Lokalisierung von Videospielen: Ein Drama in fünf Akten

(Special)

von Micky Auer (06. August 2017)

Drama! Drama! Drama!Drama! Drama! Drama!

Ihr kennt das sicher: In Japan wird ein Spiel angekündigt, das ihr unbedingt haben wollt! Groß ist die Freude, wenn dann noch seitens des Publishers bestätigt wird, dass das Spiel auch im Westen veröffentlicht wird, wie zum Beispiel vor kurzem Dragon Quest 11, das wir für euch schon in der Vorschau: "Dragon Quest 11: Es kommt nach Europa! Wir haben es schon gespielt" unter die Lupe genommen haben.

Dann kommt meist der Dämpfer: Es dauert noch ein Jahr oder gar länger, bis das Spiel bei uns in den Läden steht. Warum eigentlich? Da muss doch nur der Text übersetzt werden. Und das kann ja nun so kompliziert nicht sein. Oder etwa doch?

Lasst euch sagen: Die Lokalisierung eines Spiels ist mitunter ein Drama, das sich bis zu einem Jahr hinziehen kann. Die Faktoren, die dabei zum Tragen kommen, sind größtenteils menschlicher, oft nur zweitrangig linguistischer Natur. Warum ich das mit solcher Gewissheit sagen kann? Weil ich dieses Drama zwölf Jahre lang jeden Tag erlebt habe. Daher heißt es nun: "Vorhang auf für fünf Akte voller Missgunst, unüberwindlicher Barrieren, Unverständnis und Drama, Drama, Drama!"

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Akt 1: Am Anfang war das Feuer

Im allerbesten Fall haben Übersetzer und QA-Tester noch vor Beginn der eigentlichen Arbeiten die Gelegenheit, das jeweilige Spiel in seiner Originalform ausgiebig zu spielen. Vor allem im Testing wird kaum jemand den japanischen Text verstehen (sofern das Spiel aus dem Japanischen übersetzt werden soll), jedoch erhalten die Tester einen guten Eindruck davon, welche Möglichkeiten das Spiel bietet, worauf sie achten müssen und wie sie am zielstrebigsten vorgehen. Darauf basierend wird ein Plan ausgearbeitet, das Spiel in Projekt-Segmente aufgeteilt.

Secret of Mana, hier in der Version für iPhone: Das Original für SNES enthält eine der ersten umfangreichen Lokalisierungen im deutschen Raum. An der Qualität der Übersetzung scheiden sich bis heute die Geister.Secret of Mana, hier in der Version für iPhone: Das Original für SNES enthält eine der ersten umfangreichen Lokalisierungen im deutschen Raum. An der Qualität der Übersetzung scheiden sich bis heute die Geister.

Für die Übersetzer ist diese Vorbereitungsphase noch viel wichtiger. Denn gerade in aktuellen Spielen ist die Situation, in der ein Text gesprochen oder angezeigt wird, von ausschlaggebender Wichtigkeit. Wenn man den Charakter nicht sieht, nicht weiß, in welcher Situation er sich befindet, wie die Stimmung der Szene ist, kann schnell eine missverständliche Übersetzung entstehen. Gute Publisher und Entwickler legen jedoch großen Wert darauf, dass gerade diese Aspekte astrein in die jeweilige Zielsprache übertragen werden.

Es werden tonnenweise Notizen gemacht, es folgen Diskussionen über die Namensgebung, Absprachen mit den Rechtsabteilungen, um keine Copyrights zu verletzen. Noch bevor die Übersetzung losgeht, arbeitet die Lokalisierungs-Abteilung bereits auf Hochtouren, um den bestmöglichen Weg durch das Projekt zu finden.

Ist dies alles jedoch nicht möglich und Übersetzer und Tester werden einfach in ein ihnen unbekanntes Territorium gestoßen, entstehen zahlreiche Fehler. Der Text wirkt hölzern und unnatürlich, die Charaktere verlieren an Substanz, die Geschichte an Glaubhaftigkeit. All dies gilt es zu verhindern. Schließlich ist es Ziel des Entwicklers, das Spiel in seiner angedachten Pracht der ganzen Welt zu präsentieren.

Akt 2: Stolz und Vorurteil

Oft sitzt nicht bloß ein Übersetzer an einem Text, sondern bei besonders großen Produktionen bis zu zehn Leute. Pro Sprache! Die müssen sich untereinander natürlich koordinieren, um einen reibungslosen und sinnvollen Ablauf zu gestalten. In so großen Teams gibt es natürlich immer eine soziale Komponente, die erschreckend oft für große Probleme in einer Lokalisierung sorgt.

Liebe Kollegen in der Übersetzung: Verzeiht mir diese Anprangerung, aber die folgende Aussage basiert auf zwölf Jahren Erfahrung und den Austausch mit vielen Leuten, die in diesem Bereich gearbeitet haben: Übersetzer sind unglaublich arrogant.

So oder so ähnlich könnte das Motto von so manchem Übersetzer lauten.So oder so ähnlich könnte das Motto von so manchem Übersetzer lauten.

Gut, ich nehme das ein wenig zurück: Bei weitem nicht jeder Übersetzer ist unglaublich arrogant. Es reicht jedoch, einen oder zwei von dieser Sorte im Team zu haben. Gerade frische Studienabgänger gehen mit einer Attitüde auf die Arbeit zu, die sich echt gewaschen hat. Allein der Umstand, dass sie zwei oder mehr Fremdsprachen beherrschen, macht sie in ihren eigenen Augen zu etwas ganz Besonderem. Das führt zu mehreren Problemen:

Das übrige Team an größtenteils erfahrenen Übersetzern fragt sich, was sie sich da an Bord geholt haben. Beispiel aus der Praxis: Eine italienische Übersetzerin stellt sich vor die Truppe und verkündet: "Ich muss nicht spielen können, ich habe ein Diplom." Das ist kein Einzelfall. Es entstehen Spannungen, die sich negativ auf die Arbeit auswirken. Oft stellt sich heraus, dass die fehlende Berufserfahrung der "Neulinge" zu allerlei Fehlern führt. Das trennt dann meist die Spreu vom Weizen. Wer in der Lage ist zu reflektieren, findet einen neuen Ansatz und fügt sich ins Team ein. Die, die das nicht tun, sind beleidigt, fühlen sich zurückgesetzt und glauben nach wie vor, alles besser zu können.

Letztere Gruppe ist ab diesem Punkt zwar äußerst gering, sorgt aber für weitere Missstimmung, nämlich bei den Testern. Die QA-Tester vollführen eine der wichtigsten Aufgaben in der Lokalisierung, werden aber mies bezahlt, haben grauenvolle Arbeitszeiten (oft kommt es zu Schichtbetrieben) und werden gerne mal als "mindere Arbeitskräfte" gesehen. Wenn dann ein Übersetzungs-Überflieger mit dieser Gruppe zusammenarbeitet, entsteht sehr schnell böses Blut.

Ergebnis: Die Arbeit leidet darunter, die Übersetzung geht nicht voran. Ratschläge und Verbesserungsvorschläge werden aus Stolz und Sturheit nicht angenommen, die Textqualität leidet. Das Verhältnis zu den Kollegen auch. Und im Hintergrund rückt der Abgabetermin näher.

Weiter mit: Akt 3 bis 5 - Das Drama spitzt sich zu

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