"Nazis raus aus Gaming!" |Ist die Zeit reif für eine Spiele-Antifa? (Special)

von Dom Schott (21. Oktober 2019)

Nazi-Parolen, SS-Kostümierungen, Diskriminierung und Mobbing sind seit Jahren fester Teil der Spielkultur. Hilferufe Betroffener bleiben von Entwicklern und Admins immer wieder ungehört, Communitys werden sich selbst überlassen. Eine Gaming-Antifa könnte der Ausweg sein.

Spieler, die sich als SS-Soldaten verkleiden und Mitspieler von Servern jagen, die eine andere virtuelle Hautfarbe haben. Spieler, die Reichsparteitagsreden schwingen und mit erhobenem Hitlergruß herumspazieren. Spieler, die andere belästigen und mit den Animationen ihrer Spielfigur eine Vergewaltigung andeuten. All das ist Realität auf den Servern der größten Online-Spiele da draußen. Eine Realität zwar, die neben den vielen wunderschönen und einzigartigen Dingen existiert, die Spieler weltweit gemeinschaftlich oder alleine erschaffen — und doch bleibt sie eine Realität, die in den vergangenen Jahren nur vereinzelt beleuchtet und erkundet wurde.

Die Online-Server von Rust stellen innerhalb des Spielekosmos keine Ausnahme dar: In vielen Online-Spielen können Nazi-Parolen geschwungen, Nazi-Architektur nachgebaut und Nazi-Uniformen getragen werden — ohne Konsequenzen. Quelle: Steam.Die Online-Server von Rust stellen innerhalb des Spielekosmos keine Ausnahme dar: In vielen Online-Spielen können Nazi-Parolen geschwungen, Nazi-Architektur nachgebaut und Nazi-Uniformen getragen werden — ohne Konsequenzen. Quelle: Steam.

Dabei dringen die Hilferufe der Opfer dieser Realität seit Jahren immer wieder aus den Foren bis auf die Startseiten der großen Websites: Zehntausende Menschen haben aufgehört, Mordhau zu spielen, weil die Community so anstrengend toxisch ist, dass es dort kaum noch jemand aushält. Seit über zehn Jahren klagen Spieler in Blizzards Foren über Mitspieler, die ihnen Vergewaltigungen androhen und den Ingame-Charakter verfolgen, stalken, belästigen. Monatelang baten Spieler des Survival-Hits Rust die Entwickler um Hilfe, die zahlreichen Nazi-Clans von den Servern zu verbannen — und organisierten sich schließlich selbst in virtuellen Widerstandsgruppen, weil das Entwicklerteam nicht auf die Hilferufe reagierte.

“Nazis raus aus Gaming!”

Ausgerechnet Innenminister Seehofer rückte nun das Problem der verwahrlosten, sich selbst überlassenen Online-Communitys mit einer augenscheinlich unbedachten Fordergrund in den Mittelpunkt, die “Gamer-Szene stärker ins Auge zu nehmen”. Doch zwischen den genervten Antworten und Kommentaren gibt es auch Menschen, die jetzt endlich eine Veränderung im Wilden Online-Westen herbeisehnen.

Spieletipps diskutiert: Brauchen wir mehr Kontrolle in Online-Communities?

Zu ihnen gehört auch Marc, der in der Kinder- und Jugendarbeit beschäftigt ist und in der Vergangenheit an Flüchtlingsprojekten mitgearbeitet hat. Während der emotional aufgeladenen Debatte um Seehofers Forderung formulierte der politisch engagierte Hobby-Spieler in einem vielfach geteilten Twitter-Thread die Forderung, dass die Zeit für eine Gaming-Antifa gekommen sei, die sich proaktiv für inklusive Spielwelten engagiert — auch direkt vor Ort, unmittelbar auf den Servern der Spiele.

Im Interview mit spieletipps fasst Marc seine Motivation für seine Forderungen zusammen:

“Ich bin es leid, immer nur reagieren zu können. Darüber, dass es Nazis in der Gamingszene gibt, braucht nicht diskutiert zu werden, es ist bekannt. Es wird langsam Zeit, konkrete Forderungen zu stellen, um Gaming tatsächlich vielfältig und einen Platz für jede * n zu machen, dagegen anzukämpfen, dass dieses Hobby so vergiftet von Trollen und Nazis ist. Nazis raus aus Gaming, eben.”

Und mit Nazis kennt sich Marc aus. Seine Biographie ist geprägt von Auseinandersetzungen mit Rechtsextremen, die in seinen Alltag eindrangen: “Als jugendlicher Punk aus der Kleinstadt habe ich kennengelernt, was es heißt, vor Nazis wegrennen zu müssen. Kinder, mit denen ich aufgewachsen bin, haben sich zu Nazis entwickelt. Ich kenne ihre Argumente und ihre Denkweise.”

Jahre später erlebte Marc mit, wie Neo-Nazis die Musikszene zu unterwandern begann — ein schleichender Prozess, der ihn an das erinnert, was er heute in Online-Communitys beobachten kann: “Ich habe in den 90-ern mitbekommen, wie Nazis gezielt Anschluss an die Black-Metal-Szene gesucht haben. Gerade dort hat das ja wunderbar funktioniert. Dieses Problem sehe ich mit neuen Mitteln leider auch sehr stark im Computerspielebereich.”

Alerta, alerta, Online-Antifascista?

Die Lösung gegen dieses Problem lässt sich für Marc unter einem zentralen Wort zusammenfassen: Engagement. Entwickler, aber auch Spieler können sich gegen toxische und radikalisierte Online-Gruppen engagieren und direkt vor Ort, in den Online-Welten aber auch Foren aktiv sein. Das geschieht zwar bereits vereinzelt, doch es fehle ein gemeinsames Label, wie beispielsweise eine “Gaming-Antifa”:

“Menschen schließen sich in Gruppen nach Interessen, Wissen, Können und politischen Vorlieben zusammen, um etwas gegen Nazis zu machen. Das Antifa-Banner gibt die Möglichkeit, auch anonym, aus Selbstschutz oft notwendig, effektiv arbeiten zu können.”

Den Möglichkeiten dieses Aktivismus sei dabei keine Grenzen gesetzt: “Von banalen Spaßaktionen wie mit einem Antifa-Clan gezielt Headshots an Nazis in Battlefield zu verteilen oder es doch etwas ernsthafter anzugehen.” Ernsthafter angehen, das bedeutet für Marc beispielsweise die nähere Untersuchung der zahlreichen Nazi-Gruppen auf Steam, Recherchen zu Trollgruppen und die Unterstützung von Menschen, die von Nazis online belästigt werden.

Marc geht es dabei nicht ausschließlich darum, virtuelle Steine zu werfen, sondern Lösungen zu finden, um Online-Räume wieder zurückzuerobern. Dass er mit "Antifa" ein politisches Reizwort gebraucht, ist ihm bewusst — viele Menschen assoziieren mit "Antifa" eine große, einheitliche Organisation, die nicht gesprächs-, sondern ausschließlich gewaltbereit ist:

“Es muss leider standardmäßig erwähnt werden, dass es die Antifa nicht gibt. Und genau wie Antifagruppen in der Realität aufgebaut sind, lässt sich das auf Gaming übertragen.“

Tatsächlich ist die Idee einer Antifa für die Spielewelt nicht neu: 2006 gründete einige Freunde den Clan Antifa.gaming, der sich online und offline gegen radikale Strukturen engagieren wollte. Auf der Website schreiben die Spieler, was genau sie zu diesem Schritt bewegt hat:

“Ausschlaggebend für die Gründung war ein Vorfall, welcher sich in einer Gewalttat gegen einen alternativen Jugendlichen äußerte (...). Platzwunden und ein eingeritztes Hakenkreuz in der Brust trug er davon, um nur wenige Details zu nennen. Da die meisten Mitglieder dieses Clans auch schon Bezug zu antifaschistischen Denken hatten, war man sich einig, was unternehmen zu müssen. Was auf der Straße Antifagruppen sind, sollte online der Antifa-Clan sein.”

Finanziell von einigen anonymen Sponsoren, Spielern und antifa.net unterstützt, entwickelte sich um den Antifa-Clan bald eine schnell wachsende Community. Die Mitglieder tauschten sich im offiziellen Forum über Politik, Spiele und Alltagskram aus, auf Steam organisierten die Mitglieder gemeinsame Matches, sogar ein eSport-Team wurde gegründet — alles unter dem gemeinsamen Wunsch, wann immer möglich, ein Zeichen gegen rechtsextremes Gedankengut zu setzen, ob in Kommentarzeilen oder auf den Servern selbst.

Trotz dieser vielversprechenden Anfangszeit scheint Antifa.gaming rund 13 Jahre nach Gründung nicht mehr aktiv zu sein. Spätestens seit dem Umzug auf eine neue Homepage 2017 liegen das Forum und die Social-Media-Profile der Gruppe brach, unsere Anfragen wurden auf Facebook zwar gelesen, aber nie beantwortet. Doch die Idee der Gruppe bleibt hochaktuell — und verdient eine Wiederbelebung, wie Marc findet: “Druck muss aufgebaut, Initiativen gegründet, Labels gefunden, Parolen entwickelt werden. Spielefirmen und Plattformen müssen davon überzeugt werden, deutlich strikter zu sein und mitzuarbeiten. Anfangen kann das nur, wenn sich Menschen, die eine Stimme im Gaming haben, zusammenschließen. Ein Gegengewicht muss geschaffen, toxische Diskussionen erstickt werden.”

Der Weg muss das Ziel sein

Dass Nazis, radikale Strukturen und Trolle seit Jahrzehnten einen Platz in der Spielewelt haben, ist Realität. Dass sich dieser Zustand nicht einfach über Nacht ändert, ist ebenfalls Realität. Das weiß auch Marc:

“Aus meiner praktischen Erfahrung weiß ich, dass ein diskriminierungsfreier Raum eine Utopie ist. Aber der Weg dorthin ist das Ziel. Und in kleinen Communitys, die deutlich Stellung beziehen, ist es möglich, dem Ideal, Safe-Space-Gaming, nahe zu kommen. Von dort müssen die positiven Beispiele kommen und die Großen von ihnen lernen.”

Das Schöne an Marcs Vision ist, dass Spieler nicht erst auf die Gründung eines Clans warten oder sich gemeinsam zu Online-Aktionen verabreden müssen. Jeder kann Hakenkreuz-Profilbilder, kostümierte Hitler-Figuren und Diskriminierungen melden. Dass diese Beschwerden wirklich auch zu Konsequenzen führen, ist leider noch immer nicht selbstverständlich — aber es ist ein erster Schritt, auf den in Zukunft noch viele weitere folgen sollen. Das zumindest wünschen sich Marc und die vielen Spieler, die Gaming als gemeinsames, inklusives Hobby und nicht als anarchischen Wilden Westen verstehen, der ihre Besucher mit den Worten “Wenn es dir nicht gefällt, dann geh einfach wieder" begrüßt. Denn dass Wegschauen nicht die Lösung sein kann, wissen wir hoffentlich alle.

Tags: Politik  

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