Entscheidet euch, Gamer! Sind Games nun Kunst oder hirnloser Spaß?

von René Wiesenthal (Freitag, 24.01.2020 - 12:52 Uhr)

Die Spieleöffentlichkeit ist seit langer Zeit in einem Widerspruch gefangen. Dieser ergibt sich aus dem Anspruch mancher Gamer, ihr Hobby gegen alles und jeden verteidigen zu müssen. In der Konsequenz werden sie dabei aber niemals der Realität gerecht.

Sind Games Kunst oder hirnloser Spaß? Die Antwort liegt dazwischen.Sind Games Kunst oder hirnloser Spaß? Die Antwort liegt dazwischen.

Es gibt einen großen Widerspruch, der sich in Gaming-Communitys seit langem durch die öffentliche Auseinandersetzung mit diversen Themen zieht. Er entsteht durch die wahrgenommene Uneinigkeit darüber, ob Videospiele denn ernstzunehmende Kunst sei, oder schlichtweg nicht mehr als ein Spiel – was fälschlicherweise häufig als kopflose Unterhaltung interpretiert wird. Dieser Widerspruch ist teils historisch gewachsen, erklärt sich sicher aber nicht einzig dadurch. Jedenfalls führt er dazu, dass Gaming von außen immer noch mit einer grundlegenden Skepsis beäugt wird – also zu genau dem, was viele Spielenden eigentlich zurecht nicht mehr wollen.

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Der beschriebene Widerspruch äußert sich durch eine ständige Verschiebung der Narrative bei der Argumentation gegen Einflüsse oder Analysen von „außen“. Kurz gefasst wird häufig darauf bestanden, Games müsse man widerspruchsfrei alles durchgehen lassen. Wenn man etwas über ihre Konventionen und Implikationen sagen möchte, dann solle das etwas Gutes sein, oder man lieber schweigen. Die Begründungen dafür wechseln jedoch, abhängig davon, gegen wen oder was von „außen“ man diese Forderung verteidigen muss – und sie widersprechen sich heftig.

„Außen“ ist deswegen in Anführungsstriche gesetzt, weil es nur ein subjektives, und kein tatsächliches Außen und Innen bei Videospielern gibt. Jede/r, der spielt, ist Spielende/r. Wird aber Kritik an Videospielen geäußert, werden Denkanstöße und Kulturbesprechungen am Spiel vorgenommen, dann fühlen sich manche "Gamer" oftmals gestört. Sie glauben dann, dass Fachfremde mit politischer Agenda versuchen, die eigene Wohlfühlsphäre zu entern und darin gewaltsam Veränderungen herbeizuführen. Ihnen etwas wegzunehmen.

"Games sind große Kunst"

Einmal wird die Begründung dafür, Games müssten alles dürfen, darin gefunden, dass sie Kunstwerke seien. Generell und allesamt. Diese Begründung kommt etwa auf, wenn Kritik an gewalthaltigen Inhalten geübt wird, vor allem aber, wenn es um die Darstellung verfassungsfeindlicher Symbole in Spielen geht. Der Tenor: Alles durchwinken, Kunst muss alles dürfen und darf nicht beschnitten werden. Sonst wäre das ja Zensur.

Through the Darkest of Times ist ein Indie-Spiel, das sich mit der Nazi-Zeit beschäftigt. Hier greift die so genannte Sozialadäquanzklausel.Through the Darkest of Times ist ein Indie-Spiel, das sich mit der Nazi-Zeit beschäftigt. Hier greift die so genannte Sozialadäquanzklausel.

Die erweiterte Anwendung der Sozialadäquanzklausel auf Videospiele ist freilich ein großer Fortschritt für das Medium – für viele "Alle Games sind Kunst"-Verfechter ist sie eine willkommene Unterstützung, um auch zweifelhafte Inhalte verteidigen zu können.

"Es sind doch nur Spiele!"

Weiterhin wird die Begründung für die Freiheit von Spielen vor „Eingriffen von außen“, Einflüssen von sozialem Wandel oder überhaupt nur Kritik darin gefunden, es seien ja nur Spiele. Also im totalen Widerspruch zum Narrativ der Kunst. Spiele werden in dieser Erzählung heruntergebrochen auf ihre basalsten Mechaniken, ihnen wird jede (Wechsel-)Wirkung mit dem Spieler oder der Gesellschaft abgesprochen, noch dazu jede Verantwortung für beides. Sie werden nicht – wie andere Kulturgüter auch – in Relation zum Zeitgeschehen betrachtet, sondern in einem fiktiven luftleeren Raum.

Zwei Extreme, keins funktioniert

Das Problem an beiden Narrativen: Keines von ihnen wird der Realität gerecht. Denn einerseits sind nicht alle Spiele Kunstwerke. Jedes Spiel lässt sich erst einmal als ein kreatives Werk bezeichnen. Es ist damit im Kern mechanisch, funktional und spricht spielerische Triebe an. Die sind in ihren Ausläufern nicht unbedingt plump, regen aber nicht zwingend zur tieferen Beschäftigung oder Assoziation an. Darüber hinaus verfügen vor allem moderne Spiele zwar immer häufiger über eine ausgiebige Erzählung, die das Spielerische einbettet. Diese Tatsache reicht aber auch noch nicht für den Kunstbegriff aus. So würde wohl niemand FIFA 20 als ein Kunstwerk bezeichnen, nur weil es da einen Karrieremodus gibt.

Andererseits sind Spiele eben – und das muss jemand, der sie als Kunstwerk betrachtet ja eigentlich anerkennen – alles andere als nur Spiele. Sie haben wirtschaftliche, politische, soziale Implikationen. Sie wirken auf uns, und wir verändern sie durch Modifikationen, Feedback und Nutzungsgewohnheiten. Es gibt komplexe Dynamiken zwischen Industrie, Gesellschaft und Individuum, die sich beobachten und wissenschaftlich prüfen lassen. Und je wichtiger Spiele als Industriezweig werden, je mehr sie die Gesellschaft durchdringen, desto mehr Menschen werden auf sie schauen, weil es immer wichtiger wird, zu hinterfragen, was das ist, das da einen großen Teil der Lebenswelt der Menschen ausmacht.

Ein Widerspruch, der kein Widerspruch ist?

Nun kann es sein, dass dieser Widerspruch gar nicht existiert, wenn man sich alle Gamer im Einzelnen anschaut. Weil es nicht „den Gamer“ gibt, nicht jeder und jede Spielende reaktionär ist, die meisten sich aus Debatten wohl sogar ganz heraushalten. Sehr wohl existiert der Widerspruch aber in der Videospielöffentlichkeit, da eine von beiden Positionen dort oftmals vorherrschend ist und somit die Debatten dominiert – oder aber im Keim erstickt. Weil in Sozialen Medien wie Facebook und Twitter nicht immer die Mehrheit das Stimmungsbild prägt, sondern häufig die lautesten Schreihälse, die wiederum andere verschrecken. Die differenzierten Debatten finden daher im Vergleich dazu nach wie vor eher im stillen Kämmerlein statt. Wollen wir aber dazu beitragen, dass Spiele einem künstlerischen Anspruch gerecht werden und sie uns weiterhin auch einfach nur Spaß machen können, müssen wir den kritischen Blick auf das Medium in allen Gaming-Communitys nicht nur zulassen, sondern auch fördern.

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