Die Lust nach Angst | Warum ihr Horrorspiele liebt

von Tobias Schwarzer (03. November 2019)

Horrorspiele können stressig, unappetitlich und manchmal ein wahrer Hochgenuss sein. Doch warum sind diese Höllentrips eigentlich so reizvoll?

Na, standen an Halloween bei euch auch gruselig kostümierte Kinder vor der Tür und wollten Süßigkeiten? Oder habt ihr das gar nicht mitbekommen, weil ihr bereits damit beschäftigt wart, eure alten Horror-Delikatessen abzustauben oder eure Sammlung mit Aktionsware zu erweitern? Vielleicht erwartet euch ja das noch recht frische The Dark Pictures: Man of Medan, oder darf es eher ein wahrer Schocker sein wie etwa Outlast 2?

Kollege René hat vor kurzem bereits einen Blick darauf geworfen, warum ihr Horrorspielen - oder besser gesagt: warum ihr ausgerechnet Horrorspielen die übelsten Logiklücken verzeiht.

Egal, je gruseliger - desto besser. Doch worin begründet sich diese Lust nach Angst? Wir erläutern für euch die psychologischen Aspekte hinter Horrorspielen.

Ein Spiel voller Reize

Damit euch ein Medium in Erinnerung bleibt – egal ob Film, Buch oder Spiel – muss es bestimmte Gefühle erwecken. Im Genre des Horrors ist es die Angst. Diese wird auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen generiert.

Angefangen mit den ersten Sekunden nach Betreten der Spielwelt: Die zwielichtige Soundkulisse im Hintergrund. Es können stattdessen auch einfache Geräusche aus der Ferne sein wie ein leises Kratzen an der Wand oder das Knacksen eines zerbrechenden Zweiges. Hierbei handelt es sich um akustische Reize, die das Ohr durchgehend wahrnimmt. Diese beeinflussen eure Emotionen und erzeugen unterbewusst Atmosphäre.

Dazu tragen auch die Bilder bei, die euer Gesichtssinn wahrnimmt. Durch visuelle Reize gelangen rund 80 Prozent aller Informationen um euch herum an das Gehirn. In diesem Fall verspürt ihr Ekel bei brutalen Szenen oder Panik bei der Begegnung mit einem menschenfressenden Zombie. Interessanterweise ist aber das am Gruseligsten, was ihr nicht seht. So ist die Vorstellung eines Monsters immer schrecklicher als das Monster selbst. Ist dieses jedoch erst entmystifiziert, sinkt auch das Angstlevel.

Ein unbekanntes Monster in der Finsternis - Amnesia: The Dark Descent schafft es Atmosphäre zu erzeugenEin unbekanntes Monster in der Finsternis - Amnesia: The Dark Descent schafft es Atmosphäre zu erzeugen

Die Angst kann dabei bis zu einem gewissen Grad von euch selbst kontrolliert werden. Entscheidet ihr euch beispielsweise dazu, einen Klassiker wie Slender im Dunkeln mit Kopfhörern zu spielen, ist das Erlebnis deutlich intensiver als am helllichten Tag nebenbei alle paar Minuten auf euer Handy zu starren.

Reizend, und nun?

Entsteht durch die Kombination solcher Reize Angst, schüttet euer Körper die Hormone Adrenalin und Noradrenalin aus. Vereinfacht ausgedrückt, bringt euch das eine vorübergehend verbesserte Konzentration, um in Ernstfall schneller reagieren zu können. Diese Körperreaktionen sind der Evolution zu verdanken. Wer früher einen schnelleren Schockreflex hatte, überlebte besser. Im folgenden Schockzustand erhöht sich ebenso die Menge an Glykoprotein F8 im Körper, das der Stillung von Blutungen dient.

Seid ihr erfolgreich vor einer Bestie geflüchtet, atmet ihr erleichtert auf und müsst erstmal den Controller weglegen. Vielleicht huscht euch auch ein flüchtiges Lächeln über die Lippen. Begrüßt Dopamin, das Glückshormon.

Neben der Hormonausschüttung spannen sich ebenso eure Muskeln an und die Herzfrequenz nimmt zu. Daher kommt auch die Redewendung: "Mir schlägt das Herz bis zum Hals". Durch die erhöhte Durchblutung beginnt ihr zu Schwitzen und die Analog-Sticks lassen sich ungenauer betätigen. Aber dafür seid ihr entkommen und am Leben.

Angstlust in einer virtuellen Welt

Noch während der Verfolgungsjagd oder einem heiklen Versteckspiel war es für euch eine reale, lebensbedrohliche Situation. Euer Organismus reagierte auf all die Reize, wie er es im realen Leben auch machen würde: Mit Angst und Panik. Erst nach Bewältigen der Situation wird euch bewusst, dass ihr nie wirklich in Gefahr wart und könnt vielleicht sogar über euch selbst lachen. Dies ist ein Gefühl der Lebendigkeit, ohne jemals einer physischen Gefahr ausgesetzt gewesen zu sein, wie auch der Medienpsychologe Dr. Christian Roth in einem Interview beschreibt.

Virtuelle Gefahr oder nicht - der Körper reagiert mit AngstVirtuelle Gefahr oder nicht - der Körper reagiert mit Angst

Dieses Phänomen wird in der Persönlichkeitspsychologie auch als Angstlust betitelt. Nach unzähligen Spielstunden und dem elften Finger, der eurer Spielfigur abgeschnitten wird, vermindert sich jedoch dieser Effekt. Ihr stumpft ab. Die Lösung ist ein noch härterer Inhalt. Ein Loch ohne Boden.

Alles nur eine Frage des Kicks?

Jeden Spieler als Horror-Junkie abzustempeln, würde dem Genre jedoch keinesfalls gerecht werden. So bietet dieses nämlich – dank einer dichten Atmosphäre – das Potenzial, optimal in Spielwelt und Geschichte einzutauchen. Erschreckende Momente lassen euch mit der Spielfigur verschmelzen und eure eigenen Ängste überwinden.

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Ihr habt es schon so weit geschafft, jetzt wollt ihr auch endlich wissen, was es mit eurer verlorenen Erinnerung auf sich hat oder vielleicht wollt ihr auch endlich dieses Alien zur Strecke bringen. Unbeschreiblich ist das Gefühl, wenn ihr nach Stunden der Hilf- und Wehrlosigkeit endlich eine Schrotflinte mit Explosivmunition findet – jetzt können die Monster einpacken.

Mit Sicherheit sind Glückshormone ein großer Grund dafür, dass sich Horrorspiele so großer Beliebtheit erfreuen. Jetzt, wo ihr auch einige psychologische Hintergründe kennt, steht eurem nächsten Schocker nichts mehr im Weg. Spielt, gruselt euch und habt Spaß!

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