GTA-Roleplay |"Ich bin kein Gott, sondern ein moderner Bürgermeister" (Special)

von Michael Sonntag (20. Oktober 2019)

Roleplay richtet sich an alle Spieler, die ein realistischeres Spielerlebnis suchen, mit großen Communites und eigenen Geschichten. Nicht ohne Grund boomen Twitch-Streams, in denen Spieler sich für ihre Zuschauer in dieses anspruchsvolle "Rollenspiel" begeben. Wir hatten das Vergnügen, den Betreiber eines Roleplay-Servers zu treffen und zu fragen, wie es ist, statt selbst zu spielen eine ganze GTA-Roleplay-Stadt zu führen.

Das Motto von Quick Life - Es gibt nur eine Mission: Nutze deine PhantasieDas Motto von Quick Life - Es gibt nur eine Mission: Nutze deine Phantasie

Was ist Roleplay?
Roleplay bezeichnet eine sehr realistische Spielweise. Der Spieler schlüpft dabei in eine feste Rolle und interagiert möglichst authentisch mit der Spielwelt und der Community. Roleplay basiert generell auf modifizierten Spielen, die auf separaten Servern laufen. Eines der bekanntesten RP-Spiele ist "Altis Life", eine Mod von Arma 3.

Realismus-Junkies

Michél rast mit uns durch seine Stadt, er überträgt das Spiel über Skype für uns. Auf dem ersten Blick sieht es GTA Online zum Verwechseln ähnlich, aber die Unterschiede fallen schnell auf - allen voran, dass es keine NPCs gibt. Eine bewusste Entscheidung, wie Michél meint, zum Server-Start hätten die Spieler ihnen die Autos weggenommen. Im normalen Spiel sei das erlaubt, aber das hier sei ein anderes Spiel - mit anderen Regeln. In der Realität ginge das auch nicht so einfach.

Wir fahren an Spielern vorbei, die Polizisten verkörpern und in ihren Streifenwagen auf Einsätze warten. An Automechanikern, die Schlitten frisieren. Und an bewaffneten Gruppen, die zusammenstehen und leise tuscheln. In einer Seitengasse prüft Michél für einen Moment, ob jemand hinsieht, und dann lässt er sich mit seinem Wagen durch den Boden fallen und fliegt unter der Karte entlang. Der Realismus hat oberste Priorität. Während er seine Eingriffe ins Spiel verbirgt, wird beim Spielen eine eigene Sprache gesprochen. Es gibt keine Bildruckler, es gibt Kopfschmerzen. Es wird nichts ins Spiel eingefügt, der Bürgermeister hat etwas beschlossen.

Die Polizeiwagen in Quick Life: Mit eigenem Logo versehen.Die Polizeiwagen in Quick Life: Mit eigenem Logo versehen.

Spieler begeben sich zum Arbeitsamt, erledigen Jobs, können Zimmer mieten, nehmen Gegenstände in ihre Inventare auf, gründen Familien, begehen Verbrechen - und müssen währenddessen auch auf ihre Bedürfnisse achten. Und wenn es einen Autounfall gibt, können die Fahrer nicht einfach weggehen, sondern müssen den spielinternen ADAC anrufen.

Unten auf der Karte tummeln sich ein paar Spieler. Als wir nachsehen, finden wir eine Bande vor, die ihre Gasse mit ihren riesigen Karren zugeparkt hat. Auf Nachfrage verraten uns die vermummten Gestalten, dass sie in der Nachbarschaft Präsenz zeigen wollen.

Michél verliert sich mit seinem Charakter, Leon Cloud, in einem Schwätzchen, wird auf ein Rap-Battle angesprochen, das er gegen einen der Gangster kürzlich gewonnen hat. Heute Abend spiele er viel, meint der Leiter, normalerweise findet sein "Spiel" auf einer anderen Ebene statt. Die Spieler sind hier, um Abenteuer zu erleben. Er ist dort, damit die Abenteuer überhaupt möglich sind.

Ein schwieriges Amt mit schönen Momenten

Seit sechs Monaten arbeitet Michél an dem Server, seit drei Monaten ist er online. Einen Server zu leiten, ist ein Vollzeit-Job, für den ihm gerade eine längere Krankschreibung sehr gelegen kommt. Im ständigen Austausch mit seiner Community über Discord bemüht er sich Tag und Nacht darum, das Spiel am Laufen zu halten und immer weiter zu verbessern. Mit zehn anderen Personen regiert er Quick Life, seinen Server.

Viele Leiter führen sich wie Gott auf und wollen auch so angesprochen werden. Ich finde das doof. Ich sehe mich mehr als modernen Bürgermeister. Und warum ich das tue: Ich liebe Communities.

Quick Life verfügt mittlerweile über 500 registrierte Charaktere. Das Ganze läuft über die Plattform FiveM, die gegen Gebühren Server verwaltet und synchronisiert. Nach einem Rechtsstreit mit Rockstar werde die Plattform mittlerweile geduldet. Dabei war auch der Start von Quick Life selbst nicht einfach, zuerst wurde ihnen ihre Wunsch-URL weggeschnappt und dann hat ein anderer Spieler ihr Spielskript kopiert. Als sie ihren Anwalt einschalteten, stellte sich der Dieb als Zwölfjähriger heraus.

In Quick Life könnt ihr auf die Gang aus der Serie Sons of Anarchy treffen.In Quick Life könnt ihr auf die Gang aus der Serie Sons of Anarchy treffen.

Die FiveM-Community sei schwierig, bei anderen Servern zu klauen komme häufiger vor. Deswegen sucht man sich die Teammitglieder sorgfältig aus. Immerhin gehe es um sensible Daten, die in den falschen Händen das gesamte Projekt gefährden könnten. „Es geht um Vertrauen.“ Das betrifft auch die Spieler, die nicht einfach dazukommen können, sondern erst in eine Whitelist aufgenommen werden müssen. Dafür sei ein Test erforderlich.

Es gibt nur eine Mission: Nutze deine Phantasie

Auf Roleplay müsse man sich einlassen, wobei das Genre viele Abstufungen aufweist, je nachdem welcher Realitätsgrad auf einem Server vorausgesetzt wird. Bei Softplay muss nicht auf jedes Ereignis realistisch reagiert werden, während bei Hardcore jeder Auto-Crash auch mit einem Unfallszenario einhergeht. Bei ihm herrsche ein Mittelding. Vorraussetzungen seien, sozial offen mit den Leuten umzugehen und Geduld mitzubringen. Es passiere nicht immer zu jeder Zeit etwas, es ginge ums reine Spielgefühl.

Auch wenn auf seinem Server nicht die typischen Amok-Szenarien herrschen wie in normalen GTA Online-Lobbys, sind die Geschichten, die sich hier abspielen, dennoch auf Action getrimmt. Er achtet darauf, dass es realistisch ist und trotzdem nicht zu weit geht. „Es darf auch das böse N-Wort gesagt werden, wenn es zur Gangster-Story passt.Zu weit gehen dürfe es nicht. Realistische Geschichten, keine Beleidigungen. Sexismus werde genauso wenig geduldet.

Jeder Ort soll dazu einladen, neue Geschichten zu entwerfen.Jeder Ort soll dazu einladen, neue Geschichten zu entwerfen.

Um die Ordnung aufrechtzuerhalten, schaut Michél den Leuten beim Spielen über die Schulter. Kommt es zu einem Verstoß, spricht er die Person direkt an. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss gehen und darf erst nach einer aufrichtigen Entschuldigung zurückkehren.

Die Belohnung für die harte Arbeit sind die Geschichten, die sich auf seinem Server abspielen. Menschen, die sich voll reinknien. Einen korrupten Cop spielen, einer Biker-Gang zum Aufstieg verhelfen und mit Autotuning zum Millionär werden. Dazu kommen das gute Feedback und eine innige Community, die auch schon Treffen im realen Leben veranstaltet hat.

Auch in spieletalks haben wir über die Notwendigkeit von Gesetzen in Onlinewelten gesprochen:

Während Spieler im originalen GTA Online das Casino auskundschaften, eröffnet bald auch ein Casino in Quick Life. Ein Halloween-Event, ein Battle Royale und ein Adventskalender befinden sich ebenfalls in der Pipeline. Bei Zukunftswünschen gibt sich Michél eher bescheiden.

Ich würde mich darüber freuen, wenn viele Kleinigkeiten bald funktionieren, dass nicht andauernd Dinge buggen. Und ich möchte einbauen, dass Besoffene torkeln können. Oder dass die Spieler friedliche Dinge tun können, wie zum Beispiel Äpfel pflücken.

Sein größter Wunsch fällt ihm dann aber doch ein. „Ein eigenes Roleplay-Spiel, das nur darauf ausgelegt ist.“ Dass ihm die Basis zur Verfügung stelle, die er nach Belieben anpassen und erweitern könne.

Wir bedanken uns für diesen wundervollen Einblick in eine wundervolle Welt und wurden auch schon dazu eingeladen, selbst dem Spiel beizutreten. Da in Michéls Server eine Zeitung aufgemacht hat, wären wir dort auch richtig aufgehoben. Mögen deine Bürger Fortnite-News, Michél?

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