Test Warsaw | Der Spaß, den Nazis ein schlechter Verlierer zu sein

von Michael Sonntag (02. Oktober 2019)

Spannende Rundenkämpfe, strategische Kopfnüsse und Roguelike im Zweiten Weltkrieg - Mit Warsaw schickt Entwickler Pixelated Milk die PC-Spieler in einen Geschichtsunterricht der etwas anderen Art. Wie ihr in unserem Test erfahrt, geht es in Warsaw nicht ums Gewinnen. Ihr spielt, um brutal zu verlieren - und das macht genauso Spaß wie es Gehirnzellen killt und Herzen bluten lässt.

This War of Mine trifft auf Darkest Dungeon:

Übung macht den Rebellenanführer

Im Jahr 1944 tobte der Zweite Weltkrieg an vielen Fronten. Im Kampf mit den Alliierten und Russland musste das Dritte Reich immer mehr einer vernichtenden Niederlage entgegensehen. Ein Stoff, der schon hundertmal für heroische Schlachtensimulatoren im Gaming-Sektor herhalten musste - aber wie die Bevölkerung Warschaus 63 Tage lang den Deutschen die Stirn geboten hat, ist eine eher unbekannte Geschichte, vor allem, weil sie zu den dunkleren gehört. Diese möchte Entwickler Pixelated Milk mit Warsaw zwar auf eine unterhaltsame, aber auch sehr ehrliche Weise erzählen.

Im Spiel führt ihr den Aufstand an. Was bedeutet, dass es an euch liegt, täglich Trupps aus Zivilisten zusammenzustellen, auf Missionen zu schicken und dabei dem Feind, so gut es geht, Einhalt zu gebieten. Allerdings gibt es einen Haken: Ihr könnt keine Handlung zurücknehmen, keinen früheren Speicherpunkt laden oder Tote wiederbeleben. Die Bewohner vertrauen euch ihr Leben an und hoffen, dass ihr wisst, was nun der klügste Schachzug ist.

Im Hauptquartier könnt ihr eure Charaktere weiterentwickeln, Güter kaufen und Recherchen betreiben.Im Hauptquartier könnt ihr eure Charaktere weiterentwickeln, Güter kaufen und Recherchen betreiben.

Kein leichter Job, zumal das Tutorial euch nur die Basis-Kenntnisse beibringt und dem großen Rest unvorbereitet entgegentreten lässt. Aber es ist ein Job, in den ihr hineinwachsen wollt. Mit jedem Versuch, jedem Sieg und jeder Niederlage. Nur vorab: Es wird etwas Eingewöhnungszeit brauchen, und selbst wenn ihr kein Praktikant mehr am Planungstisch seid, müsst ihr noch besser werden, denn die Lage wird nicht rosiger, nur schwerer.

Ein weiterer Tag in der Hölle

Nachdem der Spieler im Hauptquartier die Fragen geklärt hat, welche Charaktere mitkommen sollen, wie viel Munition gebraucht wird und welche Gadgets nützlich wären, geht es in die Straßen von Warschau, in denen der Krieg voll im Gange ist.

Die Charaktere haben allerdings nur begrenzte Bewegungspunkte. Das bedeutet, es muss weise überlegt werden, ob die Zeit nur dafür eingesetzt wird, sich nur auf die Mission zu konzentrieren - beispielsweise einen General zu töten, Vorräte zu sichern oder Bürgern zu helfen - oder ob auch Ausflüge in Nebengassen für mehr Waffen oder andere Güter unternommen werden sollen. Dabei könnt ihr auch auf Text-Events mit Entscheidungsmöglichkeiten treffen, die euch die reale Situation von damals anhand kleiner Geschichten vermitteln möchten.

Steuert euren Trupp flink und vorsichtig durch die Straßen - und achtet auf feindliche Patrouillen!Steuert euren Trupp flink und vorsichtig durch die Straßen - und achtet auf feindliche Patrouillen!

Cleveres Vorgehen ist überlebenswichtig, weshalb es auch manchmal besser ist, vorsichtiger an eine Kreuzung heranzugehen und einer Patrouille des Feindes auszuweichen anstatt im Kampf wertvolle Ressourcen und vielleicht sogar Menschenleben zu verlieren. Und wenn keine Taktik und Finte mehr hilft, muss schließlich gekämpft werden.

Im Herzstück von Warsaw - den Rundenkämpfen - stehen sich Bewohner und feindliche Soldaten gegenüber, um sich Zug für Zug gegenseitig auszuschalten. Jetzt geht es darum, Deckung für mehr Schutz zu suchen und die Positionen für effektive Angriffe zu wechseln. Und verborgene Talente und Fähigkeiten zu nutzen.

Neben ein paar Leuten mit militärischer Ausbildung besteht eure Armee größtenteils aus Handwerkern, Schmugglern, Ärzten und normalen Bewohnern. Ihre jeweilige Expertise lässt sich aber mit ein wenig Umdenken praktisch im Kampf einsetzen - jemand ist listig, ein anderer kann Barrikaden bauen und ein Dritter hat Führungsqualitäten. Mal abgesehen vom alten Mann, der noch einen Flammenwerfer zu Hause hatte.

In den meisten Situationen müsst ihr die Überzahl des Gegners mit euren Fähigkeiten ausgleichen.In den meisten Situationen müsst ihr die Überzahl des Gegners mit euren Fähigkeiten ausgleichen.

Profile durchklicken, Beschreibungen lesen, Schadensprognosen abwägen, Manöver ausprobieren: Da kein Zeitdruck besteht, können hierbei sehr effektive und kreative Taktiken entstehen, die einer schwerbewaffneten Gruppe mehr zu schaffen machen als simples Draufhalten mit Attacken.

Sobald ihr alle Kämpfe überlebt habt, mit Verlusten oder ohne, die Mission absolviert habt, mit zusätzlichen Erfolgen oder Gütern, geht's zurück ins Hauptquartier, wo die Bilanz des Tages auf euch wartet.

Und dann geht es aufs Neue los - oder zum letzten Mal. Mit immer weniger Ressourcen, aber neuen Leuten, immer mehr Toten und stärkeren Feinden, alles um Tag 63 zu erreichen. Was dann passiert? Ihr verliert, das ist kein Spoiler, sondern eben die Realität. Was ihr aber gewonnen oder euch hart erkämpft habt, ist die Wahrheit. Die Geschichten tapferer Menschen wie Krzystof, Kazimierz und Jadwiga, die alles dafür getan haben, den Untergang gegenüber einer Übermacht hinauszuzögern.

Ein Comic, der von einem dunklen Kapitel der Geschichte erzählt - und ihr seid mittendrin.Ein Comic, der von einem dunklen Kapitel der Geschichte erzählt - und ihr seid mittendrin.

Ein bizarr schöner Comic - mit Lücken

Es klingt merkwürdig, zu sagen, dass die Verzweiflung in Warsaw schön aussieht. Denn, was ihr seht, ist alles andere als schön. Blut, Trümmer, die Asche in den Gesichtern - und trotzdem zieht der Stil den Spieler in seinen Bann, ihr wollt genau hinsehen und auf alle Details achten. Neben dem Design trägt auch der Sound einen großen Teil zur dichten Atmosphäre bei.

Die Stadtgeräusche, die Klaviermusik, die im Hauptquartier spielt und die Ausrufe der Kämpfenden, sowohl das Polnische als auch das Deutsche. Dass auch Hakenkreuze zu sehen sind - noch eine frische Seltenheit in Videospielen - verstärkt den Eindruck, dass ihr hier kein simples Spiel zockt, sondern in ein lebendiges Geschichtsbuch gefallen seid.

Aber Warsaw schafft den Spagat aus Unterhaltung und Geschichtsstunde nicht komplett. Der Schwierigkeitsgrad kann für Einsteiger lange Zeit unfair hoch ausfallen und manche Missionsdesigns erfordern mehr Glück als Können. Und in manchen Situationen könnt ihr euch mit dem Gegner in sehr dumme Situationen spielen, so dass der Rundenkampf etwas aufgezwängt wirkt. Das kommt vor, wenn beide Seiten abwarten, bis etwas passiert - oder drei Bewohner solange schießen, bis endlich jemand den übrigen blöden Kampfhund trifft.

Meinung von Michael Sonntag

Ich hatte bereits im Juli das Vergnügen, Warsaw anspielen zu dürfen - und bin nun von dem Endprodukt sehr begeistert (herausgefordert). Es ist harter Tobak im doppelten Sinne: Einerseits die Geschichte, die subtil und ehrlich zugleich vermittelt wird, und andererseits die Komplexität der Kämpfe.

Unabhängig, was man erleben möchte, es ist ein sehr intensives Spielerlebnis - obwohl es eigentlich nur hübsche Comicbildchen sind, die trotzdem mulmige Gefühle auslösen können. Ich fühlte mich immerzu für meine Charaktere verantwortlich und empfand zugleich auch Schuld, wenn ich doch nicht die beste Entscheidung gefällt habe. Es ist Geschichte nicht nur zum Anfassen, sondern auch zum Spüren. Liebe Kinder, falls euer Geschichtslehrer euch manche Themen vergrault hat, schlagt ihm oder ihr dieses Spiel vor - oder dem Museum in eurer Nähe.

Ich habe nur eine Warnung: Es ist sehr schwer. Ihr könnt es bis zur Meisterschaft bringen, aber der Weg bis dahin ist hart. Für manchen kann die Ausprobiererei etwas frustrierend werden - aber hey, Tag 12 ist doch auch eine Leistung. Liebe Entwickler, ich habe nicht viel hinzuzufügen. Warsaw ist nicht perfekt, aber das, was es machen wollte, macht es die meiste Zeit gut. Nur das Tutorial hätte etwas länger ausfallen dürfen. Und diese doofen Kampfhunde etwas weniger flink.

80

spieletipps meint: Mit Rundenkämpfen den Zweiten Weltkrieg nacherleben und dabei episch scheitern - das macht Spaß und tut gleichzeitig weh.

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