The Last of Us: Was zum besten Spiel aller Zeiten gefehlt hat (Kolumne)

von Michael Sonntag (Mittwoch, 10.06.2020 - 17:11 Uhr)

Obwohl The Last of Us aus der belächelten PS3-Ära stammt, wird es sieben Jahre später immer noch als (niemals erreichbare) Messlatte für neue Spiele herangezogen. Aber was macht The Last of Us so "unsterblich" - und warum wurde es trotz des Mythos immer noch nicht zum allerbesten Spiel gekürt? Ich habe es noch einmal gespielt und glaube die Antwort zu kennen: Die Idee war ihrem Spiel voraus. Vielleicht ereilt The Last of Us 2 dasselbe Schicksal oder es schafft es, die Grenzen seiner Zeit zu sprengen.

Es sind Momente, die viel aussagen. Das Remaster von The Last of Us hebt diese zusätzlich hervor.Es sind Momente, die viel aussagen. Das Remaster von The Last of Us hebt diese zusätzlich hervor.

The Last of Us: Der gescheiterte Gaming-Prometheus

Im Jahr 2013 nahm sich Entwickler Naughty Dog eine Auszeit von seinen poppigen "Indiana Jones"-Abenteuern mit Uncharted und widmete sich einem erwachseneren Stoff. Auch wenn der Zombie-Hype mit der "The Walking Dead"-Serie an der Spitze bereits abzufallen drohte, zeigte sich The Last of Us trotz des ausgelutschten Szenarios überraschend emotional und mehrschichtig.

Es ging nicht um das martialische Überleben des Stärkeren, das Feiern von Endzeit, Anarchie und Brutalität, sondern um die innerliche und äußerliche Reise zweier Menschen in einer melancholischen, gnadenlosen Welt. Für den vielversprechenden Stoff bediente man sich bei anderen Medien, unter anderem bei dem Roman The Road von Cormac McCarthy. Auf der einen Seite wurde zwar ein neues Story-Level für Gaming erschaffen, auf der anderen Seite hagelte es zurecht Kritik, was das Gameplay angeht: die immer gleichen Abläufe, das stumpfe Kampfsystem, die bescheidene Gegner-KI.

Aber trotz der Eingepferchtheit in ein altbackenes Gameplay-Konstrukt konnte The Last of Us ein eigenes Genre erschaffen, das God of War und A Plague Tale würdevoll fortführten. Aber was ist das Geheimnis von The Last of Us, das Fans heute immer noch begeistert? Simpel: Die Story ist das Gameplay und umgekehrt, ihr überlebt als Überlebender - eine Fusion, die The Last of Us viel besser geglückt ist als allen anderen Spielen, deren Ebenen weiterhin auseinanderdriften - abgesehen von dem (weniger massentauglichen) Death Stranding. Ich betone "viel besser geglückt", weil The Last of Us letztendlich daran scheiterte, dass es zu viel Fleisch für zu wenig Knochen hatte. Im Folgenden führe ich euch zum entscheidenden Punkt.

The Last of Us 2 schickt euch in die Abgründe der Rache:

Anmerkung: Selbstverständlich lassen sich Spoiler nicht vermeiden.

The Last of Us: Eine Quattro Stagioni mit zu viel Artischocken

Wie viele Minuten braucht man, um zwei Charaktere greifbar zu machen? Nicht einmal zwei, beweist Naughty Dog im Prolog von The Last of Us. Wir lernen Vater Joel und Tochter Sarah kennen, die trotz allen Problemen über die Runden kommen und noch darüber lachen können. Es ist der erste gut geschriebene Dialog von vielen, welche die Story die gesamte Spielzeit über tragen werden.

Der Spieler erlebt den Untergang aus der Perspektive der Tochter, überfordert und verängstigt. Der Anfang ist schnell und kurz, aber so schnell und kurz kann auch das alltägliche Leben in einer Zombie-Apokalypse enden. Es folgt eine Story-Aufteilung nach Jahreszeiten, bei dem der Sommer das meiste Feuerwerk verschießt und dem Rest die Puste ausgeht.

Sommer: Action, Abwechslung, Achterbahn

The Last of Us nimmt nach dem Ausbruch gleich die zweite Perspektive in den Blick, die bei Postapokalypsen nie gezeigt wird: die besiegte Menschheit, 20 Jahre später. Joel führt ein Leben mit seiner Schicksalsgenossin Tess, erledigt kleine Aufträge unter dem Radar des Militärs, das seiner bewachenden Aufgabe ohne wirkliche Perspektive nachgeht. Eine gewöhnliche Waffenlieferung entwickelt sich zu der wichtigsten Aufgabe ihres Lebens - den Rebellen das Mädchen Ellie bringen, das Heilmittel in Form eines immunen Menschen.

Ein Road-Movie beginnt - Wer braucht schon eine Open World, wenn der Spieler durch organisch zusämmenhängende Gebiete schreitet, in denen er wie eine ums Überleben kämpfende Ratte durch eingestürzte Häuser kriechen und klettern muss? Die Charaktere meistern kleinere Rätsel, sprechen über Dinge, die sie finden, und lernen sich darüber besser kennen - genauso der Spieler. Alle Ebenen gehen auf wundersame Weise ineinander über. Darüber hinaus bezieht der Sommer von The Last of Us seine Stärke durch seine verschiedenen Gebiete, von denen jedes das Gameplay mit einer passenden Atmosphäre einfängt:

  • Die Clicker im Burökomplex und Museum: Erstmals in die nackte, kalte Welt da draußen geschleudert, klaustrophobisch, unheimlich.

  • Tess' Opfer: Verabschiedung bei Sonnenaufgang, jetzt heißt es, alleine durchzukommen, um jeden Preis.

  • Zu Besuch in Bills Fallenstadt: Mit Schrotflinten durch Vorgärten und ein verlassenes Schulgebäude ballern - der Part hat etwas von einem B-Movie, ist witzig und brachial.

  • Die Stadt und das Hotel: Joel und Ellie führen Krieg gegen eine Bande; im Hotel erlebt Joel seine Feuertaufe, indem er im dunklen Keller allein gegen Clicker kämpfen muss, Ellie erlebt ihre als Scharfschützin im Gefecht.

  • Treffen auf Verbündete: Ein gleiches Schicksal, das letztendlich zwei unterschiedliche Pfade nimmt.

Herbst: Emotionale Höhen auf Gameplay-Schienen

An eindrucksvollen Bildern fehlt es dem Herbst von The Last Of Us nicht. Allerdings ist das Gameplay verbraucht.An eindrucksvollen Bildern fehlt es dem Herbst von The Last Of Us nicht. Allerdings ist das Gameplay verbraucht.

Auf den actionreichen Sommer folgt der ruhige Herbst mit melancholischem Cowboy-Feeling und wenigen Kämpfen. Der Zauber von The Last of Us beginnt zu schwinden, es gibt zwar noch viel zu erzählen, aber das Gameplay ist verbraucht, die Schienen werden unter den eindrucksvollen Bildern immer sichtbarer. Story und Spiel driften auseinander.

Ein Part, der bis auf Pferde keine neuen Ideen mehr hat, aber die stärksten emotionalen Momente beherbergt. Joel trifft auf seinen Bruder und Ellie flieht und zwingt Joel, Seite zu bekennen - ob Ellie nur eine Ware oder ein wichtiger Mensch für ihn ist. Diese tollen Momente werden von "Call of Duty"-Ballereien im Elektrizitätswerk und linearen Shooter-Arenen geschmälert, die mit Pferden betreten und verlassen werden können.

Die Universität ist ein wunderschönes Gebiet zum Erkunden, steht aber im Schatten bisheriger Gebiete, der Clicker-Part ist eine Aufwärmung des Kampfes im Hotelkeller. Das Ende ist wieder sehr stark, weil es auch gameplaytechnisch plötzlich wieder überrascht - wenn Joel sich verletzt herauskämpfen muss. Der Herbst fällt sehr kurz aus und hätte vielleicht gameplaytechnisch die Melancholie stärker in den Fokus nehmen müssen: mit mehr Reiten, mehr Gesprächen, mehr Rätseln und weniger Kämpfen. Der Herbst leidet darunter, dass er auf falsche Weise unterhalten will.

Winter: Survival Endgame

Im Winter gelingt The Last of Us sein zweiter und kleinerer Höhepunkt.Im Winter gelingt The Last of Us sein zweiter und kleinerer Höhepunkt.

Gleich zu Anfang eine Überraschung: Wir spielen Ellie und jagen einen Hirsch im Schnee. Es folgt eine knackige Survival-Passage nach der anderen, die Häuserkämpfe erinnern an Resident Evil und fügen sich großartig in das gnadenlose Szenario ein. Der Spieler muss sparsamer spielen und mit dem Wenigsten überleben, Gameplay und Story sind wieder auf einer Höhe.

Grausamkeit und Kannibalismus: Wir kommen im Winter von The Last of Us mit dem hässlichsten und wiederstandsfähigstem Gesicht des Menschen in Kontakt. Die Jahreszeit wird über die Schneestürme mit einer eingeschränkten Sicht auch in die Kämpfe miteinbezogen.

Der Bosskampf gegen den Pädophilen David ist gut inszeniert, aber nicht herausfordernd, da er nicht viel mehr als ein gewöhnlicher Gegner aushält. Es folgt ein Perspektivenwechsel zu Joel, der zurückkehrt und erstmalig mit seiner Gnadenlosigkeit zeigt, wie viel Ellie ihm wert ist. Im Vergleich zum Herbst ist der Winter ein durch und durch funktionierendes Kapitel - mit passenden Features, sodass der Spieler die Grausamkeit des postapokalyptischen Winters auch wirklich spüren kann.

Frühling: Endspurt

Im Frühling erreicht die Geschichte ihren Höhepunkt, während das Gameplay zur Ziellinie hechtet.Im Frühling erreicht die Geschichte ihren Höhepunkt, während das Gameplay zur Ziellinie hechtet.

Die größte Stärke des Frühlings von The Last of Us, da er nicht mehr viel versucht, liegt in seiner Unvorhersehbarkeit und seinen Überraschungen. Ellies Stille kündigt das Ende an, die auftauchenden Giraffen eine mögliche Hoffnung. Unter der Autobahnbrücke kommt es zum Zombie-Finale, das sich aber nicht durch eine interessante Herausforderung ausdrückt, sondern nur durch viele Bloater.

Nach dem verhinderten Ertrinken in herumschleudernden Bus, eine weitere Action-Hommage an Uncharted, werden im Krankenhaus unsere Kampffähigkeiten auf dem höchsten Level auf die Probe gestellt, indem wir uns mit Nichts gegen bestens ausgerüstete Soldaten behaupten müssen. Und zum Antihelden schlechthin werden, der für seine Liebe bereit ist, seinen geliebten Menschen zu belügen - für dessen Lüge wir sogar aus seiner Perspektive ausgeschlossen werden und den Epilog nur noch aus Ellies Augen wahrnehmen können.

Es ist schwierig zu sagen, ob die Aufteilung nach Jahreszeiten in The Last of Us seine strukturellen Probleme provoziert oder nur sichtbar macht - abgesehen davon, dass der Sommer die Spielzeit von mehreren Jahreszeiten zusammenumfasst. Das Gameplay hätte für seine Geschichte weitaus mehr als nur Kämpfe und Klettern beinhalten müssen, die für den "Road Trip"-Sommer gut gepasst haben, nicht aber für die anderen Jahreszeiten. Rohstoffe besorgen, durch eine Open World reisen, Dinge bauen - andere postapokalyptische Spiele wie Days Gone, State of Decay 2 und Fallout 4 haben es vorgemacht, ohne die Kunststücke von The Last of Us auch nur ansatzweise zu schaffen.

Es mag an der damaligen Technik gelegen haben, an Design-Entscheidungen, an dem Druck, trotz aller Neuheiten immer noch ein unterhaltsames Mainstream-Produkt abzuliefern - letztendlich war The Last of Us seinem Ziel näher als alle anderen gekommen, hat es aber dann dennoch verfehlt.

Wenn die Story einen Sprung macht, muss das Gameplay ihm auf den Fersen bleiben - oder man verteilt seinen Inhalt besser über das Spiel und verschleudert nicht schon zum Anfang alles. Wenn The Last of Us 2 das beherzigt, kann es Naughty Dog schaffen, das nächste Gaming-Zeitalter einzuleiten.

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