Watch Dogs: Legion

Watch Dogs: Legion - Ein Hacker bewertet das Spiel für uns (Special)

von Michael Sonntag (aktualisiert am Mittwoch, 28.07.2021 - 10:13 Uhr)

Watch Dogs: Legion führt die Hacker-Reihe mit einem Krieg gegen einen Überwachungsstaat auf eine düstere Höchststufe. Aber wie viel davon ist wirklich realistisch? Das haben wir einen Hacker der Berliner c-base gefragt.

Watch Dogs: Legion versus Realität: Es ist näher dran, als ihr vielleicht denkt. Bildquelle: Getty Images / gorodenkoff.
Watch Dogs: Legion versus Realität: Es ist näher dran, als ihr vielleicht denkt. Bildquelle: Getty Images / gorodenkoff.

Darstellung von Hacken in Watch Dogs - "Gar nicht so falsch"

In Watch Dogs: Legion kann der Spieler seine eigene Hackerarmee aufstellen, um einen Überwachungsstaat zu stürzen. Aber während wir im Spiel wie digitale Götter Chaos anrichten können, wären wir doch in der echten Welt mit unseren Hacker-Kenntnissen aufgeschmissen, oder? Das haben wir e-punc gefragt, den Sprecher der c-base, einem der zentralen Hacker Spaces in Berlin.

Insofern, dass das Ganze als Puzzlespiel dargestellt wird, ist das gar nicht so falsch“, erklärt er. „Es ist viel Geduld, viel Probieren, viel nochmal Probieren, irgendwas finden, von da aus den nächsten Clou finden. Ich denke, es ist (in Watch Dogs) symbolisch ganz gut umgesetzt.

Wer allerdings etwas authentischeres Hacken im Videospielsektor suche, solle sich laut e-punc vor allem das "Augmented Reality"-Spiel Ingress anschauen, das Entwickler Niantic lange vor Pokémon Go herausgebracht hat. Hierbei müssen zwei Parteien um Gebiete kämpfen und sie mittels verschiedener Hacking-Waffen erobern und verteidigen, um Punkte zu erzielen. In der Realität sei Hacken aber selbstverständlich nicht nur komplizierter, sondern auch vor allem weitaus bunter - vergessen wir mal die Person mit dem unheimlichem Kapuzenpullover, die von seinem Schreibtisch-Computer aus angeblich die ganze Welt manipulieren kann.

Dieser Bildschirm besteht aus Mate-Glasflaschen. Die Anleitung und den dazugehörige Code kann sich jeder Interessierte aus dem Internet herunterladen. Bildquelle: c-base.
Dieser Bildschirm besteht aus Mate-Glasflaschen. Die Anleitung und den dazugehörige Code kann sich jeder Interessierte aus dem Internet herunterladen. Bildquelle: c-base.

Das merke man laut e-punc schon allein, wenn man sich die grundlegende Definition von Hacken anschaue. „Du benutzt technische Geräte etwas anders als sie vom Hersteller vorgesehen wurden“, erklärt er. Selbst einem Smartphone ein anderes Betriebssystem draufzupacken, sei strenggenommen bereits Hacken. Die Frage ist nur, zu welchem Zweck man die Geräte "anders" benutzt. Anwendungsmöglichkeiten gibt es viele.

Während sich beispielsweise der Chaos Computer Club mit Sicherheitsfragen und eventuellen Gefahren beschäftigt, kommen in der c-base, einer „anarchistischen Universität, 450 Mitglieder in Veranstaltungen und Werkstätten zusammen, darunter Freifunker, Lockpicker und Programmierer, um Hacken für kreative Projekte zu nutzen. Blinkende Bildschirme aus Mateglasflaschen, Kostüme, Videoaufnahmen, Beatkompositionen - alles aus Spaß und Freude an Elektronik, um auch irgendwo einen gewissen Cyberpunk-Spirit auszuleben, der eng verwandt mit der Hacker-Szene ist. Auch in den "Watch Dogs"-Teilen kommt dieser Kunst-Aspekt zum Tragen - mit 8-Bit-Videos, Street Art und Installationen.

Rekrutiert eure eigene Hacker-Armee!

Ist Watch Dogs: Legion realistisch? - "Wir sind leider nah dran"

So viel zum Hacken an sich, aber wie sieht es mit dem Kampf gegen den kontrollierenden Überwachungsstaat aus? Wir fragen e-punc, ob es theoretisch möglich sei, dass Personen eine solche Hacker-Allmacht wie in Watch Dogs: Legion nutzen können, um sich beispielsweise in ein Sicherheitssystem hineinzuhacken, den Verkehrsbetrieb lahm zu legen oder Bildschirme zu manipulieren.

Die Antwort lautet wenig überraschend „Nein“. Die Allmacht in Watch Dogs basiere vor allem darauf, das zentralistische System ctOS der Regierung zu hacken, das den Zugang zu allen anderen Bereichen ermöglicht. Allerdings kann uns e-punc ein tatsächlich existierendes, viel simpleres Beispiel einer Sicherheitslücke im Alltag nennen:

Leute haben auf Kietzsparziergängen gezeigt, dass es Läden gibt, die ihre Kameras nicht abgesichert haben und wenn man die Default-Passwörter kennt, dann kann man sich in die Nähe stellen und einfach die Kameras anfragen. So etwas gibt es durchaus, weil die Leute nicht darauf achten, die Technik richtig zu benutzen. Aber um ein Netzwerk zu haben, müsste man in der BVG-Zentrale sitzen oder in der Verkehrsleitzentrale“, erklärt e-punc.

Wie auch Watch Dogs: Legion und das Rekrutierungsfeature korrekt wiedergebe, würden sich die meisten Infiltrationen heutzutage weniger auf der technischen, sondern mehr auf der menschlichen Ebene abspielen, dem sogenannten Social Engineering. Wozu ein System hacken, wenn man die Person kennt, die direkten Zugang zum System hat?

In Watch Dogs: Legion setzen die Hacker die Überwachungswaffen des Feindes gegen ihn selbst ein.
In Watch Dogs: Legion setzen die Hacker die Überwachungswaffen des Feindes gegen ihn selbst ein.

Und wie sieht es mit dem Überwachungsstaat an sich aus? Übertreibt es Entwickler Ubisoft mit der Dystopie oder könnte das Spiel auch als Warnung verstanden werden?

Es gibt ein paar Geschichten, an denen sind wir leider schon verdammt nah dran. Ich weiß nicht, zum wie vielten Male wir jetzt wieder fordern müssen, dass es bei Verschlüsselung keine Hintertüren geben darf. Dann gibt es natürlich jetzt auch mit Tesla die vermeintlich selbstfahrenden Autos, die dann von irgendwelchen Leuten gehackt werden können, sei es um sie zu klauen, um Unfälle zu bauen oder um die Firma zu epressen.

Man sieht, dass die Überwachung immer mehr zunimmt und (...) dass die Politik trotzdem immer weiter daran festhält, dass sie immer wieder die gleichen Argumente bringt und versucht, irgendwelche Gesetze durchzubringen, die schon dreimal vom Bundesverfassungsgericht gekippt worden sind. Und das ist ein Kampf, der so schnell nicht aufhören wird.

Mit Watch Dogs wird eine nicht allzuferne Zukunft gezeigt, aber noch ist das übertrieben. Ich hoffe, dass es nicht da endet, aber da braucht man eine Menge Leute, die sich weiterhin dagegen engagieren“, so e-punc.

Watch Dogs: Legion ist ein unterhaltsames Spiel, kann aber auch ein größeres Bewusstsein für den Umgang mit digitalen Medien schaffen.
Watch Dogs: Legion ist ein unterhaltsames Spiel, kann aber auch ein größeres Bewusstsein für den Umgang mit digitalen Medien schaffen.

Laut e-punc könne dieses Engagieren aber schon weit vor Protesten und dem Aufmerksam-Machen auf Missstände beginnen, in erster Linie bedeute es auch, dass die Menschen selbst die Medien besser kennenlernen sollten, die sie tagtäglich nutzen. Zu wissen, wie man angegriffen werden kann, kann auch helfen, sich vor diesen Angriffen zu schützen. Digitale Selbstverteidigung, wie e-punc es nennt.

Man sollte sich mit der Technik auseinandersetzen, man sollte wissen, wie man Krytografie richtig einsetzt, wie man verschlüsselt und anonym im Netz unterwegs ist, selbst wenn man es im Moment noch nicht braucht. Man sollte sich überlegen, wie man nicht alle Daten weiter an Google gibt und vielleicht nicht alles über Amazon machen. Man sollte sich bewusst sein, welche Datentrails man hinterlässt.

Man sollte sich vielleicht auch Gedanken machen, was andere Leute mit diesen Trails machen könnten. Und damit meine ich jetzt nicht mal die "böse" Regierung oder die "bösen" Multikonzerne, das kann ja auch einfach ein enttäuschter Exfreund sein, der plötzlich anfängt, dich zu stalken. Das sind Geschichten, die viel realistischer sind als Angriffsvektoren. Oder ein Kollege, der dich mobben will.

Ja, man sollte auf eine Kryptoparty gehen und lernen, wie man sicher mit Daten umgeht, man sollte da viel mehr digitale Selbstverteidigung auf dem Kasten haben und allgemein sollte von vorneherein von jüngstem Alter an viel mehr Medienkompetenz vermittelt werden. Ob man das am Ende Hacken nennt oder sicheren Umgang mit der Technik, das würde ich definitv begrüßen.

Zuletzt wollen wir spaßeshalber wissen, welche Rolle die c-base im Falle eines Überwachungsstaates einnehmen würde, angenommen, dass das "Watch Dogs: Legion"-Szenario morgen aus unerfindlichen Gründen in Deutschland stattfände. Würde sich die c-base dem Widerstand anschließen und Aktionen durchführen?

Nein, das könne sich e-punc nicht vorstellen, dafür gebe es an der Hacker-Uni zu viele individuelle Köpfe, als dass jemand sie alle befehligen könne. „Möglicherweise wären wir auch der Platz, wo sich alle nach so einer (Hacker-Aktion) treffen und gemeinsam eine Mate trinken“, vermutet e-punc. Die Flasche könnte man anschließend für ein kreatives Projekt verwenden.

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