The Quarry

Test The Quarry: Dreht einen Horrorfilm, den ihr selbst kaum aushaltet

von Michael Sonntag (Mittwoch, 15.06.2022 - 10:39 Uhr)

The Quarry hat richtig gute Momente, begraben unter vielen langweiligen Momenten.
The Quarry hat richtig gute Momente, begraben unter vielen langweiligen Momenten.

Entwickler Supermassive Games hofft zu wissen, was ihr diesen Sommer getan habt: Nämlich The Quarry gespielt! Nachdem seine "Dark Pictures"-Ausflugsreihe bis jetzt eher schwache Mini-Horrorabenteuer abgeliefert hat (mit Ausnahme von House of Ashes), bringt das Studio nun wieder einen vollen interaktiven Spielfilm auf eure Bildschirme, ganz im Stile seines großen 2015er-Hits Until Dawn. Ein Pfadfinderlager, junge Menschen, schaurige Monster – da darf man doch hoffen, dass viel schief geht, oder? Wir sind ehrlich: The Quarry hat definitiv seine starken Momente, aber die sind unter einem Berg aus Langeweile und Sperrigkeit begraben.

  • Hinweis: Im Folgenden haben wir die PS5-Version getestet.

The Quarry im Test – Sommerferien im Camp Stirbschnell

Der Sommer ist zu Ende. Nachdem auch der letzte Bus mit Kindern vom Ferienlager Hacketts Quarry aufgebrochen ist, wollen sich die Betreuer ebenfalls auf den Weg machen. Leider vereitelt eine Wagenpanne ihre Pläne. Die untergehende Sonne macht den Leiter zwar tierisch nervös, aber die jungen Menschen beunruhigt das kaum. Genauso wenig wie der Umstand, dass er schnell das Weite sucht und den Zurückbleibenden dringend rät, die Nacht über drinnen zu bleiben. Denn was hat ihnen die Pfadfinderschule beigebracht, in so einem Moment zu tun? Also diejenige, in der sie nie zugehört haben? Natürlich am Lagerfeuer die heftigste Abschiedsparty aller Zeiten zu feiern, als sei es ihre letzte auf Erden!

Ihr entscheidet in The Quarry, ob ihr ihrem Wunsch nachkommen wollt oder nicht. Falls ihr nach dem x-ten Fremdschäm-Kommentar "unmenschliche" Züge annehmen solltet, haben wir absolutes Verständnis dafür. An dieser Stelle wollen wir auch nicht zu viele Worte zur düsteren Überraschung verlieren, was die jungen Menschen in der Nacht erwartet. Supermassive Games verschwendet seine Zeit nicht mit dem Ausdenken eines neuen Schreckens, sondern verbindet lieber so viele Horrorfilme wie möglich miteinander.

Das darf man genauso interessant wie unfokussiert finden. Nachdem in Until Dawn bereits SAW auf The Wrong Turn traf, hat hier unter anderem The Texas Chainsaw Massacre seine Finger im Spiel. Der größte und angenehmste Unterschied zu Until Dawn: The Quarry legt im Gegensatz zum stumpfen Horror seines Vorgängers überraschend viel Wert auf zwischenmenschliches Verhalten und die Frage, wem man eigentlich vertrauen sollte und wem nicht. Auch der große Twist zündet ebenfalls gut, auch wenn wir uns oft wünschten, denselben Plot einfach mit in ein anderes Spiel nehmen zu können, wie beispielsweise einem Third-Person-Shooter à la Resident Evil.

  • Etwas Videomaterial zum Text gefällig? Hier könnt in den Trailer zu The Quarry hineinschauen:
The Quarry: Offizieller Launch-Trailer

Dreht euren eigenen Horrorfilm – den ihr selbst kaum schauen wollt

Der Reiz an The Quarry ist es, immer wieder "Was wäre wenn?" zu spielen. Statt nur zuzuschauen, sollt ihr Dinge ausprobieren, Charaktere anders handeln lassen, neue Pfade entdecken und die Geheimnisse über Hacketts Quarry lüften. Der Inhalt des Spiels ist seine größte Stärke, seine Spielweise bildet aber seine größte Schwäche. Nachdem Until Dawn damals noch mit einem neuen Prinzip um die Ecke kam (und ähnliche Konkurrenzspiele wie Beyond: Two Souls alt aussehen ließ), tritt The Quarry nun sieben Jahre später mit exakt dem gleichen System auf der Stelle und lässt viele neue Möglichkeiten vermissen, noch stärker und interessanter Einfluss auf den interaktiven Film zu nehmen. In The Quarry spielt ihr abwechselnd einen Jugendlichen aus der Gruppe und müsst drei verschiedene Arten von Szenen spielen: Erkundung, Dialog und Action.

  • In den Erkundungsszenen könnt ihr die Personen frei steuern und die Gegend nach interessanten Objekten absuchen. Auch laufend bewegen sich die Charaktere immer noch sehr langsam, wodurch sich diese Passagen gerade in weitläufigen Gebieten sehr zäh und unbefriedigend spielen. Besonders Treppen lassen die jungen Menschen gleich mal um mehrere Jahrzehnte altern. Besonders im späteren Verlauf des Spiels, wenn der Plot richtig an Fahrt aufgenommen hat, stören diese Erkundungspassagen den Flow immens und werden gerne einfach nur abgearbeitet, selbst wenn (angeblich wichtige) Hinweise dabei auf der Strecke bleiben sollten.

  • In den Dialogszenen sollt ihr ein Gespräch auf die eine oder andere Weise führen, zum Beispiel entschlossen oder vorsichtig, sympathisch oder unsympathisch, aber immer nur mit zwei Varianten. Oft wirken bestimmte Antwortmöglichkeiten allerdings so sinnlos und unpassend, sodass einem die Entscheidung fast abgenommen wird. Wenn dann auch noch viele Gespräche weder etwas Interessantes über die Charaktere zu Tage fördern noch irgendwie relevant für den Plot erscheinen, bekommt ihr gleich Lust, mehrere Seiten aus dem Drehbuch zu reißen.

  • In den Actionszenen geht's endlich zur Sache! Eine Verfolgungsjagd, ein Kampf, eine Entscheidung über Leben und Tod – die falsche Wahl oder ein nicht erfolgreiches Quick-Time-Event kann zum Tod einer Figur führen. Während die Entscheidungen tatsächlich für Nervenkitzel sorgen, da die Konsequenzen oft nicht vorhersehbar sind, sind die Knopfeinblendungen lächerlich einfach. Davon hätte es gerne mehr und deutlich komplexere geben dürfen.

Ihr habt die Wahl. Doch Vorsicht, es könnte eure letzte sein.
Ihr habt die Wahl. Doch Vorsicht, es könnte eure letzte sein.

Was ist ein Spiel, was ist ein Film und was sollte ein "Spielfilm" sein?

Um den Abspann zu erreichen, braucht ihr in The Quarry etwa zehn Stunden. Sollte eine Figur im Laufe der Geschichte sterben, bietet euch das Spiel die Möglichkeit, zu einem Punkt zurückzureisen, um seinen Tod zu verhindern. Diese Option ist allerdings mit äußerster Vorsicht zu genießen, da der Sprung zurück ganze Kapitel an Fortschritt unwiderruflich löschen kann. Wir empfehlen euch daher, das gesamte Spiel trotz Versäumnissen einmal komplett durchzuspielen und dann die freigeschaltete Kapitelwahl für neue Experimente zu verwenden, allerdings auch hier mit dem Warnhinweis, dass ein einmal gewählter Startpunkt bis zum Ende durchgezogen werden muss.

Alternativ lädt euch The Quarry auch dazu ein, das komplette Spiel als Film mit verschiedenen Ausgängen zu schauen, bei dem entweder alle Personen überleben oder sterben. Und spätestens hier sagen wir CUT! Denn warum sollten wir einen Film, auf den wir so wenig Einfluss nehmen können und bei dem wir etliche langatmige Passagen doppelt und dreifach spielen müssen, weitere Male spielen wollen? Um alle 186 Enden zu sehen, auch wenn nur vier davon eine Trophäe verdient haben? Oder schlimmer noch: Warum sollten wir den gesamten Einfluss komplett abgeben? Das ist doch immer noch ein Videospiel, oder? Wie wäre es stattdessen mit mehr Spiel in unserem Spiel?

Statt dieser rückschrittigen Features wäre es cooler gewesen, ein paar Komfort-Features an die Hand zu bekommen, um unter anderem Szenen vorspulen oder für interessante Experimente schneller zwischen den Handlungssträngen wechseln zu können. Darüber hinaus hätte The Quarry auch mit kniffligen Herausforderungen oder besonders seltenen Pfaden zum Wiederspielen locken können. Was wäre, wenn ein Charakter plötzlich selbst zum Killer werden könnte? All das hätte uns als Spieler das Gefühl gegeben, mit einem Film wirklich spielen zu können, anstatt immer im selben "Jetzt schau wieder brav zu, bis wir dich um eine Eingabe bitten"-Korsett zu landen. Zumal viele typische Standard-Horror-Szenen wie "War da etwas?" niemanden mehr zum Zittern bringen.

Die Wälder von Hacketts Quarry umgeben viele Fragen. Wer jagt hier wen ist eine davon.
Die Wälder von Hacketts Quarry umgeben viele Fragen. Wer jagt hier wen ist eine davon.

In den seltenen außergewöhnlichen Momenten von The Quarry stehen wir vor einer Entscheidung, über die wir minutenlang nachdenken müssen, bei der wir dutzende Konsequenzen gegeneinander abwägen, um anschließend zu einem unsicheren Urteil zu kommen. Oder wir werden in einem brisanten Moment dazu gebracht, absolut instinktiv zu handeln. In den anderen Momenten müssen wir den Herzschmerz und die Problemchen der Jugendlichen ertragen und bekommen die Möglichkeit mehrfach entgegengeschleudert, diese uninteressanten Menschen kennenzulernen, während wir gleichzeitig eine zeitnahe Möglichkeit suchen, uns endlich dieser Statisten zu entledigen.

Nachdem The Quarry uns in seinen ersten sechs Kapiteln mit allzu Bekanntem zu begeistern versucht, dreht es in seinen letzten Kapiteln dann endlich auf, ein Niveau, mit dem es gerne viel früher einsteigen und hinten raus auch viel höher hätte aussteigen dürfen. Viele Entscheidungen sind nicht relevant, viele Szenen sind austauschbar. Aber wer durchhält, wird mit einem blutigen Finale belohnt. Entwickler Supermassive Games zeigt zwar gern, was er längst schon kann, aber leider nicht, wozu er noch fähig wäre.

  • Kommentar zur allgemeinen Grafik und zur Performance: Die Orte und Lichteffekte sorgen für eine gute Atmosphäre. Die Gesichtsanimationen sind dagegen viel zu oft merkwürdig verzerrt. Manche Gebäude oder Stellen lassen sich bei Nacht kaum noch erkennen, woran auch angepasste Einstellungen nichts ändern. Richtig kurios wird es aber, wenn komplette Charaktere in Szenen verschwinden oder als schwebene Frisuren herumspuken.
Huch – das war jetzt wirklich Horror, wenn auch unbeabsichtigt.
Huch – das war jetzt wirklich Horror, wenn auch unbeabsichtigt.

Für wen lohnt sich The Quarry? Für wen eher nicht?

The Quarry ist ein klares Must Buy,

  • wenn euch bereits Until Dawn das Fürchten gelehrt hat.
  • wenn ihr gerne trashige Horrorfilme mit immer anderen Verläufen dreht.
  • wenn ihr lieber gemütlich spielt als hart gefordert zu werden.

The Quarry ist eher nichts für euch,

  • wenn ihr extrem viel spielerische Freiheit erwartet.
  • wenn ihr mit Fremdschäm-Teenagern wenig anfangen könnt.
  • wenn ihr kein Mensch dafür seid, bestimmte Passagen immer und immer wieder zu wiederholen.

Bewertung von Michael Sonntag

Ach schade ... Ich habe mir von The Quarry mehr erhofft als eine "Until Dawn"-Sommervariante. Wo ist das Neue? Wo bleibt der Grund, warum ich gerade dieses Horror-Film-Spiel zocken sollte anstatt einen echten Film zu schauen oder ein echtes Horrorspiel zu spielen? Warum gibt es so viele langatmige Szenen in meinem Slasher, der doch eine gesamte Generation verstören sollte? Jetzt habe ich einen Film gedreht, bei dem ich nur auf ein paar Szenen gegen Ende wirklich stolz bin. Ich weiß nicht, warum Supermassive Games mir als Regisseur nicht mehr Möglichkeiten geben möchte. Meine Schauspieler haben auch oft zu wünschen übrig gelassen. Zum Glück haben nur meine Favoriten überlebt. Until Dawn war im Jahr 2015 top, aber The Quarry befindet sich leider immer noch auf demselben Stand.

Auch wenn es kein Horrorspiel ist, aber da war Detroit: Become Human schon deutlich weiter, was die Flexibilität und Kontrolle über die einzelnen Stränge angeht. Das Thema von The Quarry hat mich gecatcht, der Twist war nett und das Finale hatte etwas zu bieten. Am liebsten würde ich jetzt herumtelefonieren, einen Vertrag mit einem anderen interaktiven Studio aushandeln und meine Szenen retten. Aber bevor ich jetzt genauso anstrengend und übermütig wie die Kids werde, streiche ich meinen weiteren Text einfach.

76

spieletipps meint: Until Dawns Nachfolger bietet starke Momente, begraben unter einem Berg aus Langeweile.

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