Test Tropico 6 | Trump-Simulator erobert Konsolen - mit einigen Widerständen

von Michael Sonntag (27. September 2019)

Während die PC-Spieler schon seit März mit Tropico 6 ihre Inselstaaten hochziehen, marschiert der Diktator-Simulator nun auch auf PlayStation 4 und Xbox One ein. Und eines können wir euch aus unserem Test jetzt schon verraten: Politik ist ein anspruchvolles Geschäft - besonders, wenn ihr mit einem Controller regiert.

Wer Donald Trump fürchtet, hat El Presidente noch nicht kennengelernt!

Der Inselthron ruft nach euch

Wie bei vielen anderen Strategiespielreihen ist Tropico 6 kein vollkommen neues Spiel, sondern ein weiterer Teil, der das generelle Spielkonzept von Tropico an mehreren Stellen ein klein wenig neujustiert und verbessert - bis vermutlich Tropico 10 die perfekte Formel gefunden hat, die danach nie wieder angerührt werden muss.

Während Tropico 2 mit der Errichtung einer Pirateninsel ein wenig Abwechslung geboten hat, geht es nun schon zum fünften Mal in die Karibik des 20. Jahrhunderts, um abseits vom Rest der Welt ein eigenes kleines Reich zu erschaffen. Da stellt sich die berechtigte Frage: Werden selbst malerische Inselstrände nicht irgendwann langweilig?

Den Fans, die Entwickler Limbic Entertainment ansprechen möchte, vermutlich nicht. Denn die suchen in Tropico vor allem nach den politischen Machtspielchen, die sich äußerst herausfordernd und komplex gestalten können. Regiert ihr für das Volk oder nur für euch selbst? Auf den Punkt gebracht: Tropico 6 könnte zurzeit die authentischste Simulation darstellen, um in die Rolle eines fragwürdigen Politikers wie US-Präsident Donald Trump zu schlüpfen.

Führt euren Staat von der Kolonialzeit bis in die Moderne - mit allen gesellschaftlichen Ereignissen und technischen Errungenschaften, die dazu gehören.Führt euren Staat von der Kolonialzeit bis in die Moderne - mit allen gesellschaftlichen Ereignissen und technischen Errungenschaften, die dazu gehören.

Sich beim Fädenziehen nicht verheddern

Langjährige Fans werden sich in Tropico 6 schnell heimisch fühlen, für neue Spieler gibt es dagegen keinen einfachen oder schnellen Einstieg. Während sich die erfahrenen Diktatoren nach Spielstart sofort in den Storymodus, ins freie Spiel oder in den Multiplayer stürzen dürfen, sollten die Frischlinge zunächst die Tutorial-Schulbank drücken, die nach Interesse mehr als eine Stunde in Abspruch nehmen kann. Dafür sind die Absolventen dann aber nicht nur mit Basis-Wissen, sondern auch mit fortgeschrittenen Kompetenzen ausgestattet, die ihnen gerade in pikanten Situationen zugute kommen werden.

Und dann kann es mit einer eigenen Insel losgehen! Was wollt ihr machen? Ein Wirtschaftsmonopol, eine Kriegsmacht oder eine Tourimus-Oase errichten? Oder nur solange regieren, bis ihr genug Geld auf euer Schweizer Konto geschafft habt? Egal, was es ist, ihr braucht einen Plan - und solltet damit rechnen, dass euch X Dinge davon abhalten werden, denen ihr mit X Methoden entgegenwirken könnt.

Die Staatskasse füllen, die Produktivität steigern, die Zufriedenheit der Bewohner aufrechterhalten, sich mit den politischen Lagern und den Weltmächten gutstellen, neue Technik erforschen, Infrastrukturen aufbauen, Rebellen bekämpfen, Wahlen gewinnen und nicht zuletzt auf Naturkatastrophen richtig reagieren: Um diesen Berg an Aufgaben zu bewältigen, seid ihr ein Drittel der Zeit mit Bauen und den Rest mit Zahlen checken und durch Menüs klicken beschäftigt. Das macht Spaß, kann aber ab und zu etwas trocken ausfallen, wenn sich das meiste in Textboxen statt auf der Karte abspielt.

Euer Regelwerk ist die Verfassung, die ihr nach jedem Wahlsieg aber zu euren Gunsten wieder umändern könnt.Euer Regelwerk ist die Verfassung, die ihr nach jedem Wahlsieg aber zu euren Gunsten wieder umändern könnt.

Das Alleinstellungsmerkmal fehlt

Tropico 6 ist mehr treu als neu. Während der für die Reihe typische schwarze und satirische Humor sich durch das gesamte Spiel zieht, eine hohe Detailverliebtheit zum Standard gehört und viel Raum zum Experimentieren gegeben wird, sind die wirklich ausschlaggebenden Neuerungen an einer Hand abzählbar - und schöpfen sich irgendwie auch selbst das Wasser ab.

  • Statt einer Insel können ganze Inselgruppen bebaut und regiert werden (was die Unübersichtlichkeit verschlimmert)
  • Eure Söldner können bekannte Sehenswürdigkeiten wie den Eifelturm oder die Freiheitsstatue stehlen, um die Attraktivität der Insel für die Touristen zu steigern (Ein nettes, aber kleines Gimmick)
  • Das Aussehen des Präsidenten und des Palastes können individuell gestaltet werden (Im Gegenzug wurde seine Persönlichkeit sehr stark eingeschränkt)

Tropico 6 macht auf der PlayStation 4 grafisch - wegen schwammiger Texturen und Modelle - keine gute FigurTropico 6 macht auf der PlayStation 4 grafisch - wegen schwammiger Texturen und Modelle - keine gute Figur

Zum Spiel selbst: Es gibt viel mehr Möglichkeiten zum Ausprobieren als wirkliche Notwendigkeiten zum Beachten. Stellenweise wirkt Tropico 6 nicht ausbalanciert genug, da manche Regierungsphasen sich fast von selbst spielen und andere wiederum gar nicht mehr zu managen sind. Das macht es schwierig, festzustellen, weshalb man gescheitert ist und wie man aus diesen Fehlern lernen kann. Daher: Spielen geht über Studieren.

Zur technischen Umsetzung auf PlayStation 4:

Die Grafik wirkt trotz vieler Details veraltet und durch ihre Texturen und Modelle schwammig. Die Controller-Adaption ist an sich gut gelöst worden, allerdings steuert sich die Menü-Führung über die Sticks - gerade im Bau-Menü mit seinen vielen Unterpunkten - manchmal etwas sperrig. Die Umsetzung auf Konsolen hat funktioniert, aber im Kern bleibt Tropico 6 mit Auslegung auf die Organisation über Menüs ein PC-Spiel.

Meinung von Michael Sonntag

Ähnlich wie das Regieren selbst erfordert Tropico 6 das Eingehen von vielen Kompromissen, gerade auf den Konsolen. Das Spielprinzip ist einzigartig, es wäre nur wünschenswert, wenn sich die Ereignisse mehr auf die Karte verlagern könnten als nur in Menüs und Tabellen stattzufinden. Ich mochte Tropico immer schon wegen seiner Ausrichtung auf Aufbau sowie Wirtschaft - und den kompletten Kriegsaspekt auslagert. Es geht viel mehr darum, die unmögliche Aufgabe zu managen, alle Interessen unter einen Hut zu bringen und es macht Spaß, so komisch, das auch klingt, an dieser Aufgabe zu verzweifeln. Politisch betrachtet könnte kein Spiel gerade mehr den Nerv der Zeit treffen.

So cool und herausfordernd das Regieren eines eigenen Staates mit eigenen Methoden auch ist, hängt mir das Szenario mittlerweile zum Halse raus. Gerade wenn die Neuerungen kaum spürbar sind. Ich würde mir für Tropico 7 ein Wiederaufleben der Piraten wünschen oder etwas ganz Neues. Tropico 6 ist speziell - und kann nun ebenfalls (in gewöhnungsbedürftiger Form) auf den Konsolen genossen werden.

77

spieletipps meint: Der Trump-Simulator. Spielerisch eine einzigartige Herausforderung, die aber mittlerweile ein neues Gewand braucht.

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