Test - Wolcen: Lords of Mayhem | Gebt die Diablo-Hoffnung nicht auf

von Michael Sonntag (Freitag, 21.02.2020 - 11:00 Uhr)

Da ist er nun - unser Test zu Wolcen: Lords of Mayhem, dem Diablo-Klon, der seinen Fans in den letzten Tagen genauso viel Freude wie Kummer beschert hat. Auch wenn der gegenwärtige Zustand des Spiels uns immer noch kein finales Urteil gestattet, können wir euch jetzt trotzdem eine Einschätzung geben und euch sagen, ob ihr den Sprung in Wolcen: Lords of Mayhem wagen solltet.

Wolcen: Bug-Katastrophe oder würdiger Diablo-Klon?

Wolcen: Lords of Mayhem - Eine falsche Prophezeiung?

Für ein Indie-PC-Spiel hat Wolcen: Lords of Mayhem einen erstaunlichen Eroberungszug durch die Gaming-Welt hingelegt: Im Jahr 2015 gewann das ursprünglich noch Umbra genannte "Hack'n' Slay"-Spiel die Plattform Kickstarter samt seiner Spender für sich, zog dann für drei Jahre mit seiner "Early Access"-Phase tausende Steam-Spieler in seinen Bann und dominierte Anfang 2020 sogar die Top-Charts.

Und wenn alles nach Plan gelaufen wäre, hätte es Wolcen: Lords of Mayhem mit seinem Release am 13. Februar vielleicht sogar schaffen können, die Vorfreude auf Diablo 4 vergessen zu machen. Aber fehlerhafte Testversionen, die die Meinung der Community und Presse auseinandertrieb, und Wellen an technischen Problemen am Release-Wochenende lassen Zweifel aufkommen, ob Wolcen: Lords of Mayhem wirklich die vom Entwickler prophezeite Spiele-Erfüllung ist - oder jemals seind wird.

Um fair zu sein, erläutern wir euch zunächst den grandiosen Inhalt des Spiels, bevor wir auf den katastrophalen technischen Rahmen zu sprechen kommen.

Vom Dämonenjäger zum gejagten Auserwählten

In Wolcen spielt ihr einen der drei Schüler von Hochinquisitor Heimlock, der die Welt von allem Dämonischem befreien will.In Wolcen spielt ihr einen der drei Schüler von Hochinquisitor Heimlock, der die Welt von allem Dämonischem befreien will.

Dafür, dass "Hack'n' Slay"-Spiele nicht zwangsläufig ein Netflix-taugliches Epos als Hintergrundhandlung brauchen, um Spieler dazu zu motivieren, tausende Kreaturen ins Jenseits zu schicken, bietet Wolcen: Lords of Mayhem eine recht spannende Ausgangslage - in einer Welt, in der erzkonservative Menschen gegen übernatürliche Mächte kämpfen. Präsentiert wird das Ganze dabei über "Graphic Novel"-artige Zwischensequenzen.

Nachdem euer Charakter seine Familie bei einem Überfall verloren hat, wurde er von einem legendären Heerführer adoptiert und mit zwei anderen Waisenkindern zu Elite-Soldaten ausgebildet. Seitdem dient ihr der Republik, um alles Dämonische in der Welt auszulöschen. Auf der Mission, eine feindliche Bruderschaft anzugreifen, geratet ihr in einen Hinterhalt und könnt einen Dämon nur knapp besiegen - weil der Kampf in euch verborgene Dämonenkräfte erweckt hat. Nach der Offenbarung euer Identität steht ihr zwischen den Fronten und müsst für euch allein kämpfen, um die Wahrheit hinter all dem aufzudecken.

Somit erwartet euch in Wolcen: Lords of Mayhem kein stumpfer "Gut gegen Böse"-Konflikt, den ihr um jeden Preis skippen wollt. Auch wenn die Handlung gegen Ende mehrere Fragen offen lässt, bietet sie eurer Metzelei einen schönen roten Faden, der euch neugierig auf das Kommende stimmt, ohne sich euch aufzudrängen.

Eine offensive Magierbogenschützin - Wieso nicht?

Der Kampf gestaltet sich schnell und abwechslungreich in Wolcen: Lords of Mayhem. Dank der vielen Möglichkeiten kommt ihr auch mit vielen oder gigantischen Feinden zurecht.Der Kampf gestaltet sich schnell und abwechslungreich in Wolcen: Lords of Mayhem. Dank der vielen Möglichkeiten kommt ihr auch mit vielen oder gigantischen Feinden zurecht.

Aber für welches übergeordnete Ziel ihr auch immer kämpft, in erster Linie kämpft ihr in Wolcen: Lords of Mayhem, um euren selbsterstellten Charakter zu entwickeln. Nach der alten Rollenspiel-Manier: Als blutiger Anfänger mit Nichts starten, am Ende als legendärer Halbgott rausgehen. Gebiet für Gebiet erkundet ihr, sammelt Objekte ein, tötet Orks, Geister und Gift spuckende Echsen, nehmt es mit einem epischen Endgegner auf, um anschließend zur Hauptstadt zurückzukehren, euch bei den Händlern mit stärkeren Rüstungen und Waffen einzudecken und aufs Neue loszumarschieren. Simpel, aber äußerst motivierend.

Der Basiskampf besteht dabei aus linkem und rechtem Mausklick sowie einer Ausweichrolle über die Leertaste. Darüber hinaus können aber auch spezifische Spezialattacken eingesetzt werden, beispielsweise ein Hammerschlag, ein Pfeilhagel oder eine magische Explosion, je nachdem welche Primärwaffe ihr ausgewählt habt. Nach jedem Level-Aufstieg könnt ihr Punkte klassischen Attributen wie Angriff, Ausdauer und Widerstand zuordnen und euch zudem noch eine passive Fähigkeit aussuchen.

Beim Charaktersystem orientiert sich Wolcen: Lords of Mayhem an bekannten Genre-Vetretern, packt das Beste zusammen und bricht altmodische Strukturen auf: So entscheidet ihr euch am Anfang des Spiels, im Gegensatz zu Diablo, nicht für eine verbindliche Charakterklasse. Die Wahl zwischen Krieger, Bogenschütze oder Magier verschafft euch lediglich einen Vorsprung in dieser Klasse, während es euch im Spiel immer noch freisteht, eure Ausrichtung zu wechseln oder sogar auf mehrere Zweige zu setzen. Zudem habt ihr ähnlich wie in Path of Exile einen Entwicklungsbaum für passive Fähigkeiten, den ihr über Rollscheiben eurer gewünschten Wuchsrichtung anpassen könnt.

Alles in allem - Wolcen: Lords of Mayhem trägt nicht umsonst den Spitznamen "Klon" und braucht sich deswegen auch nicht zu schämen. Es hat seine Vorbilder gut kopiert, um eine würdige Alternative zu schaffen und bietet über die verschiedenen Schwierigkeitsgrade auch an, dass sich jeder Spieler einer angemessenen Herausforderung stellen kann. Etwas revolutionär Neues bietes Wolcen: Lords of Mayhem allerdings nicht.

Dank CryEngine - Kämpfen wie auf der Kinoleinwand

Mit Hilfe der CryEngine gelingt es Wolcen: Lords of Mayhem, euren Kämpfen äußerst stimmige Kulissen zu bieten.Mit Hilfe der CryEngine gelingt es Wolcen: Lords of Mayhem, euren Kämpfen äußerst stimmige Kulissen zu bieten.

Eine nicht zu vernachlässigende Stärke bezieht Wolcen: Lords of Mayhem aus seiner Optik: Grausame Schlachtfelder, dunkle Höhlensysteme, übernatürliche Ebenen - Dank der CryEngine bestehen die Schauplätze nicht aus platten, bedruckten Flächen, sondern bieten dem Spieler mit ihren Licht- und Soundeffekten sowie ihrer Tiefenoptik lebendige und glaubhafte Kulissen.

So wirkt der eigene Charakter am Rand einer gigantischen Schlucht sehr winzig und in einer brennenden Höhle absolut verloren. Das verleiht den Kämpfen eine zusätzliche Spannung, als ob man gerade wirklich einen "Der Herr der Ringe"-Film aus der Vogelperspektive inszenieren würde. Gleiches gilt für die Charaktermodelle, die sehr detailiert und hübsch ausfallen - sowohl die edlen Helden als auch die grauenvollen Monster.

Im Singleplayer ein halbes Fest, im Multiplayer eine komplette Pein

Wolcen leidet zurzeit unter diversen technischen Problemen, was ihm auch unter Fans den Spitznamen "Lords of Maintenance", zu Deutsch "Lords der Wartungsarbeiten" eingebracht hat.Wolcen leidet zurzeit unter diversen technischen Problemen, was ihm auch unter Fans den Spitznamen "Lords of Maintenance", zu Deutsch "Lords der Wartungsarbeiten" eingebracht hat.

Während Wolcen: Lords of Mayhem auf der inhaltlichen Ebene nahezu keine Wünsche offen lässt und eine Top-Wertung einheimsen könnte, riskiert es diese gleich wieder, wenn das alles der technischen Ebene gegenübergestellt wird. Dutzende Bugs, Spielabstürze, verschwindende Items, gewartete Server - ob ihr heute Spaß mit dem Diablo-Klon haben werdet, ist regelrechtes Glücksspiel. Zumindest zurzeit noch.

Der Singleplayer ist abseits gelegentlicher Fehler die meiste Zeit über einwandfrei spielbar, aber der Multiplayer ist eine Zone, die ihr noch eine längere Zeit meiden oder nur mit hoher Frusttoleranz betreten solltet. Entwickler Wolcen Studio ist seit Tagen bemüht, alle Fehler und Bugs zu fixen, aber hier wirkt das Spiel noch recht unfertig. Es ist noch nicht absehbar, ab wann Entwarnung gegeben werden kann. Selbsverständlich brauchen viele Spiele nach ihrem Release noch korrigierende Patches, aber zum Release erwartet man schon etwas anderes.

Hinzu kommt, dass ihr für Single- und Multiplayer unterschiedliche Charaktere erstellen müsst. Ihr könnt weder wechseln noch den Charakter übertragen, was bedeutet, die Geschichte zweimal spielen zu müssen. Der Zustand des Spiels erweckt stellenweise den Eindruck, dass Wolcen: Lords of Mayhem seine "Early Access"-Phase zu früh verlassen hat beziehungsweise sich technisch gesehen trotz Release des Hauptspiels immer noch in dieser befindet. Für den Preis von 34,99 Euro stellt das einen Risikokauf dar.

Bewertung von Michael Sonntag

Ich glaube weiterhin an Wolcen: Lords of Mayhem - trotz berechtigter Zweifel. Ich hatte Spaß mit dem Diablo-Klon - während der fehlerhaften Testversion und während der Release-Version, die für mich ohne funktionierenden Multiplayer und Fehlern immer noch ein unfertiges Spiel darstellt.

Jetzt liegt es am Entwickler, das Spiel einwandfrei zum Laufen zu bringen - und sobald ihm das gelungen ist, wird es vielleicht nicht nur ein würdiger Diablo-Nachfolger sein, sondern vielleicht sogar ein neuer Anwärter auf den "Hack'n'Slay"-Thron.

Mit seiner exzellenten Grafik, seiner freien Charaktergestaltung, seinem motivierenden Gameplay und seiner interessanten Geschichte - Ich glaube an Wolcen, aber seine Zeit ist noch nicht gekommen, eines Tages vielleicht. Es bleibt für Wolcen zu hoffen, dass die Fans weiterhin geduldig auf diesen Tag warten.

78

spieletipps meint: Ein würdiger Diablo-Klon, dem zum Erfolg nur noch seine fehlerhafte Technik im Weg steht.

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