Test Twin Mirror: Wenn Sherlock Holmes unterfordert wird

von Michael Sonntag (Mittwoch, 09.12.2020 - 17:37 Uhr)

Nach Life is Strange 2 geht es Entwickler Dontnod Entertainment mit kleineren Abenteuern etwas ruhiger an. Twin Mirror präsentiert eine neue Geschichte, aber das Spielprinzip bleibt das gleiche. Dabei wäre ein Vorpreschen mit Twin Mirror in neue Gefilde jetzt genau das gewesen, worauf die Fans gewartet haben.

Sam hat eine faszinierende Fähigkeit: Er kann in seinem Kopf die Außenwelt analysieren und aus vielen Perspektiven betrachten - ähnlich wie Sherlock Holmes.Sam hat eine faszinierende Fähigkeit: Er kann in seinem Kopf die Außenwelt analysieren und aus vielen Perspektiven betrachten - ähnlich wie Sherlock Holmes.

Twin Mirror: Ein kurzer Kurztrip mit wenig Mystery und viel Potenzial

Ein Mann erwacht in einem Motelzimmer, ohne Erinnerung an die letzte Nacht, und findet im Badezimmer sein blutdurchtränktes Hemd: Der erste Mystery-Trailer von 2018 zu Twin Mirror konnte bereits ordentlich Neugierde wecken und deutete an, dass das Spiel einen deutlich düsteren Weg als die bisherigen eher "warmherzigen" Lebensgeschichten von Entwickler Dontnod Entertainment einschlägt. Seine liebgewonnenen Walking- und Erkundungssimulatoren mit prägenden Entscheidungen setzen mittlerweile Staub an und konnten etwas Neues vertragen!

Doch dann verschwand Twin Mirror nach einer Releaseverschiebung für lange Zeit und erschien jetzt aus dem Nichts, ohne großes Feuerwerk. Die Frage, welches Spiel letztendlich daraus geworden ist, beantwortet sich direkt nach den ersten zwei Spielstunden - Nein, Twin Mirror ist kein düsteres und verstörendes Mystery-Werk, eher eine Light-Version von Life is Strange. So vielversprechend die mysteriösen Ansätze auch wirken, das Zwischenmenschliche bleibt der Star, der aber ebenfalls zu wenig Raum zur Entfaltung bekommt. Dabei steckt sehr viel ungenutztes Potenzial in Twin Mirror. Alle Stoffe sind da, aber dann nimmt das Spiel eine andere Ausfahrt, eine fast schon zu harmlose.

Offenbart die Wahrheit und euer wahres Ich!

Zur Geschichte: Der Journalist Sam kehrt in seine Heimatstadt Basswood zurück, die er aufgrund einer skandalösen Enthüllungsgeschichte verlassen musste. Der Anlass ist die Beerdigung seines besten Freundes, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Dabei gehören Anteilnahme und sozialer Umgang überhaupt nicht zu Sams Stärken. Er hält sich lieber in seinem Gedankenpalast auf, einem Denklabor in seinem Kopf, von dem aus er die Außenwelt in Form einer Kristallkopie analysieren kann. Wenn er dann doch mal "sozialer Mensch" spielen muss, greift er gerne auf seinen imaginären charmanten Freund zurück, den titelgebenden Spiegelzwilling, der ihm immer mit Rat zur Seite steht.

Eine interessante Ausgangslage: Als Sam Basswood betritt, bringt er einen tiefen See an vergangenen Beziehungen und Konflikten in Aufruhr. Die verärgerten Bewohner, die beleidigte Patentochter, der alte Chef, die Ex-Freundin - in Gesprächen äußerst behutsam vorzugehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen, dieses soziale Spiel gehört nach wie vor zu den größten Stärken von Entwickler Dontnod Entertainment. Der Spiegelzwilling bietet zudem ein interessantes Feature, da der Spieler zusätzlich überlegen muss, ob er auf die Ratschläge seines "Freundes" hören oder nur sich selbst vertrauen möchte. Und nach einer erinnerungslosen Nacht und einem blutdurchtränktem Hemd stellt sich heraus, dass Sam einen Mordfall und das dunkle Geheimnis der Stadt aufklären muss - genauso wie das Mysterium um seinen Gedankenpalast und seinen Zwilling.

So viel zur Geschichte, denn das Entdecken wollen wir euch überlassen. Allerdings müssen wir gestehen, dass die Spurensuche letztendlich spannender als die große Auflösung ausfällt. Abgesehen davon, dass das Detektiv-Spielen und Tatort-Untersuchen im Gedankenpalast selbst zwar eindrucksvoll aussieht, aber viel zu einfach ist. Alle Hinweise sammeln, ein paar Verknüpfungen anstellen, fertig. Es ist eine Verschwendung dieser coolen Fähigkeit, dass der Spieler damit nur ein paar simple Abläufe rekonstruieren darf. Das Finale bietet zwar eine größere Herausforderung, aber auf diesem Niveau hätte das Spiel beginnen und sich die komplette Laufzeit über halten müssen.

Der Spiegelzwilling (rechts im Bild) steht Sam immer mit Rat zur Seite. Stellt sich nur die Frage, ob er immer auf ihn hören sollte.Der Spiegelzwilling (rechts im Bild) steht Sam immer mit Rat zur Seite. Stellt sich nur die Frage, ob er immer auf ihn hören sollte.

Abseits der Krimi-Geschichte besteht Sams Aufgabe darin, das Schicksal der Menschen während seines kurzen Aufenthalts - hoffentlich zum Positiven - zu beeinflussen. Das ist tatsächlich herausfordernd, da Sam den Menschen in seiner Heimatstadt ungern zuhört, weil sie ihn mit ihren ausschweifenden Erzählungen langweilen. Genauso wie den Spieler. Eine interessante Situation, die den eigenen Spielstil hinterfragt: Sollte ich der armen Verkäuferin vielleicht doch zuhören, um ihr den Tag zu verschönen, selbst wenn es mich in meinem Fall überhaupt nicht weiterbringt? Auch wenn die Auswirkungen minimal sind, Gutherzigkeit kann sich in Twin Mirror auszahlen und den Spieler daran erinnern, auch mal nach links und rechts zu schauen - und das eigene Wohl hintenanzustellen.

Bevor das Spiel dann aber wirklich interessant wird, ist es auch schon vorbei - was das größte Problem von Twin Mirror ausmacht: Es ist mit vier bis sechs Spielstunden viel zu kurz, Dontnod Entertainment braucht für seine Geschichten mehr Zeit. Im Gegensatz zu Life is Strange 2, in der jede der fünf Episoden vier Stunden Inhalt an Gesprächen und Momenten umfasst, bekommt der Spieler in Twin Mirror kaum Zeit, um die Bewohner wirklich kennenzulernen oder große Verschwörungen aufzudecken. Es bleibt bei einem Wochenendausflug, bei dem wir ein paar oberflächliche Bekanntschaften geschlossen und ein vergleichsweise mittelgroßes Verbrechen aufgeklärt haben.

Selbst die Mystery-Ausflüge in Sams komplizierte Psyche hinterlassen keinen bleibenden Eindruck, die zwar neuen Wind für das Genre mit sich bringen, aber harmlos im Vergleich zu ihren Vorbildern Silent Hill oder The Evil Within bleiben. Die Welt, die Gespräche, die Erinnerungsstücke, der Soundtrack - was die melancholische Atmosphäre angeht, macht dem Entwickler allerdings niemand etwas vor. Die ist wie immer ein Meisterstück, aber ein mittlerweile nur zu gut bekanntes ohne Mut, die Formel weitervoranzutreiben. Wir sind den begehbaren Tagebuch-Welten entwachsen und wollen größere Lebensherausforderungen meistern. Gegen Ende von Twin Mirror denken wir uns, dass das der Auftakt für ein sehr gutes Spiel sein könnte. Aber die richtige Zeit ist dafür vielleicht noch nicht gekommen.

Twin Mirror erschien am 1. Dezember 2020 für PC, PS4 und Xbox One.

Bewertung von Michael Sonntag

Twin Mirror ist eine gute Light-Version von Life is Strange. Erkunden, Gespräche führen, interessante Charaktere kennenlernen, die Welt mit meinen Entscheidungen beeinflussen. Aber mit sechs Stunden schafft es das Spiel einfach nicht, mich zu fesseln. Als ich gerade das Gefühl hatte, dass ich angekommen bin, diesem Ort helfen möchte und ihn vor seinen Feinden beschützen will, laufen bereits die Credits herunter. Schade. Ich nehme es dem Spiel nicht mal krumm, dass es nicht ansatzweise so Mystery wie sein Trailer geworden ist. Aber die große Sozialstudie ist es ebenfalls nicht.

Hätte Twin Mirror fünf Episoden, hätte Sam seinen Gedankenpalast für eine große Herausforderung einsetzen dürfen, hätte der Zwilling eine größere Rolle gespielt, hätte es mehrere komplett unterschiedliche Spielverläufe gegeben, dann wäre es ein Meisterwerk und seiner Idee gerecht geworden. Dontnod Entertainment kann mehr, das weiß ich! Und ich bin fest überzeugt, dass das Vorbereitungen für eine grandiose Rückkehr sind.

Jetzt ist so: Ihr fahrt eine Straße entlang und seht ein Ortsschild mit der Aufschrift "Basswood". Ihr könnt weiterfahren, kein Problem. Wenn ihr abbiegt, werdet ihr eine langweilige Stadt vorfinden, die dennoch irgendetwas Besonderes in sich trägt. Selbst auf dem Rückweg werdet ihr nicht wissen, was das genau war oder ist. Aber für das Rätsel seid ihr dankbar. Selbst wenn ihr nacher nicht mal wisst, wie der Ort geschrieben wird. Ich musste ihn gerade auch nochmal googeln.

77

spieletipps meint: Twin Mirror ist eine gute Lightversion von Life is Strange. Aber die Weiterentwicklung fehlt.

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