Zocken und älter werden: Seid wie Jackie Chan

(Kolumne)

von Micky Auer (13. September 2017)

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Je älter man wird, desto mehr muss man sich damit abfinden und auseinandersetzen, dass gewisse körperliche Funktionen nicht mehr so knackscharf ablaufen wie noch in den Jahren der Jugend.

Das Augenlicht lässt nach, die Reaktionen sind nicht mehr so schnell, das Koordinationsvermögen weist Mängel auf. Hinzu kommt ein fortschreitender Verlust der Beweglichkeit. Nein, ihr werdet im hohen Alter kaum noch in der Lage sein, einen Preis im Bodenturnen zu gewinnen.

Heißt das, ihr müsst euch als passionierte Zocker damit abfinden, im Alter wieder auf Text-Adventures zurückzugreifen und den Ansichts-Zoom auf 240 Prozent stellen? Was ist mit all den schönen Spielen, die ein gewisses Reaktionsvermögen voraussetzen? Sind die in der Zukunft für euch unerreichbar?

Die Antwort darauf kann nicht eindeutig Ja oder Nein lauten. Zunächst einmal hängt es natürlich von der jeweiligen körperlichen Verfassung des Spielers und seiner gesundheitlichen Entwicklung ab. Manch einer bleibt bis ins hohe Alter geistig und körperlich fit - das wünschen wir euch allen! Andere wiederum trifft die Last der Jahre schon in den 40ern.

Gewöhnt euch schon mal dran: Niemand bleibt ewig jung.Gewöhnt euch schon mal dran: Niemand bleibt ewig jung.

Vergesst aber eines nicht: Ihr seid nicht der Durchschnitt. Ihr habt vermutlich Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte damit verbracht, eure Reaktionen zu verfeinern, eure Kombinationsgabe zu schärfen, euer taktisches Gefühl zu stärken und all diese Tugenden zu kombinieren. Ich alter Knacker habe bereits im Vorfeld darüber referiert, wie es ist, von der Gesellschaft als Spieler über 40 wahrgenommen zu werden. Doch ganz egal wie ich mich sehe und positioniere, die Natur wird letzten Endes stärker sein als ich und mir ein Schnippchen schlagen.

Ich ihr aber auch. Ich nenne das den "Jacky Chan"-Effekt.

Was kann denn der Herr Chan dafür?

Jacky Chan, seines Zeichens Schauspieler, Stuntman und vielfach versierter "Martial Arts"-Experte feierte am 7. April seinen 63. Geburtstag. Jung ist er nach gängigen Maßstäben also nicht mehr. Dennoch wird er vermutlich dazu in der Lage sein, die meisten von euch und uns ohne großes Tam-Tam auf die Matte zu legen. Warum? Weil er sein Leben lang Kampfsport trainiert hat. Das Können ist in seine Reflexe übergegangen, die Kraft in seine Muskeln. Beides unterliegt dem Altersprozess und kann im Laufe der Zeit schwinden. Mit seinen Erfahrungen sieht das aber anders aus.

Ja, ihr seht richtig: Jackie Chan hat sein eigenes Videospiel namens Jackie Chan's Action Kung Fu. Es geht um Jackie Chan, Action und ... Kung Fu.Ja, ihr seht richtig: Jackie Chan hat sein eigenes Videospiel namens Jackie Chan's Action Kung Fu. Es geht um Jackie Chan, Action und ... Kung Fu.

Vorausgesetzt, Herr Chan ist auch geistig bei bester Gesundheit (und er macht den Eindruck als sei er das), vefügt er über einen großen Erfahrungsschatz, den er theoretisch in einer körperlichen Auseinandersetzung zu seinem Vorteil nutzen könnte. Wenn ihr ein Leben Lang geübt habt, einen Controller respektive Maus und Tastatur zu nutzen, könnt ihr das im Schlaf. Eure Augen sind darauf geeicht, jede Ecke des Monitors zu überwachen und blitzschnell Signale über das Gehirn an eure Muskeln zu senden, um entsprechende Knöpfe und Tasten zu betätigen.

...

Nein, das klingt zu trocken. Lasst es mich wie folgt beschreiben:

"Ihr seid der letzte Überlebende eurer Einheit. Schon bei der Landung auf Xanthra war euch klar, dass nur die wenigsten von euch wieder zur Erde zurückkehren würden. Tja, die wenigsten ... Nur noch einer ist übrig. Ein einziger, der in die Höhlen tief unter den Mantisbergen vordringt, um dort eine Probe des seltenen Minerals zu entnehmen, das dem Großraumschiff im Orbit eine weitere Reise durch den Rotraum ermöglichen wird. Die Leben von 20.000 Kolonisten hängen von eurem Erfolg ab.

Was war das? Nur ein Zucken im Augenwinkel. Der Griff um eure Plasma-Waffe verstärkt sich. Ihr haltet den Atem an. Da, schon wieder! Ihr habt euch nicht getäuscht. Adrenalin pumpt durch euren Körper, eure Sinne sind geschärft wie noch nie zuvor. Ihr habt nicht all die Gefahren bis hierher gemeistert, um jetzt aufzugeben. Es fliegt auf euch zu! Was immer es war, die heiße Plasma-Ladung hat es in eine grüne Pfütze verwandelt, die gegen die kalten Wände der Höhle klatscht. Ihr aktiviert die Nachtsicht und schreitet in geduckter Haltung weiter voran ..."

Besser? Vermutlich. Wollt ihr das aufgeben? Müsst ihr nicht. Ihr seid wahrscheinlich im Bereich Videospiele das, was Jackie Chan in Martial Arts ist: Experten, deren Reflexe und Sinne perfekt zusammenarbeiten, um all die Gefahren der digitalen Welt zu meistern. Ja, diese Fähigkeiten werden irgendwann mal schwächer, jedoch kann eure Erfahrung einen großen Teil des Verlustes wieder ausgleichen. Ihr glaubt das nicht? Hier ein Beispiel!

Ha-Ha! Nimm das, junger Padawan!

Ich (46) unterhalte mich mit dem Sohn (22) einer befreundeten Familie über Spiele. Er wird frech und will sich mir gegenüber produzieren. Was ich normalerweise mit einem Lächeln von mir streife, fordert er mit den Worten: "... oder bist du schon zu alt dafür?", garniert mit einem frechen Grinsen wieder ein. Was er will: Mich in Street Fighter 5 vernichten.

*"Das war ein Fehler, junger Mann!" - Fordert nicht jemanden in Street Fighter heraus, der die Reihe schon länger spielt als ihr am Leben seid. Oder ... doch, bitte tut es!

Bleiben wir ehrlich: Den meisten Menschen in seinem Alter würde das vermutlich gelingen, WENN sie ein wenig mehr Übung hätten. In diesem Fall stehen 25 Jahre Erfahrung mit Street Fighter jemandem gegenüber, der zwar recht flink auf Knöpfe drücken kann, aber nicht bis ins Detail analysiert hat, wie das Spiel funktioniert. Genau so gestaltet sich auch der folgende Kampf.

Deckung unten offen: Zwei kurze Schläge, dann von den Beinen gerissen. Angetäuschter Spezialangriff, stattdessen Abbruch und Kombo. Du kommst von oben? Ich weiß genau, was du vorhast. Abgefangen, Konter, Punish. Ich nehm dich komplett auseinander, Junge! Blutrausch! Perfect!

Schnell kommen Vorwürfe, die ich schon seit über 20 Jahren höre: "Uäh, uäh, du spielst ja nur mit dem einen Charakter." Lässt sich ändern. Ich gewinne weiterhin. "Uäh, uäh, das ist voll cheesy!" Selber Schuld, wenn du nur turtlest. "Uäh, uäh, du lässt mich gar nicht zum Zug kommen!" Das ist auch der Sinn des Spieles, du Jammerlappen! Ha! Ich gewinne! Ich siege! Ich dominiere!

Schon mal online gegen einen Turnierspieler angetreten? Kein Spaß für den durchschnittlichen Zocker. In meinem Fall reicht aber schon jemand, der einfach nur flinker ist als ich.

(Quelle: Youtube, KC SRK)

Beflügelt von diesem Beweis meiner erfahrungsgestärkten Männlichkeit bin ich dann später am Abend zu Hause, schmeiß die Konsole an und will meine Siegesstrecke auch online wiederholen. Das Ergebnis: Ich werde so dermaßen gekonnt zerlegt, vernichtet und ausgelöscht, dass von meinen Charakteren nur noch eine verpixelte Träne in den Dachbalken meines Geistes übrig bleibt.

Hätte ich vor 20 Jahren mehr Chancen gegen Spieler von einem ähnlichen Kaliber gehabt? Ja, definitiv. Verloren hätte ich vermutlich dennoch, jedoch sicher nicht so häufig und so jämmerlich. Erfahrung gleicht vieles aus, ja. Aber im Endeffekt muss ich mich auf einem Schlachtfeld unterordnen, das nun mal von blitzschnellen Reaktionen und Reflexen dominiert wird.

Weiter mit: Ihr seid so fit wie ihr es wollt

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