Von Spiel zu Spiel | Warum es für Gamer (fast) unmöglich ist, anzuhalten

von Michael Sonntag (Samstag, 07.03.2020 - 16:00 Uhr)

Von Spiel zu Spiel zu Spiel: Der Gamer von heute ist ein ruheloses Wesen, der eine digitale Welt betritt, diese komplett aufsaugt und dann wieder alle Zelte abreißt, um die nächste Welt zu finden. So sammelt er zwar abertausende tolle Eindrücke, kann aber kein Spiel wirklich seine Heimat nennen oder sich ausruhen. Ich selbst war extrem erschöpft davon und musste gegen mein Naturell ankämpfen, um endlich mal anzuhalten. Wenn auch nur für kurze Zeit.

Immer unterwegs, um Welten zu entdecken, dunkle Fürsten zu stürzen und massenhaft Loot zu sammeln. Kann es auch mal eine Pause geben?Immer unterwegs, um Welten zu entdecken, dunkle Fürsten zu stürzen und massenhaft Loot zu sammeln. Kann es auch mal eine Pause geben?

Die schwerste Quest des Gamers: Anhalten

Mein Album mit den Urlaubs-Screenshots vom letzten Gaming-Jahr kann sich wirklich sehen lassen:

So erfüllend das auch klingen mag, muss ich zugeben, dass ich mich kaum an Einzelheiten erinnere. Ja, ich habe es zwar genossen, aber sobald ich den Endgegner in einem Spiel besiegt hatte, knippste ich mich noch schnell vor einer "Easter Egg"-Sehenswürdigkeit und saß dann schon im Flieger in die nächste Welt. Und so funktioniert Gaming allgemein: Es ist ein einziges Reisen, ein pausenloser Roadtrip. Dabei sind Spiele die Urlaubsziele, Spieler sind die Touristen und Entwickler sind die Reisebüros sowie Betreiber der Urlaubsorte. Es gibt nicht nur extrem viel zu sehen, damit ist auch der Druck verbunden, alles gesehen zu haben.

Während die Gamer also immer auf Achse sind, in Waldhütten oder Raumschiffhangars übernachten, viel Geld auf ihren Trips ausgeben, dutzende Gameplay- und Steuerungskulturen kennenlernen und dabei systematisch ihren Pile of Shame abarbeiten - als zerfledderten Katalog auf ihren Beinen -, sind die Entwickler damit beschäftigt, ihre Spiele noch attraktiver und größer zu gestalten, damit die Reisenden ihre Orte anderen gegenüber bevorzugen. Denn ein zehnstündiges Singleplayer-Spiel wie A Plague Tale: Innocence ist nur ein kleines Dorf im Gegensatz zu einer offenen Urlaubswelt wie The Witcher 3: Wild Hunt. Hingegen versuchen Service Games wie Fortnite, dem Gamer ein luxoriöses Resort zu bieten, das stetig sein Gelände erweitert, neue Events veranstaltet und die Souvenirs im Ingame-Shop aufstockt - um ihn da zu behalten.

Angesichts dieser unermüdlichen Gaming-Erlebnisurlaubsbranche stellte ich mir eine Frage: Warum kann ich als Gamer nicht einfach mal anhalten? Weil ich mich langweilen würde? Weil ich ich mich dann eingesperrt fühlen würde? Weil das einen Fehler in meinem Gamer-Code verursachen würde?

Ich habe das mutige Experiment gewagt: Ich habe zunächst - nach stundenlanger Suche - die Bremse in meinem Wagen gefunden und dann - mit etwas Schlucken - sie komplett durchgedrückt. Einerseits hat es mich gewundert, wo ich zum Stehen gekommen bin und andererseits auch nicht.

Haben Gamer eine Heimat?

Lange Zeit habe ich gedacht, dass ich als Gamer nicht anhalten kann, weil ich keine Heimat habe. Das muss nicht unbedingt stimmen, aber logischerweise kann ich meine Heimat nicht wahrnehmen, wenn ich immer unterwegs bin. Darüber hinaus widerspricht es auch meinem Naturell: Zocken ist kein Wohnen, Zocken bedeutet, Abenteuer zu erleben. Aber das soll für das Experiment einmal egal sein - Gepfiffen auf alle neuen und nachzuholenden Spiele und sich einmal die Frage stellen, an welchem Ort / in welchem Spiel ich es stundenlang aushalten könnte, einfach nur dort zu sein, herunterzukommen und keine große Mission zu verfolgen. Und all das, ohne dabei wahnsinnig zu werden.

Selbstverständlich fallen mir zunächst meine Lieblingsspiele ein, wenn ich an Heimat denke. Aber gefallen sie mir immer noch, wenn ich sie ausnahmsweise nicht als Spielplätze wahrnehme, sondern als Wohnorte? Nicht alle, Spiele wie beispielsweise Bioshock Infinite begeistern mich aufgrund ihrer nervenaufreibenden Geschichte, Spiele wie Silent Hill 2 fesseln mich, gerade weil sie mich in eine grauenvolle Umgebung werfen, damit ich sie bewältigen kann. Mein Spielegeschmack sagt aus: „Ich will in Spielen alles andere als eine Heimat finden, ich suche eine Herausforderung, die mich im echten Leben total überfordern würde.“ In Spielen flüchte ich also vor meiner eigentlichen Heimat, der Realität. Super, aber das ist noch keine zufriedenstellende Antwort.

Meine Gaming-Heimat ist tatsächlich eine Kombination aus drei Orten / Spielen.Meine Gaming-Heimat ist tatsächlich eine Kombination aus drei Orten / Spielen.

Aber kenne ich in der Videospiellandschaft tatsächlich keinen einzigen Zufluchtsort, an dem ich kein Held sein muss, kein ewig Reisender? Doch, es sind sogar drei Stück. Es hat längere Zeit gebraucht, aber dann gab ich mir selbst die Antworten.

In diesen Spielen empfand ich tatsächlich Heimatgefühle, kleine Ausnahmen vom ewigen Roadtrip, die nur in der riesigen Menge an Eindrücken untergegangen sind, sich aber immer noch dort befinden. Mit ihnen sind Spielweisen verknüpft, die gegenüber meinem sonstigen Verhalten vollkommen merkwürdig und langweilig wirken. Es waren auch nur Abschnitte weniger Minuten. Aber ich erinnere mich, dass ich es genossen habe.

  • The Elder Scrolls 5: Skyrim: Manchmal verließ ich mein eigen erbautes Heim und ging in der Gegend spazieren. Genoss die Natur, sammelte Kräuter, sprach mit NPCs in Flusswald und lauschte den Liedern des Barden in der Taverne. Ich hatte keine Waffen dabei.

  • Deus Ex: Mankind Divided: Auch hier ging ich durch das moderne Prag spazieren, grüßte meine Nachbarschaft, ließ die Cyberpunk-Umgebung auf mich wirken und betrat den Laden am anderen Ende der Stadt, um mit dem geheimen Aufzug in das unterirdische Hauptquartier meines Arbeitgebers zu fahren. Und tat so, als ob ich einen freien Tag hätte.

  • GTA Online: An manchen Tagen stieg ich in mein Auto und fuhr raus aufs Land, zwischen Steppe und Gebirge. Dort draußen gibt es in der Regel selten Spieler. Entweder fuhr ich einfach nur schnell die Straßen entlang oder ging spazieren, um Fotos mit meinem Ingame-Handy zu machen. Für die Heimkehr rief ich mir ein Taxi.

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Ich nehme mir nun vor, diese Spiele aufzusuchen, sobald ich das Gefühl haben sollte, dass das Reisen mich zerreißt - und empfehle jedem, herauszufinden, wo sich seine Gaming-Heimat befindet. Eine Pause tut gut, auch wenn ich weiß, dass ich kurze Zeit später wieder dieses Fernweh nach Abenteuern haben werde.

Aber es tröstet mich zu wissen, dass ich anhalten kann, wenn ich will. Es widerspricht zwar meinem Naturell, aber es ist schön zu wissen, dass ich in diesem riesigen Chaos an Eindrücken eine Heimat habe. Einen Ort, der schön genug ist, dass ich dort bleiben kann, ohne ein Held sein zu müssen.

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