Don't feed the Troll: Wie Gamer sich gegen Nazis wehren (sollten) (Kolumne)

von Johannes Repp (Freitag, 25.09.2020 - 11:50 Uhr)

Bildquellen: South Park Studios / Steam

Gegen ein „homosexuelles Regime“ in dystopischen Antifa-Zonen kämpfen, um Jan Böhmermann zu besiegen ... was hier wie der klägliche Versuch erscheint, Rechtsextremismus unter dem falsch verstandenen Deckmantel der Satire zu verkaufen, ist in Wahrheit ein Videospiel, das bald auf Steam erscheinen soll.

Das aktuell von der identitären Bewegung „Ein Prozent“ geförderte und beworbene Spiel „Heimat Defender“ weist klare rechtsextreme Tendenzen auf. Jetzt fordern viele, dass das Spiel nicht veröffentlicht wird. Nachdem Rechtsextreme vermehrt in sozialen Medien gesperrt werden, droht ihnen jetzt also (schon wieder) der Rausschmiss bei Steam.

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Immer wieder dieselbe Leier

Rechtsextreme Spiele sind nun mal leider nichts Neues. Während Wolfenstein in Deutschland keine Hakenkreuze zeigt, basteln Rechtsextreme immer mehr schlecht als recht an Videospielen herum, um ihre minderheitenfeindlichen Ansichten unter das Volk zu bringen. Es sind immer höchst rassistische und menschenverachtende Themen, die solche Machwerken zugrunde liegen. Das Ziel bleibt stets unverändert: Nazi-Ideologie soll salonfähig gemacht werden. Den neuesten Versuch stellt hier das Produkt „Heimat Defender“ dar, welches in Kürze auf einer der populärsten Spieleplattformen, nämlich Steam, auf den Markt kommen soll.

Ebenso traurig ist der Menschenschlag, der Spielergemeinschaften mit toxischem, rechtsradikalem Müll verseucht. Ein gutes Beispiel ist hier Minecraft. Wie die meisten beliebten Spiele hat auch Minecraft teilweise mit sehr toxischen Nutzern zu kämpfen, die anderen Spielern grundlos den Spaß verderben wollen. Wie unser Schwester-Magazin GIGA Games berichtet, befand Stiftung Warentest das Spiel daher für „nicht kindgerecht“. Als ein gravierendes Merkmal für dieses Urteil wurde auch rechtsradikale Propaganda angeführt – in der Videospielwelt leider kein Einzelfall. Unser Kollege Dom Schott hat sich daher schon gefragt: Ist es Zeit für eine Spiele-Antifa?

Don’t feed the Troll

Der Übergang von der Universal-Ausrede „Ich mach doch nur Spaß“ zu einem höchst verwerflichen Akt menschenverachtender Ideologie ist hier leider fließend. Während ein Spieler als Nazi beschimpft wird, weil er in einem im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Spiel gerne eine deutsche Kampagne gespielt hätte, werden andere Spieler für selbst erschaffene Hakenkreuzdenkmäler gefeiert, weil sie ja „nur Spaß machen“. Besonders Kinder und Jugendliche lassen sich hier leicht beeinflussen. Schnell verschwimmt die Grenze zwischen Satire und Rassismus. Besonders Jugendliche provozieren gern und überschreiten bewusst die Grenzen des Zumutbaren. Bei kompetitiven Spielen, besonders bei Shootern, wird sich nicht nur im Spielerischen Können, sondern auch im Beleidigen gemessen. Und ganz schnell werden im Sprachchat „Familien abgeschlachtet“ und „Mütter gef***t“. Rassismus ist in diesem Duell eine starke Waffe, gibt es doch kaum etwas Ebenbürtiges.

Auch vor sexistischen Beleidigungen schrecken viele Spieler nicht mehr zurück. Viele Frauen sehen sich sexuellen Anspielungen, Vergewaltigungs- oder gar Morddrohungen gegenüber, wie unsere Kollegen von GIGA Games berichten. Beschweren sie sich, werden sie schnell als dünnhäutig abgestempelt. Ein Umstand, den sich auch rechtsextreme Bewegungen zunutze machen. Mit Sexismus und LGBTQ+-Feindlichkeit können Rechtsextreme in der Spielecommunity leider immer noch leicht punkten. Ein Umstand, der auch am Beispiel von „Heimat Defender“ deutlich wird. Frauen wurden nur als Gegner ins Spiel eingebaut, in dem der Spieler gegen „Globo Homo“ – ein homosexuelles Regime kämpft.

Gamer gegen Nazis

Videospiele stehen für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Vielen Gamern stinkt das toxische Geschwür, welches sich in vielen Communities ausgebreitet hat. Mehr und mehr Projekte beweisen, dass Gamer auch anders können. Stiftungen wie Good Gaming – Well Played Democracy setzen sich gegen den immer mehr aufkochenden Hass in Videospielgemeinschaften ein. Die Botschaft: Es geht um ein fröhliches Miteinander, nicht um Diskriminierung! So postete der Projektleiter Mick Prinz öffentlich auf Twitter:

Außerdem schreibt er weiter:

„Ob das 'dystopische 2D Jump'n'Run' dabei nur trollen will, oder nicht: es hat auf Steam nichts zu suchen. Achja, und wenn ihr schon dabei seid, lieber support, guckt euch doch auch mal die ganzen Wehrmachtsfangruppen an, oder Profile, die rechtsextremen Attentätern huldigen..“

Der Deckmantel des „Trollens“ (also des bewussten Provozierens rein zur persönlichen Vergnügung) liegt schon viel zu lange über dem gelebten Hass. Egal, ob jemand die Aussage „Du scheiß N***r! Verpiss dich dahin, wo du hergekommen bist!“ nun ernst meint oder als Troll-Kommentar postet, um zu provozieren – sie ist rassistisch und setzt die andere Person herab. Trollen ist zu einer Notbremse für digitale „Ausrutscher“ geworden, die wir endlich wieder als das verstehen müssen, was sie eigentlich ist: blanke Feigheit und der Gefallen daran, andere Personen öffentlich zu diskreditieren. Niemand sollte den Luxus der Anonymität nutzen, um anderen per Cyber Mobbing Schaden zuzufügen. „Das haben wir doch gar nicht gewollt“ ist keine Entschuldigung für dadurch verursachte Depression, Suizid oder im Extremfall angefeuerte Hassverbrechen. Es ist an der Zeit, Trollen den Kampf anzusagen und dem guten Beispiel anderer im Kampf gegen Cyber Mobbing zu folgen.

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