Test Last Day of June: Schicksalstag, Schicksalsschlag

von Emily Schuhmann (05. September 2017)

Kein Kampfsystem, kein Wort, keine Chance auf Rettung? Um einen tragischen Unfall zu verhindern versucht ihr in Last Day of June die Vergangenheit in neue Bahnen zu lenken.

Böse Zungen behaupten noch immer, Videospiele seien Zeitverschwendung oder eh nur sinnloses Geballer. Wer diese Meinung vertritt, sollte ernsthaft einen Blick auf die Indie-Szene werfen, denn dort verstecken sich Schmuckstücke wie Last Day of June von Ovosonico.

Die interaktive Geschichte über Liebe und Verlust erschien am 31. August für PC und PlayStation 4 und kostet rund 20 Euro. Wer sich bis zum 14. September für die Steam-Variante entscheidet, spart zehn Prozent und bekommt Brothers - A Tale of Two Sons noch kostenlos dazu. Zwei emotionale Kunstwerke zum Preis von einem.

Last Day of June ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Einer der Schöpfer, Jess Cope, war beispielsweise an Tim Burtons Film "Frankenweenie" beteiligt und dessen makabere Note klingt auch in diesem Spiel eindeutig mit. Die Charaktere sehen aus wie geschnitzte Holzpuppen und haben weder Augen noch Mund.

Im Gegensatz dazu erinnert die malerische Welt mit ihren herbstlichen Farben schon fast an die impressionistischen Landschaftsbilder von Claude Monet. Diese weiche Darstellung der Umgebung ist manchmal leider ziemlich anstrengend für die Augen.

Immer wieder von vorn

Die Handlung ist inspiriert vom Lied "Drive Home" von Steven Wilson, der auch an der Entwicklung des Spiels mitgewirkt und den stimmungsvollen Soundtrack beigesteuert hat. Last Day of June erzählt die Geschichte von Carl und seiner Frau.

Nach einem romantischen Abend am See überreicht sie ihm ein Päckchen, doch ein aufziehender Sturm verhindert, dass weder Carl noch ihr erfahrt, was sich darin befindet. Die dunklen Wolken sind Vorbote eines tragischen Ereignisses, das das Glück der Liebenden mit einem Schlag beenden soll.

Ähnlich wie im Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" durchlebt ihr dieselben schicksalshaften Stunden wieder und wieder. Beim ersten Mal schlüpft ihr in die Rolle von Carl und erlebt den Tag so, wie er tatsächlich passiert ist. So lernt ihr auch die übrigen Bewohner der winzigen Nachbarschaft kennen.

Ein einsamer Junge, ein reicher Jäger mit bulligem Jagdhund, ein alter Mann und eine unglücklich verliebte Frau. Der Tag nimmt seinen Lauf, Carl muss erneut durchleben, wie seine große Liebe stirbt und ... wacht auf.

Viel Emotion, wenig Spiel

Tatsächlich ist seit dem Unfall einige Zeit vergangen und Carl ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Im dunklen Haus passieren plötzlich merkwürdige Dinge. Die Gemälde seiner Frau, die die übrigen Charaktere zeigen, entwickeln auf einmal ein Eigenleben. Interagiert ihr mit ihnen, seid ihr in der Lage in die Rolle der abgebildeten Figur zu schlüpfen und den verhängnisvollen Tag aus einer anderen Perspektive zu erleben und zu beeinflussen.

Komplizierte Spielmechaniken dürft ihr dabei aber nicht erwarten. Abgesehen von der Bewegung besteht jede Interaktion im Spiel aus einem einzelnen Tastendruck, und um die Rätsel zu lösen, müsst ihr auch kein Meisterdetektiv sein.

Die Stunden nach diesem Moment durchlebt ihr immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Stunden nach diesem Moment durchlebt ihr immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven.

Verändert ihr die Geschehnisse, sieht es zunächst so aus als hättet ihr das Unglück tatsächlich abgewendet. Kurz darauf stellt sich jedoch heraus, dass dann etwas anderes zum selben Ergebnis geführt hätte. Immer wieder nimmt das grausame Schicksal seinen Lauf, Carl erwacht aus dem Albtraum und versucht erneut die Vergangenheit zu ändern.

Wie die Geschichte am Ende ausgeht, müsst ihr allerdings selbst herausfinden, das verraten wir euch nicht. Lasst euch von den teilweise repetitiven Szenen nicht abschrecken. Vor allem das Finale ist es wert dran zu bleiben und auch der Weg dorthin ist gespickt mit berührenden Momenten.

Meinung von Emily Schuhmann

Es ist nicht zu übersehen, dass die Entwickler hier mit Herzblut bei der Sache waren. Die stimmige Kombination von Grafik und schöner Musik in Verbindung mit einer idiotensicheren Steuerung und einer gefühlvollen Geschichte sollte sogar meine Mutter ansprechen, die mit Videospielen eigentlich nicht viel am Hut hat.

Aus diesem Grund stehe ich diesem "Spiel" allerdings auch ein wenig zwiegespalten gegenüber. Es ist eine wunderschöne, interaktive Geschichte, aber in meinen Augen kein richtiges Spiel. Dafür fehlen einfach die Mechaniken. Die Rätsel und das Verknüpfen der Handlungsstränge ist nett, aber die emotionale Handlung steht zu jedem Zeitpunkt eindeutig im Vordergrund.

Jeder der schon einmal einen großen Verlust erlitten hat, weiß wie Carl sich fühlt. Last Day of June ist meiner Meinung nach im Kern ein trauriges Spiel und gerade deshalb finde ich es gelungen. Es beschönigt Trauer nicht, sondern zeigt den damit verbundenen Kampf, wenn auch mit warmen Farben und weichen Pinselstrichen.

75

meint: Schöne, gefühlvolle Geschichte mit stark reduzierten Spielmechaniken

Jetzt eigene Meinung abgeben

Tags: Indie  

Sind Games von heute in einigen Jahren unspielbar?

Patches, Updates, Downloads: Sind Games von heute in einigen Jahren unspielbar?

Wer sich heute ein Spiel kauft, kann davon ausgehen, dass es dazu einen "Day One"-Patch gibt oder er gar nur den Zugang (...) mehr

Weitere Artikel

Letzte Inhalte zum Spiel

Plattform nicht mehr in China verfügbar

Twitch: Plattform nicht mehr in China verfügbar

Ende August und Anfang September 2018 hat die Streaming-Plattform Twitch in China enorm an Beliebtheit zugelegt. Grund (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Last Day of June (Übersicht)
* gesponsorter Link