Saints Row (2022)

Saints Row: Launiges Open-World-Geballer ohne klare Richtung

von Daniel Hartmann (Montag, 22.08.2022 - 16:00 Uhr)

Die neuen Saints aus dem Reboot von Saints Row. (Bild: Deep Silver)
Die neuen Saints aus dem Reboot von Saints Row. (Bild: Deep Silver)

Saints Row ist zurück und für die Verhältnisse der Reihe sogar auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Das Reboot wechselt nicht nur das Setting, sondern will auch wieder mehr Gangster-Sim als abgedrehter Sci-Fi-Klamauk sein.

Fünf Freunde gründen ein Gangster-Imperium

Was klingt wie eine ziemlich aus der Reihe gefallene Hörspielfolge von Enid Blytons „Fünf Freunde“ ist im Grunde die Geschichte des Saints-Row-Reboots. Die Halbtags-Verbrecher-WG besteht aus euch, dem Boss, der Schrauberin Neenah, dem DJ Kevin, „Dafür hab ich eigentlich nicht BWL studiert“-Eli und der Katze Snickerdoodle.

Die WG ist Dauerpleite und als auch der Letzte den wenig anständigen Job bei einer fragwürdigen Sicherheitsfirma verliert, hilft nur ein Überfall, um die Miete zu bezahlen. Weil das so gut läuft und die Talente und auch Wurzeln aller Protagonisten irgendwie im Kriminellen liegen, entsteht schnell der Plan, eine eigene Gang zu gründen und die Heimatstadt Santo Ileso zu übernehmen.

Ihr seid der Boss der neuen Saints und auch wenn ihr keinen Namen tragt, ist bei der Charaktererstellung viel Kreativität möglich. Den Charaktereditor hatte Entwickler Volition bereits im Vorfeld veröffentlicht. Durch die Third-Person-Perspektive bekommt ihr eure Kreation auch häufig zu sehen. Das Praktische: Gefällt euch euer Werk nicht, könnt ihr im Spiel zurück in den Editor und von der Farbe der Socken bis zur Größe der Ohren alles beliebig verändern. Selbst die Größe der verpixelten Geschlechtsteile hat einen Regler, auch wenn das ziemlich irrelevant ist, in Santo Ileso gibt es keinen Sex, geschweige denn Sexualität. Die geringe Abwechslung bei den NPCs und vor allem bei den Gegnertypen lässt vermuten, dass nur Mitose die Population der Stadt aufrechterhält.

Dieser Trailer gibt einen Überblick zum Gameplay von Saints Row:

Saints Row – Gameplay Overview Trailer

Gangsters Paradise

Santo Ileso wird zu Beginn von drei Fraktionen beherrscht: den „klassischen Gangstern“ in Form der Panteros, den anti-kapitalistischen Systemgegnern namens Idols und der bereits erwähnten privaten und skrupellosen Sicherheitsfirma Marshall Defensive Industries. Der große Plan der Saints ist es, die Stadt nach und nach zu übernehmen. Im Ingame-Menü, deren Punkte Apps auf dem Smartphone eures Charakters sind, findet sich eigentlich nur eine lange Spalte mit den Aufträgen, die euch diesem Ziel näher bringen.

Als Missionen stehen zum einen die auf der Tagesordnung, die euren Freunden helfen. Mal möchte einer, dass ihr gemeinsam die LARP-Welt erobert, mal wird einer entführt und ihr müsst helfen. Bei erfolgreichem Abschluss bekommen eure Gefährten mehr Lebenspunkte oder eine bessere Waffe. Das kann nützlich sein, da ihr sie über euer Smartphone in vielen Situationen zu Unterstützung rufen könnt.

Zum anderen sind da die Missionen, die das Imperium der Saints voranbringen. Auf einem Kartentisch im Hauptquartier der Saints könnt ihr leere Grundstücke mit „kriminellen Vorhaben“ bebauen. Dort steht dann ein Waffengeschäft, ein Waschsalon, der eigentlich Tatortreinigungen macht oder ein Laden, der den aus der Reihe bekannten Versicherungsbetrug anbietet. Alle diese Vorhaben generieren passiv Geld, das ihr euch via App auszahlen lassen könnt. Ihr könnt dieses Einkommen erhöhen, in dem ihr beispielsweise in den Vierteln aufräumt. Ihr absolviert dort Nebenaktivitäten wie das Ausschalten einer anderen Fraktion oder entdeckt die Geschichte der Stadt.

Durch den Bau der „kriminellen Vorhaben“ erweitert ihr euer Imperium in Saints Row. (Bild: Deep Silver)
Durch den Bau der „kriminellen Vorhaben“ erweitert ihr euer Imperium in Saints Row. (Bild: Deep Silver)

Eure „kriminellen Vorhaben“ sind im Grunde der rote beziehungsweise lila Faden beim Ausbau des Imperiums und dieser Faden zieht sich leider sehr in die Länge. Gleich mehrere Male müsst ihr eine gewisse Anzahl an Vorhaben errichten, um mit der Geschichte weiterzukommen. Da diese immer teurer werden, gibt es Momente, in denen ihr erst mal genug Geld verdienen müsst, um das nächste Vorhaben zu bauen. Für den Fortschritt zu einer neuen Imperiumsstufe müsst ihr eine gewisse Anzahl an Vorhaben aber auch abschließen. Jedes Vorhaben eröffnet euch eine neue Art von Open-World-Aktivität. Nur seid ihr auch gezwungen, einige davon komplett abzuschließen. Wenn ihr Glück habt, braucht ihr nur sechs Mal ein Auto von einem Tatort verschwinden lassen, andere Vorhaben bieten aber bis zu 20 kleinere und stets sehr ähnliche Aufgaben.

Falls ihr viel in Waffen, Klamotten oder Autos investiert, braucht es manchmal ein paar Stunden, bis ihr genug Geld zusammen habt, um das nächste Vorhaben zu errichten. Das Abschließen ist bei einigen eurer Geschäfte sehr repetitiv und wenn ihr dann zum sechsten Mal in Folge irgendein Gefährt per Abschleppseil quer über die Karte zieht, lässt der Spaß einfach nach. Saints Row übertreibt es mit den Nebenaufgaben und zwingt sie mir beim Spielen regelrecht auf.

Explosionen, Explosionen und mehr Explosionen

In Sachen Action geht es in Saints Row richtig zur Sache. Statt Dildo-Schwert und Laserwaffen gibt es im Reboot wieder Pistolen, MGs und Raketenwerfer und die hauen ordentlich rein. Egal ob zu Fuß oder in der getunten Karre, wann immer es zum Kampf kommt, fliegt euch ständig was um die Ohren und das macht richtig Spaß. Ob ich mit dem Monstertruck den Fuhrpark der Panteros niederwalze oder mich durch einen fahrenden Zug nach vorne kämpfe, die Gefechte sind ein Garant für gute Laune. Ein Drive-by im Mini-Van mit Unterbodenbeleuchtung und dazu Reggaeton-Mukke – es funktioniert einfach.

Egal, was ihr in Saints Row macht, es wird fast immer geschossen. (Bild: Deep Silver)
Egal, was ihr in Saints Row macht, es wird fast immer geschossen. (Bild: Deep Silver)

Neben einem großen Arsenal, das ihr verbessern könnt, erhaltet ihr mit jedem Levelaufstieg auch noch neue Fähigkeiten, von denen ihr vier gleichzeitig in der Schnellauswahl habt. Es gibt simple Dinge wie das Werfen einer Granate, später schaltet ihr aber noch ein mächtiges Scharfschützengewehr frei oder die Möglichkeit, eine Gruppe Saints zur Hilfe zu rufen. Für ein bisschen mehr Charakterentwicklung gibt es noch einige Perks in drei Qualitätsstufen, die Slots dafür müsst ihr aber erst kaufen. Durch diese „Vorteile“ schießt ihr beispielsweise besser aus der Hüfte oder sammelt mehr Munition von Gegnern ein.

Santo Ileso: Weder heilig noch unversehrt

Der Name des Schauplatzes von Saints Row setzt sich aus den spanischen Wörtern für „heilig“ und „unversehrt“ zusammen, was beides kaum auf die Stadt zutrifft. Santo Ileso ist die Kulisse für wilde Verfolgungsjagden und Schießereien. Optisch bietet der Mix aus Los Angeles und Las Vegas viel Abwechslung. Während ihr in Lakeshore mit dem Wingsuit zwischen den Hochhäusern fliegt, könnt ihr in den Badlands durchs offene Gelände brettern.

Nach den ersten Trailern war viel von einem „Fortnite“-Look die Rede. Optisch ist zwar alles ein wenig bunter und knalliger, einen großen Bruch zu Reihe gibt es aber nicht. Die Grafik wird keine neuen Maßstäbe setzen, auf dem PC läuft Saints Row aber mit stabilen 60 FPS und ohne große Aussetzer. Ein paar der Animationen, wenn euer Charakter mit irgendetwas interagiert, hätten jedoch ein bisschen mehr Arbeit vertragen können.

Fazit: Für wen ist Saints Row denn jetzt eigentlich?

Eine schwer zu beantwortende Frage. Beim Spielen beschlich mich das Gefühl, dass Saints Row selbst keine Antwort darauf hat. Zwar dürfte die Rückkehr zum Aufbau eines Gangster-Imperiums alte Fans interessieren, doch irgendwie zündet diese Kernmechanik des Spiels nicht so richtig. Das Einzige, was mir ein echtes Gefühl davon gibt, dass ich ein Viertel der Stadt übernommen haben, ist die lila Farbe auf der Karte. Die Stadt verändert sich nur minimal, die anderen Fraktionen sind außerhalb der Missionen kaum sichtbar und machen nichts, außer sich durch die Straßen zu bewegen und euch zu attackieren.

Dazu kommt, dass die Umsetzung der „kriminellen Vorhaben“ das Spiel strecken. Ich persönlich habe es teilweise sogar als frustrierend wahrgenommen, irgendwelche Nebenaktivitäten aufgezwungen zu bekommen. Für mich eine klare Fehlentscheidung in Sachen Spielmechaniken. Open World heißt für mich auch die Freiheit zu haben, Nebenaktivitäten zu meinen Bedingungen zu absolvieren. Immerhin wird auf allzu viel Sammelkram verzichtet, die Größe der Map ist überschaubar und ihr kommt binnen weniger Minuten von einem Ende zum anderen.

Diese Open Worlds sind deutlich größer:

Die Geschichte ist zu sehr eine einfache Rahmenhandlung. In den ersten und den letzten Stunden macht sie durchaus Freude und packt einen mit einer Wendung am Ende sogar ein wenig. Doch dazwischen wird sie Teil der Kulisse, vor der ihr durch die Gegend fahrt, Dinge kaputt macht und Leute erschießt.

Doch zumindest der Teil macht enormen Spaß. Die Action in Saints Row funktioniert einfach, alles knallt und explodiert, die Finisher sind nicht nur coole Moves, sondern geben Leben zurück und durch die verschiedenen Waffen und Fähigkeiten gibt es genug Abwechslung. In der Kernkompetenz Action punktet Saints Row ohne dabei auf Aliens und Superkräfte zurückgreifen zu müssen. Die Fahrzeuge lassen sich gut steuern und habt ihr das Driften einmal raus, fliegt ihr nur so durch die Straßen der Stadt.

Ein paar besondere Fahrzeuge gibt es natürlich auch im Reboot von Saints Row. (Bild: Deep Silver)
Ein paar besondere Fahrzeuge gibt es natürlich auch im Reboot von Saints Row. (Bild: Deep Silver)

In einer anderen Kernkompetenz läuft es im Reboot leider nicht so gut. Saints Row war immer anders, verrückt und vor allem mit bissigem Humor versehen. Den gibt es zwar hier und da durch ein paar gute Sprüche, doch die WTF-Momente bleiben aus. Dafür bräuchte es auch keine Aliens oder Superkräfte. Das Alleinstellungsmerkmal der Reihe hat es nur in Ansätzen in den Neustart geschafft. Was uns wieder zu der Frage bringt, für wen dieses Spiel eigentlich ist. Fans der Reihe werden gerade den letzten Punkt vermissen, allerdings öffnet sich Saints Row damit neuen Spielern, die vielleicht genau davon abgeschreckt waren.

Für ein gewisses Maß an Gangster-Sim fehlt es dem Imperiumsausbau an Spieltiefe und die verpflichtenden Nebenaktivitäten können sogar recht frustrierend werden. Wer sich gerne durch Open Worlds ballert, bekommt mit Saints Row allerdings eine echt gelungene Spielwiese. Die Geschichte und Charaktere kommen leider etwas zu kurz und eure Gegenspieler treten außerhalb einiger Hauptmissionen kaum in Erscheinung.

Saints Row erscheint am 23. August 2022 für PC, PS5, PS4, Xbox Series X|S und Xbox One

Bewertung von Daniel Hartmann

Saints Row ist ein sehr zahmer und vorsichtiger Neustart, der versucht, Fans wie Neulingen zu gefallen. Die Charakterentwicklung und Kämpfe sind sehr gelungen und durch den Koop-Modus dürften auch repetitiv Nebenaufgaben neuen Schwung bekommen. Den typischen „Saints-Row-Humor“ hätte man nicht ganz so weit zurückschrauben müssen. Leider fehlen dem Spiel die echten Highlights und es stellt sich die Frage, in welche Richtung Saints Row in Zukunft gehen möchte. Das aktuelle Spiel kann diese Frage jedenfalls nicht beantworten.

70

spieletipps meint: Saints Row macht in Sachen Action vieles richtig, vergisst aber seine Stärken im Bereich absurder Humor.

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