noch befriedigender an als sonst schon. Selbst wenn der Torwart den Ball hält, habe ich einen kraftvollen Schuss am Controller gespürt und auf dem Bildschirm gesehen. Das befreit und macht Mut, es noch schaffen zu können.

Ansonsten greifen alle Gameplay-Verbesserungen ineinander und bevorteilen weder die Offensive noch die Defensive. Dazu habe ich jederzeit die volle Kontrolle über meine Mannschaft. Und im Vergleich zu FIFA 20 habe ich keine Angst, den Ball zu verlieren. Hier ein gezieltes Dribbling, da ein Pass in letzter Sekunde. Läuft doch!

Auf der anderen Seite kann ich eine Sache überhaupt nicht mehr verstehen: Wie kann es heutzutage noch graue Kästen mit schwarzer Schrift während der Ladebildschirme geben? Was ist so schwer daran, einen pfiffigen Grafik-Designer an ein neues Menü-Design zu setzen? Da hätte doch jeder was davon.

Zusätzlich mangelt es dem Spiel nach wie vor in Sachen Präsentation. Zwischensequenzen ohne Sprachausgabe, genuschelte Fangesänge, statische Menüs, schwache Kommentatoren, weniger Lizenzen als die Konkurrenz. Mir tut es als Spieler weh, der die Serie seit 18 Jahren verfolgt, dass Konami hier nicht in die Puschen kommt.

85 Spieletipps-Award

spieletipps meint: Eine Fußballsimulation, die spielerisch Maßstäbe setzt, aber mit Schwächen in der Präsentation und Lizenzmangel zu kämpfen hat.

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