Test Marvel's Avengers: Der Superhelden-Status ist noch nicht ganz erreicht

von Olaf Fries (Mittwoch, 09.09.2020 - 17:35 Uhr)

Seit dem 4. September 2020 ist Marvel’s Avengers erhältlich. Aber seitdem bekannt ist, dass es sich um ein sogenanntes „Service-Game“ handelt, hängt dieser Umstand wie eine dunkle Wolke über den Superhelden. Was Marvel’s Avengers wirklich ist und was es kann, verraten wir euch in unserem Test.

Überblick zu Marvel's Avengers
• Spielzeit: Kampagne circa 12 bis 15 Stunden
• Multiplayer: Ja, mit sehr vielen Spielstunden, aber ohne PvP-Elemente
• Versionen auf Amazon: Standard, Collector's

Was genau ist Marvel’s Avengers eigentlich?

Seit klar ist, dass es sich bei Marvel's Avengers um ein "Service Game" handelt, fragen sich wohl viele Spieler, was genau das Spiel denn sein möchte. Die Frage ist berechtigt, denn Marvel’s Avengers weiß es oftmals selber nicht und steckt deswegen des Öfteren in einer Identitätskrise.

Auf der einen Seite möchte es eine aufregende, actiongeladene Geschichte mit interessanten Charakteren sein. Auf der anderen Seite wiederum ein Multiplayer-Spiel, in dem die Stats und das Equipment der Charaktere im Vordergrund stehen.

Beide spielerischen Aspekte sind nicht ganz ausgearbeitet und durchdacht. Das Spiel möchte einfach zu viele Spieler aus unterschiedlichen Genres zufrieden stellen. Es wirkt darum oftmals zu konfus und etwas verloren im eigenen Superhelden-Umhang.

Erhaltet im Trailer einen ersten Eindruck zur Bedrohung des Spiels:

Eine bessere Story als erwartet

Überraschenderweise kann Marvel’s Avengers während der Kampagne besonders punkten. Es ist wirklich mit Abstand der größte Reizfaktor des Spiels.

Fast jeder Mensch kennt heutzutage die Avengers, und die Vermutung liegt nahe, dass die Superhelden sofort ins Zentrum des Geschehens rücken. Dies stimmt aber nicht so ganz.

Entwickler Crystal Dynamics rückt nämlich Kamala Khan als die junge Ms. Marvel in den Mittelpunkt. Die Reise beginnt aus der Sicht von Kamala als kleines Fan-Girl, die alles über die Avengers weiß und bei den Feierlichkeiten zum A-Day dabei sein darf. Und wie es bei Superhelden-Geschichten so sein muss, läuft nicht alles wie geplant.

Denn am A-Day kommt es zu einer Katastrophe bei der viele Menschen ihr Leben verlieren. Die Organisation A.I.M. (Advanced Idea Mechanics) schiebt erfolgreich den Avengers die Schuld die in Schuhe. Hierdurch zerbricht das Superhelden-Gespann und A.I.M. macht es sich zur Aufgabe alle Personen mit übermenschlichen Kräften zu beseitigen. Da die Avengers aus dem Spiel sind, steht ihnen dabei zunächst nichts im Wege.

Nach einem Zeitsprung steckt der Spieler weiterhin in den Schuhen von Kamala Kahn. Sie findet Hinweise zum A-Day, die A.I.M. belasten und ihre wahren Absichten aufdecken können. Von dort an heißt es, die Avengers wieder zusammenzuführen.

Kamala Khan rückt in den Mittelpunkt des Geschehens.Kamala Khan rückt in den Mittelpunkt des Geschehens.

Die Geschichte ist zwar insgesamt gesehen die übliche "Superhelden gegen Superschurken"-Story, allerdings glänzt sie in den zwischenmenschlichen Interaktionen der einzelnen Charaktere. Nach und nach schaltet ihr neue Helden frei und dadurch verändern sich die Dynamik und die Emotionen innerhalb der Gruppe.

Kamala dabei zu beobachten, wie sie sich selbst zur Superheldin entwickelt ist ebenso zufriedenstellend wie die Avengers dabei zu beobachten, wie sie die Niederlage des A-Days verkraften und verarbeiten müssen. Die Story ist simpel, aber unterhaltsam. Ein Comic-Actionfilm in spielbarer Form.

Kamala dient als zusammenhaltende und motivierende Figur für die Superhelden, die von Schuldgefühlen geplagt sind. Der unerwartete Blickwinkel lässt die Avengers in einem neuen Licht dastehen. Vor allem die ruhigeren Momente und die Zwischensequenzen bringen intime wie auch herzzerreißende Einblicke mit sich.

Leider wirft euch die Geschichte gezwungenermaßen in verbindliche Multiplayer-Missionen. Hierbei sind die doch recht tiefgründig dargestellten Charaktere, wie sie in der Geschichte präsentiert werden, auf einen leeren Avatar reduziert. Die vorherigen emotionalen Momente sind nun während der Mission auf Einzeiler reduziert und reißen aus der Immersion. Falls ihr die Missionen jedoch nicht mit anderen Mitspielern bestreiten möchtet, könnt ihr sie zum Glück auch alleine mit CPU-Partnern spielen.

Leider kommen in der Geschichte mit einer Spielzeit von circa 12 bis 15 Stunden vor allem zwei der Superhelden etwas zu kurz und können deswegen nicht viel Zeit im Rampenlicht verbringen.

Im Verlauf der Geschichte gibt es viele intime und mitreißende Momente zwischen den Charakteren.Im Verlauf der Geschichte gibt es viele intime und mitreißende Momente zwischen den Charakteren.

Individuelle und actiongeladene Kämpfe, leider langweiliger Loot

Jeder Charakter verfügt über einen leichten, einen schweren und einen Angriff auf Entfernung, sowie drei individuelle Fähigkeiten. Mit aufsteigendem Level schaltet ihr weitere Combos frei und verbessert die Fähigkeiten.

Das Muster ist zwar identisch bei allen Superhelden, allerdings lässt sich jeder Avenger verschiedenartig spielen und hat seine Stärken in unterschiedlichen Bereichen. Dadurch fühlen sich alle spielbaren Charaktere individuell in ihrem Spielstil an. Zudem wird der Kampf immer interessanter, je mehr Combos ihr freischaltet.

Auf dem Weg die Superschurken zu erledigen levelt ihr eure Charaktere und erhaltet Loot. Jeder Avenger levelt jedoch individuell hoch. Hierbei sticht abermals die Identitätskrise hervor. Bei guten „Service Games“ ist oftmals der Anreiz des neuen Loots so entscheidend und verleitet zum erneuten Spielen. Der Loot in Avengers ist jedoch alles andere als interessant.

Die Stärke eures Loots verleiht dem Charakter ein neues Kraft-Level, 150 ist beim Launch das Max-Level. Bis ihr das Max-Level jedoch erreicht, verstreicht viel Zeit und bis dahin ist jeder Loot nahezu komplett irrelevant. Ihr werdet zwar stärker, aber das Aufsammeln von Loot bringt keinen Spaß mit sich. Das Spiel verfügt sogar über eine Option, die euch das höchste Gear sofort tragen lässt. Das sagt schon einiges aus. Es besteht keinerlei Ansporn neues Equipment zu farmen oder zu holen.

Die Kämpfe können des Öfteren ziemlich chaotisch sein.Die Kämpfe können des Öfteren ziemlich chaotisch sein.

Zudem wird das Equipment nicht einmal visuell an euren Charakteren dargestellt. In Looter-Games ist es ein großer Bestandteil des Spielspaßes, seinen Erfolg auch optisch zu präsentieren, und das fehlt in Marvel’s Avengers komplett. Außerdem ist der Loot manchmal sogar komplett sinnfrei. Warum zum Teufel sammelt der Spieler Equipment in Form einer Wirbelsäule oder eines Rippenbogens für Hulk?

Des Weiteren ist das Spiel zum Launch von Bugs und Glitches geplagt. Zwar trat nichts auf, was das Spiel zum Absturz brachte, allerdings gibt es Audio-Probleme im Spiel selbst und in Dialogen, FPS-Drops, Gegner die in Wänden feststecken und manchmal bleibt sogar das User-Interface in Zwischensequenzen sichtbar.

Der Multiplayer schafft zum Launch keinen Anreiz

Neben der Story ist der Multiplayer das zweite große Standbein von Marvel's Avengers. Die Multiplayer-Missionen werden mit vier Spielern bestritten und beinhalten unterschiedliche Missionsziele. Die Ziele fallen jedoch repetitiv und uninspiriert aus.

Die Avengers gibt es bereits auf der Leinwand. Folgende Spiele sollten unserer Meinung noch eine Verfilmung erhalten:

Der Loot bietet zum Launch ebenfalls keinen Anlass die Quests zu bestreiten, mit der Ausnahme der spezifischen Quest-Lines der einzelnen Charaktere. Außerdem kann das Team nicht mit zwei identischen Superhelden ausgestattet werden. Auf dem Papier ergibt das durchaus Sinn, aber in der Praxis ist das jedoch oftmals schwer umzusetzen. Was ist, wenn ihr und ein Freund beide Black Widow als Main-Char habt und zusammen spielen möchtet? Einer muss unausweichlich einen anderen Helden wählen, und da alle Avengers individuell leveln, heißt das, dass ihr mit allen Superhelden einen ziemlich großen Grind vor euch habt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Spiel möchte, dass ihr nur noch dieses eine Game zockt.

Außerdem fühlt ihr euch im Multiplayer etwas in der Zeit zurückversetzt. In den Missionen kann kein Spieler im Verlauf einer Mission beitreten, selbst wenn CPU-Partner im Team eigentlich austauschbar wären. Zudem gibt es kein Ping-System, keine Minimap und keinen Indikator für den Aufenthaltsort eurer Mitspieler. Wenn ihr mit Randoms spielt, müsst ihr darauf hoffen, dass jeder ein Mikrofon benutzt. Andernfalls entsteht pures Chaos. Bei Missionen mit mehreren Nebenzielen verstreut sich das Team bei fehlender Kommunikation schneller als euch lieb ist.

Squad Goals!Squad Goals!

Der Multiplayer ist nur für die Hardcore-Spieler mit großem Interesse am Grind interessant. Bei „Service Games“ hängt es oftmals davon, ab wie sie sich nach dem Launch entwickeln. Da wir nicht in die Zukunft schauen können, können wir hier leider keine Vorhersagen machen. Allerdings müssen wir festhalten, dass der Startpunkt trotzdem besser als bei anderen Spielen dieser Art ist (hust Anthem hust Fallout 76).

Wie sieht es mit Mikrotransaktionen aus?

Die Angst vor „pay to win“ liegt in der Luft, ebenso wie die Befürchtung, dass das Game euch zur Echtgeldausgabe zwingt. Glücklicherweise ist dies nicht der Fall. Alle Mikrotransaktionen stehen nur für kosmetische Inhalte zur Verfügung. Jeder Charakter besitzt außerdem einen individuellen Battle-Pass bei dem ihr Aufgaben für den jeweiligen Helden absolvieren und kosmetische Inhalte freischalten könnt. Falls euch das nicht interessieren sollte, könnt ihr das Thema zum Glück links liegen lassen und weiterhin euren Spielspaß haben.

Für wen lohnt sich Marvel’s Avengers, für wen nicht?

Ihr werdet mit Marvel’s Avengers euren Spaß haben, wenn ...

  • ... ihr Lust auf eine tolle Geschichte der Avengers mit neuem Blickwinkel habt.

  • ... ihr vor dem Grind nicht zurückschreckt, zahllose Stunden in den Multiplayer stecken möchtet und Min-Maxing euer Ding ist.

  • ... euch die fehlende Variabilität der Multiplayer-Missionen nichts ausmacht.

Nicht sonderlich geeignet ist Marvel’s Avengers für euch, wenn ...

  • ... ihr eine sehr lange Story erwartet.

  • ... ihr nicht viel Zeit mit dem Multiplayer verbringen möchtet und repetitive Inhalte nicht mögt.

  • ... ihr immer eine PvP-Komponente in einem „Service-Game“ haben möchtet.

Bewertung von Olaf Fries

Marvel’s Avengers hat mich vor allem durch die Kampagne positiv überrascht. Die Interaktionen der Charaktere sind mitreißend, herzerwärmend und fühlen sich aufrichtig an. Das Kampfsystem ist simpel genug, um auch als Neuling seinen Spaß zu haben, bietet aber dennoch genug Tiefe für alle Spieler mit entsprechender Erfahrung.

Das Spiel versucht jedoch zu stark alle Spieler jedes Genres zu befriedigen und kann dadurch in keinem Bereich komplett glänzen. Der Multiplayer zum Launch besitzt für mich nicht ausreichend Tiefe, um zahllose Stunden ins Spiel zu stecken und fühlt sich oftmals nach einem „Grind-Fest“ an. Multiplayer-Missionen einfach auf einem höheren Schwierigkeitsgrad nochmal zu spielen reicht für mich leider nicht aus.

Das Potenzial für ein gutes „Service-Game“ ist dennoch vorhanden. Jetzt liegt es am Entwickler den durchaus soliden Startpunkt auszunutzen und durch kommende Inhalte die Spielerfahrung weiter zu verbessern und auszubauen. Geschieht dies, werde ich auf jeden Fall zurück in meine Superhelden-Schuhe steigen.

Meinung von Alexander Gehlsdorf

Wer von euch hat als Kind gern Action-Figuren zusammengeschlagen, mit den Mund die eigenen Sound-Effekte erzeugt und sich dabei keine Gedanken machen müssen, wer da eigentlich gerade gegen wen kämpft? Falls ihr euch in dieser Beschreibung wiedergefunden habt (und seit dem achten Lebensjahr auch nicht merklich weiterentwickelt habt), dann sollte der Multiplayer-Modus von Marvel's Avengers genau den richtigen Nerv treffen, denn viel mehr ist dieser bei genauerer Betrachtung nicht. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall ist es ein besseres Anthem, wobei sich „besser” im Grunde nur auf die Lizenz bezieht. Denn mit Hulk oder Thor Gegner zu verprügeln hat natürlich für kurze Zeit einen gewissen Reiz, der dank der repetitiven Missionen und dem lieblosen Loot-System jedoch sehr schnell wieder verloren geht.

Und trotzdem ist Marvel's Avengers kein totaler Reinfall, denn die Story-Kampagne stellte sich dann doch als angenehme Überraschung heraus. Zwar bietet diese in Sachen Gameplay auch nur selten mehr als Mittelmaß, wird dafür aber von einem überaus sympathischen, roten Faden zusammengehalten: Kamala Khan.

Im Voraus war es ja durchaus ein großer Diskussionspunkt, dass die Avengers nicht auf den beliebten MCU-Charakteren basieren und ja, in Sachen Charisma haben Chris Evans, Robert Downey jr., Chris Hemsworth und Co. definitiv die Nase vorn. Je länger ich jedoch spiele, desto weniger stört mich das, da die Avengers in ihrem eigenen Spiel dann doch überraschenderweise fast schon zu Nebencharakteren werden und der eigentliche Star des Spiels Kamala Khan heißt. Aber 60 Euro muss man dafür trotzdem nicht bezahlen.

72

spieletipps meint: Guter Story-Modus mit liebenswerten Charakteren. Leider ist der Multiplayer zu repetitiv und ideenlos.

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