Seehofer & Videospiele |Wer oder was ist eigentlich die "Gamer-Szene"? (Kolumne)

von René Wiesenthal (15. Oktober 2019)

Innenminister Horst Seehofer erntet wegen seines augenscheinlichen Generalverdachts von Gamern viel Kritik. Ein Problem an seinem Statement wird dabei aber nicht nur ausgelassen, sondern auch übernommen: Der Begriff der „Gamer-Szene“.

Horst Seehofer, Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat.Horst Seehofer, Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat.

Horst Seehofer, Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, forderte in einem Statement im Bericht aus Berlin, die Gamer-Szene stärker in den Blick zu nehmen. Anlass dafür waren die schrecklichen, politisch motivierten Morde an zwei Menschen in Halle durch einen 27-Jährigen am vergangenen Mittwoch. Deutschlandweit zeigten sich Bürger und Bürgerinnen in Folge solidarisch mit der jüdischen Gemeinde, die das eigentliche Ziel des Täters war. In Berlin etwa mobilisierte ein Demonstrationszug gegen Antisemitismus und Rassismus über 10.000 Menschen. Während vielfach offenkundig Widerstand gegen das Erstarken rechtsextremer Kräfte in Deutschland zum Ausdruck kommt, lenkte die Aussage von Horst Seehofer den Fokus bei der Frage nach den Ursachen für die Tat auf das Thema Gaming.

Verbindung kommt nicht von ungefähr

Weltweit neigen Politiker dazu, vorschnell auf das interaktive Medium zu zeigen, wenn eine schlimme Gewalttat stattfindet. In Deutschland dominierte die Killerspiel-Debatte Anfang der 2000er nach dem Amoklauf von Erfurt die Schlagzeilen, wurde dann zunehmend versachlicht, ist in ihrer Unterkomplexität aber offenbar nie ganz aus den Köpfen hochrangiger Politiker verschwunden. Dass Seehofer Gaming in Zusammenhang mit der Gewalttat von Halle setzt, mag wie ein Versuch wirken, von anderen Problemen abzulenken, kommt aber nicht von ungefähr: Der Täter nutzte eine Helmkamera, mit der er das Grauen auf Twitch übertrug, erzeugte damit eine Perspektive, die an Ego-Shooter erinnert. Er verwandelte seine Verbrechen in persönliche „Achievements“, weckte damit zusätzlich Assoziationen zu Belohnungssystemen in Videospielen.

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Nun ist die Killerspiel-Debatte aber nicht einfach wieder zurück, sie hat sich verändert. Denn die Nähe des Tathergangs vom Attentäter in Halle zu Videospielen rief sie bereits auf den Plan bevor Seehofer dazu kam, sie auszulösen. Die Tat zog eine Welle von Berichten mit sich, in denen nicht nur die alte Frage nach der Verantwortung von Videospielen für tatsächliche Gewalt aufgegriffen wird. Es wird auch darüber gesprochen, inwieweit Gaming-Communitys ein Nährboden für Hass und extremistische Gesinnungen sein können – ein Nährboden, auf dem reelle Gewalt entstehen kann.

Toxische Communitys: Ein reales Problem

Das ist erst einmal ein zulässiger Gedanke angesichts bekannter Probleme in verschiedenen Gaming-Communitys, die von männlicher Toxizität über latenten Rassismus bis hin zu offener Xenophobie reichen. Bestimmte Spiele sind häufig besonders einladend für das Ausleben rassistischer Fantasien, weil sie kaum Einschränkungen vornehmen. Durch Modding werden sie mitunter zu regelrechten Faschismus- und Nationalismus-Simulationen. Es ist kaum verwunderlich, dass derartige Dynamiken für Menschen – nicht nur gamingfremde – alarmierend sind.

Damit ist es also nicht abwegig, dass das Attentat in Halle zum Anlass wird, einen fragenden Blick auf Gaming-Communitys zu werfen, auf die möglicherweise nicht übernommene (Mit-)Verantwortung von Spielern und Betreibern von Foren. Verantwortung dafür, die Spiele und Plattformen nicht zu Echokammern für menschenverachtende Propaganda verkommen zu lassen, die möglicherweise in Belästigung oder reeller Gewalt ausufert.

Doch diesen differenzierten Blick nimmt Seehofer nicht vor. Woran ich mich und viele andere Menschen sich stören, ist die Generalisierung seiner Aussagen. Und die fängt nicht erst damit an, dass der Minister davon spricht, dass viele Täter Gamer seien und sich Spiele zum Vorbild für tatsächliches Verhalten nähmen. Sie fängt mit dem Begriff der „Gamer-Szene“ an. Ein Begriff, der seither von nahezu allen Medien weitergetragen wird, die sich auf Seehofer beziehen, auch von denen, die Seehofer für seine Aussagen in die Kritik nehmen. Das halte ich für höchst problematisch.

"Gamer-Szene" - Was soll das sein?

Seehofer hat mit seinen vereinfachten Worten wohl vor allem auf ein Publikum abgezielt, das mit dem Medium Videospiel nicht viel zu tun hat. Er hatte wohl kaum die Hoffnung, bei Gamern Verständnis für seinen Apell zu finden. Nun hätte Seehofer aber genau diese Chance gehabt. Die Chance, über Videospiele zu sprechen und dabei auf die oben genannten Problemfälle aufmerksam zu machen. Er hätte anerkennen können, dass Videospiele ohne Weiteres niemanden zum rassistischen Gewaltverbrecher werden lassen und fordern können, dass man in der Gaming-Community des Täters genauer hinschauen sollte. Stattdessen benutzte er mit „Gamer-Szene“ einen Begriff, der nicht nur zeigt, was für ein falsches Bild er von Spielgemeinschaften hat. Er weckt bei dem Lesenden und Hörer ebenso völlig falsche Assoziationen.

Eine Szene, das ist ein Netzwerk, in dem sich Gleichgesinnte verbinden, ein soziales Milieu. Sie zeichnet sich durch gemeinsame Interessen, gemeinsame Überzeugungen aus, oftmals auch gemeinsame Zeichen, mit denen man die Zugehörigkeit zur Szene nach außen signalisiert. Diese Zugehörigkeit verlangt ein Bewusstsein dafür, Teil der Szene zu sein, eine Identifikation.

So gibt es politische Szenen, aber auch viele Musik-(Sub)-Genres, in denen sich Szenen herausgebildet haben. Nicht immer sind sie völlig homogen, oftmals spalten sie sich in Untergruppen auf, die mitunter sogar in Rivalität zueinander stehen können. Szenen sind komplexe soziale Gebilde.

So gibt es eben auch nicht einfach die Filmschauer-Szene. Oder die Buchleser-Szene, auch keine Musikhörer-Szene. Allein diese Begriffe zu lesen wirkt befremdlich, und keiner würde sie verwenden. Genauso wenig gibt es eine Gamer-Szene. Vereinfacht gesagt: Wer einigermaßen regelmäßig Spiele spielt, der ist ein Gamer. Ob diese Person dabei Kontakt zu anderen Gamern aufnimmt, stolz auf ihr Hobby ist, welche Art von Spielen sie mag und ob sie Gamer-Symbole trägt, ist vollkommen unerheblich.

Alles in einen Topf

Mit dem Begriff „Gamer-Szene“ wird die Person aber in einen Topf geworfen mit allen anderen Gamern auf der Welt, egal wie stark ausgeprägt das Hobby individuell betrachtet ist und welchen Stellenwert es im Leben einnimmt. Der Begriff nimmt eine Verallgemeinerung vor, die völlig außer Acht lässt, wie vielfältig und vielzählig Menschen sind, die Videospiele spielen. Die Fortnite spielende Jugendliche, der Sims-Fan, die pensionierte Oma, der Counter-Strike-Profi – alle sind dann Teil der Gamer-Szene. Aber vermutlich wollen nicht alle gemeint sein, wenn über Gamer gesprochen wird.

Es sollte eines klar sein: Wenn wir über Konsequenzen aus der Tat von Halle sprechen, dann muss es um Rechtsextremismus gehen. Es darf kein Wettrennen der Erklärungsmöglichkeiten geben bei einem so klar politisch motivierten Attentat. Der Täter ist zuallererst ein gewalttätiger Neonazi, der seine menschenfeindliche Agenda auf abstoßende Art in Taten verwandelte. Dass er ein Gamer ist und das Gaming-Umfeld, in dem er sich bewegt hat, seine Ideologie womöglich begünstigt hat, kann ein Anlass dafür sein, weiter über toxische Gaming-Communities und mangelnde Kontrolle von Betreibern sozialer Netzwerke zu reden.

Dann aber, und das ist meine Bitte, mit dem angemessenen Vokabular, auch seitens der Gamer selbst. Wenn wir alle Spielenden sprachlich über einen Kamm scheren, lassen wir die Tür dafür offen, dass bei der nächstbesten Gelegenheit wieder mit dem Finger auf uns alle gezeigt wird. Und wir sind viel zu vielfältig, als dass das fair oder auch nur richtig wäre.

Tags: Politik  

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