Battlefield 5 | Lasst die Leichen liegen!

(Kolumne)

von Dom Schott (17. September 2019)

Auf den Schlachtfeldern von Battlefield 5 gibt es keine Toten, gefallene Soldaten verschwinden nach wenigen Sekunden im Nichts. Das sollte sich ändern – aus gleich mehreren guten Gründen.

Die Schlachtfelder von Battlefield 5 sehen fantastisch aus, aber verwischen alle Spuren zwischenmenschlicher Gewalt – von zerstörten Häusern und Kratern einmal abgesehen.Die Schlachtfelder von Battlefield 5 sehen fantastisch aus, aber verwischen alle Spuren zwischenmenschlicher Gewalt – von zerstörten Häusern und Kratern einmal abgesehen.

Das Schlachtfeld von Battlefield 5 ist klinisch rein. Während jeder Partie des Multiplayer-Shooters sterben auf den virtuellen Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges hunderte Soldaten – Spuren hinterlassen sie allerdings keine: Die Leichen verschwinden wenige Sekunden nach dem Bildschirmtod.

Vor diesem Hintergrund erscheint es fast absurd, wie die Statistiken und Auszeichnungen meine Leistung nach einem Gefecht zusammenfassen: Ich habe ein MG-Nest mit einer Granate ausgelöscht, die Headshot-Herausforderung absolviert ("Töte 25 Spieler mit einem Kopfschuss") und konnte sogar meine Panzer-Skills aufleveln, weil ich über ein Dutzend Feindsoldaten überrollt habe.

Was in der Welt der Statistiken und Achievements nach dramatischen Wendepunkten klingt, bleibt auf den Schlachtfeldern nur eine kurze Momentaufnahme: Nach wenigen Sekunden verwandelt sich das eroberte MG-Nest in einen beliebigen Krater, die niedergeschossenen Scharfschützen verschwinden aus der Spielwelt – und schon sind die dramatischen, gewaltvollen Momente vergessen, in deren Zentrum ich mich eben noch befand.

So brachial präsentierte sich Battlefield 5 auf der E3 2018

Obwohl sich das Battlefield-Franchise seit jeher mit dem Versprechen von "epischen Schlachten" gegen die Konkurrenz abzuheben versucht, verlaufen die Gefechte in den arabischen Wüstenregionen und europäischen Großstädten auffällig spurenlos – von Schäden an Gebäuden einmal abgesehen. Und deswegen fordere ich: Lasst die Leichen liegen! Denn davon profitiert die Spielwelt von Battlefield 5 in gleich mehrfacher Hinsicht.

Weltkrieg ist kein Fußballspiel

Die Weltkriege als Spieleschauplatz umgibt ein spannender Widerspruch: Traditionell gehören die Schlachtfelder dieser historischen Konflikte zu den kommerziell erfolgreichsten und damit, so seltsam es auch klingt, zu den beliebtesten Szenarien des Shooter-Genres. Entwickler inszenieren in stundenlangen Kampagnen die großen Schlachten um Stalingrad, Berlin und natürlich Omaha Beach als tragische, dramatische Höhepunkte des Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen Alliierten und Nazis, zwischen der freien Welt und dem Faschismus.

Gleichzeitig gleichen die Multiplayer-Modi dieser Spiele einem politisch neutralen Raum: Nazis heißen "Achsenmächte", faschistische Elite-Anführer werden als "deutsche Generäle" umschrieben – und auch das Leid des Krieges fällt dem Weichzeichner des Mehrspielermodus zum Opfer: Wo wir am D-Day im Einzelspielermodus zwischen Leichenbergen umherklettern und Schutz hinter den leblosen Körpern suchen, werden die Spuren der Gewalt online innerhalb von Sekunden verwischt.

Der Weltkrieg soll Spaß machen und den tödlichen Kopfschuss auf eine ähnlich harmlose Ebene wie einen entscheidenden Torschuss herabsenken. Aber Weltkriege sind nunmal kein Fußballspiel: Wenn die Entwickler schon dieses historische Szenario für ihr Spiel wählen und noch in der Einzelspielerkampagne das Leiden der Soldaten und Zivilisten als Verkaufsargument ausschlachten, müssen sie die Konsequenzen des Schauplatzes auch im Multiplayer tragen – und die Leichen liegen lassen.

Neues Schlachtfeld, neue Möglichkeiten

Die leblosen Körper, die das virtuelle Schlachtfeld überziehen, würden das Spielgeschehen nicht grundsätzlich verändern, aber fügen den Online-Gefechten eine bisher fehlende Facette hinzu: Die Folgen der Gewalt, die Opfer des Krieges, werden zumindest ein Stück weit sichtbar und erinnern uns beim Kampf um Kontrollpunkt C daran, dass wir eben nicht in irgendeinem beliebigen Kriegsgebiet unterwegs sind, sondern immerhin den mörderischsten Konflikt der Menschheitsgeschichte nachspielen.

So viel Respekt vor der Geschichte muss drin sein, und tut noch dazu niemandem weh – höchstens der technischen Performance, denn die dauerhaft präsenten Leichen beanspruchen die Rechenleistung von PC und Konsole verstärkt. Als Totschlagargument kann das trotzdem nicht gelten, denn es gibt auch kleinere Spielmodi als die riesigen 64-Spieler-Eroberungsfeldzüge, für die das Feature dann eben exklusiv verfügbar wäre. Besser als nichts.

Wenn die Performance in den großen Spielmodi unter den virtuellen Leichen leiden sollte, könnte dieses Feature zumindest auf die taktischen, kleineren Gefechte mit acht bis 16 Spielern beschränkt werden.Wenn die Performance in den großen Spielmodi unter den virtuellen Leichen leiden sollte, könnte dieses Feature zumindest auf die taktischen, kleineren Gefechte mit acht bis 16 Spielern beschränkt werden.

Mit den Leichenbergen ergäben sich auch spielmechanisch neue Möglichkeiten: Soldaten könnten sich beispielsweise zwischen den Körpern ihrer gefallenen Kameraden verstecken, was ganz neue Strategien und Spielweisen ermöglicht. Dafür beschleunigt sich dann beispielsweise aber auch der Puls der getarnten Soldaten – immerhin liegen sie zwischen ihren toten Mitstreitern – was wiederum ihre Zielgenauigkeit verringert. Hier gibt es reichlich Möglichkeiten, mit neuen Features zu experimentieren, die das Spielgeschehen interessanter gestalten können und gleichzeitig konsequent die Folgen der Gewalt veranschaulichen.

Ethische Bedenken? Dieser Zug ist längst abgefahren

Dass die Darstellung hunderter, wenn nicht tausender Leichen auf einem Multiplayer-Schlachtfeld für DICE ethisch möglicherweise nicht denkbar sei, ist ein Gedankengang, der in der Welt von Battlefield 5 geradezu naiv erscheint. Wir sprechen hier von einem Entwickler-Team, das seine regelmäßige Updates in Anlehnung an die herzzerreißenden Nachrichten der Frontsoldaten an ihre Familien "Briefe von der Front" nennt. Geschmacklos.

Das gleiche Entwickler-Team koppelt die Spielmechanik zum Wiederbeleben gefallener Soldaten an eine lange "Ausbluten-Animation", während der sich der gefallene Spieler - tödlich verwundet und nach Hilfe schreiend - auf dem Boden wälzt. Und das Feature, schwer getroffene Kameraden in Deckung zu zerren, wurde nur gestrichen, weil die langen Animationen den Spielfluss gefährden würden, statt aus Sorge, ein weiteres Mal menschliches Leiden zum platten Feature zu machen. Nein, ethische Überlegungen und Sorgfalt scheinen in dieser Welt nicht mehr viel zu bedeuten.

Tödlich verwundete Spieler können im Multiplayer von Battlefield 5 um Hilfe rufen.Tödlich verwundete Spieler können im Multiplayer von Battlefield 5 um Hilfe rufen.

Deswegen: Lasst die Leichen liegen! Nur dieses Feature würde die Schlachten, die wir da spielen, wirklich zu dem machen, was sie wirklich sind: Riesige Konflikte, die viele Menschenleben forderten. Wenn sich ein Entwickler-Team schon an den historischen Konflikt anlehnt, sollten sie nicht damit davonkommen können, die Opfer dieses Krieges ausschließlich in Statistiken sichtbar zu machen. Am Ende profitieren alle von dieser Entscheidung, die sicherlich mutig, aber auch überfällig ist.

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