Farm der Tiere: George Orwells Buch bekommt sein eigenes Videospiel - und das ist gut!

(Kolumne)

von Daniel Kirschey (11. September 2017)

Inzwischen gibt es - zum Glück - eine Entwicklung in der Spieleindustrie, die hoffen lässt. Immer öfter erscheinen Spiele, die mehr wollen, als nur Spaß machen. Sie wollen kein reines Unterhaltungsmedium darstellen, sondern beispielsweise Perspektiven aufzeigen, Aussagen treffen, Emotionen vermitteln, ja, einen Anspruch haben.

In der Literatur finden sich etwa im "Science Fiction"-Genre neben der Verschreibselung von Star Wars in gefühlt zigtausend Romanen auch Stanislaw Lem, Isaac Asimov, George Orwell und die Strugatzki-Brüder. Filme beweisen es: zwar nimmt eine Produktionsfirma mit Der Kaufhaus Cop 2 wohl mehr Geld ein als ein Team mit Waltz of Bashir oder Ex Machina, doch trotzdem existieren solche Filme.

Mit Spielen wie Neverending Nightmares, Hellblade, That Dragon, Cancer, Spec Ops - The Line und This War of Mine und auch einer großen Produktion wie Mafia 3 mit ihren Rassismus-Darstellungen gibt es genügend Beweise, dass es nicht nur einen Markt für anspruchsvollere Spiele gibt, sondern auch genügend Interessierte. Natürlich muss es auch Spiele geben, die den Spielern helfen, einfach nur abzuschalten und wie in Doom nicht mehr als Ballerei und Unterhaltung bieten - doch das sollte nicht alles sein. Denn: Auf Anhieb würden mir mehr Filme und Bücher einfallen - ja, sogar mehr Musikalben und Künstler - die nicht nur unterhalten wollen, als das bei Spielen der Fall ist.

Nun wurde ein Spiel angekündigt, dass auch in der obigen Liste genannt werden kann. Ein kleines Team von bekannten Entwicklern (The Witcher 3, Mafia 3, Fable und so weiter) will das Buch Farm der Tiere von George Orwell in ein Spiel umsetzen. Der Clou dabei: Das Spiel soll sich aus einem Adventure (Handlungselement) und einer Aufbausimulation (ähnlich zu den Tycoon-Spielen) zusammensetzen.

So sollt ihr zum einen die Perspektive der beherrschten Klasse und zum anderen die der herrschenden Klasse einnehmen. Deshalb soll dann auch jede Entscheidung, die ihr als Autorität trefft, direkt spürbar sein. Zumindest wünschen sich das die Entwickler und erzählen von diesen Ideen auf der Homepage zum Spiel Animal Farm. An dem Projekt ist übrigens auch das "Estate of George Orwell" (eine Art Nachlassverwaltung des 1950 verstorbenen Autors) beteiligt, denn das Team der Entwickler will das Spiel so getreu wie möglich umsetzen.

Warum so ein Spiel gerade jetzt so wichtig ist? In Orwells Bemühungen gegen den Totalitarimus einzustehen, scheinen seine Bücher heutzutage weniger Science Fiction oder Dystopie als eine Beschreibung unseres Weges in den totalen Staat. Vielleicht noch nicht in Deutschland, auch wenn hier an der Haltestelle Südkreuz in Berlin auf Veranlassen von Innenminister Thomas de Maizière Kameraüberwachung mit Gesichtserkennung getestet wird, ein Volksbegehren für mehr Videoüberwachung ebenfalls in Berlin entstanden ist, Foren im Internet verboten werden und Journalisten ohne Angabe von Gründen auf dem G20-Gipfel die Akkreditierung entzogen bekommen.

Viel Schlimmeres passiert momentan in Ländern wie der Türkei, Polen und Ungarn, wo sich Autokratien bilden, die auch die Geschichtsschreibung revisionistisch in bester orwelscher 1984-Manier umschreiben. Dann droht momentan noch Nord-Korea mit seinen Atomwaffen. Da ist ein Videospiel, das die Fabel der Farmtiere, George Orwell und seine Romane als Inspirationsquelle nutzt, umso wichtiger.

Viel mehr Entwickler sollten ihre Videospiele nicht mehr nur als Unterhaltungsmedium verstehen, sondern als eine Kunstform, die auch kritische Fragen stellen, aufklären und bilden kann. Nicht wie langweilige Lernprogramme oder Serious Games mit schnöden Spielmechaniken. Sondern als Videospiele, die mit aller Wucht des Mediums, die diesem zur Verfügung steht, sich aus der reinen Unterhaltung emanzipieren und neben dieser mehr bietet, Gedankenanstöße bereithält und Probleme ansprechen.

Tags: Politik  

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