Test Watch Dogs: Legion - Chaos macht Spaß

von Michael Sonntag (Mittwoch, 28.10.2020 - 12:00 Uhr)

Morgen erscheint Watch Dogs: Legion und beantwortet der Gaming-Welt eine seit langer Zeit gestellte Frage: "Ist es eine Ubisoft-Bruchlandung oder tatsächlich ein "Open World"-Meisterwerk?" Vorab können wir sagen: Solange wir Spaß haben, ist es egal, dass wir den Überblick verloren haben. Wir sind sehr froh, dass Ubisoft in Watch Dogs: Legion seinem Größenwahn freien Lauf gelassen hat. Es ist ein wildes Spaß-Durcheinander, das euch lachen, fluchen und immer wieder mit "Euer Ernst?" aufschreien lässt.

Watch Dogs: Legion - Bei dem ganzen Weltretten dürfen die Selfies nicht zu kurz kommen.Watch Dogs: Legion - Bei dem ganzen Weltretten dürfen die Selfies nicht zu kurz kommen.

Watch Dogs: Legion - Mit Nerds den Kontrollstaat stürzen

Die Watch Dogs von Ubisoft sind quasi Assassinen, nur in der Zukunft. Der Unterschied ist, dass sie auf versteckte Klingen verzichten und stattdessen mit Hack-Gadgets kämpfen. In Watch Dogs: Legion stellen sie sich ihrem bisher größten Feind: Dem Überwachungsstaat London, der George Orwell und seinen dystopischen Prophezeiungen alle Ehre macht. Dronen kreisen über der Staat, Sicherheitsleute terrorisieren die Bewohner und der Mensch wird bis in kleinste Detail kontrolliert.

Der Spieler muss nun London befreien und erhält dabei absolute Handlungsfreiheit. Die Open World erkunden, eine Armee zusammenstellen, Verschwörungen aufdecken, Blödsinn mit Hacken anstellen, Verfolgungsjagden, Stealth-Einsätze und Schussgefechte - Watch Dogs: Legion ist ein Multifunktionstool, das ihr ohne Bedienungsanleitung bekommt. Wie viel Spaß ihr damit haben werdet, hängt davon ab, wie ihr damit umgeht. Wir zeigen euch, was wir meinen.

Erschafft eure eigene Hacker-Armee!

Befreit London, wie, wann und mit wem ihr wollt

Nachdem die mysteriöse Gruppe Zero Day London mit Bombenanschlägen in Schutt und Asche gelegt hat, steigt ein Kontrollstaat daraus empor. Fälschlicherweise wird die Hacker-Gruppe DedSec für die Tat verantwortlicht gemacht und beinahe ausradiert. Zusammen mit der einzigen Überlebenden und dem witzigen KI-Assistenten Bagley müsst ihr eine neue Armee gründen und London befreien. Aber wer seid ihr überhaupt? Die Antwort lautet: Jeder Charakter, den ihr rekrutiert. Zum Start dürft ihr euer erstes Mitglied aus einer Anzahl von vorgegebenen Charakteren bestimmen und dann geht's los! Hackt, fahrt, schießt, rekrutiert und nerdet euch durch ganz London.

Der Überwachungsstaat wird von vier verschiedenen Fraktionen geleitet. Zu jeder gibt es eine Kampagne, in der ihr ihre Einrichtungen infiltrieren, einer Verschwörung auf den Grund gehen und einen Pfeiler des Kontrollstaates zerstören sollt. So arbeitet die Sicherheitsfirma Albion im Geheimen an einer ultimativen Waffe, während der kriminelle Kelley-Clan Menschen zu perfiden Zwecken entführt. Das führt an interessante und dystopische Orte wie Gefangenenlager in einem Stadion und Untergrundbasen.

Die Missionen selbst sind in mehrere Parts unterteilt und verlangen, immer etwas anderes mit den Hack-Künsten anzustellen. Kameras hacken, Schaltkreise manipulieren, Robospinnen steuern, auf Flugdronen entwischen, Autos und Ampeln verrückt spielen lassen - das Hacken macht genauso wie in den Vorgängern immer noch sehr großen Spaß, auch wenn die Möglichkeiten zwar interessant, aber nur minimal erweitert wurden. Auf das Experimentieren und Kombinieren beim Hacken kommt es an. Die Einsatzkräfte mit Dronen terrorisieren, während wir uns vom Autopilot gesteuerten Wagen durch die Stadt kutschieren lassen - das ist cool.

Mit der Robospinne könnt ihr neue Gebiete betreten und müsst hin und wieder auch ein "Jump'n'Run"-Rätsel lösen.Mit der Robospinne könnt ihr neue Gebiete betreten und müsst hin und wieder auch ein "Jump'n'Run"-Rätsel lösen.

Wie ihr bei eurem Auftrag vorgeht, wann ihr welche Mission macht und mit wem ihr sie bestreitet, hängt dabei komplett von euch ab. Watch Dogs: Legion liefert ein neues "Open World"-Gameplay, bei dem ihr euren Freiheitskampf selbst organisieren müsst. Die Schlüsselwörter sind Vernetzung und Effizienz. Wen solltet ihr für welche Mission rekrutieren? Was möchte dieserjenige dafür haben? Welche Ausrüstung braucht ihr, um in Gebäude X einzubrechen, und woher bekommt ihr die Tech-Punkte, um das Gadget freizuschalten?

Anstatt aber einen Auftrag nach dem anderen zu machen, kann der Spieler mit der richtigen Planung, den passenden Leuten und genügend Informationen auch mehrere Aufträge gleichzeitig absolvieren und einen unglaublichen Untergrund-Eroberungs-Flow genießen. Ein Beispiel: Wir sollen in einen Komplex einbrechen, um eine Geisel zu befreien, aber da wir coole und vernetzte Hacker-Agenten sind, machen wir gleichzeitig ein Beweisfoto, um der herrschenden Fraktion zu schaden, schalten eine wichtige Person aus und beschaffen am Ende noch eine Information für einen anderen Auftrag. Zu guter Letzt speichern wir die Daten eines Chirurgen ab, den wir später rekrutieren wollen ... und fliehen über den Zaun.

So gespielt bereitet Watch Dogs: Legion viel Spaß und viel Abwechslung - auch wenn diese Spielweise erst erarbeitet werden muss. An einem schlechten Tag kann es auch passieren, dass ihr mehrmals in das gleiche Gebäude einbrechen müsst, dutzende Schnellreisen unternehmen sollt und kaum etwas schafft. Ihr könnt euch in Watch Dogs: Legion verlieren, das meinen wir positiv wie auch negativ. Das Schöne an der Sache ist, dass alles, was ihr macht, der großen Sache dient. Wir empfehlen daher, euch mit dutzenden Missionen einzudecken und dann wie ein nervöses Eichhörnchen durch die Aktivitäten zu wechseln, wie ihr lustig seid. Komplett ausgefeilte Pläne oder planlos durch die Gegend hacken - beides ist möglich.

Hackt eure Gegner mitten im Kampf oder nutzt euer Hacken, um spektakulär zu fliehen.Hackt eure Gegner mitten im Kampf oder nutzt euer Hacken, um spektakulär zu fliehen.

Aber jetzt mal ehrlich, wie groß fällt der "negative" Ubisoft-Anteil aus? Im Großen und Ganzen gibt es auch in Watch Dogs: Legion viele ähnliche Missionen, die Geschichte ist ein typisches "Gut gegen Böse"-Duell und plätschert aufgrund der wenigen Zwischensequenzen und fehlenden Charakterbindung im Hintergrund vor sich hin. Und nein, auch dieses Mal traut sich Ubisoft nicht, politische Statements zu aktuellem Weltgeschehen zu machen und verwendet das überzeichnete Szenario nur als spannende Basis für einen Kampf zwischen Kontrollstaat und Hackern. ABER: Im Gegensatz zu anderen Ubisoft-Spielen rettet Watch Dogs: Legion alles mit seiner selbstironischen und bescheuerten Art - und lässt im Vergleich zu den Vorgängern den Spieler seinen Spielspaß noch besser managen.

Rekrutiert jeden! - Ein System mit Größenwahn

"Ihr könnt jeden Charakter rekrutieren", der lauteteste Marketing-Slogan von Watch Dogs: Legion führt unweigerlich zu der Frage "Will man das überhaupt?". Zugegeben, es ist äußerst spannend und voyeuristisch, jeden einzelnen Passanten scannen zu können, um seine Hintergrundgeschichte, seine Fähigkeiten und Schwächen zu erfahren - unabhängig davon, dass das dem Kampf "für" Datenschutz komplett den Boden entzieht. Boutique-Angestellte, Gärtner oder Wrestler - wen solltet ihr wirklich für eure Armee rekrutieren? Es braucht einiges an Spielzeit, um dieses System zu durchblicken.

Hinzu kommt, dass bei schätzungsweise 300 Berufen gefühlt nur 20 Berufe dabei sind, die über interessante Waffen oder coole Fähigkeiten verfügen. So können Mathematiker nebenbei Geld an der Börse verdienen, Bauarbeiter auf Baudronen zugreifen, Gangster sowie Polizisten gesperrte Gebiete betreten und Straßenkünstler ihr Malwerkzeug als Waffe einsetzen. Die gesamte Restbevölkerung ist ziemlich ähnlich und unpraktisch ausgestattet, zum Beispiel mit Shop-Rabatten oder verringerten Abklingzeiten fürs Hacken. Auszusieben ist daher enorm wichtig. Und Nein, mancher Charakter sieht zwar cool aus, ist seinen Rekrutierungsaufwand aber nicht wert.

Passt auf euer Team auf: Agenten können entführt oder verhaftet werden oder im schlimmsten Fall endgültig ausscheiden.Passt auf euer Team auf: Agenten können entführt oder verhaftet werden oder im schlimmsten Fall endgültig ausscheiden.

Dass sich das Rekrutierungssystem selbst nicht besonders ernst nimmt, fällt spätestens dann auf, wenn wir auf eine Schachmeisterin treffen, deren einzige Eigenschaften aus "Gebrechlichkeit" und "Spontaner Tod" bestehen. Nein, wir sollten nicht jeden NPC rekrutieren und das Feature auch mal stundenlang links liegen lassen, um es nicht sofort zu verbrauchen. Wer allerdings definitiv ein Gewinn für das Team ist, ist der Protestanführer, der Passanten auf seine Seite ziehen und sie Feinde angreifen lassen kann.

Die acht einzigartigen Charaktere wie Attentäter, Spione oder Dronenexperte findet man nicht auf der Straße, sondern sie werden für das Befreien eines Stadtviertels freigeschaltet. So kann man sich mit Austauschen und neuen Rekrutierungen über die Spielzeit ein interessantes Team zusammenstellen. Man kann es sich aber noch etwas nervenaufreibender gestalten. Womit wir zu einem spannenden Feature kommen: Dem Permadeath.

Während der Spieler im normalen Modus unendlich oft sterben kann und die Mission wiederholen kann, scheiden im Permadeath-Modus gestorbene Agenten endgültig aus. Sind alle tot, ist das Spiel komplett vorbei. Auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad ist das eine Bedingung, die für Nervenaufreibung sorgt, aber den Spielspaß nicht gefährdet, da der Spieler vor dem endgültigen Game Over immer noch ruhiger treten und neue Agenten einstellen kann. Dieses Feature gestaltet den Kampf gegen den Kontrollstaat deutlich realistischer, weshalb ihr auch bedachter spielt und eure Leute nicht wie austauschbare Schachfiguren behandelt.

Für jede Mission den besten Charakter auswählen: Spione eignen sich am besten für schwer bewachte Forschungseinrichtungen.Für jede Mission den besten Charakter auswählen: Spione eignen sich am besten für schwer bewachte Forschungseinrichtungen.

Aber fällt der Verlust eines NPCs denn emotional schwer aus? Zugegeben, keiner von ihnen glänzt mit einer tiefen Persönlichkeit, jeder Charakter ist auf die gleiche Weise "Watch Dogs"-sarkastisch. Tatsächlich entsteht aber eine Verbundenheit, da wir die Charaktere persönlich ausgewählt haben, weil sie uns gefallen haben. Wenn wir dann bestimmte Missionen mit ihnen erleben, entwerfen wir selbst eine Geschichte. Der Verlust einer solchen Figur bedeutet auch den Verlust einer schönen Zeit, weshalb wir uns gut um unser Team kümmern wollen.

London ist die schönste Open World dieses Jahres

Kommen wir nach all dem zur Open World von Watch Dogs: Legion. Was diese Kulissen angeht, haben Gamer heutzutage ein Problem: Sie sind bereits das Beste gewöhnt und kaum noch zu beeindrucken. Große Flächen, beeindruckende Bauwerke, eine lebendige Welt - das ist Standardkram und reicht für Augen-Aufreißer nicht mehr aus. Umso besser, dass "Open World"-Meister Ubisoft mit London ein neues Meisterwerk geschaffen hat. Um es mit einem Wort zu sagen: London ist fantasiebeflügend.

Es geht dabei nicht um die Größe, sondern um ein gigantisches Facettenreichtum an Schönheit. Selten haben wir es erlebt, dass uns eine Spielwelt derartig zwingt, anzuhalten und ein Foto machen zu müssen. Unabhängig davon, dass die britische Hauptstadt ohnehin eine spannende Kulisse bietet, durch den gesamten Hacker-Space und Freiheitskampf bietet sie eine alternative Realität, die viele Orte verwandelt hat und damit sehr viel Neugierde weckt.

Es ist nicht nur die Rede von dem "Big Ben"-Tower oder dem eindrucksvollen Buckingham Palace, auch Straßen, Clubs, Viertel und Street Art ergeben je nach Tageszeit und Witterung völlig neue Kulissen, die unterschiedliche Atmosphären erschaffen. In einer Straße waren wir zum Beispiel minutenlang in einem "Harry Potter"-Vibe gefangen.

Unglaublich fotogen: London bietet als Open World ein gigantisches Facettenreichtum an Schönheit.Unglaublich fotogen: London bietet als Open World ein gigantisches Facettenreichtum an Schönheit.

Bedrohlichkeit, Schönheit, Depression, Stolz - London hat so viele Gesichter und diese Stadt dürft ihr mit eurer Hacker-Bande beleben, indem ihr Bier trinkt, an der Promenade spazieren geht, Selfies schießt, Autoradio hört, Klamotten kauft, Dart spielt, Boxkämpfe bestreitet, Wände besprüht und Blödsinn anstellt. Wenn wir die Zeit und Erlaubnis hätten, würden wir euch jetzt durch eine 50-seitige Bilderstrecke mit Screenshots quälen.

Ob ihr nun mit dem Auto die Straßen langdüst, mit dem Boot unter der Tower Bridge hindurchfahrt oder mit der Flugdrone über die Dächer rast - auch nach Stunden werdet ihr neue Seiten an dieser Stadt entdecken, sodass euch niemals langweilig wird. Mag sein, dass Ubisoft wegen seines Masseprinzips Open Worlds nicht mit den spannendensten Aufgaben und Inhalten füllen kann, aber von Welten, davon verstehen sie etwas wie kaum ein anderer Entwickler!

Für wen lohnt sich Watch Dogs: Legion und für wen nicht?

Watch Dogs: Legion erscheint am 29. Oktober für PS4, Xbox One, PC, später auch für PS5 und Xbox Series X.

Für wen lohnt es sich?

  • Leute, denen Gameplay mit vielen Möglichkeiten wichtiger als eine gute Story ist
  • "Open World"-Liebhaber
  • Fans der Vorgänger, die Lust auf einen düsteren Höhepunkt haben

Für wen lohnt es sich nicht?

  • Leute, denen der rote Faden in "Open World"-Spielen fehlt
  • Gamer, die mehr Shooter und weniger Knobelei brauchen
  • Personen, die lieber spannenden Geschichten mit interessanten Figuren lauschen

Bewertung von Michael Sonntag

Ich bin sehr froh, dass es nicht einfach ist, Watch Dogs: Legion zu bewerten. Ubisoft hat es geschafft, aus seiner eigenen Schublade herauszukommen und es mit den Features und Formeln derartig übertrieben, dass ein schwer zu fassendes und neues Gameplay-Konzept dabei entstanden ist.

Egal, wie sehr ich das Pro und Contra gegeneinander auftürme - manches ist langweilig, anderes wieder sehr gut - , am Ende hatte ich sehr viel Spaß mit diesem Hack-Simulator in einer der schönsten und interessantesten Open Worlds dieses Jahres. Gut, dass Ubisoft zu alten Stärken zurückfindet.

Ich bin sehr stolz auf mein Team, das aus Wrestlern, Mathematikern, Protestanführern und Mafia-Söldnern besteht. Es gibt schon sehr coole Leute in London zu finden. Die Community wird sich definitiv auf dieses Feature stürzen, worauf ich schon sehr gespannt bin.

Aber mir fehlt eine gute Geschichte. Die Bösen führen an interessante Orte und das Rätseln, wer sich hinter Zero Day verbirgt, motiviert zum Verfolgen der Geschichte, aber es fehlt eine Prise Emotion oder Bezug zum aktuellen Weltgeschehen. Brexit, Datenschutz, die Erstarkung rechter Parteien in Europa, Überwachung - all diese Themen könnte man kommentieren, aber Ubisoft weicht dem gekonnt aus. Watch Dogs: Legion ist ein gutes Spiel und macht Spaß. Der mutige Sprung in die Realität fehlt allerdings noch.

86 Spieletipps-Award

spieletipps meint: Ubisoft hat ein absolutes Chaos-Werkzeug erschaffen. Wie viel Spaß ihr habt, hängt ganz von euch ab.

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