Test - Death Stranding | Versprechen gehalten, ihr werdet zerstört

von Michael Sonntag (01. November 2019)

Auf der E3 2016 infizierte Hideo Kojima die Gaming-Welt erstmals mit Death Stranding. Ein Trailer - Millionen von Fragen. Die folgenden drei Jahre durfte der Entwickler damit zubringen, die Spieler mit jedem weiteren Spieldetail immer mehr zu verwirren (oft gegen ihren Willen). Nun ist am 8. November endlich der Tag des Releases und der Erlösung gekommen - oder doch nicht? Im Test zur PS4-Version erfahrt ihr, warum bei Death Stranding die Frage entscheidender ist, wie das Spiel euch verändert, als die Frage, ob es Spaß macht.

Rettet die Welt. Nicht, weil ihr wollt, sondern weil es niemand anderes kann.Rettet die Welt. Nicht, weil ihr wollt, sondern weil es niemand anderes kann.

Amazon in der Apokalypse

Die Menschheit ist in der Kunst schon auf tausende Arten ausgelöscht worden, sei es durch Zombies, Terroristen, Aliens oder Naturkatastrophen. Allerdings hat das Ranking der Weltuntergangsszenarien einen neuen Spitzenreiter bekommen: In Death Stranding hat der gestrandete Tod die Menschheit nicht nur vernichtet, keiner weiß, wie und warum genau. Während die wenigen Überlebenden in ihren Bunkern ausharren, sind Paketboten die einzigen, die sich in die immer gefährlichere Außenwelt wagen.

Der Regen lässt bei Berührung sämtliches Material altern, Terroristen und Plünderer kämpfen um Güter, und zu guter Letzt sind die Grenzen zwischen Tod und Leben aufgelöst, weshalb unheimliche Dimensionswesen (GDs genannt) die Gebiete durchstreifen. In dieser Misere wird euch die Steuerung von Sam Porter anvertraut, der für das Transportunternehmen Bridges arbeitet, das die Zivilisation wiederaufbauen möchte. Eure Aufgabe besteht darin, wichtige Waren quer durch Amerika zu transportieren und dabei alle Bunker an ein Netzwerk anzuschließen, um gemeinsam gegen die drohende Auslöschung anzukämpfen.

Sam muss einen ganzen Kontinent überqueren, um Antworten zu erhalten.Sam muss einen ganzen Kontinent überqueren, um Antworten zu erhalten.

Die Ausgangslage wirkt - einmal ausgebreitet - etwas simpel, fast schon zu simpel für die vorausgegangene Flut an Trailern und Hideo Kojima an sich, der bereits mit seiner "Metal Gear Solid"-Reihe den bisherigen Umfang von Videospiel-Storys gesprengt hat. Keine Sorge: Der erhoffte Fuck-Up lauert in den Hintergründen, Gesetzesmäßigkeiten und verborgenen Zusammenhängen von Death Stranding - der einfache Rahmen dient lediglich als Orientierungspunkt, falls man irgendwann nicht mehr weiß, was überhaupt noch stimmt.

Dooms, Chiralium, Leerestürze - in den unglaublich gut inszenierten Zwischensequenzen werfen die Charaktere in einer Tour mit Theorien, Erklärungen und obskuren Begriffen um sich, dass sich der Spieler anfangs sehr gut mit dem ahungslosen Sam identifizieren kann, der eigentlich nur einen geliebten Menschen retten möchte und nebenbei ein Interesse für die Bridges-Babys entwickelt. Das Reich der Toten allerdings auch.

Die Bridge-Babys sind mit der Welt der Lebenden und Toten verbunden - und damit der einzige Schutz.Die Bridge-Babys sind mit der Welt der Lebenden und Toten verbunden - und damit der einzige Schutz.

Der Spieler wird sich im Laufe der Geschichte viele Fragen stellen. Er wird viele Antworten bekommen, die aber meistens Fragen beantworten, die er noch gar nicht gestellt hat. Um sich von der Story mitreißen lassen zu können, muss die Verwirrung als ständiger Begleiter akzeptiert werden. Dann ist die Geschichte fesselnd, weil sie kinoreif erzählt wird, nicht, weil sie vollkommen Sinn ergibt - und lässt den Spieler auch bis zur finalen Auflösung 40 Spielstunden später aushalten. Diese Langzeit-Verwirrung wird aber ohnehin durch die bunte und herzerwärmende Mannschaft geschmälert, mit der Sam zusammenarbeitet und die ebenso von der Situation überfordert ist.

Ob es nun der aufdringliche Deadman, die charmante Technikerin "Mama" oder der immer nur 21 Minuten am Stück lebende Heartman ist: Auf der rein zwischenmenschlichen Ebene erzählt Death Stranding eine ganz eigene und motivierende Geschichte - mit vielen kleinen Gesten und Momenten, für die sich andere "normale" Spiele oft keine Zeit nehmen. Selbst wenn ihr dann an einer Passage zusammenbrecht, ist es das wert gewesen, wenn euer Baby später mit euch herumalbert.

Es geht darum, Dinge zu verpinkeln - Unsere User haben interessante Theorien zu Death Stranding:

Der Weg ist das Spiel

Nach diesem Amboss von Geschichte drängt sich die berechtigte Frage auf: Woraus besteht das Gameplay in Death Stranding eigentlich? Da ihr für ein Transportunternehmen arbeitet, besteht eure Aufgabe logischerweise genau darin: Ein Objekt von A nach B zu liefern. Was wie das ältestete Videospiel-Klischee für schlechtes Missions-Design klingt, stellt in Death Stranding tatsächlich eine spannende Herausforderung dar, die ihr lernen werdet, nicht zu unterschätzen. Besonders, wenn ungewiss ist, ob ihr und die Ware jemals am Zielort ankommen werden.

Es ist ein Knochenjob, der euch schon bei der Vorbereitung in der Basis vor viele Fragen stellt: Wo bringe ich die Lieferung am Körper an, um die Last gut zu verteilen? Welche Werkzeuge sollte ich mitnehmen, habe ich überhaupt genug Platz dafür? Welche Route wäre die schnellste und welche die sicherste? Soll ich mich für den Ernstfall bewaffnen oder ergreife ich lieber die Flucht? Auch wenn die intuitive Menüführung die Organisation maßgeblich erleichtert, am Ende liegt die Verantwortung beim Spieler selbst, ob er ausreichend auf die Welt dort draußen vorbereitet ist.

Ausfahrbare Leitern, moderne Kletterseile, Häuser aus dem 3D-Drucker - Das Liefern der Zukunft!Ausfahrbare Leitern, moderne Kletterseile, Häuser aus dem 3D-Drucker - Das Liefern der Zukunft!

Hat sich Sam zu einer Mission nach draußen begeben, muss er sich nicht nur vor dem Regen, Räubern und GDs in Acht nehmen, das Gelände selbst stellt den größten Feind dar - auch wenn es euch mit seiner Panorama-Schönheit ab und zu von der Apokalypse ablenkt. Nichtsdestotrotz erfordert Reisen einen wortwörtlichen Balanceakt: das Gleichgewicht halten, Hindernissen ausweichen, Flüsse, Berge und Schneewüsten überwinden oder umgehen - und gleichzeitig auf das Baby aufpassen, da dieses als einziges GDs sichtbar macht. Trotzdessen: Zu überleben reicht allein nicht aus, der Erhalt und Zustand der Ware hat höhere Priorität.

Eine schwierige Aufgabe, der ihr euch dank des Multiplayer-Modus aber nicht allein stellen müsst: Auch wenn ihr nicht direkt mit anderen Spielern interagiert, könnt ihr beispielweise Brücken bauen oder Werkzeuge hinterlassen, die anschließend auch in den Welten der anderen Boten auftauchen und sie bei ihrem Weg unterstützen. Hat der Spieler das System einmal verstanden, entwickelt er schnell eine soziale Ader und sucht nach allen Möglichkeiten, wie er anderen Spielern helfen kann. Das lohnt sich doppelt, da das Levelsystem darauf basiert, wie beliebt ein Bote ist und wie viele Likes er bekommt.

Ein Straßensystem zu bauen, ist aufwendig, aber die gesamte Community wird es euch danken.Ein Straßensystem zu bauen, ist aufwendig, aber die gesamte Community wird es euch danken.

Gegenstände ausliefern, jemandem ein Fahrzeug leihen, beim Bau einer Straße mitwirken - alle Spieler von Death Stranding sollen sich als gemeinsames Bridges-Unternehmen verstehen und sich gegenseitig mit Likes immer wieder zu guten Taten motivieren. Und selbst wenn es lang gedauert hat, eine Schutzhütte in den Bergen hochzuziehen, für die anderen hat man es gern gemacht.

Ehe ihr's euch verseht, seid ihr erfahrene Boten geworden, kennt Kniffe, speichert Güter für spätere Projekte, huscht von einem Auftrag zum anderen, kennt Gegenden wie eure Westentaschen und bezwingt gemeinsam mit anderen Spielern die Apokalypse - ohne, dass das Spiel dabei zu leicht wird, da nur eine begrenzte Anzahl von Unterstützungen in derselben Spielwelt erscheinen können. Zudem empfiehlt es sich, nach den vielen kleinen Gameplay-Elementen Ausschau zu halten, wie beispielsweise Duschen oder Recyceln, die sich als überraschende Möglichkeiten entpuppen, die eigene Arbeit noch cleverer und effizienter gestalten zu können.

Ist Spaß mittlerweile out?

Nein, Death Stranding macht selten wirklich "Spaß" - wenn wir Spaß als Unterhaltung definieren, etwas leicht Konsumierbares oder etwas, bei dem man sich gut fühlt. In Hideo Kojimas neuestem Spiel spielt ihr einen Boten in einer post-apokalyptischen Welt. Das bedeutet logischerweise: Ihr macht bis zum Ende dieselben Aufgaben, die euch auch häufig stupide vorkommen werden, und müsst für diese auch oft sehr frustrierende Situationen durchleben - vor allem, wenn die Totenwelt oder Plünderer sehr energisch nach eurem Leben trachten. Ihr seid kein Held, ihr seid ein Sklave der Hoffnung. Ihr werdet als Spieler euren Job hassen, aber das tut Sam auch. Auch er würde das Spiel gerne manchmal beenden, wenn er könnte.

Im Vergleich mit anderen Spielen, denen hohe Qualitätsstandards zugesprochen werden, weil sie ihre Spieler perfekt unterhalten, kann Death Stranding nicht mithalten. Dem Gameplay fehlt es an Abwechslung, die Bosskämpfe wirken aufgesetzt, die Spielwelt enthält nicht viel zum Entdecken. Selbst von dem Anti-Reiz eines Dark Souls hat es sich weit entfernt. ABER: Death Stranding bietet euch die seltene Erfahrung an, nicht nur Sam zu spielen, sondern zu Sam zu werden. Seine körperlichen Anstrengungen zu spüren, seine Freude, seine Zweifel, seine Ängste, selbst seine Gedanken - wenn ihr das wunderschöne, aber ewige Brachland vor euch seht, das ihr durchqueren müsst.

Wenn euch der gestrandete Tod entdeckt, überflutet er alles mit Teer und reißt euch ins Jenseits.Wenn euch der gestrandete Tod entdeckt, überflutet er alles mit Teer und reißt euch ins Jenseits.

Diese Erfahrung möglich zu machen, wurde für einen hohen Preis erkauft. Sie ist nur möglich, indem sie eure Erwartungen und Gewohnheiten zerstört. Es bietet euch an, den Raum jenseits dessen zu erkunden und zu erfahren, wozu Spiele und Spieler fähig sein können, wenn sie von den "Ketten" befreit sind, nur unterhalten zu müssen und unterhalten zu werden. Was letztendlich bedeutet: Death Stranding ist kein "Spiel" mehr und ihr seid keine "Spieler" mehr.

Selbstverständlich wird nicht jede Person diese unangenehme Erfahrung machen wollen - das ist aufrichtig gemeint, nicht arrogant oder elitär (Ich wollte sie selbst fast nicht machen). Manche Person wird sich erleichtert ins Gewissen rufen, dass dieses Spiel eine Seltenheit ist und alle anderen Spiele weiterhin am Wohl des Spielers interessiert sein werden. Death Stranding ist ein Experiment und ein radikaler Rebell gegenüber den Gesetzen des Mainstreams - und wird ihn nicht verändern. Aber jeden, der es spielt.

Meinung von Michael Sonntag

Was will Hideo Kojima mit Death Stranding ausdrücken? Eine Kritik an der heutigen Liefergesellschaft und den problematischen Arbeitsbedingungen der Paketboten? Geht es irgendwo auch um Umweltverschmutzung, den Klimawandel, Donald Trump und Walfang? Ist in Wahrheit Hideo Kojima selbst der gestrandete Tod? Ein Weltuntergang, der alles in Fragen und Verwirrung ertränkt? Haben wir diesen vielleicht schon die letzten drei Jahre durch die Trailer und Infoschnippsel von Death Stranding in der Realität erlebt, so dass wir uns ihm jetzt im Spiel stellen und besiegen können? Sind wir Sklaven unserer Sucht nach Spaß - und nach dem Spielen frei?

Ich weiß es nicht. Aber ihr habt verstanden, dass mein Kopf vor Fragen raucht - so wie schon lang nicht mehr bei einem Spiel. 2019 stellt gamingtechnisch für mich - mit seinen Remakes und bloßen Fortsetzungen - ein Jahr des Stillstands dar, es hat Death Stranding gebraucht, um das Rad aus dem Schlamm zu schubsen.

Sony stellte im Vorfeld die Bedingung, dass Death Strading erst dann bewertet werden darf, wenn das Spiel auch durchgespielt wurde. Journalistisch bedenklich, aber im Nachhinein nachvollziehbar. Nach 40 Spielstunden bin ich nun übermüdet, aber glücklich. Ich bedanke mich beim Entwickler für diese Erfahrung, befinde mich aber schon auf dem Rückweg in meine Wohlfühlzone. Was ich im Nachhinein immer noch nicht weiß: Hat Kojima Death Stranding für uns entwickelt - oder eigentlich nur für sich selbst und uns großzügigerweise daran teilhaben lassen?

90 Spieletipps-Award

spieletipps meint: Das Mystery-Spiel hält keinen Spaß für euch bereit, dafür aber eine Erfahrung, zu was Gamer fähig sein können.

Jetzt eigene Meinung abgeben

Könnt ihr Multiplayer-Maps anhand von Bildern erraten?

CoD: Modern Warfare | Könnt ihr Multiplayer-Maps anhand von Bildern erraten?

Von Call of Duty 4: Modern Warfare aus dem Jahre 2007 bis Call of Duty: Modern Warfare 3 aus dem Jahre 2011. Habt ihr (...) mehr

Weitere Artikel

Prequel-Serienteil exklusiv für VR angekündigt

Half-Life: Alyx | Prequel-Serienteil exklusiv für VR angekündigt

Nach über zwölf Jahren meldet sich Valve mit einem neuen Half-Life-Spiel zurück, welches nicht d (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Death Stranding (Übersicht)
* Werbung