Mordhau | Reichsparteitagsreden für Teenager: Auf den Spuren der Hitler-Plage

(Special)

von Dom Schott (24. September 2019)

Seit Monaten ist Adolf Hitler regelmäßiger Gast auf den Servern von Mordhau: Hunderte Fans des mittelalterlichen Action-Spiels verkleiden sich mit SS-Uniformen, belästigen Mitspieler und vollführen den Hitlergruß. Wir gehen dem Phänomen auf den Grund.

Eigentlich hat Adolf Hitler in der Welt von Mordhau nichts verloren. Immerhin dreht sich das Action-Spiel um hochmittelalterliche Schlachtfelder, auf denen sich Wikinger, Ritter und Barden die behelmten Köpfe einschlagen – der faschistische Diktator erscheint hier eher fehl am Platz.

Und trotzdem gehört Hitler zu den meistgesehenen Persönlichkeiten im Mordhau-Universum: Egal, ob wir uns auf den offiziellen oder auf den zahlreichen privaten Servern bewegen, immer wieder begegnen wir einem Klon der streng gescheitelten Gestalt, die uns beleidigt, den Hitlergruß zeigt oder Reichsparteitagsreden rezitiert.

so i made hitler from r/MordhauFashion

Aber wie kann das sein? Warum hat die Mordhau-Community diese Hitler-Plage befallen? Und was unternehmen die Entwickler gegen die tausenden Diktatoren in SS-Uniform? Wir sind diesen Fragen nachgegangen.

Eine Community wird sich selbst überlassen

Die Suche nach dem Ursprung der Hitler-Plagen führt uns zu den Anfängen der überraschenden Erfolgsstory von Mordhau.

Nach über vier Jahren Entwicklungszeit und einer Closed-Beta-Phase veröffentlichte Triternion Games am 29. April 2019 seine historische Schlachtfeldsimulation. Hinter dem Namen des Entwicklerteams stecken zehn Enthusiasten und Hobby-Programmierer aus Deutschland, Österreich, Schweden, Kanada, Slowenien und Spanien, die nie zuvor ein Spiel programmiert hatten. Entsprechend überraschend muss der riesige Erfolg von Mordhau in den ersten Wochen nach Release für das Team gewesen sein: Nach nur einer Woche hatte sich das Spiel bereits über 500.00 Mal verkauft, Anfang Juni knackte Triternion die Millionen-Marke – Tendenz weiter stark steigend.

Doch mit dem Erfolg stieg auch die Erwartungshaltung der schnell wachsenden Community: Lautstarke Wünsche und Forderungen nach neuen Karten, Patches oder Bugfixes fluteten das offizielle Forum, Steam-Threads und das Subreddit. Und während die zehn Entwickler mit regelmäßigen Updates Schritt hielten, blieb ein wichtiger Aspekt völlig unbeachtet: Die Moderation der Community.

Seit Release des Spiels herrscht ein rauer Ton auf den Mordhau-Servern: Spieler beschimpfen einander mit einer Vielzahl von Schimpfworten. "Schwuchtel", "N****" und andere rassistische, homophobe und sexistische Beleidigungen gehören zum normalen Umgangston vieler der zahlreichen toxischen Fans. Und dieser aggressive Umgang miteinander endet nicht an den Server-Grenzen des Spiels: Einer der ältesten und meistkommentierten Threads im Mordhau-Universum heißt "Post your Kniggas", in denen Spieler ihre Ingame-Krieger zur Schau stellen, abermals begleitet von häufig rassistischen Kommentaren. Wer sich hier über den Sprachgebrauch beschwert, wird mit "you're gay" abgewürgt.

Mordhau duldet eine der toxischsten Communities, die die Online-Spielewelt derzeit kennt. Doch es wäre zu einfach, diesen Zustand alleine mit der Überforderung des unerfahrenen Entwickler-Teams abzutun, die Aktivitäten ihrer Spieler zu moderieren. Tatsächlich lässt Triternion Games ihre Fans ganz bewusst gewähren, übergibt die Verantwortung den Spielern, ruft in Interviews explizit zur Selbstregulierung auf.

Unerhaltungen wie diese bleiben im offiziellen Forum des Spiels konsequenzlos, obwohl sie gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen.Unerhaltungen wie diese bleiben im offiziellen Forum des Spiels konsequenzlos, obwohl sie gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen.

Gleichzeitig stellen sie der Community keine geeigneten Werkzeuge für diese undankbare Aufgabe zur Verfügung: Auch ein halbes Jahr nach Release gibt es noch immer keine komfortable Melde-Funktion, stattdessen müssen Spieler einen Screenshot des problematischen Chat-Verlaufs anfertigen, sich den Nickname des Täters notieren und sich dann via Mail oder im offiziellen Discord an die Entwickler des Spiels wenden.

Wir haben dieses System getestet, aber auf keinen unserer drei Reports eine Antwort erhalten. Stattdessen stießen wir auf alte Discord-Nachrichten der Entwickler, die schon 2017 ihren Beta-Spielern einschärften, nicht über Politik zu diskutieren – und toxische Mitspieler "einfach stummzuschalten". Ignorieren und wegsehen statt zu moderieren ist ein Credo, das Triternion Games seit ihren Anfängen begleitet.

Teenager schwingen Reichstagsreden

Die bewusste Entscheidung, die Community sich selbst zu überlassen, ist ganz offensichtlich der ideale Nährboden für toxisches Verhalten. Spieler wissen, dass bei einem Verstoß gegen die offiziellen Server-Regeln, die immerhin formal existieren, keine Konsequenzen drohen – egal, ob sie im offiziellen Forum einen seitenlangen Thread eröffnen, in dem sie sich über LGBTQ-Menschen lustig machen oder auf den Servern des Spiels als Adolf Hitler rollenspielen. Und das machen viele von ihnen.

Tausende Videos und Screenshots kursieren im Netz, die die Hitler-Plage seit Monaten dokumentieren. Die Bilder und Szenen wiederholen sich schnell: Eine Spielfigur, die mal mehr, mal weniger an den Nazi-Diktator erinnert, läuft auf den Schlachtfeldern umher und beteiligt sich an den Kämpfen. Dazwischen missbraucht sie Ingame-Gesten, um Hitlergrüße nachzuahmen oder spielt über eine frei verfügbare Mod, die von den Entwicklern offiziell unterstützt wird, Ausschnitte aus Reden von Adolf Hitler oder Joseph Goebbels ab.

Adolf Hitler has invaded our spawn screen from r/Mordhau
I 1v1d Hitler and stopped the holocaust. from r/Mordhau
It almost looks like a chamber... from r/Mordhau
Medieval Hitler from r/Mordhau

Im Hitler-"Kostüm" steckt dabei viel Arbeit, insbesondere in der unverkennbaren Frisur-Bart-Kombination. Die gibt es nämlich nicht als Standard-Frisur im Ingame-Editor, sondern entsteht durch einen Glitch, wenn zu viele Haare auf ein zu kleines Gesicht gepackt werden. In den offiziellen Foren kursieren längst zahlreiche Guides von erfahrenen Hitler-Rollenspielern, die genau erklären, wie Spieler die Gesichter ihrer Avatare morphen müssen, um den Diktator möglichst detailgetreu nachbilden zu können – alles ignoriert und damit auch geduldet vom Entwickler-Team, das jede unserer Nachfragen und Bitten um Stellungnahmen bis heute ignoriert.

Die Hitler-Spieler markieren rechtsfreien Raum

Die Tatsache, dass Spieler konsequenzfrei als Adolf Hitler rollenspielen können – eisernes Kreuz, Hitlergruß und Reichstagsrede-MP3 inklusive – ist grundsätzlich unabhängig von der betroffenen Spielwelt bedenklich und verdient Kritik. Doch das Problem reicht noch über den ethisch-moralischen Tellerrand hinaus: Die Hitler-Kostümierten fungieren im Mordhau-Universum wie ein Marker. Sie kennzeichnen Server, auf denen die offiziellen Regeln offenbar außer Kraft gesetzt sind und die seit Wochen immer mehr Spieler zur Deinstallation zwingen, welche sich an dieser toxischen Kultur nicht beteiligen wollen.

Wenn Adolf Hitler erlaubt ist, dann sind auch schwere Beleidigungen im Chat erlaubt, so die Logik vieler Spieler. Und die Konsequenzen dieses tausendfach geteilten Gedankengangs macht sich seit Monaten auf den Servern bemerkbar: Wer Mordhau spielt, muss mit schweren Beleidigungen rechnen. Wer Mordhau spielt, darf andere Spieler belästigen, mobben und bedrohen. Wer Mordhau spielt, wird früher oder später auf Adolf Hitler und die Überreste einer Community stoßen, die von den Entwicklern aufgegeben und sich selbst überlassen wurde – und an dieser Verantwortung längst gescheitert ist.

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