Test Little Nightmares: Furcht-Konzentrat

von Michael Krüger (27. April 2017)

Wie man Blutwurst macht ohne selbst eine zu werden, erfahrt ihr hier nicht. Dafür werden euch in Little Nightmares ein paar ungewöhnliche Einblicke in psychologische Abgründe zuteil.

Es braucht nicht immer die volle Packung Blut und Eingeweide, um für blankes Entsetzen zu sorgen. Horror kennt viele Gesichter und zeigt sie auch in Videospielen immer wieder von Neuem. So auch in Little Nightmares, das nun für PC, PS4 und Xbox One erhältlich ist.

Dabei begegnet euch eine ganz besondere Art von Grauen, die ihr in dieser Form zumindest spielbar vermutlich noch nicht erlebt habt. Seltsam handliche Räume, in denen sich morbide und entrückte Gestalten tummeln, bieten eine schaurige und zugleich stilistisch anspruchsvolle Kulisse für einen kleinen aber intensiven Trip durch finstere Ecken der menschlichen Psyche.

Dass weniger oft mehr ist, wisst ihr spätestens seit Limbo. Little Nightmares strebt ein ähnlich abstraktes und zugleich immersives Erlebnis mithilfe einfacher Platformer-Mechaniken an. Dabei setzt es vor allem auf eine makabere Mischung aus Vertrautheit und Brutalität.

Die Angst vor der Angst an sich

Das Warum ist in Little Nightmares ebenso Nebensache, wie das Wo oder das Wann. Selbst das Wer ist kaum definiert. Was ihr wisst: Ihr übernehmt die Kontrolle des Mädchens Six. Charakteristisch für dieses kindliche Wesen ist ein gelber Regenmantel. Viel mehr Farbe findet ihr in dieser trostlosen Welt nicht. Unbehagen steckt bereits in den ersten Bildern des Spiels und euer natürlicher Drang zu überleben setzt euch in Bewegung.

Oft ist euer Feuerzeug die einzige Lichtquelle.Oft ist euer Feuerzeug die einzige Lichtquelle.

Zu was für einem Gebilde oder Gebäude die Räume gehören, durch die ihr schreitet, lässt sich kaum bestimmen. Mal befindet ihr euch in einem Keller, mal in scheinbar bewohnten Räumen. Die Angst vor dem Unbekannten zieht sich wie ein roter Faden von Zimmer zu Zimmer. Bedrohliche Schatten durchstreifen die Szenerien, während ihr an anderen Stellen komplett im Dunkeln tappt.

Little Nightmares ist eines dieser extrem ruhigen Spiele, die nicht viel über sich verraten. Teil des Spaßes ist es, herauszufinden, wie alles zusammenhängt oder zumindest eine zufriedenstellende Interpretation zu erarbeiten. Und besonders für Letzteres bietet Little Nightmares einen schönen Raum.

Moderate Mechaniken

Spielerisch gibt euch Little Nightmares gerade genug Möglichkeiten, eure Umgebung zu nutzen und vermittelt euch gleichzeitig das Gefühl, dass ihr hilflos verloren seid. So schleicht und hüpft ihr durch eine staubige und düstere Welt, in der hinter jeder Ecke etwas Unheimliches lauert. Die Rätsel sind leicht durchschaubar, üben durch ihre Verpackung aber dennoch einen Reiz aus.

Die Furcht vor dem Unbekannten hält euch häufig auf den Zehenspitzen.Die Furcht vor dem Unbekannten hält euch häufig auf den Zehenspitzen.

Es ist nicht die Frage, von wo ihr einen Schlüssel bekommt oder wie ihr auf den nächsten Schrank gelangt. Es ist vielmehr der eigentliche Weg, den ihr dabei geht, der die Spannung aufrecht erhält. Nehmt ihr eure eigentlichen Handlungen zusammen, könnte es sich Little Nightmares um einen gewöhnlichen Platformer handeln. Doch das Spiel um die Furcht mischt jedem Schritt eine erbarmungslose Schwere bei.

Die Steuerung von Six ist je nach Situation etwas gewöhnungsbedürftig. Momente, in denen sich die Handhabung unpräzise anfühlt, sorgen so gelegentlich für Frust. Auch Szenen, in denen nicht klar ist, was von euch verlangt wird, ziehen den Spaß beizeiten herunter. Das wird vor allem angesichts der geringen Spielzeit zum großen Kritikpunkt. Abzüglich eurer Fehlversuche kommt diese nämlich auf gerade einmal zwei bis drei Stunden.

Habt ihr schon einmal vor Angst die Luft angehalten?Habt ihr schon einmal vor Angst die Luft angehalten?

Das Versprechen, die Alpträume eurer Kindheit in spielbare Form zu bringen, wird nur zum Teil erfüllt. Gefühle wie die Panik, entdeckt oder im letzten Moment von etwas bei der Flucht geschnappt zu werden, transportiert Little Nightmares präzise und mithilfe unbehaglich intensiver Bilder. Doch nur ein Teil kindlicher Ängste und Horrorvorstellungen wird dabei angeschnitten.

Das mindert jedoch nicht den Unterhaltungswert von Little Nightmares. Schließlich ist es eher eine Frage der Erwartungshaltung. Nehmt ihr die Handlung und die Spielmechaniken für sich und frei von Ankündigungen, dann erlebt ihr eine kompakte und düstere Geschichte, die überrascht und gleichzeitig interessante psychologische Fragen anschneidet.

Die Kunst des Grauens

Ein Aspekt von Little Nightmares ist nahezu makellos. Aus gestalterischer Sicht treffen Tarsier Studios nämlich den Nagel auf den Kopf. Angefangen bei den urigen Tapetenmustern, über wulstige Fettschichten, die sich einem Kragen gleich über den Hals eines Wesens ziehen, bis hin zu den schmierig glänzenden Würsten, die von der Decke baumeln - Little Nightmare kredenzt euch eine fein destillierte und vor allem besonders makabere Art von Tristesse, vergleichbar in etwa mit dem Spiel Layers of Fear.

Heute gibt es Fleisch zum Fleisch.Heute gibt es Fleisch zum Fleisch.

Die schwermütigen Eindrücke des Spiels funktionieren dabei vor allem deshalb so gut, weil alles Gezeigte über eine hohe Stofflichkeit verfügt. Besonders auf dem PC und der PS4 Pro entsteht dadurch der Eindruck, dass ihr beim Spielen von der Seite in ein Puppenhaus schaut. Das spiegelt auch das entrückte Größenverhältnis wieder. Alles wirkt unheimlich greifbar, was den gezeigten Szenen einiges an Ausdruck verleiht.

Bekommt ihr beim Anblick der vielen verstörenden Bilder noch keine Gänsehaut, dann sicherlich, wenn ihr die Lautsprecher aufdreht. Little Nightmares ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig es manchmal benötigt, um Großes zu erreichen. Tief brummende Bässe von Herzschlägen und schier traumatische Melodien hüllen euch auch akustisch in einen dichten Teppich aus Unbehagen. Schaurig schön!

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Tags: Singleplayer   Horror  

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