Nieder mit dem Pile of Shame: Sollten wir aufhören, Spiele zu kaufen? (Kolumne)

von Johannes Repp (Sonntag, 21.03.2021 - 08:55 Uhr)

Nicht nur bei den spieletipps-Redakteuren wächst der Stapel an ungespielten Games (Bild: Cub4nbr3ad561 / Reddit)Nicht nur bei den spieletipps-Redakteuren wächst der Stapel an ungespielten Games (Bild: Cub4nbr3ad561 / Reddit)

Na, wie voll ist eure Steam-Bibliothek? Als Spiele nur als CD-ROMs, Cartridges und Co. verfügbar waren, hätte kaum jemand so viele Spiele gekauft, wie wir es heutzutage tun. Wo in der realen Welt ganze Regalwände zusammenbrechen würden, ist im digitalen Zeitalter die Hemmschwelle zum Kauf deutlich geringer. Und das, obwohl die Zeit zum Zocken fehlt!

Hallo! Ich heiße Johannes, bin 21 Jahre alt und besitze etwa 400 Videospiele. Damit will ich nicht angeben – schließlich von dieser schieren Masse überfordert. Eine stichprobenartige Umfrage in der Redaktion ergab: Damit bin ich nicht allein. Über unzählige Launcher verteilt, haben einige Kollegen dank kostenlosen Keys und Test-Versionen sogar noch deutlich mehr Spiele in ihrem Besitz. Nicht ganz unschuldig an dieser hohen Zahl sind der Epic Games Store mit seinen wöchentlichen Giveaways und der Steam-Summer-Sale mit seinen verlockenden Angeboten. Das Problem dabei: WANN SOLL MAN DIE ZEIT FINDEN, SO VIELE SPIELE ZU SPIELEN?!

Dieses Video zu Videospielkultur schon gesehen?

Fun Fact: Der US-Amerikaner Antonio Monteiro steht mit einer Sammlung aus über 20.000 Videospielen in Guinness-Buch der Rekorde!

Ich habe viele Spiele und wenig Zeit – lieber wäre es mir umgekehrt

„Geh studieren!“ haben sie gesagt … „so viel Freizeit wie im Studium wirst du nie wieder haben“ haben sie gesagt … und sie hatten teilweise recht. „Sie“ sind dabei Berufsberater, Hochschulbotschafter, Verwandte und alle anderen, die Schüler vom Studieren überzeugen wollen. Aber wohin mit der ganzen Zeit? Neben diversen Hobbys sollten auch die ganzen Videospiele profitieren, die sich über mehrere Jahre hinweg in meiner Sammlung angehäuft hatten. Schnell musste ich aber feststellen, dass ich bei weitem nicht so viel Zeit fürs Zocken erübrigen konnte, wie mir lieb gewesen wäre. Es stellte sich sogar heraus, dass ich während meiner Schulzeit deutlich häufiger zum Daddeln kam. Aber warum zum Teufel kann ich dann nicht aufhören, Spiele zu kaufen?

Der eine oder andere von euch kennt es sicherlich auch: Zum Summer Sale springen wir alle wie ein Rudel Kinder auf Kaffee durch den Steam-Store und horten Games, als müssten wir uns auf eine große Spieleknappheit vorbereiten. Die Realität sieht aber anders aus – der Spielemarkt ist größer als je zuvor. Triple-A-Studios wie Rockstar und CD Projekt Red bewerfen ihre Fans mit Titeln, die äonenstarkes Zeitfresserpotential besitzen.

Unter dem Radar gibt es zahlreiche Indie-Studios, die eine Perle nach der anderen produzieren. Dabei ist die Auswahl an guten Spielen so hoch, dass man gar nicht mehr die Zeit hat, sie alle zu spielen. Gekauft wird aber trotzdem. Meine Frage lautet daher: Ist das schlecht? Die Antwort: Teilweise.

Unterstützt Indie-Entwickler, schiebt andere Spiele auf die lange Bank!

Dank Vorbestellerboni und limitierten Editionen schaffen es große Firmen immer wieder, uns einzulullen und zum verfrühten Kauf zu bewegen. Dabei sind es genau die Titel, bei denen wir auf einen Sale warten sollten! Bei mir gibt es da ein Paradebeispiel.

An Assassin’s Creed: Unity habe ich mir für immer meine Vorbesteller-Pfoten verbrannt. Aktuelle Vorfälle wie beispielsweise das von Bugs geplagte Cyberpunk 2077 sind der Beweis dafür, dass Vorbestellungen heutzutage einfach nicht mehr lohnenswert sind.

Sammler-Editionen ausgenommen – kein Hardcore-Fan sollte auf seine Poster, Figürchen oder Brotdosen verzichten müssen. Aber alle anderen? Kommt schon, das muss doch nicht sein! Habt ihr wirklich Lust auf halbgare Spiele mit gigabyteschweren Day-One-Patches, die gerade noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft für 60 Euro oder mehr auf den Markt geballert werden? Ich nicht. Kauft die Spiele doch lieber dann, wenn sie auch wirklich fertig sind und ihr Zeit und die Ressourcen habt, sie zu spielen.

Das grandiose Witcher 3 ist mittlerweile regelmäßig für 15 Euro oder weniger zu haben. Dabei sind Mittelklasse-PCs mittlerweile ebenfalls auf dem Stand, dass ihr das Spiel in einer guten Grafik spielen könnt. Am Tag der Veröffentlichung ist es bei solchen Spielen nicht unüblich, dass sie auch Monsterklasse-PCs zum Schwitzen bringen. Konsolen-Versionen sind teilweise noch schlecht optimiert und verursachen ebenfalls Probleme. Was bringt es also, schon an Tag eins dabei gewesen zu sein? Im schlimmsten Fall verderbt ihr euch noch das Spielerlebnis!

Bei Indie-Spielen sieht das Ganze schon etwas anders aus. Indie-Studios bestehen meist nur aus einer Handvoll fleißiger Programmierbienen, die häufig ihre geballten Ressourcen in ein einziges Projekt stecken können. Das Ergebnis sind zeitweise bessere Spiele, als wir sie von großen Studios kennen. Wenn ihr wissen wollt, welche Spiele damit gemeint sind, dann schaut euch dazu unsere Bilderstrecke bei GIGA GAMES an.

Ein Spiel taucht ebenfalls in dieser Liste auf: Eric Barone stürmte mit Stardew Valley Anfang 2016 im Alleingang die Spielecharts und kassierte haufenweise Preise für sein Werk. Aber nicht allen Indie-Studios ist dieser Erfolg vergönnt. Große Firmen haben riesige Budgets, die für Marketingzwecke verwendet werden. Kleine Studios können sich so etwas oft nicht leisten und müssen einfach darauf hoffen, irgendwann entdeckt zu werden.

Für derart kleine Firmen sind die Verkaufszahlen entscheidend – wenn sich ein Projekt nicht rechnet, kann es höchstens als Hobby weitergeführt werden. Da die meisten Titel aus dieser Riege mit deutlich geringeren Einkaufspreisen daherkommen, kann sich ein Kauf nicht nur für euch, sondern auch für die Entwickler lohnen, die ihr Herzensprojekt irgendwann in Vollzeit umsetzen können. Und wenn alles gut läuft, erhaltet ihr in Zukunft noch mehr gute Spiele aus der Quelle, die ihr von Anfang an unterstützt habt.

Dabei ist es nicht unbedingt notwendig, die Spiele zu spielen. Wenn ihr beispielsweise unfassbar gerne einen Stream zu einem Spiel schaut, das aufgrund knapper Gelder am Rande der Existenz steht, könnt ihr durch einen Kauf die Entwickler quasi mit einer Spende unterstützen. Dabei gewinnt das betreffende Studio durch die steigenden Verkaufszahlen ebenfalls an Popularität, was wiederum höhere Verkaufszahlen und mehr Gelder für tolle Projekte bedeuten kann.

Werft trotzdem nicht mit Geld um euch!

Dieser Punkt sollte jedem klar sein – Spiele sind ein Luxus, den man sich leisten können muss. Gebt ihr nun auch noch Geld für Spiele aus, die ihr nicht direkt spielen wollt, dann kann es sein, dass ihr soeben euer hart verdientes Geld verschwendet habt. Mir ist es schon häufiger passiert, dass ich mir bei einem der berüchtigten Steam-Sales einige Spiele von meiner Wunschliste gegönnt habe. Nur um dann festzustellen, dass sie einige Monate später kostenlos bei Epic erhältlich sind. Habe ich die betreffenden Games in der Zeit gespielt? NOPE! Schließlich war ich immer noch im Red-Dead-Online-Hype gefangen.

Was lernen wir daraus? Wenn ihr ein Spiel nicht demnächst spielen wollt oder aufgrund technischer Limitierungen einfach nicht spielen könnt, dann KAUFT ES NICHT! Es bringt nichts, Spiele zu kaufen, die ihr „irgendwann mal“ spielen wollt. Bis dahin sind sie entweder kostenlos oder zumindest günstiger zu haben. Ja, die kleinen Preise erscheinen sehr verlockend. Aber im Endeffekt müllt ihr nur weiter eure Bibliothek zu, in der ihr dann nichts zum Zocken findet und doch wieder nur das gleiche Spiel daddelt.

Besonders beim großen Summer Sale auf Steam sollten wir unser Kaufverhalten überdenken.Besonders beim großen Summer Sale auf Steam sollten wir unser Kaufverhalten überdenken.

Sollten wir den nächsten Sale besser auslassen?

JA, VERDAMMT! Spielt zuerst die Spiele, die sich in den letzten Jahren in euren zig Launchern, Bücherregalen und Hosentaschen angehäuft haben. Ich kann euch aus eigener Erfahrung bestätigen: Es lohnt sich! Spiele, die seit Jahren in meiner Bibliothek im eigenen Saft vor sich hin geköchelt haben, schmecken aufgewärmt einfach nur vorzüglich! Dabei ist es egal, wie alt die Titel teilweise sind – manchmal war ich einfach nur froh, diese Perlen endlich nachgeholt zu haben. Weg mit Far Cry 5 und New Dawn, zurück zu Far Cry 3! Eine Ausnahme bilden – wie bereits gesagt – die Indie-Games. Diese Ausgaben könnt ihr euch folgendermaßen schönreden:

Eichhörnchen vergraben Nüsse, um sich auf den Winterschlaf vorzubereiten. Ganze Wälder entstehen, indem die Kameraden mit Puschelschwanz einige ihrer Lagerorte vergessen. Aus ihren vergrabenen Vorräten sprießen neue Bäume, die ihrerseits wertvolle Nahrung abwerfen. Ähnlich verhält es sich mit Leuten wie mir und diversen Indie-Studios. Ich bin das Steam-Eichhörnchen und meine Bibliothek ist ein fruchtbarer Indie-Waldboden.

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