Vampire: The Masquerade - Swansong

Test Vampire: Swansong – Zeugen befragen und danach austrinken

von Michael Sonntag (Mittwoch, 18.05.2022 - 15:00 Uhr)

In Vampire: The Masquerade – Swansong müsst ihr die Geheimnisse der Bostoner Vampir-Unterwelt aufdecken. Die Frage ist nur, zu welchem Preis und mit welchen Mitteln? Denn jede Entscheidung hat blutige Konsequenzen.
In Vampire: The Masquerade – Swansong müsst ihr die Geheimnisse der Bostoner Vampir-Unterwelt aufdecken. Die Frage ist nur, zu welchem Preis und mit welchen Mitteln? Denn jede Entscheidung hat blutige Konsequenzen.

Vampire haben dieser Tage viel zu beißen! Nachdem Vampire: The Masquerade – Bloodhunt kürzlich die Battle-Royale-Durstigen zu nervenzerfetzenden Runden einlud, erscheint nun mit Vampire: Swansong ein neues Spiel für alle Story-Spieler, die ihre detektivischen Fähigkeiten auf die Probe stellen wollen. Wir haben das RPG-Adventure für euch gespielt und ein finales Urteil gefällt. Könnte das Spiel die scheinbar endlose Wartezeit auf Bloodlines 2 erleichtern, das dritte anstehende Masquerade-Spiel? Das hängt ganz davon ab, welches Blut ihr in euren Spielen bevorzugt.

Vampire: Swansong im Test – RPG und Detektiv spielen, geht das? Das hängt von euch ab

Vampire: The "Was?"-querade? Auch wenn dieser lange Titel in letzter Zeit öfter fällt, wird er vermutlich nicht allen Spielern etwas sagen. Hier die Kurzversion dieses etwas komplizierten Hintergrundes: Vampire: The Masquerade geht auf das berühmte Pen & Paper (Jahrgang 1991) von Mark Rein Hagen zurück, das wiederum im "World of Darkness"-Kosmos angesiedelt ist, in welcher die Welt heimlich von Vampir-Clans und anderen dunklen Kräften regiert wird. Kommt ihr noch mit? Ja, wir auch, so ungefähr.

Anfang der 2000er erlangte Vampire: The Masquerade mit den beiden Rollenspielen Redemption und Bloodlines auch im Videospielbereich größere Aufmerksamkeit, bis die Blutsauger plötzlich komplett verschwanden. Nachdem die Reihe seit 2019 eine Wiedergeburt mit diversen Visual Novels erlebte, gesellen sich nun auch Battle Royale Bloodhunt und Detektiv-Spiel Swansong dazu. Währenddessen kämpft das heiß erwartete Vampire: Bloodlines 2 mit diversen Schwierigkeiten und einer ungewissen Zukunft.

Für Swansong wurde kein unerfahrener Entwickler herangezogen: Big Bad Wolf Studio lieferte bereits im Jahr 2018 mit The Council ein interessantes Detektiv-Adventure und geht die Sache mit Swansong nun deutlich blutiger und untoter an. Aber was ist das für ein Spiel und für wen eignet es sich? Diese Frage ist fast schon ein eigener Fall für sich. Detektiv-Spiele mögen die einen Spieler extrem fesselnd finden, andere als extrem trocken bezeichnen. Wie gut, dass Swansong das typische Gewässer verlassen und das ganze Sherlocken mit vielen Rollenspielaspekten aufgewertet hat. Aber nein, es ist kein klassisches RPG!

Fans von Detroit: Become Human, Telltale-Spielen und Vampyr sollten die Ohren spitzen, aber sich dessen bewusst sein, dass ihr für Swansongs kolossale Stärken auch seine nicht zu ignorierenden Schwächen verkraften müsst. Im Gegensatz zu vielen Spielen lässt sich Swansong extrem schwer in eine Schublade stecken, das macht es so interessant und so frustrierend.

  • Im folgenden Trailer könnt ihr euch selbst einen Eindruck von den blutigen Kriminalfällen in Vampire: The Masquerade – Swansong machen:
Vampire: The Masquerade - Swansong: Gameplay-Trailer

Wenn 3 Vampir-Sherlocks Zeugen befragen und leersaugen

Nach langen, erbitterten Kämpfen schmieden die Vampirclans und Hexenmeister von Boston endlich einen Friedenspakt. Doch die Feier, auf welcher der Pakt besiegelt werden sollte, endet in einem Blutbad. Keiner weiß, was passiert ist. Jeder Kontakt ist abgebrochen. Wer steckt dahinter? Und gilt der Pakt mit den Hexenmeistern noch? Aufgebracht und ängstlich finden sich die Vampire in ihrem Hauptquartier ein und versuchen die Ereignisse aufzuklären. In diesem Zusammenhang macht euch Swansong mit der Welt und den drei spielbaren Protagonisten vertraut. Allerdings ohne jegliches Warmwerden. Wer schon mal als Fremder auf einer Familienfeier unterwegs war, wird das Phänomen kennen: maximale Überforderung.

In den ersten Spielstunden begegnet ihr dutzenden unbekannten Charakteren und hört von diversen unbekannten Ereignissen, während das Spiel euch immer wieder höflich anbietet, jeden erwähnten unbekannten Begriff (Die Umarmung, Dünnblütiger, Ventrue) im Lexikon nachzuschlagen. Die Welt von Swansong will euch vollständig einsaugen, indem ihr euch selbst in ihrer Lore zurechtfindet. Masquerade-Kenner werden es leichter haben, RPG-Fans werden die Herausforderung genießen, während Nicht-Eingeweihte schon jetzt eine Pause brauchen werden. Aber keine Sorge: Nach diesem abrupten Einstieg wird es deutlich angenehmer, der Handlung zu folgen.

In Swansong steuert ihr folgende Charaktere: die Clubbesitzerin Emem, die Seherin Leysha und Gentleman Galeb. Jeder von ihnen hat eine eigene Persönlichkeit, Hintergrundgeschichte und Fähigkeit. Der Prinz der Vampirclans beauftragt sie, das Blutbad aufzuklären, die Veranwortlichen zu finden und die Verborgenheit der Vampire zu bewahren, womit die titelgebende Maskerade gemeint ist. Wir ihr es euch bei blutrünstigen Vampiren, die einen auf zivilisiert machen, sicher denken könnt: Nein, die Geschichte kommt natürlich nicht ohne dopppelte Böden, Verschwörungen, Psychopathen und Verräter aus. Trotz ihrer langsamen Erzählweise ist die Geschichte mit ihren verschiedenen Ausgängen das große Highlight von Vampire: Swansong.

Der Prinz von Boston schickt euch auf eine wichtige Mission – und traut nach diesen Ereignissen niemandem mehr.
Der Prinz von Boston schickt euch auf eine wichtige Mission – und traut nach diesen Ereignissen niemandem mehr.

Detektiv sein muss geskillt sein und macht sehr durstig!

In Vampire: Swansong begebt ihr euch mit euren Detektiven zu vielen verschiedenen und frei erkundbaren Schauplätzen, um dort Nachforschungen zur großen Verschwörung anzustellen. Ähnlich wie in The Council solltet ihr hier nicht auf große Grafikwunder hoffen. Allerdings sind die Schauplätze sehr stimming inszeniert und wahre Fundgruben an schönen Details. Wenn Galeb durch einen tropischen Privatgarten im sechzigsten Stock schlendert, eine Puppe aufhebt und beim Blick auf ganz Boston an jemanden zurückdenkt, sind wir trotz der hölzernen Grafik atmosphärisch komplett gefangen.

Penthouses, unterirdische Gefängnisse, Blutbars, geheime Basen – Reichtum, Macht und Geheimnisse sind Grundtöne, die hier aus jedem Weinglas tropfen und für eine unglaubliche Stimmung sorgen. Auf der spielerischen Ebene wartet typische Videospiel-Detektiv-Arbeit auf euch: Gegenstände analysieren, Schlussfolgerungen anstellen, Personen befragen, Computer hacken – ihr habt viele Möglichkeiten, dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen. Und hier setzt dann auch der RPG-Aspekt ein: Mit Punkten könnt ihr eure Sozial-, Technik- und Detektiv-Skills aufleveln – und das für jeden Protagonisten individuell. Soll Galeb seine Informationen eher über Personen bekommen und Leysha über das Untersuchen? Eure Entscheidung.

So oder so, in einem Spieldurchlauf könnt ihr nicht alle Bereiche abdecken, womit manche Spuren und Verläufe unentdeckt bleiben und zu einem neuen Spiel einladen. Die wenigen Rätsel sind fast schon antik – Safekombinationen entdecken, Ringe in die richtige Position schieben – aber auch nicht schwer, sodass sie schnell abgeschlossen werden können. Auch wenn sich die Befürchtung stellenweise bestätigt hat, dass wir einen Tatort nach dem anderen abklappen müssen, gibt es glücklicherweise dann auch wieder Passagen, die etwas komplett Neues bieten, wenn Emem beispielsweise die Hexenmeister aufsuchen und dabei ihre "effektiven Verteidigungsanlagen" überwinden muss.

Was ist hier passiert? Um es herauszufinden, könnt ihr Objekte untersuchen, Personen befragen, Computer hacken oder eure Vampir-Kräfte einsetzen.
Was ist hier passiert? Um es herauszufinden, könnt ihr Objekte untersuchen, Personen befragen, Computer hacken oder eure Vampir-Kräfte einsetzen.

Abgesehen vom Erkunden und Dialogisieren gibt es zwei wichtige Mechaniken in Vampire: Swansong, die immer wieder für Nervenkitzel sorgen:

  • Fokuspunkte (blaue Punkte): Mit ihnen könnt ihr nicht nur eure detektivischen und technischen Fähigkeiten einsetzen, sondern auch in Gesprächen euren Argumenten eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit verleihen. Aber seid vorsichtig! Sollte euer Gegenüber eine Manipulation bemerken, setzt es ebenfalls Fokuspunkte ein und überbietet euch im schlimmsten Fall. Bei Unentschieden entscheidet ein Würfel über Sieg und Niederlage. Mit speziellen Gegenständen und gewonnenen Gesprächen könnt ihr eure Fokuspunkte wieder auffrischen.

  • Blutdurst (violette Punkte): Der Gebrauch eurer vampirischen Kräfte macht euch durstig. Um euren Durst zu stillen, müsst ihr geschützte Verstecke finden und eure Opfer dorthin locken, um ihnen Blut abzuzapfen. Ihr entscheidet, wie viel Blut ihr trinken wollt. Nehmt ihr zu viel, stirbt euer Opfer und vergrößert den Verdacht auf Vampire. Das Trinken ist spielentscheidend. Wenn ihr es nicht schafft, eurem Verlangen regelmäßig nachzukommen, kann der Blutdurst zu einem Kontrollverlust führen und eure Pläne vereiteln, wenn ihr beispielsweise "versehentlich" einen wichtigen Zeugen tötet.

Die Konfrontationen, entscheidende Gespräche mit wichtigen Personen, stellen quasi die Endkämpfe in Vampire: Swansong dar. Hierbei geht es darum, so viele Phasen des Gesprächs wie möglich für sich zu entscheiden. Die Niederlage hat wiederum große Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des Spiels. So taktisch sich Vampire: Swansong aber geben möchte, wirken manche Konfrontationen wie Glücksspiel. Oft wisst ihr nicht, was euer Gegenüber hören möchte.

Zudem ist der Gebrauch der Fokuspunkte etwas sperrig, da ihr nie genau abschätzen könnt, wie viele nun für den Erfolg wirklich nötig sind. Im Zweifelsfall sind es entweder knapp zu wenig oder ihr verschwendet viel zu viele Punkte für ein im Nachhinein nebensächlies Wortgefecht, auf das aber ein viel wichtigeres folgt. Das Blutdurst-Feature sorgt hingegen für ein vorsichtigeres Vorgehen, lässt sich aber mit etwas Übung auch sehr leicht kontrollieren, wenn ihr bei jedem Tatort sofort nach Opfern und Verstecken Ausschau haltet. Darüber hinaus fallen die Sequenzen, wenn wir einer Person das Blut aussaugen, sehr monoton und lang aus. Hier wäre eine "Fast Food"-Variante ebenfalls gern gesehen.

Die Endkämpfe in Vampire: Swansong sind ebenfalls Gespräche. Aber diese entscheiden über Leben und Tod.
Die Endkämpfe in Vampire: Swansong sind ebenfalls Gespräche. Aber diese entscheiden über Leben und Tod.

Vampire: Swansong – Packend, aber ...

Das Genre des Rätselns und Redens ist im Jahr 2022 vergleichsweise staubig. Der Ansatz von Vampire: Swansong versucht dagegen, dem Genre mit mehr Story-Tiefe und RPG-Elementen neuen Wind zu verschaffen. Das gesamte Vampir-Unterwelt-Setting ist großartig und kann vom komplexen Pen&Paper-Universum profitieren, egal wie sehr man sich damit auskennt. Es hat seine Nische gefunden. Die Frage ist nur, ob die RPG-Elemente das Spiel wirklich individueller gestalten oder bestimmte Story-Stränge nur mit spezielleren Anforderungen versehen. Ändert sich dadurch das Spielgefühl wirklich?

Sind die RPG-Entscheidungen am Ende nicht genauso wie die Dialog-Entscheidungen zu bewerten, nur auf einer anderen Ebene? Und will jeder Spieler wirklich mehrere Durchläufe spielen, um neben den Story-Unterschieden auch die RPG-Unterschiede zu erleben, während der Rest des Spiels weitesgehend gleich bleibt? Überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, seinen Charakter zu gestalten, macht die Sache packender, aber die Unterschiede zwischen den Spielverläufen mögen auf dem Papier vielleicht geringer ausfallen als angedeutet. Wir können sagen: Vampire: Swansong fesselt. Einmal definitiv, darüber hinaus ist es schwierig zu sagen. Ein gutes Detektiv-Adventure mit RPG-Elementen als nettem Beiwerk.

Und nein, Swansong ist kein "Triple A"-Spiel. Darüber kann und soll man hinwegsehen. Allerdings treten kleinere Stolpersteine auf, die sich summieren und den Gesamteindruck herunterziehen. Beispielweise kommen starke Emotionen nicht so glaubhaft rüber wie es gewollt ist, wenn sich die Charaktere hölzern bewegen oder ruckartig zwischen vier Gesichtsausdrücken wechseln.

Während wir beim Anspielen häufiger mit Frisurenglitches zu kämpfen hatten als mit Bugs (wie verschlossenen Aufzügen), fiel die fehlende Überspring-Funktion bei Gesprächen sehr negativ auf. Klar, kein Charakter sollte übergangen werden, aber der Spieler sollte schon selbst entscheiden können, welchem Dialog er bis zum Ende zuhören möchte und welchem nicht. Zumal in diesem Spiel sehr viel gesprochen wird. Aber Zeit ist Blut und wir haben eine riesige Verschwörung aufzudecken!

Für wen lohnt sich Vampire: Swansong? Für wen eher nicht?

Abschließend wollen wir euch verraten, für wen sich das Spiel eignet und für wen nicht.

Vampire: Swansong ist ein klares Must Buy,

  • wenn ihr Life is Strange mit Vampiren spielen wollt.
  • wenn ihr gerne Sherlock Holmes als Vampir spielen wollt.
  • wenn ihr Welten mit komplexen Hintergrundgeschichten sucht.

Vampire: Swansong ist eher nichts für euch,

  • wenn ihr in Videospielen lieber ballert als Gespräche führt oder Texte lest.
  • wenn ihr mit Vampiren seit Twilight nichts mehr anfangen könnt.
  • wenn ihr beim Begriff "RPG" auf ein riesiges RPG hofft.

Bewertung von Michael Sonntag

Ich mag Spiele, die sich schwierig einsortieren lassen. Am Anfang hat mich Vampire: Swansong fertig gemacht und danach wurde es immer besser. Wenn man auf Tatorte untersuchen, Quatschen, Entdecken und Entscheidungen steht. Für ein Detektivspiel könnte es kein besseres Universum geben, auch wenn ich beim Spielen immerzu denken musste: Es ist leider nicht Bloodlines 2. Immerzu wollte ich aus dem RPG-Aspekt noch mehr herausholen, auch wenn ich natürlich wusste, dass es hier um die packende Geschichte geht. Vampire: Swansong ist mehr ein RPG-Film als ein RPG-Adventure. Mit diesem Wissen werdet ihr definitiv nicht enttäuscht.

Ignoriert die Animationen und Grafik, schaut euch lieber die stimmigen Schauplätze an. Vampire: Swansong ballert euch mit Millionen Details über die Vampir-Welt zu, gibt euch statt einem Raum zum Erkunden gleich riesige Wohnungen und erwartet dann auch noch von euch, in einem Wortgefecht Stellung zu diesem ganzen Chaos zu beziehen. Ja, es war ein Hin und Her, aber dieses Experiment, ob geglückt oder gescheitert, hat das Genre gebraucht.

80

spieletipps meint: Fesselndes Detektiv-Abenteuer, die RPG-Elemente bleiben nettes Beiwerk.

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