Der Zweite Weltkrieg: Grausames Sterben wird jetzt niedlich?!

(Kolumne)

von Matthias Kreienbrink (06. September 2017)

Eigentlich könnte es doch so gut funktionieren: Geschichte könnte in Videospielen auf neuartige Weise dargestellt werden. Fundiert, gut recherchiert und ohne jeden Pathos, ohne jede Verklärung könnten die Spieler sich im wahrsten Sinne des Wortes die Geschichte er-spielen. Doch das kann auch ordentlich nach hinten losgehen.

Kunst darf bekanntlich viel. Das ist ein Allgemeinplatz, ist aber trotzdem wahr. Auch einem komplexen und unsagbaren Thema wie dem Zweiten Weltkrieg und dem sogenannten Dritten Reich kann sich die Kunst nähern. Dabei geht es nicht darum, durch Kunst ein grausames Thema zu verschleiern. Vielmehr kann es nur darum gehen, neue Zugänge zu finden. Andere Ebenen, andere Metaphern, andere Bilder für das Grauen, das kaum auszusprechen ist. Das haben andere Medien getan, sowohl in Literatur, Film als auch in Musik und Darstellender Kunst wurden Wege gefunden - und werden noch immer gefunden.

Videospiele scheinen sich da etwas schwerer zu tun. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie etwa Valiant Hearts, das sich dem Ersten Weltkrieg mit dem gebotenen Ernst und einer möglichst scharfen Analyse nähert. Battlefield 1 hat das in Ansätzen auch versucht. Jedoch ist es dem Genre geschuldet, dass in Mehrspieler-Kämpfen nur sehr schwer der Erste Weltkrieg adäquat abgebildet werden kann. Daher geht es in diesem Spiel vor allem darum, eine möglichst authentische Kulisse zu schaffen, in der die Spieler sich bewegen können.

Auch Call of Duty - WW2 scheint sich in diese Richtung zu entwickeln. Ja, das Grauen des Krieges wird dank moderner Grafik und detaillierter Klangkulisse irgendwie "realistischer" dargestellt. Aber ob eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema schlussendlich im Spiel zu finden sein wird, bleibt abzuwarten. Aktuelle undifferenzierte Äußerungen, dass man in WW2 zwar Deutsche, aber keine Nazis spielt, deuten eher auf das Gegenteil hin.

Doch es geht auch noch eine gute Schippe absurder. So berichtete das englischsprachige Magazin Kotaku kürzlich über das Spiel Bomber Crew und betitelte es als "niedliche WW2-Bomber-Sim".

Kommen wir zurück zum Anfang: Kunst darf sehr vieles. Kunst ist aber nur dann effektiv, wenn sie eine neue Bedeutungsebene in einen vermeintlich schon abgegrasten Diskurs einfügt. Wenn sie Facetten zeigt, die beim Verstehen helfen. Nun, welche neue Facette bietet uns ein Spiel, das einen niedlichen Zweiten Weltkrieg zeigt?

An Bomber Crew zeigt sich ein wenig die Problematik vieler Videospiele. Sie sind zu undifferenziert. Zu oft steht die Spielmechanik im Mittelpunkt des Spiels. Über diese werden dann beliebig Szenarien gestülpt. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, fiktiver Weltraum-Krieg. Das Ding ist aber: Diese Themen sind nicht beliebig! Sie sind diffizil, können nicht einfach gegeneinander ausgetauscht werden. Und auch wenn Kunst viel darf. Und auch wenn Videospiele Kunst sind. Lasst uns bitte grausame Kriege - besonders DEN grausamsten Krieg - nicht niedlich machen.

Tags: Politik  

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