Test FIFA 21: Eine Fußballsimulation ohne Revolution

von Jens-Magnus Krause (Dienstag, 06.10.2020 - 12:03 Uhr)

Auf dem Papier hat sich im Vergleich zum Vorgänger einiges getan. Allerdings nur in der Tiefe aufgrund von Gameplay- und Spielmodi-Verbesserungen. Noch nie dagewesene Modi sucht ihr dagegen in FIFA 21 vergeblich. Was hier gut funktioniert und was immer noch nicht, erfahrt ihr im Test.

FIFA 21 trumpft im Vergleich zum Vorgänger mit Detailverbesserungen auf. Fundamentales ändert sich aber nicht.FIFA 21 trumpft im Vergleich zum Vorgänger mit Detailverbesserungen auf. Fundamentales ändert sich aber nicht.

Überblick zu FIFA 21
• Gameplay: Neue Dribbelmöglichkeiten für mehr Kontrolle
• Im Angriff: Manuelle Laufwege und Kopfbälle
• Volta: Mehr Umfang, runderes Spielgefühl
• Karriere-Modus: Interaktive Spielsimulation überzeugt
• FUT-Neuerung: Eigenes Stadion ausbaubar
• Versionen: Standard, Champions-Edition, Ultimate-Edition

Detailverbesserungen am angestaubten Grundgerüst

Den wichtigsten Fakt zu FIFA 21 bringen wir direkt auf den Punkt wie den Ball beim Elfmeterschießen: Es gibt keine revolutionären Neuerungen. Die Spielmodi sind bekannt, die Optik wie gewohnt sehr gut und das Gameplay auf den ersten Blick für Gelegenheitsspieler nahezu identisch.

Zahlreiche neue Funktionen sorgen auf und neben dem Platz auf jeden Fall für Verbesserungen im Vergleich zu FIFA 20, mit denen aber eher nur eingefleischte FIFA-Fans viel anfangen können.

Dennoch bleibt das aus, was die Fußballsimulation seit Jahren verdient hat und in vielen FIFA-Foren ein klar formulierter Fan-Wunsch ist: die Überarbeitung aller Kernmechaniken auf dem Spielfeld. Das gilt für die Ballphysik, das behäbige Reagieren der Spieler und das schleppend wirkende Spielgefühl. Einiges hat Entwickler EA Sports jetzt ausgebessert und aufgrund dessen ist zwar ein Entwicklungssprung erkennbar, jedoch ist dieser der kleinste seit Jahren in der Fußball-Serie.

Spielerisch gibt es im Vergleich zum Vorgänger Verbesserungen, aber die Trägheit im Aufbauspiel und beim Abschluss bleibt.Spielerisch gibt es im Vergleich zum Vorgänger Verbesserungen, aber die Trägheit im Aufbauspiel und beim Abschluss bleibt.

Spielbereichernde Dribbling-Neuerungen

Der Ersteindruck versprüht Ernüchterung. Denn auf dem Platz fallen am Anfang keine großen Veränderungen auf. Das liegt vor allen Dingen daran, dass die Basis für alles nach wie vor die seit FIFA 17 zum Einsatz kommende Frostbite-Engine ist.

Wer dann aber mal mit Serge Gnabry zum Tricksen ansetzt, kann per Knopfdruck nun in "Eins gegen Eins"-Situationen auf das neue agile Dribbling übergehen. Das macht sich positiv bemerkbar, denn es ist die Beinarbeit eures Spielers dann schneller, der Körper wendiger und die Kontrolle für euch größer. Kombiniert ihr das mit einer der neuen Spezialbewegungen wie dem Bridge-Dribbling, könnt ihr mit dem richtigen Timing einen herannahenden Verteidiger umkurven oder tunneln. Das erweitert eure spielerischen Optionen im Angriff ungemein.

Auf Knopfdruck könnt ihr das agile Dribbling aktivieren. So habt ihr in "Eins gegen Eins"-Situationen deutlich mehr Ballkontrolle.Auf Knopfdruck könnt ihr das agile Dribbling aktivieren. So habt ihr in "Eins gegen Eins"-Situationen deutlich mehr Ballkontrolle.

Für die Stärkung der Defensive haben die Entwickler ein neues Block-System integriert. Dabei hängt vieles von den Attribut-Werten eines Spielers beim Blocken ab und ihr merkt deutlich, dass sich der Verteidiger vor Flanken- oder Schussversuchen des Angreifers aufbaut und breit macht, um mit der größtmöglichen Körperfläche zu blocken.

Manuell steuerbare Laufwege und Kopfbälle

Flexibler und selbstbestimmter in der Offensive seid ihr durch die manuell steuerbaren Läufe. Zum Beispiel bei Doppelpässen. Wer nach einem Pass zum Mitspieler den rechten Stick in eine Richtung „flickt“, bestimmt damit die weitere Laufrichtung des Passgebers. Dadurch stoßt ihr gekonnt in die Lücke zwischen zwei Verteidigern, womit sich Abwehrreihen wirklich gut aushebeln lassen.

Wem das noch nicht reicht, der kann den ballführenden Spieler von der CPU steuern lassen und sich mit seinem zusätzlich ausgewählten Kicker in freie Räume wagen und den Passzeitpunkt selbst bestimmen.

Das ist neu in FIFA 21

Als effektiv haben sich im Angriff auch die nun zum ersten Mal manuell steuerbaren Kopfbälle erwiesen. Endlich kommen diese mit mehr Kraft aufs Tor und sind dann auch noch gezielt platzierbar. Gut so! Auf unteren Schwierigkeitsgraden sind sie beinahe schon zu effektvoll. Wer aber auf den oberen beiden Spielmodi aktiv ist, kann nun zusätzlich den Wettkämpfer-Modus aktivieren. Dann basiert die Spielweise der CPU auf echten Daten von FIFA-eSport-Spielern, was das Schwierigkeitsniveau nochmals erhöht.

Rückspul-Funktion und alte Schwächen

Ärgert ihr euch auch manchmal über kläglich vergebene Torchancen eurerseits? Wer möchte, kann in Partien gegen die CPU nun einfach die Zeit zurückdrehen - wie in Forza Horizon 4. Aber ganz ehrlich? Das fühlt sich irgendwie falsch an und nimmt der Partie ihre Spannung.

Neben den Verbesserungen bleiben aber viele alte Schwächen erhalten. Das Rollen und Fliegen des Balls fühlt sich einfach nicht nach Fußball an. Das macht die Konkurrenz von eFootball - PES 2020 einfach besser. Bei FIFA 21 sind die Spieler träge, das Spieltempo schleppend und die Weitschüsse sehen und fühlen sich langsam und kraftlos an.

Haut ihr den Ball am Kasten vorbei und ärgert euch, könnt ihr gegen die CPU jetzt jederzeit zurückspulen und es erneut versuchen.Haut ihr den Ball am Kasten vorbei und ärgert euch, könnt ihr gegen die CPU jetzt jederzeit zurückspulen und es erneut versuchen.

Des Weiteren laufen Grätschen wie in Zeitlupe ab oder der Spieler plumpst einfach auf seinen Allerwertesten. Auch seit Jahren mit dabei: Das Gefühl, manche Gegentore einfach nicht verhindern zu können, besonders gerne kurz vor der Halbzeit oder dem Spielende (Stichwort: Momentum!). Und wenn dann noch der Schiedsrichter bei klaren Grätschen von hinten in die Beine wie in den vorherigen Teilen meistens immer nur gelb zeigt, weiß man manchmal nicht, welchen FIFA-Ableger man gerade eigentlich spielt.

Karrieremodus mit mehr Selbstbestimmungsrecht

Inhaltlich haben sich die Entwickler auch beim Karrieremodus um Verbesserungen in der Tiefe gekümmert. Die größte Neuerung ist dabei die interaktive Simulation. Diese bietet den Vorteil, dass ihr zu jeder Zeit ins Spielgeschehen aktiv eingreifen könnt. Den spielentscheidenden Elfmeter reinhauen? Bitteschön, euer Patient.

Damit eure Spieler das aber auch ohne euch hinkriegen, könnt ihr jetzt eure Trainingseinheiten aktiv am Controller steuern. Dabei trainiert ihr auch das neue Attribut „Bissigkeit“, was die Wahrscheinlichkeit bestimmt, wie gut der jeweilige Spieler seine absolute Top-Leistung abrufen kann.

Ein weiterer Erfolgsgarant ist eure Spielerentwicklung. Fehlt euch beispielsweise im Kader ein fähiger Außenverteidiger, könnt ihr in FIFA 21 für diesen einen Spieler aus dem defensiven Mittelfeld umschulen und euer Kader ist kostengünstig breiter aufgestellt.

Und damit ihr während einer langen Saison die Belastung eurer Spieler selbst steuern könnt, legt ihr im wöchentlichen Terminplan Tag für Tag fest, wie euer Kader seine Zeit verbringen soll. Das unterstützt auch die Moral und Fitness.

Kurzweiliger Straßenfußball mit Modi-Vielfalt

In FIFA 21 kehrt der Straßenfußball-Trickser-Modus zurück. Dabei verstärken das agile Dribbling und das Blocken, das erhöhte Spieltempo und neue Spezialbewegungen den Spielspaß. Alleine deshalb, weil es leichter geworden ist, überhaupt die kleinen Tore bei Spielen ohne Torhüter zu treffen. Auch das für das Hauptspiel überarbeitete Spielerkollisionssystem fühlt sich bei Duellen an der Bande realistisch, weil nachvollziehbar an.

Was dagegen stört: Die timing-erfordernden Dribblings sind für einen Sieg schlichtweg nicht nötig. Damit hebelt sich der Modus zu einem großen Teil selber aus. Aufploppende Erfahrungspunkte-Einblendungen wie früher in NBA Street vermisst man als belohnendes Element doch sehr.

Auch der Story-Modus samt Zwischensequenzen ist zurück. In „Das Debüt“ reist ihr von Platz zu Platz um die Welt. Mehr als eine Einführung ist das aber nicht. Immerhin verlängert sich der Spielspaß, wenn ihr jetzt mit bis zu drei Freunden in eurem Team online gegen andere Koop-Mannschaften antretet. Überall in Volta sammelt ihr Münzen für neue Klamotten und Skill-Punkte für den Fähigkeitenbaum eures Avatars. Alles nett, aber alles keine Dauerspielspaß-Verbesserer.

In Volta neu mit dabei: Ein Innenhof-Platz in Paris. Dazu gesellen sich auch Mailand und Sydney als neue Locations.In Volta neu mit dabei: Ein Innenhof-Platz in Paris. Dazu gesellen sich auch Mailand und Sydney als neue Locations.

Erneutes Kartensammeln und Next-Gen-Ausblick

Im Fußballkarten-Sammel-Modus FUT könnt ihr nun sogar euer eigenes Stadion durch freispielbare Kartenpacks ausbauen, den Anstrich ändern oder neue Tor-Hymnen einstellen. Ein sehr motivierendes Feature, was auch im Karriere-Modus total gut aufgehoben wäre.

Weiter mit den guten Nachrichten: Endlich könnt ihr mit euren Freunden online in „FUT-Koop“ zusammen durch Erfolge Belohnungen einheimsen – das erhöht die Langzeitmotivation. Nichtsdestotrotz geht es hier nach wie vor um Lootboxen, deren Inhalt per Zufall bestimmt wird. Das fühlt sich unfair und willkürlich an - und kann suchtgefährdend sein!

Wer mal wieder in einem Gold-Kartenpack nichts Brauchbares dabei hatte, fühlt sich vielleicht genau so.Wer mal wieder in einem Gold-Kartenpack nichts Brauchbares dabei hatte, fühlt sich vielleicht genau so.

Wer übrigens bald auf die Next-Gen-Konsolen umsteigt, kann seinen FUT-Verein einfach dorthin mitnehmen. Man wird jedoch im gesamten Spiel das Gefühl nicht los, dass diese Version der Lückenfüller bis zu den Next-Gen-Versionen ist. Denn gänzlich neue Animationen und Bewegungsabläufe, sowie die auf Statistiken echter Bewegungen beruhende Körpermodell-Technologie und auch zahlreiche neue Grafik- und Lichteffekte, gibt es nur auf der nächsten Konsolengeneration. Eine Prise davon in der aktuellen Version wäre machbar gewesen.

Optisch und akustisch beeindruckend

Optisch sieht FIFA 21 nach wie vor sehr gut aus. Vom Rasen mit seiner Tiefe, über die authentische Sonnenstrahlen-Lichtstimmung in den Stadien bis hin zu den in Nahaufnahmen erkennbaren Hautporen der Spieler. Bei Letzteren wirken die Gesichtsanimationen dagegen sehr gequält und die Pupillenbewegungen wie bei nervösen Fischen. Schade dagegen: auf der PS4 Pro ruckelt es beim Anstoß und bei Ecken. Auf der Xbox One X läuft alles geschmeidig.

Die Lichtstimmung und die Spieltagsinszenierung inklusive offizieller TV-Einblendungen sind auf höchstem Niveau.Die Lichtstimmung und die Spieltagsinszenierung inklusive offizieller TV-Einblendungen sind auf höchstem Niveau.

Für Authentizität sorgen erneut die Original-Lizenzen von der Champions League, sowie die unfassbar vielen Wettbewerbe, Mannschaften und Stadien. Alle drei Ligen aus Deutschland sind weiterhin an Bord.

Akustisch bietet das Spiel Original-Fangesänge und abermals einen stimmungsvollen Soundtrack. Was die Zuschauer betrifft, ist übrigens kein Corona-Modus enthalten. Dieser wäre aber auch kein wirklicher Mehrwert für das Spiel an sich.

Die deutschen Kommentatoren Wolff-Christoph Fuss und Frank Buschmann kommentieren zur vorliegenden Spielsituation zeitlich passend und mit der richtigen Betonung. Dennoch gibt es erneut das seit Jahren vorkommende Sprüche-Recycling. Die von sky bekannte Esther Sedlaczek unterstützt erstmals als Reporterin, indem sie sich beispielsweise mit Zwischenergebnissen anderer Plätze meldet.

Für wen lohnt sich FIFA 21? Für wen eher nicht?

Abschließend möchten wir euch kurz und knapp eine Einschätzung geben, ob sich FIFA 21 für euch lohnt, oder eben nicht. Ihr werdet mit der Fußballsimulation euren Spaß haben, wenn ...

  • ihr ein authentisches Fußballspiel mit Original-Lizenzen wollt.
  • ihr euch in unzähligen Spielmodi austoben möchtet.
  • ihr ein sehr gutes Gesamtkonstrukt aus Optik, Akustik, Präsentation und Inszenierung wollt.
  • ihr im Volta-Modus eine gelungene Action-Abwechslung zu 11-gegen-11-Spielen sucht.

Nicht sonderlich geeignet ist FIFA 21 für euch, wenn ...

  • ihr euch nicht in die fordernden, aber wichtigen Spezialstastenkombinationen einarbeiten möchtet.
  • ihr die seit Jahren alten Schwächen der FIFA-Serie nicht mehr etragen könnt.
  • ihr tiefgehenden und langwierigen Modi wie der Karriere oder dem Sammelkarten-FUT nichts abgewinnen könnt.
  • ihr ein lupenreines, authentisch flottes Fußball-Gameplay sucht

Bewertung von Jens-Magnus Krause

Bei FIFA 21 ist alles eine Frage der Perspektive. Als Gelegenheitsspieler erhalte ich hier eine Fußballsimulation mit ausuferndem Umfang und Tiefgang, authentischer und brachialer Präsentation und allen erdenklichen Lizenzen. Dazu gesellt sich der Spaßmodus Volta, der nochmals eine ganz andere Fußballwelt abbildet.

Als dauerhafter FIFA-Spieler dagegen, muss ich viele Änderungen nachlesen, um deren Existenz wahrzunehmen. Dann aber sind sie wirklich bereichernd und verändern das Spielgeschehen nachhaltig.

Das Sorgenkind ist aber, dass keine einzige Neuerung das seit Jahren bestehende Kernproblem der FIFA-Serie von Grund auf und allumfassend angeht. Und das ist das Gameplay. Es fühlt sich einfach insgesamt zu wenig nach echtem Fußball an. Denn: Weitschüsse sehen langsam aus und fühlen sich auch so an. Und die Spieler sind zu träge und das Tempo ächzt zu sichtbar vor sich hin. Sprich: es macht stellenweise wenig Spaß, mit all diesen Kompromissen leben zu müssen.

Wo das Spiel nach wie vor auftrumpft: alle Spielmodi-Verbesserungen sind in der Tiefe und in ihrer Konsequenz sinnvoll. Einzig Volta bleibt trotz der Verbesserungen ein umfangreicher, aber nur kurzfristig unterhaltsamer „Nebenbei-Modus.“

Und es fühlt sich einfach zu häufig so an, als wäre die "Current Gen"-Version eine Art Überbrückung zur "Next Gen"-Version. Immerhin ist der Generationenwechsel im Kaufpreis enthalten.

Es bleibt dabei, dass der Ersteindruck entscheidend ist. Und hier lässt FIFA 21 ordentlich Federn. Besonders, wenn das quietschbunte Menü seit Jahren nur farblich angepasst wird, sonst aber alles unverändert bleibt. Das kommt nachlässig rüber.

Damit ist FIFA 21 zwar besser als sein Vorgänger, jedoch gibt es für die Nachlässigkeiten, besonders beim Gameplay, Punktabzug.

82

spieletipps meint: Die notwendige Gameplay-Generalüberholung bleibt aus, dafür gibt es Detailverbesserungen beim spielerischen Tiefgang und großem Umfang.

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