Nach Trennung |René fragte sich: "Was passiert eigentlich mit unserem Spielstand?" (Kolumne)

von René Wiesenthal (11. Oktober 2019)

Meine Partnerin und ich trennten uns kurz bevor wir zusammen Divinity: Original Sin beenden konnten. Wir sind mittlerweile beste Freunde und haben es sogar geschafft, das Spiel drei Jahre nach dem Ende der Beziehung abzuschließen. Womit das nächste Kapitel beginnt.

Hat die Entwicklung vom Paar zu Freunden mitgemacht: Divinity: Original Sin.Hat die Entwicklung vom Paar zu Freunden mitgemacht: Divinity: Original Sin.

Das Ende einer Beziehung ist aus mehreren Gründen eine Herausforderung. Natürlich vor allem deswegen, weil starke Gefühle im Spiel sind und plötzlich viele zentrale Bezugspunkte aus dem Leben verschwinden. Doch nicht nur Emotionen müssen nach einer Trennung reguliert werden, auch ganz pragmatische Fragen stellen sich: Wie werden gemeinsam genutzte Güter aufgeteilt? Welche Zahlungen stehen noch aus? Bleibt der gemeinsame Freundeskreis ein gemeinsamer Freundeskreis?

Als meine damalige Freundin und ich uns im Jahr 2016 getrennt hatten, war vieles unsicher. Eine Sache, an die ich nach erst später anfing zu denken, weil sie erst einmal nicht die höchste Priorität hatte: Was passiert eigentlich mit unserem Spielstand in Divinity: Original Sin?

Videospiele - eine gemeinsame Leidenschaft

Das mag angesichts der Trennung wie eine unwichtige Nebensache erscheinen. Tatsächlich teilen meine Exfreundin und ich aber unter anderem die Begeisterung für Videospiele. Das hatte zur Folge, dass wir zur Zeit der Beziehung vielen damit verbundenen Hobbys zusammen nachgegangen sind – dem Schauen von Let’s Plays, Besuche von Events, und natürlich dem Zocken. Divinity stellte dabei eine ganz besondere Erfahrung dar.

So harmlos begann unsere Reise in Divinity: Original Sin.So harmlos begann unsere Reise in Divinity: Original Sin.

Wer das Spiel nicht kennt: Divinity: Original Sin ist ein isometrisches Rollenspiel, das ihr auf Konsolen im Splitscreen zu zweit spielen könnt. Mit seiner komplexen, non-linearen Geschichte, den vielschichtigen Figuren und seinen schier endlosen Geheimnissen und Problemlösungsmöglichkeiten ist es zu einem meiner allerliebsten Spiele avanciert. Wir fingen es zusammen an. Es war jedes Mal ein Highlight, wenn wir uns am Abend auf die Couch setzten - Snacks neben uns, die Katzen auf dem Schoß - und uns in der Welt von Rivellon verloren. Wir studierten und wohnten zu dieser Zeit beide in Jena, und während andere Studierende jedes Wochenende das Bafög im Club Rosenkeller versoffen, machten wir uns daran, das Universum vor der drohenden Leere zu beschützen. Gern geschehen.

"Lass Freunde bleiben"

Knapp 110 Stunden verbrachten wir in der riesigen Spielwelt. Wir litten zusammen mit Charakteren, denen Übles widerfuhr, wir diskutierten die beste Kampftaktik, riefen uns gegenseitig zu, wenn wir versteckte Orte entdeckten oder Rätsel lösten, klatschten nach dem Sieg über einen Gegner ein, der anfangs noch unüberwindbar schien – und stritten natürlich auch über Bockmist, den wir verzapften (vielleicht vor allem ich). Dadurch, dass wir jede Minute dieses riesigen Abenteuers gemeinsam erlebten, schrieben wir unsere ganz eigene Geschichte voller geteilter Erinnerungen und Erfahrungen. Wir bestimmten durch unsere Zusammenarbeit den Lauf der Dinge im Spiel, halfen einander aus und trällerten den wunderschönen Ohrwurm-Soundtrack mit. Bis … ja, bis wir merkten, dass wir uns - ganz unabhängig vom Spiel - von einem Paar zu Kumpels entwickelt hatten.

Die Helden: Lady Karo und SmackGyver. Leider sind sie dem Alltagstrott zum Opfer gefallen.Die Helden: Lady Karo und SmackGyver. Leider sind sie dem Alltagstrott zum Opfer gefallen.

Wir hatten es an diesem Punkt bis ins finale Kapitel von Divinity geschafft. Der Endboss war zum Greifen nah, konnte aber erst einmal weiter sein Unwesen treiben. Denn ich verließ die gemeinsame Wohnung, lernte jemand Neues kennen, beendete mein Studium und zog nach Berlin. Meine Exfreundin zog es nach dem Studium ins schöne Leipzig. Es fiel uns nicht in den Schoß, aber wir hielten daran fest, Freunde bleiben zu wollen, was uns nach einigen Aufs und Abs glücklicherweise auch gelang.

Nachdem die emotionalen Wogen also geglättet waren, erinnerte ich sie daran, dass wir das Wichtigste nach der Trennung niemals geklärt haben: Wann bringen wir endlich den Endboss von Divinity zu Fall? Sicher, Menschen, die kaum einen Bezug zu Videospielen haben, kommt dieser Gedanke wohl albern vor. Mich grämte es aber unheimlich, dass wir unsere fantastische Geschichte nie zum Abschluss gebracht hatten. Und so entwickelte es sich nach einer Weile zum Running Gag, dass ich sie drängte, wieder mit mir Divinity zu zocken.

Drei Jahre später: Eine offene Rechnung

Schnitt. Zeitsprung. Wir schreiben das Jahr 2019. Der Gedanke an das unverrichtete Divinity: Original Sin lässt mir noch immer keine Ruhe und ich elaboriere einen Plan: Ich sichere mir ein Exemplar von Divinity: Original Sin 2, fange es aber nicht an zu spielen. Ich spreche die Freundin darauf an, dass ich es gern mit ihr zocken würde, aber der erste Teil noch offen ist. Ich besorge nach einer Weile ein zweites Exemplar, das ich ihr zukommen lasse – erhöhe damit den Druck!

Irgendwann legt auch sie sich ein eigenes Exemplar des ersten Teils und PS Plus zu und mein Plan nimmt langsam Form an. An einem freien Wochenende verabreden wir uns also, Kopfhörer im Ohr, endlich tatsächlich zu einer Partie Divinity: Original Sin. Die Aufregung ist groß. Auch, weil die Möglichkeit besteht, dass wir schnell die Lust verlieren und das Spiel für uns seine Magie verliert. Doch siehe da: Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten sind wir wieder voll im Bann, lösen bockschwere Rätsel, besiegen zusammen die ersten Gegner nach drei Jahren Pause. Und siehe erst recht: So kurz vorm Ende, wie wir dachten, sind wir gar nicht – das letzte Kapitel hat es noch einmal ordentlich in sich.

Emotionen besiegt, Drachen bezwungen

Umso größer ist die Freude über jeden kleinen Erfolg, den wir erzielen, über jeden neuen Handlungsstrang, den wir freischalten, über jeden Levelaufstieg und die vielen alten Bekannten, die wir treffen. Nach all der Zeit wieder ins Spiel einzutauchen und tatsächlich Fortschritte zu machen, löst nostalgische Gefühle und Euphorie bei uns aus. Und am zweiten Online-Koop-Wochenende ist es soweit, wir stehen dem (Spoiler-Alarm) Void-Dragon, dem letzten Gegner im Spiel, gegenüber. Das letzte Kapitel war bis dahin eine gute Übung, um wieder in den Sattel zu kommen, und so besiegen wir den Drachen souverän. Die Freundin jubelt, als sie den finalen Pfeil in ihm versenkt.

Unerschrocken stellten wir uns dem Void-Dragon.Unerschrocken stellten wir uns dem Void-Dragon.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl als der Abspann läuft. Fast ungläubig versichern wir uns über die Headsets gegenseitig: „Wir haben es geschafft.“, „Wir haben es wirklich geschafft.“, „René, wir haben es geschafft!“, und meinen damit heimlich nicht nur den gerade errungenen Sieg über einen virtuellen Feind und das Beenden der langen Reise zuvor. Wir haben es geschafft, im Guten aus der Beziehung zu gehen. Wir haben es geschafft, nach vielen schwierigen Zeiten, den Kontakt wieder zu verstärken. Wir haben es geschafft, uns auf unseren getrennten Wegen gegenseitig zu unterstützen und aus allem, was wir miteinander erlebt haben, eine enge Freundschaft entstehen zu lassen. Als i-Tüpfelchen, so zusagen, um diese wirklichen Erfolge zu besiegeln, beendeten wir Divinity: Original Sin zusammen, nachdem es drei Jahre lang ruhen musste.

Und diese Sequenz war die Belohnung für den gewonnenen Kampf:

Man könnte nun meinen, es berge vielleicht eine gewisse Traurigkeit, dass das Spiel für uns vorbei ist. Dass „die letzte offene Rechnung“ aus unserer gemeinsamen Zeit in Jena beglichen sei. Doch so ist es nicht. Wir sind stolz darauf, es durchgespielt zu haben. Und mit dem Ende dieser Ära beginnt direkt eine neue: Die Freundin und ich haben noch am selben Abend zusammen Divinity: Original Sin 2 begonnen, das ich ja vorsorglich für den Fall vorbereitet hatte, dass wir es tatsächlich schaffen, Teil 1 durchzuspielen.

So beginnt es erneut.So beginnt es erneut.

Und so wie unsere Freundschaft stärker denn je weitergeht, so geht auch unser Abenteuer in Divinity weiter. Nachdem wir bereits voller Begeisterung Stunden im Charakter-Editor des zweiten Teils und im Intro-Kapitel verbracht haben, ist die Leidenschaft für Divinity so groß wie eh und je. Und freue mich auf die nächsten hundert Stunden.

Während ihr diese Geschichte gelesen habt, sind euch sicher viele Gaming-Erinnerungen gekommen, die ihr mit bestimmten Menschen in eurem Leben teilt. Deshalb würde mich interessieren: Was habt ihr zusammen mit einem Spiel erlebt, das ihr niemals vergessen werdet? Habt ihr auch so ein Spiel, das euch immer fest mit jemandem verbindet? Schreibt mir eure Geschichten!

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