Wie Videospiele Soldaten auf den Einsatz vorbereiten

(Special)

von Spieletipps-Team (31. Mai 2017)

Bisher tut sich die Bundeswehr schwer damit, Videospiele zu Trainingszwecken einzusetzen. Bereits seit 2011 arbeitet die Universität der Bundeswehr am ersten serious game für die Truppe. Den Anstoß für das Pilotprojekt gab der Mangel an medizinischem Personal.
Von Caspar Schwietering

Die Soldaten laufen durch eine karge Landschaft, suchen Deckung, als sie beschossen werden, und schießen sich dann mit Gewehrfeuersalven den Weg frei. Im ersten Moment sieht es aus wie ein ganz normaler Ego-Shooter, was Kevin Röhrborn, 31, da spielt. In San Train geht es aber nicht darum, den Feind zu besiegen, der Spieler muss hier vor allem verwundeten Kameraden helfen.

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe von Texten, die sich mit dem Thema Grenzen in und um Games auseinandersetzen. Alle weiteren Artikel könnt ihr hier finden: www.grenzgamer.com

Seit 2011 wird das Videospiel von Informatikern und Medienpädagogen der Universität der Bundeswehr in München entwickelt. Hauptmann Röhrborn von der Sanitätsakademie München vertritt ihren Auftraggeber – die Bundeswehr. Soldaten sollen mit San Train lernen, wie sie in einer Gefechtssituation, wenn Ärzte und Sanitäter nicht in der Nähe sind, Infusionen legen, blutende Wunden abbinden oder wie sie, wenn die Lunge eines Soldaten kollabiert ist, Luft aus dem Brustkorb entweichen lassen.

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Serious Games sucht man bei der Bundeswehr bisher vergeblich

Bisher ist San Train nur eine Studie, die die Bundeswehr-Universität zusammen mit einem kommerziellen Entwickler-Studio aus Tübingen produziert. Ab 2018 soll daraus ein Spiel werden, mit dem fortan alle deutschen Soldaten trainieren. San Train wäre dann das erste serious game, das in der Bundeswehr-Ausbildung verwendet wird.

Die sogenannten ernsten Spiele sollen ihre Nutzer zwar durchaus unterhalten, primär aber Wissen vermitteln. Das Militär gilt weltweit eigentlich als einer der Hauptnutzer für die elektronische Form des spielerischen Lernens. Die Bundeswehr trainiert ihre Rekruten laut einer Sprecherin des Ausbildungskommandos momentan jedoch nur mit Simulationen. Dabei üben Soldaten unter Aufsicht am Computer bestimmte Abläufe. Etwa wie man Fahrzeuge fährt oder sich in Gefechtssituationen richtig verhält.

Wie ein Spiel funktionieren diese Simulationen nicht. „Computer unterstützte Ausbildung – CUA – ist ein Unwort in der Bundeswehr“, sagt der Informatiker Marko Hofmann, 49, der gemeinsam mit Axel Lehmann, 71, die Entwicklung von San Train leitet. „Die meisten Soldaten wollen nicht vor einem Bildschirm sitzen und sich durch ein Programm klicken. Der Spielcharakter ist für uns entscheidend, weil er die Motivation erzeugt, um die Leute bei der Stange zu halten.“ Es sei deshalb auch der Wunsch der Bundeswehr mit San Train einen neuen Weg zu gehen, meint Hofmann.

Im San-Train-Entwicklerteam achtet Röhrborn, der selber ein passionierter Gamer ist, darauf, dass das Spiel möglichst spannend wird. Kleine Dinge wie ein guter Ton, meint er, seien dafür wichtig und häufig wechselnde Szenarien. Die Soldaten laufen in dem Spiel auch schneller als in Wirklichkeit und aus dramaturgischen Gründen kommt es häufiger zu Zeitsprüngen.

Im Kern geht es bei San Train dennoch darum, dass Soldaten realistisch für spätere Einsätze trainieren. „Ich bin in dem Spiel nicht Rambo und renne allein rum. Wenn sich der Spieler nicht taktisch richtig verhält, ist er sofort tot“, sagt Röhrborn.

Bei der Untersuchung des Patienten wechselt San Train von der Ich-Perspektive in eine Ansicht von oben, weil sich die physiologischen Details so besser zeigen lassen. Eine möglichst korrekte Darstellung ist hier laut Axel Lehmann entscheidend. Denn nur wenn sich die verletzten Körper im Spiel wie die eines wirklich verwundeten Menschen verhielten, könnten die Soldaten damit üben. „Allein zwei Doktorarbeiten sind deshalb in die Simulation des menschlichen Körpers geflossen“, erzählt Marko Hofmann.

Für genügend reale Übungen fehlt es der Bundeswehr an Personal

Die erweiterte Erste-Hilfe-Ausbildung, in der San Train später primär eingesetzt werden soll, ist für deutsche Soldaten derzeit nur eine Ausbildung unter vielen. Zwei Wochen dauert der Intensivkurs in einem Bundeswehrkrankenhaus, den etwa jeder zehnte Soldat – je einer pro Fahrzeugtrupp - absolviert. Vor Auslandseinsätzen können die Soldaten das Erlernte aber meistens nicht noch einmal üben. Reale Simulationen sind teuer und der Bundeswehr fehlt es an medizinischem Personal.

San Train soll es den Soldaten deshalb ermöglichen, für sich selbst zu trainieren. Auch wenn man mit dem Spiel keine Bewegungsabläufe üben kann, hält es Röhrborn für eine wertvolle Ergänzung. Mit dem Spiel könnten die Soldaten noch einmal die kognitiven Abläufe durchgehen, meint er. „Es ist Training für den Algorithmus im Kopf.“

Für die Entwickler war der Selbstlern-Charakter des Spiels aber eine große Herausforderung. Denn wo bisher ein Arzt Feedback gegeben hat, muss jetzt das Spiel den Soldaten sagen, was sie richtig oder falsch gemacht haben. Eben deshalb läuft die Entwicklungsstudie für San Train ganze sieben Jahre. Das Zusammenspiel von medizinischen, militärtaktischen und didaktischen Aspekten sei unglaublich komplex, erklärt Axel Lehmann.

Lehmann ist dennoch froh, dass die Soldaten mit San Train nicht nur den militärischen Kampfeinsatz üben. „Darum hätte ich mich mit Sicherheit nicht bemüht“, meint der emeritierte Professor, der nie Berufssoldat war. Der 71-jährige hofft, dass mit San Train später einmal auch Feuerwehrleute, Polizisten und die Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks trainieren werden. Die Simulation der menschlichen Physiologie, ist Lehmann überzeugt, macht das Spiel für alle interessant, die professionell lernen wollen, wie man erste Hilfe leistet.

Bis es soweit ist, wird aber noch einige Zeit vergehen. Der kleine Laptop, an dem Röhrborn die aktuelle San-Train-Version vorspielt, macht nach wenigen Minuten schlapp. Das Spiel, mit dem einmal jeder Bundeswehrsoldat trainieren soll, läuft momentan eigentlich nur auf Hochleistungsrechnern.

Tags: Politik  

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